Cervantes: Don Quijote

  • Kapitel 47: Sancho bewährt sich als Statthalter und fällt geradezu salomonische Urteile. Es würde mich nicht wundern, wenn er das Amt behalten darf (vorausgesetzt, er bekommt was zu essen).

    "Insul" hielt ich die ganze Zeit für einen Aussprachefehler; erst jetzt ist mir klar geworden, dass das Wort so in "Insulaner" fortbesteht, und das sagen wir ja heute noch, nicht Inselaner.

  • Mit Ende des Kapitels 29 verlasse ich samt DQ, SP, Cardenio, Dorothea, dem Pfarrer und dem Barbier wohl die Sierra Morena für längere Zeit. Endlich nun darf DQ ein beauftragtes Abenteuer, auch wenn es nur ein Fake ist, ausüben, um das Land der Prinzessin Micomicona von einem Riesen zu befreien. Das erinnert mich schon sehr auch an "Gargantua und Pantagruel" des Rabelais, wo solche Namen auch gerne vorkommen. Bisher ist das Ganze noch recht kurzweilig, jedoch befürchte ich, dass die zähen Passagen, von denen du , Zefira , oben sprichst, noch kommen.

    Übrigens, da es bisher nicht angesprochen wurde: Anton M.Rothbauer, der Übersetzer meiner Ausgabe (und auch der von @Volkers?), übersetzt als Beinamen DQs nicht "von der traurigen Gestalt", sondern "mit dem kläglichen Gesicht", das DQ nämlich bekommen hat, nachdem er gegen die Schaf- und Hammelherden gekämpft hatte und als Rache für seine Tötung der tierischen "Ritter" von deren Hirten verprügelt wurde und dabei mehrere Zähne einbüßte, was sein schon von vorneherein nicht schönes Gesicht weiter demolierte (I, 18). Mir erscheint das in Zusammenhang mit der Erwähnung in Kapitel 19, als ihm SP diesen Ehrennamen erteilt, als sehr schlüssig. Aber natürlich bleibt er in der Geschichte der deutschen Rezeption immer der "Ritter von der traurigen Gestalt".

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Im zweiten Buch bekommt D.Q. nachts in seinem Schlafzimmer Katzenbesuch (das haben seine Gastgeber eingefädelt, aber ich will nicht allzu viel vorgreifen).

    Nach dem Katzenbesuch sieht er noch kläglicher aus. Er muss sogar seinen Schnurrbart festkleben, damit er nicht abfällt.

  • Leider bin ich eine Weile ausgefallen, weil meine Frau eine heikle OP hatte. Gut gelaufen. Den DQ habe ich "aus". Werde vielleicht morgen dazu kommen, ein wenig dazu zu schreiben. Bin inzwischen ein Bewunderer dieses grossen Werks und folge insoweit mit riesiger Verspaetung meinem Vater nach, meine Mutter nannte es das albernste Buch unter Gottes Sonne, aber wie schrieb Sandhofer zutreffend: Albernheit und Wunderbarkeit schliessen sich nicht aus.Thomas Mann fand das Sterbekapitel etwas schwach. ICH haette das nicht gemerkt. Wenn man es natuerlich mit dem Tod Thomas Buddenbrooks vergleicht, kann man so denken.....

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Wenn ich hier jetzt etwas reinschreibe, geht das natuerlich chronologisch schrecklich durcheinander. Aber nachdem das ja alles sowieso nicht nach der Reihe geht, mache ich es trotzdem. Ich bin jetzt im 54. Kapitel des zweiten Buches, in dem Sancho Pansa einen der damals aus Spanien ausgewiesenen "Mauren", seinen ehemaligen Nachbarn, trifft.



    Durcheinander ja, aber nicht schrecklich. Denn das „Mauren- und Morisken- Thema aus II, 54, das du ansprichst, schwelt ja schon im ersten Band untergründig vor sich hin. So stöbert Cervantes bzw. der Erzähler in I,9 die „Historie des Don Quijote...“ in Toledo in Form von Altpapier auf und kann nun die für ein Kapitel mit erhobenen Waffen erstarrten D.Q und den Basken ( wir erinnern uns an den Cliffhanger! ) weiterkämpfen lassen. Geschrieben ist die Historie von dem arabischen Histiographen Cide Hamete Benengeli, und von einem namenlosen Morisken lässt der Erzähler sie um den Lohn von acht Metzen Rosinen und zwei Scheffeln Weizen ins Spanische übersetzen . Es ist schon Ironie, wenn nicht Cervantes' so doch der Literaturgeschichte, dass das „spanische Nationalepos“ just einem arabischen Histiographen und seinem Übersetzer, einem Morisken, in den Mund gelegt wird! Natürlich sorgt Cervantes auch hier für ein apologetisches Gegengewicht, indem er pauschal die Angehörigen dieses Volkes “allbekannte Lügner“ nennt, benutzt das aber quasi augenzwinkernd als entschuldigende Begründung dafür, dass sein Held D.Q. zu schlecht wegkomme.

    Während der Jahre und Jahrzehnte, in denen Cervantes an seinem D.Q schrieb, wurden die Morisken, die zum Christentum (zwangs-) konvertierten vor allem auch in der Mancha zumeist als Bauern angesiedelten Nachfahren der in der Reconquista zurückgedrängten Mauren, endgültig aus Spanien vertrieben, grausam und mit schlimmen wirtschaftlichen Folgen für Spanien!

    Einer der großen Vorzüge des Romans ist seine Zeitbezogenheit.

    Es hat mich gefreut bei dir zu lesen, dass das Thema der Moriskenvertreibung anhand eines Einzelschicksals wieder aufgegriffen wird; das u.a. hat mir Lust auf den zweiten Band gemacht, mit dem ich heute beginne.

  • Unmittelbar im Anschluss an die Lektuere des Don Quijote habe ich - weil mich die Unterhaltung von Newman und Karamzin fasziniert - Munin oder Chaos im Kopf von Monika Maron gelesen. Mir ist dabei (wieder mal) klar geworden, wie "leicht beieinander ...die Gedanken" in meinem Kopf liegen: Hier bei Cervantes und dem "Kommentar" von Thomas Mann in der Meerfahrt, bin ich klar auf Seiten der vertriebenen Morisken (und der Juden im Dritten Reich), dort finde ich eine Bestaetigung fuer meine seit einiger Zeit stetig steigende Skepsis gegenueber der grossen Zahl von Fremden hier aus fremden Kulturkreisen, die ich, als die Zahlen noch ueberschaubar waren, ueberwiegend - wenn auch nicht nur - als Bereicherung gesehen habe.

    Zurueck zu DQ und der Literatur: Nein, Finsbury, ich habe nicht die gleiche Ausgabe wie Du, sondern die Uebersetzung von Ludwig Braunfels (etwa um 1900?). Das Nachwort ist von Fritz Martini, der, trotz seiner Verstrickung ins Dritte Reich, einen grossen Ruf als Literaturkritiker hatte. Ich hatte mal geschrieben, dass sich sein Text im Kern aus der Meerfahrt von Thomsa Mann speist. Das ist vielleicht nicht ganz falsch, aber er hat doch auch eigene Gedanken beigesteuert und feiert die Leistung Cervantes` hymnisch: "So gehoert das Werk des Cervantes im doppelten Sinne zur Weltliteratur: durch die symbolische, humane Ausstrahlungskraft seines Helden und dessen Begleiters Sancho Pansa einerseits, durch die Entwicklung und Dokumentation dessen, was ueberhaupt der Roman als Grossform des Erzaehlens in der Prosa aesthetisch zu leisten vermag, andererseits. Er bedeutet die Stimme Spaniens in dem Gespraech, das die grossen Dichter miteinander fuehren...."

    Nochmal zu Thomas Manns Text in der Meerfahrt zum Tod DQs, weil ich die Aeusserungen des "Mannes vom Fach" in diesem Punkt besonders interessant finde:

    "ich bin geneigt, den Schluss des Don Quijote eher matt zu finden. Der Tod wirkt hier vor allem als Sicherstellung der Figur vor weiterer literarischer Ausschlachtung und bekommt dadurch selbst etwas Literarisches und Gemachtes, das nicht ergreift. Es ist aber etwas anderes, ob eine geliebte Gestalt dem Autor stirbt, oder ob er sie sterben laesst, ihren Tod verfuegt und affichiert, damit kein anderer sie mehr wandeln lasse. Das ist ein Literatur-Tod aus Eifersucht - aber (so faehrt Th. M. fort und da zeigt sich dann wieder sein Respekt!) diese Eifersucht freilich bezeugt auch wieder die innige und stolz abwehrende Verbundenheit des Dichters mit seinem ewig merkwuerdigen Geistesgeschoepf...."

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Leider musste und muss ich längere Zeit aussetzen, hoffe, in etwa drei Wochen weiterlesen zu können. Dir, Volker herzlichen Glückwunsch, dass du ein zweites Mal in so kurzer Zeit durchgekommen bist. Es ist ein schönes Buch, aber es fordert Ruhe und innerliche Gelassenheit, zumindest bei mir.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Ja, dieses Bild ist sehr fein. Ich hatte letztes Jahr Gelegenheit, Dalís Zeichnungen zum Don Quijote anzusehen (in einer Ausstellung hier in Fulda), aber die von Picasso gefällt mir bei weitem besser.

    Ohne Ende ärgern werde ich mich darüber, dass ich es versäumt habe, ein Plakat zum Thema D.Q. zu fotografieren, das ich - ebenfalls letztes Jahr - in Spanien gesehen habe. Ich weiß nicht mal mehr genau, wo das war, vermutlich in Barcelona, und es hing im Schaufenster einer großen Bank. Soweit ich mich erinnere, ging es dabei nicht um ein bevorstehendes kulturelles Ereignis, also keine Werbung für eine Opern- oder Theateraufführung, Ausstellung, Konzert oder was auch immer. Es wurde einfach für eine Dienstleistung der Bank geworben, und zu sehen war Don Quijote mit den Windmühlen im Hintergrund. Ich war beeindruckt, wie stark diese Figur noch heute im Bewusstsein der Spanier als Archetyop verwurzelt ist.

    War wieder drei Tage mit dem Wohnmobil unterwegs und habe mit Lesen ausgesetzt, aber es ist nicht mehr viel übrig, ich stehe vor Kapitel 52.

  • Die Selbstbezüglichkeit in Kap. 59 ist interessant. Da heißt es, Don Quijote wollte eigentlich nach Zaragoza, aber weil in den Don-Quijote-Buch, über das er sich geärgert hat, steht, er ginge nach Zaragoza, geht er nun extra nicht nach Zaragoza, um das Buch Lügen zu strafen.


    Das erinnert mich an eine "Herr der Ringe"-Parodie, in der (sinngemäß) der Satz stand: "Bromosel, der Mann mit den spitzen Schuhen, war beleidigt, weil er im Text als 'der Mann mit den spitzen Schuhen' bezeichnet worden war."


    :D:D

  • DQ-Bild in der Bank in Barcelona. Hallo Zefira, ich bin ja immer wieder voellig geplaettet, was selbst ich, der ich alles andere als ein Nerd bin, so alles aus dem Internet herausfischen kann. Meinst Du nicht, wenn Du Bank (Vielleicht weisst Du ja noch welche, oder kannst es googeln?), Barcelona, Plakat und DQ "irgendwie" eingibst, dass Du das wieder hervorholen kannst? Dazu wuenscht Dir jedenfalls viel Glueck! Volker

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • In Kapitel 65 hält der verbannte und in Pilgerkleidung heimlich zurückgekehrte "Moriske" Ricote eine Rede auf den gefürchteten Grafen von Salazar, der "de Last dieses großen Unternehmens (gemeint ist die Austreibung der Morisken) auf seinen starken Schultern zu tragen gewußt, bis er seinen Auftrag zur gebührenden Ausführung gebracht, ohne daß unsre Anschläge, Künste, Bitten und Betrügereien seine Argusaugen blenden konnten, die er immer wachsam hält, damit keiner von den Unsern zurückbleiben und sich verstecken könne, um als verborgene Wurzel künftig neu auszuschlagen und giftige Früchte in Spanien hervorzubringen .... Ein heldenmütiger Entschluß des großen (Königs) Philipps des Dritten! ..."


    Eine seltsam schillernde Rede (eine halbe Seite lang), mit der sich das Opfer auf die Seite des Täters zu stellen scheint; der Schlusssatz klingt beinahe ironisch. Die Rede ist übrigens eine Antwort auf den Vorschlag des Vizekönigs von Barcelona, dass mit Hilfe von Bitten und Bestechungsgeldern vielleicht doch noch erreicht werden könne, dass die Familie Ricotes samt dem zukünftigen Schwiegersohn Gaspard in Spanien bleiben darf.


    ps. "Anschläge" meint selbstverständlich in diesem Zusammenhang nicht das, was wir heute unter einem Anschlag verstehen, sondern lediglich einen gewaltlosen Überredungsversuch.

  • Diese Passagen haben Thomas Mann ja auch so beeindruckt und sind heute wieder aktuell. Das Komplizierte ist nur, dass solche Dinge immer in anderen Gewaendern auftauchen und schwer oder gar nicht vergleichbar sind (vgl. z.B. Munin).

    Das Bild ist wirklich ganz grossartig. Die Szenen in den "Wolken" herrlich. DANKE!

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Es ist immerhin auffällig, dass im Don Quijote alle von der Austreibuung betroffenen "Morisken" Christen geworden sind oder behaupten, geworden zu sein. Cervantes' Mitgefühl erstreckt sich offenbar nicht in gleicher Weise auf Muslime.

    Auch bei uns schützt ja (da wir immer noch kein Einwanderungsgesetz haben, obwohl Politiker ALLER Parteien angeblich es für dringend notwendig halten!) die gelungene Integration nicht vor Abschiebung. Gerade heute las ich in irgendeiner Internetzeitung, dass viele kleine Unternehmen zwar händeringend nach Arbeitskräften suchen, sich aber davor scheuen, einen Flüchtling einzustellen, aus Angst, dass - wenn man denn den neuen Mitarbeiter mit einigem Aufwand geschult und für den Betrieb fit gemacht hat - immer noch die Abschiebung drohen könnte.


    ps. Don Quijote ist im Dunkeln in eine Schweineherde geraten und hat die Schweine NICHT für Feinde gehalten, die bekämpft werden müssen. War nicht am Anfang mal eine vergleichbare Situation mit einer Schafherde, in der er etliche Schafe niedergemacht hat? Kämpfen darf er allerdings ohnehin nicht mehr.
    Es geht dem Ende zu.

  • Wie aus den letzten Kapiteln ersichtlich, ist Don Quijote tatsächlich von seinem Wahn geheilt. Er hat auch die letzte Schenke, in der er übernachtete, nicht für eine Burg gehalten.

    Leider hat er seiner Verrücktheit insofern die Krone aufgesetzt, dass er einfach so und in Schwermut starb, wie Sancho richtig bemerkt.


    Gute Fahrt, Don Quijote ...

  • Bevor die nächste Leserunde auf dem Mutterforum losgeht, habe ich noch ein paar Kapitel des DQ dazwischen geschoben-

    Ich habe die "Novelle vom törichten Vorwitz" gelesen und fand nicht viel dran. Wenn der ganze Don Quijote so geschrieben wäre, hätte ich ihn längst weggelegt.

    Endloses Gerede um Nichtigkeiten, dabei ein Theater um die "weibliche Tugend", das mich an gewisse lebensfremde Opernlibretti erinnert. Don Quijotes Kampf mit den Weinschläuchen zwischendurch war eine Erholung.

    Die habe ich jetzt auch hinter mir, und ich kann deine Stellungnahme oben nur vollinhaltlich unterschreiben. Letztes Jahr las ich "Die Präsidentin" von Clárin, über weite Strecken ein sehr gute und bissige Gesellschaftssatire, besonders des Klerus und des Adels, aber eben auch über Hunderte von Seiten moralische Zerfaserungen über Ehebruch, insbesondere natürlich die Ehrverletzung des Mannes durch den Ehebruch seiner Frau. Das scheint ein tiefsitzender moralischer Topos in der spanischen Literatur zu sein und eben noch viel stärker als in anderen europäischen Literaturen. Hat vielleicht etwas mit dem (früheren?) spanischen Machismo zu tun, den man heute noch in einigen Ländern Lateinamerikas findet.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Was die Empfindlichkeit des Ehre des Ehemannes angeht, ist es bei der Deutschen Effi Briest aber nicht besser bestellt ... dieses Getue um einen lange zurückliegenden Vorfall, von dem keiner mehr weiß, was da eigentlich genau passiert ist ... obwohl, da scheint es ja primär um die Offiziersehre zu gehen, nach meiner Erinnerung ...