Auf welcher Lesung seid / wart ihr gerade?

  • Judith Schalansky - Verzeichnis einiger Verluste. Lesung im Literaturhaus Stuttgart. Nachdem dieses Buch eines der Lieblingsbücher aus der großen Schar der Neuerscheinungen des Jahres 2018 meines (vertrauenswürdigen) Buchhändlers ist, habe mich nach Stuttgart aufgemacht, um der Autorin zu lauschen. Es ist ein "verkopftes" Buch geworden. Das kann man mögen, mein Fall ist es nicht so ganz. Normalerweise haben Schalanskys Bücher Untertitel wie beim "Atlas der entlegenen Inseln", die dann die Wucht und Schwere des "Atlas" ein wenig aufheben, also "50 Inseln auf denen ich nie war und nie sein werde". Hier war das jedoch nicht nötig. Das amtliche wirkende "Verzeichnis" wird durch "einige" zugleich eingeschränkt. Im Inneren findet man dann zwölf verlorene Dinge ganz unterschiedlicher Art (eine Südseeinsel, ein Tier, Gebäude kommen mehrfach vor, ein Film, Gedichte). 12 Seiten umfasst jede dieser Geschichten, 30.000 Zeichen waren die Zielvorgabe, die sich die Autorin selber gesetzt hat. Eingeleitet von einem schwarzen Deckblatt (eigentlich ist es dunkelgrau, wie die Autorin später erläutert), auf dessen Innenseite in schwarz der verlorene Gegenstand gedruckt wird, so dass er im Licht schimmert. Ein wunderbarer Effekt. Optisch äußert gelungen, und da merkt man der Autorin ihre Liebe zum Design. Sie ist studierte Designerin und gestaltet die wunderbare Buchreihe "Naturkunden". Jeder dieser Geschichten ist in einem eigenen Ton verfasst. Der literarische Ton, nicht neu erfunden, sondern jemandem nachempfunden, macht das Buch zum belletristischen Buch. Beim Kaspischen Tiger erzählt sie die Geschichte von Tierkämpfen im Alten Rom. Schalansky erläutert im Gespräch, wie lange sie dazu recherchiert. Sie weiß alles. Vielleicht zuviel. Der Ton dieser Geschichte ist Christa Wolfs Kassandra entlehnt und sie verrät, dass es einen einzigen wörtlichen Satz gibt, den sie aus Wolfs Werk zitiert. Und warum sie das ausnahmsweise darf. Das ist absolut überzeugend und irgendwie genial. Aber eben auch eher für Literaturseminare. Manches scheint zu perfekt zu sein. Von Sapphos (meist verschollenen) Liebesliedern gibt es noch einige griechische Fragmente. Griechisch spricht die Autorin jedoch nicht. Und die Moderatorin, Lektorin bei Suhrkamp, ist von den übersetzten Textteilen so begeistert, dass sie sich fragt, welcher Übersetzung sie entnommen wurden. Schalansky haben die erhältlichen Übersetzungen in Gänze nicht gefallen, so dass eine befreundete Helferin Daniela Strigl (so das angefügte Quellenverzeichnis) die griechischen Teile einfach neu übersetzt hat. Die Lektorin ist schwer beeindruckt von der Qualität. "Der Knabe in Blau" ist ein verloren gegangener Film, hier begibt sich in den Kopf von Greta Garbo. Da wären wieder bei "verkopft". Aber eine Form, die ich so noch nicht angetroffen habe.


    Gruß, Thomas

  • Natascha Wodin - Irgendwo in diesem Dunkel. Lesung im Frankfurter Literaturhaus. Natascha Wodin wurde im Dezember 1945 in Fürth als Natalja Nikolajewna Wdowinageboren. Da sich solch ein Name in Deutschland jedoch nicht verkaufen lässt, hat der allererste Verlag darauf bestanden, dass sie sich einen Künstlernamen zulegt. Ihre russischen Eltern waren als Zwangsarbeiter in die Flickwerke deportiert. Und das ist auch Wodins Thema. 2017 gewann sie mit "Sie kam aus Mariupol" den Preis der Leipziger Buchmesse. In dem Buch setzt sich sich mit dem Schicksal ihrer Mutter, die sich das Leben nahm, als Natascha 11 Jahre alt war. Im neuen Buch setzt sie sich nun mit ihrem Verhältnis zum Vater auseinander, ein Vater, der gewalttätig war, ihr verbot rote Sachen zu tragen, da dies nur Huren machen und der mit der von Natascha geleisteten Hausarbeit nie zufrieden war. Wodin vermeidet jedoch jegliche Zuschiebung von Schuld, das macht das Buch noch trauriger. Das Buch wirkt in weiten Teilen wie ein autobiografischer Bericht, der Verlag vermeidet eine Klassifikation. ob es sich nun um einen Roman oder eine Biografie handelt. Es ist wohl beides. Die Sprache ist präzise und kommt doch leicht daher. Man nimmt der Autorin ab, dass sie um manchen Satz einen ganzen Tag lang gerungen hat. Das Ende erzählt mit fünf Sätzen eine Anekdote von der Beerdigung ihres Vaters, bei der man (vermutlich) das einzige Mal lachen muss. Der Moderatorin der FAZ Rose-Maria Gropp merkt man an, wie nah ihr einzelne Passagen gehen. Wodin verharmlost das gar nicht, weist aber darauf hin, dass es auch heute noch außerhalb Deutschlands noch viel mehr Leid gebe und täglich passiere. Eine Leseempfehlung.