Elizabeth Gaskell: Norden und Süden (North and South)

  • Hab gerade im Heute- Journal von dem Flugszeugabsturz erfahren. Wusste nichts davon , als ich den Text abgeschrieben habe. Waere sonst zu dem Zeitpunkt nicht auf die Idee gekommen.

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  • Ich komme nur langsam voran, habe aber kein schlechtes Gewissen deswegen, lese ich doch 'offiziell' gar nicht mit. Das nächste Kapitel bringt ein Gespräch über den kommenden Streik. Verblüffend, wie auch nach Jahrzehnten, ja fast Jahrhunderten, die Argumente auf Gewerkschaftsseite immer noch die gleichen sind...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Ich komme nur langsam voran, habe aber kein schlechtes Gewissen deswegen, lese ich doch 'offiziell' gar nicht mit. Das nächste Kapitel bringt ein Gespräch über den kommenden Streik. Verblüffend, wie auch nach Jahrzehnten, ja fast Jahrhunderten, die Argumente auf Gewerkschaftsseite immer noch die gleichen sind...


    Nun, ich denke, dass die Gewerkschafter heute in der Sache immer noch das Gleiche fordern, weil es nun mal die grundlegenden Fragen nach gerechter Bezahlung, Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz und Mitspracherecht sind. Thornton vertritt ja auch die grundlegenden Ansichten der Arbeitgeber, wes Investition, des Recht und Macht.
    Das Ganze kommt nur bei Gaskell viel naiver rüber, weil es nicht so verschleiert wie heute bzw. durch die soziale Marktwirtschaft weniger konfrontativ als während des Manchester-Liberalismus.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Schoen, dass Du hier noch mitschreibst und mitliest, obwohl Du laengst "fertig hast", finsbury. Ja, heute ist der Gegensatz von Arbeitnehmern und Arbeitgebern verschleierter. Nur in Deutschland? Das waere interessant. Ich kenne mich nicht so aus, aber wenn das so waere, wuerde es mich interessieren, ob das Relikte aus der Zeit der ns. Deutschen Arbeitsfront (Robert Ley) sein koennten. Ludwig Erhard war ja bereits im letzten tausendjaehrigen Reich eine arrivierte Figur in der Wirtschaftswissenschaft und von ihm stammte nach meiner Erinnerung nicht nur die Formulierung soziale Marktwirschaft, sondern auch die Idee einer sog. "formierten Gesellschaft". Elizabeth Gaskell mochte ja die harte Konfontation ebenfalls nicht und suchte mithilfe des Christentums nach einer Art "drittem Weg", wenn ich es richtig sehe.
    Nachtrag:
    Ich hab ja nen richtigen Schreck gekriegt, als ich eben mal gegoogelt und gesehen habe, dass die formierte Gesellschaft bei der Konrad-Adenauer-Gesellschaft fortlebt. Damals (in den 60ern?) gab es einen Sturm der Entruestung dagegen. Guckt auch mal unter dem Stichwort Müller-Armack.

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  • Nun, ich denke, dass die Gewerkschafter heute in der Sache immer noch das Gleiche fordern, weil es nun mal die grundlegenden Fragen nach gerechter Bezahlung, Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz und Mitspracherecht sind. Thornton vertritt ja auch die grundlegenden Ansichten der Arbeitgeber, wes Investition, des Recht und Macht.


    Mich hat nur erschreckt, dass dieselbe alles vereinfachende Logik hinter allen diesen Aussagen steckt - seit 150 Jahren...

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  • Sandhofer, Dein "Herz erschrecke nicht", wenn, wie finsbury m.E. zutreffend schreibt, die Konstellation im Wesentlichen gleich geblieben ist, ist es kein Wunder, dass sich das Verhalten kaum aendert.
    Mal was ganz Anderes:
    Gaskell gelingen proustsche Saetze, nicht nur was die Laenge betrifft. Lest mal Kapitel 50. dritte Seite, bei mir S. 493 oben.

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  • Zurück zum Text: Zwischen Kapitel 17 und 18 ein völliger Wechsel von Ort, Zeit und Personal. Hier merkt man die Technik des Fortsetzungsromans. Auch wenn sich Gaskell in vielem den Forderungen Dickens' verweigern konnte: Diese Sprünge von einer angefangenen Handlung zu einer andern Handlung sind typisch für die Fortsetzungsromane. So kann man gleich auf mehrerern Baustellen gleichzeitig Spannung kreieren.

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  • Zurück zum Text: Zwischen Kapitel 17 und 18 ein völliger Wechsel von Ort, Zeit und Personal. Hier merkt man die Technik des Fortsetzungsromans. Auch wenn sich Gaskell in vielem den Forderungen Dickens' verweigern konnte: Diese Sprünge von einer angefangenen Handlung zu einer andern Handlung sind typisch für die Fortsetzungsromane. So kann man gleich auf mehrerern Baustellen gleichzeitig Spannung kreieren.


    Diese Montagetechnik ist ja dann auch ein viel verwendetetes Stilmittel sowohl der anspruchsvollen als auch der Unterhaltungsliteratur geworden, ganz unabhängig von Veröffentlichungen in Zeitungen. Dadurch lässt sich einfach Multiperspektivität herstellen und im Falle des Unterhaltungsromans insbesondere gilt genau das, was du oben sagst, sandhofer . Anstatt für eine Person viele spannende und romantische Situationen z.T. an den Haaren herbeizuziehen, verteilt der Autor diese einfach auf viele und hat viel mehr Möglichkeiten.

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  • schade, dass jetzt die Luft raus zu sein scheint. Ich hatte eigentlich auch noch vor, irgendwelche Gedanken, die mir gekommen waren, hierher zu setzen. Dann war mir das aber nicht mehr wichtig genug. (Es ging darum, dass ich es interessant fand, dass und wie E. G. zurueckliegende Ereignisse mehrmals erzaehlt und ihnen dabei oft eine neue Faerbung gibt). Unserer famosen Uebersetzerin bin ich noch eine private Mail schuldig und hoffe sehr, dass ich mich dazu aufraffe.
    Im Moment fahre ich mit meiner seit langem begonnenen Bibellektuere (bin jetzt bei Jeremia) fort. Ein verstoerendes Buch.

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  • Ja. Ich habe seit Ende März nicht mehr weitergelesen. Nicht weil das Buch schlecht wäre, oder die Übersetzung, aber weil sich andere Bücher dazwischen schieben ...

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  • So, weitere 3 Kapitel gelesen. Gaskell wird ernster, dramatischer - aber nicht so melodramatisch wie Dickens. Die Leichtigkeit einer Jane Austen allerdings fehlt nun auch, allerdings ebenso das Abgrundtiefe der Brontës. Eher französischer Naturalismus - die Szenen, wo die Arbeiter in Thorntons Grundstück eindringen, hätte wohl auch ein Zola geschrieben haben können. (Dummerweise mag ich Zola nicht...)

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  • Zitat

    schade, dass jetzt die Luft raus zu sein scheint. Ich hatte eigentlich auch noch vor, irgendwelche Gedanken, die mir gekommen waren, hierher zu setzen. Dann war mir das aber nicht mehr wichtig genug. (Es ging darum, dass ich es interessant fand, dass und wie E. G. zurueckliegende Ereignisse mehrmals erzaehlt und ihnen dabei oft eine neue Faerbung gibt). Unserer famosen Uebersetzerin bin ich noch eine private Mail schuldig und hoffe sehr, dass ich mich dazu aufraffe.


    Volker : Ich hatte auch schon befürchtet, dass die Diskussion nicht mehr auflebt und freue mich über die "Reanimation". :smile: So ein bisschen hatte ich auch auf Deine weiteren Anregungen gewartet. Bei mir ist aber derzeit sehr viel los. Bis Du mir irgendwann schreibst, habe ich vielleicht auch mehr Zeit für eine ausführliche Antwort.


    sandhofer : Demnächst möchte ich eine News-Rubrik zur Norden-und-Süden-Website hinzufügen. Mit Deiner Erlaubnis werde ich dann auch einen Link auf unser Interview setzen.


    Was Gaskells Erzählstil angeht: Ich lese gerade "Ruth". Diesen Roman hat sie nur zwei Jahre vorher geschrieben. Dennoch finde ich den Ton ganz anders, irgendwie melancholischer. Vielleicht liegt das auch daran, dass Gaskell hier vor allem die Absicht hat, den Leser um Verständnis für "gefallene" Frauen zu bitten (wie das wohl auch in ihrem Erstlingswerk "Mary Barton" der Fall ist). "Norden und Süden" wirkt dagegen leichter, optimistischer und unterhaltsamer. Es gibt Alternativen, es geht immer irgendwie weiter und ein Happy End ist möglich. Margaret hat aufgrund ihrer Herkunft und aufgrund der Tatsache, dass ihre Eltern erst sterben, als sie bereits erwachsen ist, ziemliches Glück.

  • sandhofer : Demnächst möchte ich eine News-Rubrik zur Norden-und-Süden-Website hinzufügen. Mit Deiner Erlaubnis werde ich dann auch einen Link auf unser Interview setzen.


    Sicher, gern. Irgendwann, in ferner Zukunft, wird dann auch der Roman selber in meinem Blog stehen. Aber vor Mai sehe ich schwarz... :winken:

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  • es ist immer ein wenig heikel als newbie direkt nach sandhofer zu schreiben. Trotzdem: Als ich auf die Leserunde gewartet habe, habe ich Frauen und Toechter gelesen und bin sehr angetan von der Spannweite der Gaskell. Zola habe ich nie gelesen (er ging nicht zu mir, wie die Pfaelzer sagen), dennoch, mir gefaellt der Realismus der Gaskell. Die Brontes muss ich direkt nochmal lesen. Ich erinnere mich nicht mehr, dass sie so abgruendig waren. Ja, Jane Austen hat einen eleganten Stil, ICH habe aber ein wenig gebraucht, um das zu merken und schaetzen zu koennen.
    Nun lese ich weiter die Bibel und kann es gut verstehen dass die damals von sandhofer angeregte Leserunde sich in die Haare gekriegt hat, wie er schrieb. Jesaia, der als DER Prophet ueberhaupt gilt, finde ich grauslig. Andere werden das nicht verstehen.......

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  • Zitat

    Jesaia, der als DER Prophet ueberhaupt gilt, finde ich grauslig


    Seltsam Genau das fand ich damals auch, so dass ich die Lektüre abgebrochen und bisher auch nicht wieder aufgenommen habe. Soviel ich weiß kommen danach aber wieder schönere Geschichten. Esther sollte z.B. m.M.n. noch folgen. Ich würde mich sicherlich nicht als einziger freuen, wenn du hier hin und wieder von deiner Lektüre berichtest. Ansonsten wollte ich mich aber nicht weiter einmischen.


    Gruß
    Meier

    "Es gibt andere Geschichten auf einem andern Blatt Papier, doch jede ist mit der ersten verwandt" * Keimzeit

  • Das Kapitel von der toten Bess, als alle da niederknien und beten - purer Dickens. Jedenfalls, was den Schmalz betrifft. Ich vermute aber, dass man Elizabeth Gaskell nicht gross überreden musste, so was zu schreiben. Wenn sie es nicht von Anfang an freiwillig tat. Das bisher schwächste Kapitel im ganzen Buch.

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  • es ist immer ein wenig heikel als newbie direkt nach sandhofer zu schreiben. Trotzdem: Als ich auf die Leserunde gewartet habe, habe ich Frauen und Toechter gelesen und bin sehr angetan von der Spannweite der Gaskell. Zola habe ich nie gelesen (er ging nicht zu mir, wie die Pfaelzer sagen), dennoch, mir gefaellt der Realismus der Gaskell. Die Brontes muss ich direkt nochmal lesen. Ich erinnere mich nicht mehr, dass sie so abgruendig waren. Ja, Jane Austen hat einen eleganten Stil, ICH habe aber ein wenig gebraucht, um das zu merken und schaetzen zu koennen.
    Nun lese ich weiter die Bibel und kann es gut verstehen dass die damals von sandhofer angeregte Leserunde sich in die Haare gekriegt hat, wie er schrieb. Jesaia, der als DER Prophet ueberhaupt gilt, finde ich grauslig. Andere werden das nicht verstehen.......


    Na, Prophet zu sein war ja auch ein Scheiß-Job und was man zu sagen hatte, war nicht immer erbaulich. :zwinker:
    Aber gibt es denn diese Diskussion hier noch irgendwo im Archiv? Ich finde zwar einen Strang dazu, der besteht aber scheinbar nur aus einem Eröffnungsposting.

  • Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Gaskell (oder Dickens?) nicht so recht wusste, soll sie nun eine Love Story schreiben oder einen sozialkritischen Roman...

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  • musste das damals schon so steng geschieden sein? Was ist Prousts verlorene Zeit? Doch ein ganzes Buendel von "genres", oder wie wuerdest Du das bezeichnen?

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