Die wirre und durch reale historische Zwischenfälle gebrochene Fabel beiseite - einen unbegabteren Autor als Meyern habe ich noch nicht erlebt. Man stelle sich ein Buch von fast 1000 Seiten vor, in dem zu mindestens drei Vierteln geredet wird, und zwar nicht etwa in lebhaftem Dialog, sondern in unerträglichen pathetischen Belehrungs- und Erbauungsansprachen - meist darüber, wie wichtig doch gerade "Handeln" sei; in dem ein wie desinteressiert hingeworfener Handlungsfaden mehr oder weniger als Wäscheleine zur Befestigung von ständig neu formulierten Predigten über immer dieselben Begriffe von Größe, Ehre, Vaterland herhält; in dem eine "Handlung" oft nur dadurch vorangeschubst wird, dass die Suaden der Personen, wenn nicht durch das jähe Erscheinen eines feindlich gesonnenen Haufens, so immerhin durch einen gerade gelegen kommenden Wettersturz mit Blitz, Gerumpel und Stürmen unterbrochen werden; in dem Abschnitte wirklicher Handlung wie lästiges, aber eben notwendiges Beiwerk protokolliert werden; dessen Landschaften sich zu einem Garten Eden der Stilblüten auswachsen; in dem sich die drolligsten Atavismen finden - angeblich blickten die Weisen der Vorzeit durch Fernrohre in den Himmel!; dessen Himalaya verdächtig an eine Mischung aus hohen Tauern und Fichtelgebirge mit Meeresküste erinnern; in dem die blanke Misogynie regiert; in dem der Titelheld mal eben für mehrere hundert Seiten keinen Menschen - jedenfalls nicht den Autor - interessiert. Dann, Freunde, seid willkommen in Dya Na Sore.
Im Grunde hatte sich das Buch unter Meyerns Händen nicht zu einem Roman ausgewachsen, sondern zu einer durch eine schlanke Rahmenhandlung zusammengehaltene Flugschriftensammlung für die antinapoleonische Bewegung. Die Haltung des Autors, also das, was er dem Leser als Zielvorstellung nahebringen will, ist dabei in sich widersprüchlich und wenig zusammenhängend; mühsam zusammengehalten eigentlich nur durch einen Begriff von "Freiheit", der verdächtig kollektivistische Züge trägt, durch die schon einmal erwähnte Trias von Größe, Ehre, Vaterland und im übrigen durch eine erstaunliche Inhumanität. Die Instrumentalisierbarkeit, zu durchaus unterschiedlichen Zwecken, springt dem Leser geradezu ins Gesicht.
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(Und zu Schmidts Essay)
...ich denke nicht, dass die Leseempfehlung gerade auf einem literarischen Qualitätsurteil beruhte. In Schmidts Essays wechseln sich Lob (Wieland, Wezel, Herder u.a.) mit ätzender Kritik (Meyern, Klopstock, Stifter) munter ab. Es ging ihm bei Meyern wohl mehr um die Aufdeckung ideengeschichtlicher Wurzeln für nachfolgende Fehlentwicklungen. Dass er von der Dichtung selbst nichts hielt, war Schmidt ja auch nur ein paar Halbsätze wert. Die geschichtlich sehr nachträgliche Sicht macht da natürlich mehr sichtbar, als man zeitgenössisch, um 1790, in apriorisch-naiver Sicht, annehmen durfte. So gesehen ist das schon interessant. Ich frage mich nur, ob man das gerade mit einem solchen Dilettanten wie Meyern demonstrieren musste. Arndt oder Körner, turmhoch überlegene Autoren, hätten mir da näher gelegen.
Interessant ist noch etwas anderes:
Dass es einige formale Querverbindungen zu Jean Pauls Hesperus gibt, ist anscheinend allgemein anerkannt; nicht nur Schmidt weist darauf hin, sondern auch das Nachwort von Günter de Bruyn. Dass am anderen Ende der Zeitskala noch eine Verbindung zu einem anderen Schmidtschen Säulenheiligen, nämlich zu C.M. Wieland besteht, wird dagegen nirgends erwähnt. Das Motiv einer idealen Republik, die quasi unter Laborbedingungen in einer abgelegenen Weltgegend eingerichtet wird und am Ende an Bräsigkeit und Verführbarkeit der Volksgenossen scheitert, kann man nämlich auch in Wielands "Danischmend" von 1770 betrachten - dem sequel zum bekannteren "Goldenen Spiegel". Sogar die geografische Region ist dieselbe. Sollte Schmidt seinen Wieland nicht parat gehabt haben? Kaum glaublich.