Beiträge von Diaz Grey

    Was für ein Ritt! Von Perutz hatte ich bisher "St. Petri-Schnee", das ich in sehr guter Erinnerung habe, und seiner Prager Herkunft wegen ein bisschen über ihn selbst gelesen. Die “steinerne Brücke” habe ich noch irgendwo hier und weitere Werke werden da in Zukunft ganz sicher folgen. Ein ganz tolles Buch!

    A propos St. Petri-Schnee. Das Motiv einer obskuren gescheiterten Revolution taucht bei Leo Perutz noch einmal auf, nämlich im weniger bekannten "Turlupin", der wirklich köstlich zu lesen ist: ein bigotter Trottel, der von einer großen Staatsverschwörung im 17. (!) Jahrhindert als Werkzeug einer verfrühten französischen Revolution instrumentalisiert werden soll und im entscheidenden Moment durch seine Dappichkeit das ganze Kartenhaus umwirft. Die Bezüge auf den historischen Hintergrund sind etwas schräg, aber das schadet dem Spiel mit der Verschwörungstheorie nicht, an der Perutz die Theorie sowieso immer mehr interessierte als die Verschwörung.


    St. Petri-Schnee, wo eine der beiden Fabelvarianten die Geschichte eines drogenbefeuerten, aber aus der Spur gelaufenen Volksaufstands erzählt, könnte man beinahe als ironischen Kommentar zur Floskel vom Opium fürs Volk halten.

    Der Übersetzer und Joyce-Experte Friedhelm Rathjen hat übrigens jetzt (nachdem Joyce "frei" ist) seine Übersetzungsversuche zum Wake veröffentlicht. Allerdings mit 50,- nicht ganz billig:


    Der Übersetzer und Joyce-Experte Friedhelm Rathjen hat übrigens jetzt (nachdem Joyce "frei" ist) seine Übersetzungsversuche zum Wake veröffentlicht. Allerdings mit 50,- nicht ganz billig:

    ... und inzwischen auch zu den Dubliners, wieder in der Manesse-Bibliothek, Band 17. Mein Eindruck: die Übersetzung trifft die Sprache der Vorlage perfekt: es klingt eben auch im Originaltext wie der Plauderton eines Intellektuellen, der im Pub am Tresen steht und zwischen Dialekt, Jargon und Shakespeare-Zitaten zu changieren versteht.


    Was mich an der sonst gewohnt hübschen Edition offen gesagt etwas überraschte, war die nachlässige Schlusskorrektur. Wiederholte Male stockt der Lesefluss, wenn Satzfehler (Seite 11: ein "dann" anstelle eines "denn" - im englischen Originaltext steht hier ein "for", und an dieser Stelle kommt ein Leser wirklich ins Schleudern) oder inhaltliche Schnitzer (Seite 82: eine Personenverwechslung in einem Dialog - ein "Corley" wo ein "Lenehan" hingehört) den Leser ins Stolpern bringen. Ansonsten: sehr empfehlenswert.

    Zu den zwei letzten Posts von Finsbury und Zefira:


    Meine Bemerkung betraf die Paperback-Ausgabe von Franz Kafka beim FTB, und nur diese. Inzwischen habe ich festgestellt, dass sich Amazon die Freiheit genommen hat, meine Kritik an dieser Ausgabe auch an eine Werksammlung anzuhängen, die bei einem anderen Verlag als Hardcover erschienen ist. Diese kenne ich nicht.


    Und ja, Finsbury, auch die Mannschen Erzählungen stehen bei mir in der gleichen Ausgabe, sind aber etwas besser zu lesen, auch wenn es nur daran liegt, dass das Format etwas größer ist. Und bei behutsamem Umgang hält es sogar zusammen.

    Wenn wir gerade über die editorischen Qualitäten von Fischer-Taschenbüchern - früherer Jahrgänge - barmen, zitiere ich mal aus einer Amazon-Besprechung ("Rezensionen" nenne ich meine Anmerkungen nicht), zu der ich mich veranlasst sah:


    Zitat


    Ein Buch, das mit den legitimen Erwartungen des Lesers auf ein leicht zu rezipierendes Schriftbild so indolent umgeht, wie dieses hier, das muss man lange suchen. Wer es aufschlägt, betritt eine Buchstabenwüste. 388 Seiten Text (außerhalb des Anmerkungsapparates), das klingt zunächst verdaulich, aber das täuscht. Vielleicht sagen die nackten Zahlen, was sich zwischen den Buchdeckeln abspielt: das Buchformat beträgt 18x10,5 cm, davon sind 16x9 cm beschrieben; einen Rand gibt es praktisch nicht, und die Seiten sind von oben bis unten angefüllt, kaum dass noch die Seitenzahl darunter passt. Bei dem gewählten Schriftgrad lassen sich ziemlich genau 2500 Zeichen auf einer Seite unterbringen, verteilt auf nicht ganz 50 Zeilen mit je etwas mehr als 50 Zeichen, und das ist hier keine graue Theorie, sondern bittere Realität. In den längeren zusammenhängenden Erzählungen (zum Beispiel in den "Forschungen eines Hundes", ca. 30 Seiten) bestehen die Absätze nur daraus, dass eine Zeile nicht bis zum Ende beschrieben wird, und so tauchen immer wieder Textpassagen auf, bei denen auf mehreren aufeinanderfolgenden Seiten(!) diese 2500 möglichen Zeichen nahezu vollständig aufgebraucht werden. Man stelle sich einen mündlichen Vortrag vor, der als monotone Suada heruntergeleiert wird - das wäre die perfekte akustische Entsprechung dieses Satzbildes. Der Interessent mache sich dazu klar, dass er ein Buch erwirbt, das ein Äquivalent von mindestens 800 Seiten einer herkömmlichen (und bekömmlichen) Ausgabe darstellt. Es ist eine Mühsal, das zu lesen! Und, darauf lege ich Wert, es ist der einzige Grund für die Versagung des fünften Sterns.

    Und nun ein Klassiker der englischen Literatur: "Die Memoiren des Barry Lyndon, Esquire", eine Art Schelmenroman von WIlliam Makepeace Thackeray. Er ist außerhalb der englischsprachigen Welt besonders durch Stanley Kubricks Verfilmung von 1975 bekannt geworden. In meinem Kindler-Lexikon, das auflagenmäßig aus den Anfang-Siebzigern stammt, steht er noch nicht drin.

    Eine exzellente Wahl. Ich habe Barry Lyndon übrigens immer klar besser eingeschätzt als "Vanity Fair".


    Barry Lyndon ist nur gut halb so lang, aber es geht hier viel konzentrierter vorwärts. Vanity Fair zeichnete ein Sittenbild, in dem Tugend und Verworfenheit auf zwei Antipoden verteilt werden, deren Lebensgeschichten sich umeinander winden. Auf diese Weise entstehen quasi reine Charaktertypen, allerdings geht die dichterische Erzählung dabei manchmal unvermeidlich in die Breite, müssen doch zwei Lebensläufe nebeneinander entwickelt werden. In Barry Lyndon vereinigen sich Tugenden und Untugenden des Helden in einer Person. Natürlich ist der Held ein Schuft, spiel- und trunksüchtig, verschwenderisch bis zum völligen Ruin; unfähig, seinen Beutel beisammen zu halten und kaltblütig im Verschwenden eines riesigen angeheirateten Vermögens; völlig skrupellos, wenn es um die Durchsetzung seiner Interessen geht, oder um das, was er seiner Ehre schuldig zu sein meint. Andererseits kann er großzügig sein, lässt in der Tat keine Spielschuld offen und pflegt genau den Glanz, den der Autor ganz offensichtlich an jenem 18. Jahrhundert so bewunderte. In dem Helden dieses Romans sind, eingefangen in dem Begriff des ländlich geprägten "Gentleman", gesellschaftlicher Anspruch und bäurische Sitten, vereinigt: der Grundtyp des "Snob", den Thackeray in seinem Episodenbuch der "Snobs" entwickelte. Barry Lyndon ist kein reiner Charaktertyp, er ist eine schillernde Figur, er ist ambivalent, und das macht ihn so viel interessanter als jede der beiden Hauptfiguren in Vanity Fair.


    Darin liegt auch der Grund für das konzentrierte Voranschreiten der fiktiven Selbsterlebensbeschreibung des Helden. Von der ersten Zeile an hat das Buch, gemäß dem Temperament seines Titelhelden und Ich-Erzählers, den Vorwärtsgang eingelegt, und bis auf eine Episode an einem deutschen Fürstenhof, die übrigens klar Bezug nimmt auf reale historische Vorgänge im Königreich Württemberg, behält es diese Richtung bei, bis zum bitteren Ende. So ein Roman ist recht nach meinem Geschmack.

    Erzählungen von Joseph Roth, in der kleinen Auswahl bei dtv. Was Roth angeht, bin ich ein Spätberufener, aber eigentlich ist das ganz gut so, denn für die feine Firne der Rothschen Texte wäre ich früher vermutlich selbst nicht reif genug gewesen. Kurzum: ich bin einmal mehr schwer beeindruckt.


    MRR lobte ja einmal Roths Anteilnahme an seinen Personen, aber interessant ist auch das Maß der Distanz, das dabei er zu ihnen hält, daraus entsteht zugleich eine sachte Ironie. Sie ist ähnlich subtil, aber im Kern doch anders konnotiert als bei dem anderen großen Niedergangserzähler seiner Zeit, Eduard von Keyserling - weniger kühl, dafür zugeneigter.

    Kabale und Liebe also: Schillers strittigstes Jugendstück um fast alles, was die Zeitgenossen beschäftigte: eine polarisierte Gesellschaft aus zynisch-intrigantem Adel, dessen ererbte Macht an den jugendlichen Rändern zu erodieren beginnt, ein unterworfenes Bürgertum, dem hier der Zutritt zum Trauerspiel gewährt wird, und ein Brückenschlag über Standesgrenzen hinweg durch ein junges Paar, der durch die Ränkespiele mit tödlichem Ende eingerissen wird und alle Beteiligten am Ende in den Abgrund reißt. Das ist alles wahr, schön und gut, und unter den Händen eines Heinrich von Kleist hätte der Stoff vermutlich auch richtiges Leben geatmet. Nur leider: es schrieb ein anderer.

    Das beherrschende Problem in Schillers frühen Werken ist die Inkongruenz von Personen und Sprachen. Es ist nicht das Gleiche, wenn Maria Stuart und Luise Miller mit dem gleichen Pathos deklamieren. In einem Fall ist es plausibel, im anderen seltsam. Eine Musikantentochter von sechzehn Jahren ist dem hohen Ton ihrer Aussprache mit der Lady Milford, unter dem auch Helden von sophokleischem Format ordentlich zu schleppen hätten, nicht gewachsen.

    Kommt das von "schinden"? So wie finden - fand? fund?

    Ja, genau. Einen Kolleg - eine Vorlesung, oder auch eine Klavierstunde schinden muss in der Tat einmal gebräuchlich gewesen sein. Heinz Erhart spielte übrigens gerne mit solchen alten starken Imperfekten, da boll auch einmal ein Hund, dem ich zuletzt in den "Flegeljahren" einmal begegnete. Den Vogel schossen etwas später dann Gernhard/Bernstein/Waechter in ihrem "Sängerkrieg auf der Wartburg" ab: brimmen, bramm, gebrummen, tandaradei!

    Oh, dieses Nestroy-Zitat ist ja so genial ... (prust)
    Meine Mutter, Jahrgang 1922, pflegte übrigens noch zu sagen: "man frug mich". Das fand ich um so außergewöhnlicher, als man heute ja zu sagen pflegt "man hat mich gefragt".

    (Als ich eben schrieb "pflegte", überlegte ich einen Moment, wie die alte Form war; hieß es "pflog" oder "pflag"? Die Form "pflag" kenne ich allerdings nur von Wagner: "Mit Treue pflag ich seiner großen Jugend.")

    Bei solchen Dingen denke ich immer an eine Stelle bei Tucholsky, in der er sich, jawohl: frug, ob er als Student sein juristisches "Kolleg schund - schand? - schand".

    Friedrich Schiller revisited. Nach den Räubern und dem Fiesko steht ab heute Abend Kabale und Liebe an. Mein bisheriger Eindruck nach über 40 Jahren Abstand ist immer noch der gleiche: so viel Ha! und so wenig Haha!


    Nun gut, Schiller kam ja leider nicht wirklich zu Jahren. Vielleicht hätte sich sonst doch noch die Beobachtung bestätigt, die Jean Paul in seiner Vorschule schilderte: die älteren Dichter zieht es eher zur Komödie als die jungen Wilden, denn: "Das Alter geht lieber im Sokkus als im Kothurn".

    Unterm Strich:


    Lohnt die Lektüre, und gegebenenfalls für wen? Ja, sie lohnt die Mühe für den ausgesprochenen Jean-Paul-Liebhaber mit dem Ziel der Vervollständigung seines Bildes. Die oft erwähnten, aber kaum gelesenen Jugendschriften gehören sicher nicht zu den Höhepunkten des Schaffens, dafür zeigen einen Teil des Weges dorthin. Ich habe es immer so gehalten, dass ich Autoren, die ich schätze, sowohl durch Höhen als auch durch Tiefen folgte - ein Lesen weniger in die Breite als in die Tiefe. So betrachtet waren die Versuche an Jean Pauls Jugendschriften nur folgerichtig, und mir jedenfalls war das eine nicht unwichtige Erfahrung.


    Wie sollte man das keinesfalls lesen? Erstens nicht als Pillowbooks. Zweitens nicht als E-Book, auch wenn es da am einfachsten - und in der Kindle-Version justament zum Nulltarif - zu erhalten ist. Ohne Die ständige Hilfestellung eines sachkundigen Anmerkungsapparates sind die Texte heute inhaltlich nicht mehr zugänglich.

    Ich setze meine Kleinserie einmal fort mit der nächsten Folge: die "Auswahl aus des Teufels Papieren".


    Die „Auswahl aus des Teufels Papieren“ von 1789 ist, wie schon die „Grönländischen Prozesse“ von 1783, eine Sammlung satirischer Schriften aus den jungen Jahren des Dichters. Sie ist darüber hinaus so etwas wie ein literarischer Wiedergänger: an dieser „Auswahl“ arbeitet der Armenadvokat Siebenkäs in dem gleichnamigen Roman. Zuvor, 1798, erschien mit den „Palingenesien“ bereits eine überarbeitete Fassung der „Auswahl“.

    Die Satiren richten sich wiederum gegen die gewohnten Ziele: Rezensenten, engstirnige Kleriker, weltfremde Gelehrte, den Adel. Zusätzlich schießt der junge Johannes Paul Richter sich wiederholt auf die weibliche Hälfte der Menschheit ein, und das mit einer manchmal frappierenden bis geradezu befremdlich wirkenden Schärfe, mit der man nicht unbedingt rechnet, wenn man an große Frauengestalten seiner Romane bis hinauf zu einer Klotilde aus dem Hesperus denkt. Überhaupt – und nicht nur in den misogynen Sticheleien – wirkt die satirische Haltung noch etwas angestrengt, wenngleich auch nicht mehr so offensichtlich und im Bemühen zur Nachahmung literarischer Vorbilder feststeckend wie noch in den „Grönländischen Prozessen“. Ihr fehlt noch das Gegengewicht, das den gereifteren Jean Paul so groß werden ließ: die alles umfassende Liebe.

    Die „Auswahl“ ist sehr schwer lesbar, das muss jedem, der den Text in die Hand nimmt, klar sein. Das gilt für die geschachtelte und verwinkelte Sprache wie auch für die Themen. Vieles, was in den Texten aufgegriffen wird, sind Zeiterscheinungen, die uns heute fremd geworden sind und zu deren Verständnis schon sehr präzise Kenntnisse der gesellschaftlichen Verhältnisse und einiger prominenter Zeitgenossen in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts benötigt werden.

    Auch wenn die "Auswahl" zu den Jugendschriften Jean Pauls gerechnet wird: man sollte mit ihr nicht beginnen, wenn man Jean Paul erst kennenlernen will. Kennt man erst einmal die großen Romane, oder zumindest einen Teil davon, dann können sowohl die "Grönländischen Prozesse" als auch die "Auswahl aus des Teufels Papieren" mit Gewinn gelesen werden. Die Einordnung von Formen und Inhalten wird dann leichter fallen.

    An mir läge es jedenfalls nicht, wenn das Semikolon ausstürbe...

    So klug war Groucho Marx schon vor gut 90 Jahren:


    Als er in "Animal Crackers" einen Brief diktiert und dabei "Semikolon!" anordnet, wird er gefragt, wie man "Semikolon" schreibe. Seine Antwort nach kurzer Denkpause: "Allright, make a Komma!"


    So macht man das. Aber deine Konjunktive haben Klasse. Es wäre schade drum.

    Franck = ?

    Ohne das Buch zu kennen: Der Komponist César Franck war ein nahezu gleichaltriger Zeitgenosse von Flaubert. Ich habe keine Ahnung, ob das im Textzusammenhang passt und ob die beiden eine persönliche Beziehung verband, aber vielleicht ist das ein Forschungsauftrag...

    Ich lese ja gerade Joseph Roths "Radetzkymarsch" (den ich übrigens nur sehr empfehlen kann). Da trinken die Offiziere einen speziellen Schnaps:

    Da hab ich mich immer gefragt, was für ein Schnaps das wohl ist – 90%-tiger Alkohol ja mit Sicherheit nicht. Also wollte ich hier mal nachfragen. Und kaum setze ich zur Frage an, fällt mir ein, was das heißen soll: Das ist ein starker Schnaps, der einen umhaut, also um 90° kippt und von der Senkrechten in die Horizontale schickt.

    Ich denke, diese 90 Grad entsprechen etwa 50 Vol%, was ja immer noch recht stramm ist. Die Bezeichnung "Grad" kann verschiedene Bedeutungen haben, die Wikipedia hat da unter dem Stichwort "Alkoholgehalt" einen Hauptartikel mit mehreren Nebenartikeln über Gradeinteilungen. Einer meiner Großonkel mütterlicherseits hatte einen Laden für alles, was das vorzeitige Ableben fördert, also Tabakwaren und Spirituosen, ein Onkel auf der väterlichen Seite war Zollbeamter - daher ist mir das "Grad" als etwa ein halbes Volumenprozent noch geläufig. Das wäre dann das "Grad Sikes" mit einem Verhältnis von 0,6 Vol% auf 1 degree Sikes. Mir scheint das noch die plausibelste Definition zu sein.

    Was macht der Jean-Paul-Leser, wenn er von der Unsichtbaren Loge bis zum Kometen fast alles schon kennt? Er schaut sich die Jugendsünden an. Zwei davon, die „Grönländischen Prozesse“ und die „Auswahl aus des Teufels Papieren“ werden hier und da einmal erwähnt, die letzeren erhielt der Firmian Siebenkäs auch in persona untergeschoben, aber wer hat sie im Ernst schon einmal gelesen, und was steht da eigentlich drin? Also, Teil eins: die "Grönländischen Prozesse“.


    Die in den „Grönländischen Prozessen“ enthaltenen Texte stammen von 1783 und 1784. Der gerade zwanzigjährige, aber schon ungeheuer belesene Johannes Paul Richter, damals noch Kandidat der evangelischen Theologie, schrieb eine Handvoll Satiren nieder, in der hauptsächlich die Protagonisten des Literaturbetriebs, Autoren, Kritiker, Rezensenten, aber auch Adel, Hofleute, orthodoxe Theologen, "Stutzer" und am Ende auch geradewegs Frauen ihr Fett erhielten. Die Sammlung war ein wirtschaftlicher Fehlschlag, erlebte aber in den "Flegeljahren" nochmals eine Wiederbelebung: Vult ist mit ihrer Niederschrift befasst...

    Wer mit dem einen oder anderen Roman Jean Pauls vertraut ist, erkennt nicht nur die auf höchstem Niveau mäandernde Sprache, sondern auch die typische Technik seiner Satire wieder. Missstände und Widersprüche werden stets größtmöglich zugespitzt und beim Wort genommen - und dann in ironisch verdrehte Schlüsse und Ratschläge verwandelt. In der wohl stärksten Episode hält der Verfasser als Satiriker den aufs Korn genommenen Ständen und Personen vor, sie verhielten sich nicht töricht genug, um das Heer der Satiriker zu nähren – die angeprangerten Torheiten werden dann folgerichtig als vorgebliche Tugenden ironisch belobigt.

    Jean Paul orientierte sich in den Grönländischen Prozessen erkennbar an populären Vorbildern, namentlich Jonathan Swift und Christian Ludwig Liscow - allerdings ohne dessen persönlich gemünzten Injurien zu wiederholen. Klarnamen fallen fast ausnahmslos nicht, die Grönländischen Prozesse sind kein Pasquill. An vielen Stellen wirkt, das muss angemerkt werden, die Satire reichlich angestrengt. Man spürt, wie der gescheite Kandidat versucht, seinen Vorbildern nachzueifern. Zur Größe seiner späteren Romane fehlt noch das wohlwollend lächelnde Gegengewicht – die Grönländischen Prozesse wirken wie ein Vult ohne Walt.

    Wer sich für den Text interessiert, sei allerdings vorgewarnt: leicht ist die Lektüre nicht. Der junge Jean Paul beherrschte da bereits Latein und Griechisch sowohl als Sprache als auch als Kulturkreise, und er bediente sich großzügig daraus. Hinzu kommt ein Wissen über den Literaturbetrieb des mittleren und späten 18. Jahrhunderts, das heute allenfalls noch Fachleute einigermaßen vollständig nachvollziehen können.

    Wieso übrigens "Grönländische Prozesse"? Der junge Herr cand. theol. erklärt das so:

    "Man wird nämlich aus Kranz und andern wissen, daß die Partheien daselbst ihre Streitigkeiten in getanzten und gesungenen Satiren abthun und sich mit einander, ohne das Sprachrohr der Advokaten, schimpfen."


    Wer mit "Kranz" gemeint sein könnte, kann ich nur vermuten, nicht einmal der riesige Anmerkungsapparat in der WBG-Werkausgabe sagt dazu etwas aus. Ich nehme an, es geht um den Theologen Albert Krantz aus Hamburg und Lübeck, der sich zu seiner Zeit (1448 - 1517) wohl auch mit der Geschichte Skandinaviens befasst haben und einige Schriften dazu hinterlassen haben soll.

    Wenn die Messlatte fürs Vergessensein so niedrig liegt, nenne ich mal Henry Fielding. Sein Tom Jones ist nicht nur einer der ersten, wenn nicht der erste bürgerliche Roman schlechthin, er ist auch ein erzählerisches Wunderwerk.


    Unter den Portugiesen fällt mir Miguel Torga ein, unter den neueren Erzählern seines Landes ist er derjenige, dessen Erzählstil am deutlichsten den Landschaften entspricht, aus denen er stammte und von denen er erzählt: von archaischer Strenge des Trás-os-Montes, dem nordöstlichen Hinterland der Douro-Region. Torga ist eine der groteskesten Auslassungssünden des Nobelpreiskommittees.