Zenos Gewissen von Italo Svevo. Knapp die Hälfte ist absolviert, der Held Zeno Cosini beginnt gerade, seine Ehefrau zu hintergehen.
Es wird ja gerne gesagt, Svevo habe denselben Stoff dreimal in Romanfassung gebracht. Das ist wahrscheinlich nicht ganz falsch, die Helden sind untereinander auch nicht unähnlich. Die Unterschiede treten dafür in der zweiten Reihe deutlicher hervor.
Senilità ist bei aller ironischen Distanz im Kern ein recht ernstes Buch, in auktorialer Erzählung geht es um die seelische Verfassung des Helden selbst. Zenos Gewissen stellt dieses Verhältnis auf den Kopf: die Ausbreitung des Seelenlebens des Ich-Erzählers thematisiert zwischen den Zeilen etwas außerhalb liegendes, nämlich Freuds Psychoanalyse, und es ist in seinem launigen Tonfall an vielen Stellen ausgesprochen komisch.
Svevo soll sich ja eminent für die im Aufkommen begriffene Psychoanalyse interessiert und Freuds Schriften mit großer Akribie studiert haben. Als therapeutische Methode hielt er von ihr angeblich nichts, umso mehr interessierte sie ihn als literarische Form. Tatsächlich kann man die länglichen Kapitel, in denen Zeno Cosini seine Lebensgeschichte ausbreitet, wie Protokolle einer analytischen Sitzung (oder sagt man: Liegung?) lesen.
Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich auch die Frage, ob die Übersetzung des Originaltitels La Coscienza di Zeno mit "Zenos Gewissen" den vollen Doppelsinn wirklich ausschöpft. La coscienza bedeutet durchaus "Gewissen", allerdings auch - und in erster Linie - "Bewusstsein". Freud lässt da vielleicht mehr grüßen, als es die Übersetzung erfassen kann.
Und noch etwas ist auffallend: die Akribie, mit der Svevo Prozesse des Siechtums bis zum Tode schildern kann. In der Senilità trifft es die Schwester des Helden, im Zeno den Vater. Aber wir wollen die Analyse einmal ruhen lassen.