Beiträge von Diaz Grey

    Zenos Gewissen von Italo Svevo. Knapp die Hälfte ist absolviert, der Held Zeno Cosini beginnt gerade, seine Ehefrau zu hintergehen.


    Es wird ja gerne gesagt, Svevo habe denselben Stoff dreimal in Romanfassung gebracht. Das ist wahrscheinlich nicht ganz falsch, die Helden sind untereinander auch nicht unähnlich. Die Unterschiede treten dafür in der zweiten Reihe deutlicher hervor.


    Senilità ist bei aller ironischen Distanz im Kern ein recht ernstes Buch, in auktorialer Erzählung geht es um die seelische Verfassung des Helden selbst. Zenos Gewissen stellt dieses Verhältnis auf den Kopf: die Ausbreitung des Seelenlebens des Ich-Erzählers thematisiert zwischen den Zeilen etwas außerhalb liegendes, nämlich Freuds Psychoanalyse, und es ist in seinem launigen Tonfall an vielen Stellen ausgesprochen komisch.


    Svevo soll sich ja eminent für die im Aufkommen begriffene Psychoanalyse interessiert und Freuds Schriften mit großer Akribie studiert haben. Als therapeutische Methode hielt er von ihr angeblich nichts, umso mehr interessierte sie ihn als literarische Form. Tatsächlich kann man die länglichen Kapitel, in denen Zeno Cosini seine Lebensgeschichte ausbreitet, wie Protokolle einer analytischen Sitzung (oder sagt man: Liegung?) lesen.


    Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich auch die Frage, ob die Übersetzung des Originaltitels La Coscienza di Zeno mit "Zenos Gewissen" den vollen Doppelsinn wirklich ausschöpft. La coscienza bedeutet durchaus "Gewissen", allerdings auch - und in erster Linie - "Bewusstsein". Freud lässt da vielleicht mehr grüßen, als es die Übersetzung erfassen kann.


    Und noch etwas ist auffallend: die Akribie, mit der Svevo Prozesse des Siechtums bis zum Tode schildern kann. In der Senilità trifft es die Schwester des Helden, im Zeno den Vater. Aber wir wollen die Analyse einmal ruhen lassen.

    Ich bin bekennender social-media-Verweigerer und habe nicht den Eindruck, etwas verpasst zu haben. Bisher ist jede relevante Information bei mir angekommen, dem pausenlosen bleep-bing-und-brumm-Terror zu letztlich unwichtigem Anlass werde ich mich widersetzen, solange es eben geht. Wer smalltalk halten will, kann das gerne mündlich tun, ich bin ja kein Unmensch, aber täglich Stunden damit zuzubringen, auf ein Telefon zu starren - dazu ist mir die verbleibende Lebenserwartung zu teuer und die damit verbundene Reklameorgie zu nervend. Et ceterum censeo: wir kaufen nichts.

    Ich beherrschte es mal, nach einem Kurs im örtlichen Stenografenverein, so was gab es damals tatsächlich noch, als ich 15 war, also vor 50 Jahren. Dumm lief es aber nur etwas später, nämlich vor 49 Jahren, als ich mir den Ringfinger der rechten Hand so gründlich zertrümmerte, dass er nicht mehr in die Grundstellung zu bringen war. Tasteninstrumente vom Pianoforte bis zur Schreibmaschine adieu. Nur die Erinnerung, was wo ungefähr liegt, ist eben geblieben - die Ausrutscher, die mir unterlaufen, liegen immer unmittelbar nebeneinander.

    Doch, du erinnerst dich ganz richtig. Es gibt einen Dialog zwischen zwei Politikern, der von beiden Dolmetschern völlig verkehrt übersetzt wird. Das hat einen bestimmten Grund, aber an den habe ich leider auch vergessen. Mich hat das Buch damals nicht so sehr wegen des Inhalts beeindruckt, sondern wegen der Erzählweise, die bestimmte Motive und Gedanken immer wieder von neuem aufnimmt und jeweils anders verarbeitet. Damals habe ich selbst noch viel geschrieben, und ich weiß noch, dass ich mal in einer längeren Erzählung versucht habe, diesen Stil nachzuahmen. Sollte man wohl nie tun, aber das Experiment war lehrreich.

    Mrs Thatcher wurde meiner Erinnerung nicht gesagt. In der ganzen Szene war, wenn ich mich richtig entsinne, nur von unserem Staatenlenker bzw. ihrer Staatenlenkerin (oder so ähnlich) die Rede, was ich gerade wegen der gewollten Durchschaubarkeit der Maskerade urkomisch fand.

    Der – editorisch nicht ins Deutsche übersetzte – Titel des Romans charakterisiert den Helden Emilio Brentani zumindest äußerlich keineswegs: dieser ist gerade Mitte dreißig und arbeitet eher lustlos als Versicherungsangestellter. Zu Beginn lebt er in eingebildet überlegener Haltung in einer Mischung aus Zölibat und symbiotischer Lebensgemeinschaft mit einer jüngeren, aber auf die häusliche Sorge beschränkten und etwas verhärmten – gerade so vergreist, wie es manche sehr alte Eheleute pflegen und die „Greisenhaftigkeit“ des Titels rechtfertigt. Nebenbei hat Emilio eine in einem frühen Ansatz steckengebliebene Schriftstellerlaufbahn hinter sich, wie der Autor in diesem Alter übrigens auch.


    In diese erstarrende Existenz hinein fasst Emilio den Beschluss, ein möglichst unverbindliches Abenteuer zu wagen und gerät dabei an die junge Angiolina. Die Unverbindlichkeit scheitert allerdings früh: er verfällt der Geliebten mit allen Zügen einer Sucht. Das absehbare Scheitern der Beziehung liegt darin begründet, dass Angiolina etwas im Übermaß hat, was Emilio fehlt: Vitalität. Angiolina hatte – und hat noch immer – eine unbestimmte Zahl von Liebschaften bis hin zu einem von Emilio angeblich tolerierten Eheversprechen gegenüber einem Dritten, sie lügt, dass sich die Buchdeckel biegen und bleibt bei alledem völlig unbefangen. Emilio hingegen verharrt in seinem Suchtverhalten wie an eine Droge gekettet, in ständigem Wechsel von rauschhafter Sehnsucht und wild entschlossenen Gelübden, die verderbliche Verbindung endgültig, aber eben auch absolut formvollendet, aufzugeben.


    Neben den zwei Figuren der ersten Reihe gibt es noch ein zweites Paar, das in eine Mésalliance verstrickt wird, nämlich Emilios Schwester und sein Freund, der Künstler Stefano Balli. Balli ist in seiner barocken Vitalität ein perfektes Gegenstück zu Angiolina, darin allerdings auch lebensklug genug, sich mit ihr nicht vertieft einzulassen. Eine Begegnung mit Emilios Schwester Amalia wird von dieser in ihrer Weltferne aber völlig missverständlich aufgenommen und führt sie in ein tragisches Ende, das den ironischen Tonfall des Romans in einem Mollakkord enden lässt.


    Natürlich ist es legitim, das alles als ein Stück Befindlichkeitsprosa aufzufassen. Was es von dem gerne und intensiv betriebenen Psychologisieren beispielsweise eines Stefan Zweig abhebt, ist die ironische Distanz, die Italo Svevo zu schaffen verstanden hat, obwohl es hier erkennbar um Versatzstücke seiner eigenen Lebensgeschichte geht.


    Zur Sprache: Svevo gilt ja als einer der Gründerväter der modernen italienischen Literatur. In der deutschen Übersetzung lässt sich das kaum nachvollziehen, es sei denn man übersetzte seine Romane so ähnlich wie Wollschläger Joyce übersetzt. Zur Zeit der Entstehung dieses Romans war in der deutschen Literatur eine ähnlich schlanke Sprache längst üblich. Zu den wenigen Texten, etwa von Calvino und Moravia, die ich im Original vor mir hatte, ist in der Tat kein spürbarer stilistischer Bruch mehr zu erkennen. Das mag gegenüber dem Zeitgenossen und notorischen Flamboyant Gabriele d’Annunzio anders gewesen sein. Die paar Absätze, die ich in einem Original der Senilità las, lassen allerdings, abgesehen von einigen mir etwas fremd vorkommenden Präpositionen und ähnlichen Dingen, eines erkennen: noch heute kommentiert Tuttosport die Spiele der Serie A in der Regel „italienischer“, als Svevo, der Schwabe, von hundert Jahren seine Romane schrieb.

    Apropos Calvino: Ich habe mir endlich bei meiner letzten Medimops-Bestellung den "Reisenden in einer Winternacht" gegönnt und bin sehr gespannt. Meine Tochter ist begeistert davon. Bisher kenne ich von Calvino nur eine Erzählung über einen halbierten Baron.

    Viel Erfahrung habe ich von Italo dem Jüngeren ja auch nicht - es ist ein Einstiegsversuch in die neuere italienische Literatur; ansonsten kenne ich etwas Tabucchi, den wir eigentlich eher Portugal zurechnen sollten, dann, wie schon einmal genannt ein wenig von Italo dem Älteren (Svevo nämlich) und dann erst wieder Ariosto... In einem kleinen doppelsprachigen Erzählungsband "Racconti Italiani Moderni" fand ich den für Calvinos ironische Erzählhaltung anscheinend typischen Text "Il lettore sullo scoglio" - Der Leser auf der Klippe, eine ziemlich verwegene Mischung aus Erotik und Humor - dieser "Leser" hätte einem Loriot-Sketch entsprungen sein können.

    Italo Calvino: Herr Palomar. Ein Patchwork von kurzen Skizzen, in denen es jeweils um die überscharfe Beobachtung und Dekonstruktion alltäglicher Dinge geht - und die den Beobachter, den Signor Palomar, jeweils in einem wenig befriedigenden Zustand hinterlassen. Der Titel "Palomar" (im italienischen Original ohne einen Signor davor) ist Teil der leichtfüßigen Ironie, die die Texte durchzieht: auf dem Mount Palomar bei San Diego steht das legendäre Hale Observatorium, das das für einige Jahrzehnte größte Teleskop der Erde beherbergt. Und ja: die pingelige Akribie, mit der Herr Palomar seine Umwelt betrachtet, erinnert gelegentlich an die Texte in den gängigen Beobachtungshandbüchern für Amateurastronomen, in denen aus einem Minimum an Lichtausbeute ein Maximum an visueller Information gesogen wird.

    Mittendrin im Hesperus, und jetzt, mit gemessenem Abstand zum ersten Durchgang, fallen vermehrt Zusammenhänge auf, die damals noch untergingen in dem ungewohnten Feuerwerk eines Jean-Paul-Romans. Zum Beispiel die engen Parallelen zum Torso der "Unsichtbaren Loge": Viktor/Sebastian ist ein verbesserter Gustav, Klotilde eine ins schier Überdimensionale gesteigerte Beata, ihr Vater LeBaut trägt Züge des Röper, Flamin die des Guido, und Fenk tauscht mit Knef nur die Stellung der Buchstaben. Der künstliche Archipel der Unsichtbaren Loge könnte die Molukkeninsel beherbergen, auf der die Hundpostbriefe eingehen, und die Gefangennahme Viktors kann zwanglos mit der des Gustav verglichen werden.


    Im ersten Lesedurchgang war die terra incognita des Jean Paul einfach noch zu verwirrend, um solche Schneisen des Verstehens zu sehen. Wer immer sich einmal diese Romane Seite für Seite erkämpft hat, bitte lest es noch ein zweites Mal, es gehen überall die Lichter auf!

    Noch nicht ganz angefangen, aber morgen oder übermorgen: Hesperus von Jean Paul. Auch das wird der zweite komplette Durchgang sein, mit etwa 15 Jahren Abstand. Ich bin also vorgewarnt und werde, spätestens nach der letzten Vorrede, eine Personentafel erstellen.

    Faserland war nicht so interessant, ich kehre wieder zu meinen Freunden nach Argentinien zurück für kurze Zeit zumindest.


    Juan Carlos Onetti: Para una tumba sin nombre - Für ein Grab ohne Namen


    auch nur ein dünnes Büchlein

    Para una tumba sin nombre: Das begegnete mir in einer Erzählungssammlung als "Grab einer Namenlosen". Eine der Onetti-Erzählungen, die in dem ebenso fiktiven wie wandlungsfähigen "Santa Maria" spielt, aber nicht nur deshalb ein sehr typischer Onetti. Was die Lektüre so widerhakig macht, ist die höchst eigenwillige Metaphorik, die einen süffigen Lesefluss einerseits hemmt, andererseits gerade dadurch aber auch konzentrationsfördernd (und -fordernd) sein kann. Ich habe aus Anlass dieses Posts noch einmal an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen und fand, ohne langes Suchen, ein treffliches Beispiel:


    Der eine oder andere Kaktus, die Friedhofswand, Stein auf Stein, wiederholt ein Brüllen im unsichtbaren Grund des Nachmittags.

    Kehlmanns "Ruhm" ist inzwischen durchgelesen, und mein Eindruck einer Selbstspiegelung des Autors in der zitierten "etwas sterilen Brillianz" war anscheinend kein zufälliger. Jener "Leo Richter", der als Schriftsteller in fast allen Episoden irgendwie mitmischt, ist genau ein Selbstportrait von und mit Daniel Kehlmann. Das wird spätestens klar in der betörend schönen Episode "Rosalie geht sterben". Rosalie, das muss angemerkt werden, ist selbst in der Haupterzählebene keine reale Person, sondern eine Figur aus Leo Richters oevre, die in dieser Geschichte eine Restlebenserwartung von nur noch wenigen Wochen hat und sich entschließt, eine Sterbehilfeeinrichtung in der Schweiz aufzusuchen - nachdem sie ihrem Schöpfer, den Autor, vergeblich eine Lebensverlängerung abhandeln wollte, was dieser mit einem Verweis auf Rosalies Fiktionalität verweigerte. Im entscheidenden Moment, mit dem Todestrank schon in der Hand der Heldin, entschließt sich der Autor zu einem verwegenen Gnadenakt: er verjüngt sein Geschöpf um gut sechzig Jahre und lässt sie davonlaufen.


    Und ja, in der zweiten von zwei Erzählungen, die "In Gefahr" heißen, verwischen sich brachiale Realität und traumhafte Irrealität noch einmal in einem Zusammentreffen von Personen und Motiven aus den vorangegangenen Episoden.


    Es ist genau das Programm, das Kehlmann in seiner Frankfurter Poetikvorlesung ausgebreitet hatte, nachzulesen in seinem Buch "Kommt, Geister": das Bekenntnis zum magischen Weg.


    Abgesehen davon ist "Ruhm" ein ganz hervorragendes Buch, auch sprachlich turmhoch über der Erzählungssammlung von Clemens Setz ("Die Liebe in Zeiten des Mahlstädter Kindes"), die ich kürzlich in der Hand hatte.

    Zunehmende Tendenz, Klassiker aus dem 20. Jahrhundert zu lesen. Völlig okay, klar, trotzdem im Hinterkopf behalten, irgendwann unbedingt Jean Paul wiederzulesen. ETA Hoffmann, Arnim, Tieck ....................... Hölderlin.

    Derzeit aber:

    David Foster Wallace: Unendlicher Spaß.

    Daphne du Maurier: Rebecca.

    Mit Jean Paul bin ich schon dabei. In diesem Frühling (in welcher Jahreszeit sonst) ist das Wiedersehen mit dem Hesperus vorgesehen. Unter allen seinen Schriften hat dieser im ersten Kennenlernen vor gut 20 Jahren den tiefsten Eindruck auf mich hinterlassen - gerade wegen des planmäßigen Überschwangs auf allen Ebenen. Man muss wirklich aufpassen, dass man das Buch nicht zu schräg hält, sonst laufen die vielen Tränen heraus.

    Daniel Kehlmann: Ruhm.


    Fehlte mir noch in der Kehlmann-Sammlung, warum weiß ich auch nicht. Hat man schon mehr von ihm gelesen, ist da die Freude des Wiedererkennens. An einer Stelle im zweiten Kapitel ("In Gefahr"), das unter anderem von einem Schriftsteller handelt, der ihm nahestehende Menschen zu Personen seiner Werke zu machen pflegt, musste ich grinsen. Es heißt dort:

    Zitat

    Leo Richter...der Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten von einer leicht sterilen Brillianz..."

    Wenn es etwas gibt, was das Wiedererkennen eines Kehlmann-Textes erleichtert, dann ist es genau diese Charakterisierung. Und zumindest die erste Hälfte dieses Episodenromans hat auch genau die Anmutung der Kehlmann-Schriften vor dem "Tyll": als lege es ein Tausendsassa darauf an zu zeigen, was er alles kann. Offensichtlich brauchte Kehlmann einmal eine so monumentale Folie wie den Dreißigjährigen Krieg als angemessenen Gegner.

    Etwas Maritimes, und obendrein ein Sachbuch - mit literarischem Bezug.


    Melville's Moby-Dick greift für das äußere Gerüst der Erzählung bekanntlich auf die Geschichte des Walfängers "Essex" zurück, der im Pazifischen Ozean von einem Pottwal angegriffen und versenkt wurde. Den auszugsweisen Bericht eines Überlebenden findet man übrigens im Anhang zum Moby-Dick in der Zweitausendeins-Edition der Rathien-Übersetzung.


    "Im Herzen der See" von Nathaniel Philbrick rekonstruiert die Reise der "Essex" noch einmal, aber darum herum behandelt er die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Walfang im 19. Jahrhundert bedingten - und natürlich auch die Bedingungen des Walfangs selbst. Ein umfangreicher Anmerkungsteil verweist auf die Quellenlage, durchaus auch in kritischer Betrachtungsweise.

    Die Zitierweise des Titels zeigt an, welche Edition mir vorlag: es ist die aus der Edition Suhrkamp. Einige andere deutsche Ausgaben nennen den Titel „Der alte Herr und das schöne Mädchen“. Gemessen am Originaltitel („La novella del buon vecchio e della bella fanciulla“) ist die Suhrkamp-Version die genauere; hauptsächlich ist ein „buon vecchio“ nicht schlechthin jede Art von „altem Herrn“. Das „buon“ transportiert also einen eigenen Sinn.


    Dieser gute alte Herr aus einer Zeit, die sich auch ohne Nennung einer Jahreszahl auf den ersten Weltkrieg eingrenzen lässt, beginnt aus einer momentanen Faszination heraus ein Verhältnis mit einem schönen Mädchen, über alle Alters- und Klassenschranken hinweg; verführt sie wohl auch, was aber züchtig hinter dem Erzählhorizont bleibt, und gerät darüber in moralische Verwicklungen, die er auf zunächst zwei Wegen zu lösen sucht: er verschiebt das moralische Motiv auf seine junge Freundin, und er definiert seine Rolle als hauptsächlich geistig-moralischer, daneben aber auch als materieller Wohltäter. Die materiellen Wohltaten sind wohl klein, reichen aber aus, das naturbuntschöne Mädchen nach und nach in seidige Hüllen zu kleiden, was den guten Alten nicht wenig irritiert. In den zunehmenden Verwirrungen ereilt ihn ein mit einer verstörenden Traumvision verbundener Herzanfall, der ihn zu weiterer Kontemplation veranlasst. Aus ihr heraus beginnt er das Schreiben an einem opus maximus über das Verhältnis zwischen Jugend und Alter, voll von hochfahrenden unausgegorenen Ideen, und begonnen (!) mit einem monströsen Vorwort. Selbstverständlich bringt er die Arbeit nicht zu Ende, er stirbt am Schreibtisch über einer ungelösten Frage.


    Italo Svevo, eigentlich Aron Hector Schmitz, gilt heute als einer der Väter der modernen italienischen Prosadichtung. Die Geschichte vom alten Herrn ist ein Spätwerk, wie es viele Spätwerke sind, in grundsätzlich heiterer, gelassener Sprache und Stimmung, voller ironischer Zuneigung zu dem Helden. Aber da ist noch etwas, was in den Feuilletons, die jede Neuauflage begleiten, etwas unter den Tisch fällt. An drei oder vier Stellen gibt es beiläufige Ausblicke auf die Schrecken der Zeit, in der die hübsche Geschichte spielt, denn im Hintergrund donnern buchstäblich die Kanonen. Der Schauplatz ist, wie wohl bei allem, was Svevo schrieb, die Stadt Trieste, und die Kanonen, die dort zu hören sind, donnerten entlang des Isonzo-Flusses. In den Isonzo-Schlachten von Mai 1915 bis zum November 1917 betrugen die Verluste auf beiden Seiten über eine Million Mann, am Ende ohne greifbaren territorialen Gewinn für eine der beteiligten Seiten. Eine in der Tat elegante Weise, Leser*innen klar zu machen, dass die Anekdoten von guten alten Herren und ihrer Techtelmechtel mit schönen jungen Mädchen nicht über die Maßen überhöht werden sollten. Altersweisheit eben.

    Ich möchte an @sandhofers Post anschließen und allen Weimarer Besuchern, die vielleicht auch Wieland mögen, den Besuch des Wielandgutes im nahe gelegenen Oßmannstedt ans Herz legen, eine wunderschöne schlossartige Anlage mit historischer Inneneinrichtung, Parkanlage und Wielands Grabstätte an der Ilm.
    Für mich ein wunderbarer, wie aus der Zeit gefallener Ort, der ganz zu dem Charme von Wielands Romanen passt.

    Ausgezeichnete Empfehlung! Wer beide Wirkungsstätten Wielands kennt, staunt auch über den Kontrast zu dem Gartenhaus in Biberach - nicht nur des Größenunterschiedes wegen, sondern auch wegen der epischen Verschandelung der Lage durch die angrenzende Rückfront der Kreisverwaltung.

    Na, dann mache ich mal den Anfang - als bekennender Jean-Paul-Bewunderer.


    Natürlich weiß ich, wo der Reichsmarktflecken Kuhschnappel liegt, und Flachsenfingen und Scheerau. Es sind Chiffren für Hof, den Ort seiner Schulzeit, mit dem ihn eine lebenslange Aversion verband. Aber das möchte ich nicht vorstellen, sondern drei Orte, die keine zehn Kilometer voneinander entfernt liegen.


    Das eine ist das Grab des Dichters auf dem Friedhof in Bayreuth, ein unscheinbarer Findling, dessen Inschrift die Grabstätte als die seine und die seines Sohnes Max Emanuel ausweist, von Efeu dicht umwuchert. Ein Blatt des Bewuchses liegt, mumufiziert, im Buchblock meines "Siebenkäs". Die Grabstätte liegt, wenn man von der Stadtseite aus den Friedhof durchquert, rechts des Mittelgangs, und man kann auf Anhieb schon einmal vorbeilaufen, also aufpassen!


    Verlässt man den Friedhof in westlicher Richtung, gelangt man auf der B 22 nach etwa 4 km alsbald nach Eckersdorf-Donndorf. Unmittelbar links der Bundesstraße liegt ein zentraler Schauplatz des "Siebenkäs", Schloss Fantaisie. Es ist nun nicht das ganz große umwerfende Baudenkmal, und es soll in den vergangenen 200 Jahren auch äußerlich verändert worden sein; aber die Anmut der Gesamtanlage mit ihrer talseitigen Gartenlandschaft ist bestechend. Genau so ein Ort ist dem Lustwandeln des Firmian Siebenkäs mit seiner verehrten Natalie gemäß.


    Und wenn wir schon einmal dabei sind: verlässt man Bayreuth auf derselben Bundesstraße nach Osten, erreicht man nach wiederum etwa 5 km die "Rollwenzelei", einstmals der Gasthof der Familie Rollwenzel, in dem der Dichter in seinen späten Jahren seinen Arbeitsmittelpunkt unterhielt und den Berichten nach erkleckliche Mengen an Kartoffeln, Salat und fränkischen Bieres vertilgte. In dem Gebäude ist das Arbeitszimmer des Dichters erhalten und wird hoffentlich bald wieder zur Betrachtung und Kontemplation offenstehen.

    Das bringt mich dazu, ob wir hier nicht mal einen Faden zu literarisch interessanten Orten und Landschaften eröffnen sollten, denn ich denke, viele von uns gehen auf ihren Reisen auch gerne solchen Verweisen nach.

    Zum Beispiel Wandern mit Jean Paul - gerne. Nur, wo liegt noch gleich Kuhschnappel?


    Aber die Idee ist gut (*schubs*).