Zitat von scardanelli
Der Conrady ist wie alle Anthologien von Übel;
Ich habe von Anthologien noch kein Übel erfahren, auch beim Conrady drohen keine unheilvollen Auswirkungen - außer vielleicht, wenn er einem aus Versehen auf den Fuß fällt: bei einem solchen Fall wäre ein dünner Gedichtband natürlich das geringere Übel.
Eine gute Anthologie ist von großem Nutzen: man bekommt einen schnellen Überblick über ein bestimmtes Gebiet. Bei mir im Regal stehen u. a. Anthologien mit den Titeln <i>Portugiesische Lyrik</i>, <i>Japanische Lyrik</i>, <i>Moderne chinesische Lyrik</i>, <i>Moderne arabische Dichtung</i> (= "Die Farbe der Ferne", hrsg. von Stefan Weidner, gefiel mir sehr gut), <i>Gedichte aus Europa</i> (= "Schönes Babylon", hrsg. von Gregor Laschen, sehr schön, jeweils mit Originaltext und mindestens einer Übersetzung, manchmal sogar mit zwei verschiedenen deutschen Übersetzungen).
Natürlich kann in solchen Anthologien etwas Wichtiges fehlen oder etwas Unwichtiges enthalten sein, aber was wäre denn die Alternative? Soll ich mir blind irgendwelche Einzelbände kaufen oder ausleihen? Das wäre doch unsinnig. Ich könnte in Literaturlexika nachschlagen und mir eine Liste mit lesenswerten Gedichtbänden erstellen. Eine Anthologie finde ich da aber viel praktischer, sie ist nicht nur eine bloße Liste, sondern ich habe auch gleich die Texte vor Augen; und wenn ich der einen Anthologie nicht recht traue, dann besorge ich mir eben noch eine zweite zum selben Thema. Wenn mir in einer Anthologie der ein oder andere Dichter auffällt, dann beschaffe ich mir den entsprechenden Einzelband. Beispielsweise wäre ich nie darauf gekommen, mir den Gedichtband <i>Trommel aus Stein</i> des guatemaltekischen Dichters Humberto Ak'abal zu kaufen, wenn ich nicht ein geniales Gedicht von ihm in der Anthologie <i>Minima Poetica</i>, hrsg. von Joachim Sartorius, gelesen hätte. Auch auf Oswald Egger wurde ich durch diese Anthologie aufmerksam und habe mir dann seinen Gedichtband <i>Nichts, das ist</i> gekauft. Dieser Band hat mir großen Spaß gemacht, ein Muß für Freunde der hermetischen Dichtung. 
Es gibt auch thematische Anthologien, ich habe u. a. Sammlungen mit Gedichten übers Essen, die schönsten Rosengedichte, blaue Gedichte (Gedichte, in denen die Farbe Blau vorkommt, gibt's auch für andere Farben), deutsche Naturlyrik, Liebesgedichte von Frauen (das Gegenstück "Liebesgedichte von Männern" gibt es ebenfalls), komische deutschsprachige Gedichte des 20. Jahrhunderts (darin ist übrigens auch Paul Celan vertreten).
Diese und die anderen Anthologien in meinem Bücherregal sollen von Übel sein? Und nicht nur die, sondern sogar "alle" Anthologien? Ich glaub's nicht. 
Noch ein Beispiel für den Nutzen von Anthologien: In Deinem threaderöffnenden Eingangsposting nanntest Du eine Reihe von Dichtern von Trakl bis Bachmann, die mir bis auf eine Ausnahme alle bekannt waren und die ich größtenteils sehr schätze, weshalb ich von ihnen auch Einzelausgaben besitze, von Lenau zugegebenermaßen nur eine ererbte Ausgabe, in der ich aber früher viel herumgelesen habe. Ich kannte also wie gesagt alle, nur diesen einen nicht: Ernst Meister. Von ihm hatte ich deshalb natürlich auch keinen Gedichtband, aber ich griff zur nächstgelegenen mir geeignet erscheinenden Anthologie, das war nicht der Conrady, der etwas entfernter in einem Nebenzimmer stand, sondern: <i>Jahrhundertgedächtnis: Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert</i>, hrsg. von Harald Hartung. Darin war Ernst Meister glücklicherweise vertreten, und ich konnte gleich einige seiner Gedichte lesen. Na, bitte. 
Zitat von scardanelli
[...] da mischt sich immer (sehr selten) Großartiges mit viel Mittelmaß und einigem an Minderwertigem.
Es gibt sogar eine Anthologie, die den kuriosen Untertitel trägt: "Poesie deutscher Minderdichter vom 16. bis zum 20. Jahrhundert". Da hat sich der Herausgeber bemüht, nur zweit- und drittklassiges zu versammeln. 
Von Borges gibt es übrigens das Gedicht "An einem minderen Dichter der Anthologie".
Zitat von scardanelli
Zudem ist C. zu tolerant gegenüber Nazis; eine Agnes Miegel oder gar ein Heinrich Anacker gehören einfach nicht erinnert (zumal dies anderen, besseren den Platz wegnimmt); das ist diese typisch sozialdemokratische Toleranz, die keine Grenze kennt und damit zur Beliebigkeit verkommt.
Weshalb die Toleranz gegenüber Nazis nun ausgerechnet eine typisch sozialdemokratische Toleranz sein sollte, kann ich nicht nachvollziehen.
Zu den "Nazi-Gedichten" hat sich Conrady ja schon öfter geäußert, in einem Interview, das man im Netz nachlesen kann, sagte er:
Zitat
»Ich wollte eine Dokumentation der unterschiedlichen Spielarten von Lyrik in deutscher Sprache, keinen Kanon der Meisterwerke deutscher Lyrik. Die sind zwar hoffentlich dabei, aber eben auch Gedichte, die man nur kritisch lesen kann. Ich habe auch einige Beispiele der Lyrik aus der Zeit des Dritten Reiches aufgenommen – natürlich abgesichert durch eine Fußnote und durch Erläuterungen im Vorwort. Denn solche Gedichte waren ein markanter Teil der NS-Selbstdarstellung.«
Deinen Vorwurf, daß ein solches Vorgehen "anderen, besseren den Platz wegnimmt", halte ich für aus der Luft gegriffen. Welche besseren Dichter sind denn deswegen tatsächlich aus Platzgründen weggefallen?
Zitat von scardanelli
Die Behauptung, Gedichte seien zum Laut-Lesen gedacht, ist eine immer wieder vorkommende, die durch die Wiederholung nicht wahrer wird.
Die Nähe der Gedichte zum Lied ist doch unübersehbar, was man nicht nur an der Etymologie von Wörtern wie "Lyrik", "Ballade", "Elegie", "Sonett" erkennen kann. Der Reim und auch das Versmaß betreffen doch in erster Linie die Lautung, nicht die Schreibung. Beim traditionellen Auswendiglernen von Gedichten geht es um die Wiedergabe der Lautform, nicht um die schriftliche Wiedergabe; dazu müßte man sich ja die genauen Satzzeichen merken, das ist doch völlig unüblich.
Für Dichter wie Ernst Jandl, Robert Gernhardt oder Oskar Pastior war das Vorlesen ihrer Gedichte nicht irgend etwas Zweitklassiges oder Unwichtiges, nein, dadurch wurde das Gedicht erst richtig erschlossen und sein Potential ausgeschöpft, was durch die Schriftform allein nicht möglich gewesen wäre. Thomas Kling hat Gedichtbände mit beigelegten CDs veröffentlicht, beispielsweise den Band "Fernhandel", den ich im Regal stehen habe. Auf den CDs spricht er seine Gedichte, es war ihm wichtig, daß man das nicht nur liest, sondern auch hört.
Zitat von scardanelli
Wie gesagt, mir ist das Schriftbild viel wichtiger und ich kann mir auch beim Leise-Lesen die Klanggestalt vorstellen.
Natürlich kann man sich das vorstellen; es gibt sogar Menschen, die sich vorstellen können, wie eine Sinfonie klingt, wenn sie nur das Notenblatt vor sich liegen haben. Aber dazu muß man vorher schon viel gehört haben, sonst funktioniert das nicht. Und selbst wenn man sich das wirklich genau vorstellen könnte, macht es trotzdem Spaß, sich eine bestimmte Interpretation anzuhören, wenn das Stück von jemandem vorgetragen wird, der Ahnung von der Sache hat.
Das Hören ist eine Erweiterung und Bereicherung, auf die ich nicht verzichten wollte. Paul Celan lese ich nicht nur gerne, sondern ich habe auch Hörbücher von ihm: <i>Ich hörte sagen</i>, wo er selber vorliest und die CD <i>Gedichte von Paul Celan</i>, wo Christian Brückner Celan-Gedichte vorträgt.
Als vor einiger Zeit das Hörbuch <i>Das Schmetterlingstal</i> von Inger Christensen herauskam, habe ich mir das sofort gekauft und voller Freude angehört. Gelesen hatte ich den Sonettenkranz <i>Das Schmetterlingstal</i> schon mehrmals, er wird als Meisterwerk der europäischen Poesie bezeichnet, nicht zu Unrecht, ein wunderbares und beeindruckendes Werk. Im Hörbuch trägt Hanna Schygulla die deutsche Übersetzung vor, die Dichterin Inger Christensen liest das dänische Original <i>Sommerfugledalen</i>. Ich bin sehr froh, daß ich das nicht nur lesen, sondern auch hören konnte.
Schöne Grüße,
Wolf