Beiträge von Wolf

    Hallo zusammen,


    etwas störend an der "Über-70-Jahre-tot-Definition" finde ich, daß sie sich auf den Autor bezieht, nicht auf das Werk. Ob ein hundert Jahre alter Roman ein Klassiker ist, kann doch wohl nicht davon abhängen, wieviele Jahre der Autor nach Entstehung dieses Werkes noch gelebt hat. Franz Kafka und Ernst Jünger waren Zeitgenossen, aber der eine starb sehr jung, der andere erst im hohen Alter.


    Zitat von "sandhofer"


    Das ist, wie ich finde, ein wichtiger Punkt: Auch "Klassiker" halten nicht unbedingt und nicht unbedingt alle eine Ewigkeit. Die meisten Autoren haben so etwas wie ein Verfalldatum, ein Datum, nach dem sie nicht mehr gelesen werden. Mein Lieblingsbeispiel ist da Klopstock.


    Klopstock wurde bekanntlich schon zu Lessings Zeiten viel gelobt, aber wenig gelesen. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "klassikfreund"


    Wer gelesen werden will, der kümmere sich bitte auch um eine angenehme Lesbarkeit.


    Das ist schon richtig, aber das Problem ist, daß ein und dieselbe Webseite auf unterschiedlichen Computern normalerweise auch unterschiedlich aussieht. Jetzt läuft bei mir gerade ein Linux, da sieht es ganz anders aus als vorhin unter Windows. Auf xenophanes' Bildschirm sieht das alles anscheinend recht annehmbar aus, sonst hätte er diesen Style wohl kaum verwendet. Auch einigen anderen Leuten gefällt dieses Design offenbar, es ist ja nichts Selbstgestricktes, sondern ein vorgefertigter Style, den schon einige Leute zu Gesicht bekommen haben. Die Geschmäcker sind halt verschieden.


    Die engen Buchstaben werden jedenfalls durch das negative "letter-spacing" erzeugt. Das kann entweder der Webseitenersteller ändern oder derjenige, der die Webseite aufruft. Wenn beide Seiten den damit verbundenen Aufwand scheuen, müssen sie das eben so hinnehmen, wie es ist.


    Hierbei sieht man übrigens sehr schön, wie dämlich Computer heutzutage immer noch sind. ;-) Denn eigentlich müßtest Du Deinem Computer nur sagen, daß die Buchstaben zu eng stehen, und er die Buchstaben etwas weiter auseinanderziehen soll. Dann könntest Du ihm noch sagen, daß er bei der Gelegenheit auch noch die Farben der Links ändern soll und vielleicht noch einen blaßblauen Hintergrund einfügt. Aber so etwas versteht ein Computer nicht, oder allenfalls dann, wenn man sich auf das Niveau des Computers herabläßt und minutenlang merkwürdige Befehle à la padding: 0px 10px 0 10px; in die Tastatur tippt. Und wehe, man vergißt dabei einen Strichpunkt oder eine geschweifte Klammer! Dann stellt sich der Computer total auf stur und macht gar nichts mehr. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo xenophanes,


    ja, ich kann das gut verstehen, daß Du Dich lieber auf Deine Inhalte konzentrieren willst, statt Deine Zeit mit irgendwelchen widerspenstigen Style-Sheets zu verplempern. :-) Außerdem kann ja, wie gesagt, jeder Besucher Deiner (oder auch jeder anderen) Website ein lokales Style-Sheet anlegen, das die Anzeige so ändert, daß sie den eigenen Wünschen entspricht. Diese Möglichkeit bietet eigentlich jeder moderne Browser. Man erzeugt eine entsprechende Textdatei und bindet sie dann in den Browser ein. Bei Interesse einfach mal nach lokale Style Sheets oder User Style Sheets googeln. Es gibt etliche deutsch- und englischsprachige Seiten, auf denen das mehr oder weniger detailliert erklärt wird.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo xenophanes,


    das Ineinanderfließen der Buchstaben finde ich ebenfalls sehr störend. Das könnte man aber recht einfach ändern. Schau mal in Deine CSS-Datei unter koellerer.net/wp-content/themes/classic/style.css
    Dort findest Du eine Zeile, die so lautet: letter-spacing: -1px;
    Dieses "letter-spacing" bestimmt den Buchstabenabstand, in Deinem Fall hat er einen negativen Wert, d.h. die Buchstaben rutschen näher zusammen, was zwar einen besseren Blocksatz ergibt, aber schlecht lesbar ist.
    Ändere das mal probehalber in: letter-spacing: normal;
    Danach sollten die Buchstaben den normalen Abstand haben, das sieht dann besser aus.


    Diejenigen, denen das Design nicht paßt, können es ja auch lokal bei sich so definieren, daß es gut aussieht. Für Firefox gibt es das Add-On Stylish, das diese Arbeit etwas erleichtert. Hinreichende Computerkenntnisse sind aber trotzdem notwendig. ;-) Außer man kopiert sich fertige Styles irgendwoher. Man könnte beispielsweise folgende Definition für das Add-On Stylish benutzen:



    Nach der Aktivierung dieser Style-Definition sollte das Ineinanderfließen der Buchstaben weg sein, außerdem werden die einzelnen Blogeinträge mit einem zartgelben Hintergrund versehen. Dies nur mal als Beispiel, man kann auch die Schriftarten und -größen beliebig definieren und auch so ziemlich alles andere, da ist man überhaupt nicht auf den Webdesigner angewiesen, das geht alles lokal auf dem eigenen Rechner. :-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen,


    ich habe mir gerade mal ihre letzte Sendung mit dem Gast Richard David Precht angesehen; die Aufzeichnung gibt's übrigens in zwei Formaten: "HD" und "Standart"[!] :breitgrins: Gegen Ende der Sendung (wer's nachhören will: etwa ab der 19. Minute) kam bei der Vorstellung eines Bildbandes die Rede auf den Schriftsteller Gottfried Keller. Elke Heidenreich meinte, Keller sei ein ganz unglücklicher Mensch gewesen, kleinwüchsig, nicht besonders ansehnlich:


    Heidenreich: "Er hat sich immer 'ne Frau gewünscht, mit 46 hat er sich dann endlich verlobt, sie war 23, und sie hat sich sofort in der Verlobungszeit schon ertränkt."
    Precht: "Er war auch ein erschreckend humorloser Mensch."
    Heidenreich: "Ja, ganz seltsam."


    Wie kommt er ausgerechnet bei Keller auf "humorlos"? Bei meiner bisherigen Gottfried-Keller-Lektüre hatte ich überhaupt nicht den Eindruck, daß das ein humorloser Schriftsteller wäre, ganz im Gegenteil. Interessehalber habe ich deshalb gerade noch einmal im Brockhaus und in zwei Literaturlexika nachgeschlagen: in allen drei Artikeln über G. Keller ist ausdrücklich von seinem Humor die Rede. Das beruhigt mich. Dann scheint ja mein Humordetektor doch nicht defekt zu sein. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Dostoevskij,


    Zitat von "Dostoevskij"


    Die Zeit, der Aufwand, die Energie, die für Selektion der wichtigen Bücher draufgeht. Ich hasse gewissermaßen die Fülle, weil ständig Entscheidungen vonnöten sind. Bei ALDI bin ich ruckzuck durch. Ich weiß, was ich brauche, wo es steht und verschwende keine weiteren Gedanken.


    und bei einem Buch möchtest Du ebenfalls ruckzuck durch sein und keine weiteren Gedanken daran verschwenden? :breitgrins: Für mich gehören die Gedanken und Tätigkeiten vor und nach der eigentlichen Lektüre zum Lesevergnügen dazu. Auch das Lesen und Schreiben in Foren über bereits gelesene oder noch zu lesende Bücher macht mir Freude, und ich empfinde das keineswegs als eine bedauerliche Zeitverschwendung, die mich vom Bücherlesen abhält.


    In Online-Bibliothekskatalogen und Antiquariatsangeboten zu lesen und zu suchen macht mir ebenfalls großen Spaß. Ich stöbere auch gerne in Google-Books und in anderen Sammlungen von Digitalisaten herum und freue mich, wenn ich auf seltene Bücher stoße. Ein Beispiel hierfür ist Kotzebues skandalträchtige Schmähschrift "Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn", die er unter dem Namen Knigges veröffentlichte und die scharfe Angriffe enthält (u.a. gegen Lichtenberg), die teilweise unterhalb der Gürtellinie angesiedelt sind (kann man unter http://dspace.utlib.ee/dspace/handle/10062/2661 als PDF herunterladen). Ein Blick ins ZVAB zeigte mir, daß man davon sogar ein Original kaufen kann, außerdem wird ein Nachdruck aus dem Jahr 1907 in mehreren Exemplaren angeboten, bei booklooker sogar eines für deutlich unter 30 Euro. Allerdings ist dieser Nachdruck offenkundig auf schlechtem Papier gedruckt, das im Laufe der Zeit braun und brüchig wird. Deshalb habe ich ihn mir nicht gekauft, sondern begnügte mich mit dem heruntergeladenen Digitalisat, das ich bislang allerdings nur angelesen habe, weil ich keinen Drang verspüre, es vollständig zu lesen; es reicht mir, wenn ich weiß, daß ich es lesen könnte, wenn ich es wollte. :-) Die Zeit, die ich mit diesem Pasquill verbracht habe (dazu gehört auch das Nachschlagen in Literaturlexika, in denen dieses Werk erwähnt wird), empfinde ich nicht als Verschwendung, obwohl ich am Ende nicht einmal ein richtiges Buch in Händen hielt, und ich die heruntergeladene PDF-Kopie gar nicht vollständig gelesen habe.


    Zitat von "Dostoevskij"


    Bei kaufland stehe ich vor Regalen, in denen es Dutzende von Auswahlmöglichkeiten gibt. Das treibt mich in den Wahnsinn.


    Der Trick ist eben, sich nicht den Inhalt jedes Regals genau anzuschauen. Mut zur Lücke! :-) Außerdem hat man anders als bei Lebensmittelregalen ja bei Bücherregalen den Vorteil, daß sie meist durch Kataloge erschlossen sind. Im Internet gibt es die OPACs für die Bibliotheksregale, und für Digitalisate gibt es teilweise auch schon brauchbare Übersichtslisten, wie etwa die Listen bei Wikisource, als Beispiele hier mal die Listen für gemeinfreie Wörterbücher oder für Autorinnen. Wikisource ist übrigens nicht mit Wikipedia zu verwechseln, das sind zwei verschiedene Projekte. Den E-Texten bei Wikisource ist immer ein Digitalisat (elektronisches Faksimile) zugeordnet, in dem man die Richtigkeit des E-Textes nachprüfen kann.


    Aber wieder zurück zu Deinem angesprochenen Problem: Mit der Fülle mußt Du Dich als Bibliophiler und Vielleser nun einmal arrangieren. Auch bei einer Beschränkung auf 30 oder 50 Autoren bliebe ja das Problem der Auswahl: was soll man von wem lesen und in welcher Reihenfolge und wie oft?


    Wenn Du in Deinem Bücherleben das Gefühl hast, etwas zu versäumen, dann kannst Du dieses "mulmige Gefühl", diese "Unzufriedenheit" doch auch positiv sehen: das treibt Dich dazu an, neue Bücher zu lesen. Und was die angesprochenen dicken Wälzer unter den Klassikern betrifft: von denen kann man eben nicht mehrere im Monat lesen, das wäre Verschwendung, sie sind zu gewichtig, die kann man nicht so schnell verdauen.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Linda,


    Zitat von "Linda"


    ich frage mich, warum der Anfang der Epoche "Aufklärung" immer mit 1700 angegeben wird.


    wie kommst Du auf "immer mit 1700"? Wenn Du einmal in einigen Allgemein- und Fachlexika unter dem Stichwort "Aufklärung" nachschlägst, wirst Du feststellen, daß da keineswegs immer das Jahr 1700 als Anfangspunkt genannt wird. Epocheneinteilungen sind meistens ohnehin nur mehr oder weniger grobe Einteilungen. Wenn man die Aufklärung als europäische Erscheinung betrachtet, dann wird man feststellen, daß es da zwischen den einzelnen Ländern zeitliche Unterschiede gibt. Für Deutschland wird die Aufklärung meist im 18. Jh. angesiedelt, womit aber nicht gemeint ist, daß sie genau 1700 begonnen hat. Manchmal wird der Beginn mit 1720 angegeben, was sich ungefähr mit dem Erscheinen der ersten "aufklärerischen" Schriften des Philosophen Christian Wolff deckt. Bisweilen differenziert man noch weiter und setzt vor die Aufklärung noch die "Frühaufklärung" und läßt am Ende noch die "Spätaufklärung" folgen. Man kann diese Epoche auch sozialgeschichtlich betrachten, dann kommt es weniger auf die Erscheinungsdaten bestimmter literarischer Werke an, sondern darauf, ob und wann sich das Handeln und Denken in einzelnen Bevölkerungskreisen entsprechend geändert hat. Man könnte auch untersuchen, ab wann im Deutschen das Wort "Aufklärung" im hier diskutierten Sinne verwendet wurde. Das tat anscheinend schon Kaspar Stieler gegen Ende des 17. Jahrhunderts.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "Dostoevskij"


    Das Buch sei "die letzte Bastion des Analogen", soll Amazon-Gründer Jeff Bezos gesagt haben...


    Bei den Armbanduhren konnte die Digitalanzeige die Analoganzeige nicht verdrängen; auch die rein mechanischen Uhren gibt es immer noch, und mit denen wird vermutlich sogar das meiste Geld verdient.


    Auf boersenblatt.net gab es Anfang Dezember einen Artikel, in dem die Schwierigkeiten der Buchverlage deutlich wurden, mit E-Books Geld zu verdienen:


    Zitat


    Einigermaßen ernüchternd fiel der Vortrag von Ralf Müller aus, Geschäftsführer bei Droemer Knaur. Er rechnete die Investitionen und die möglichen Umsätze im E-Book-Bereich vor und kam dann zu folgendem Schluss: "Falls sich die Umsätze hier in nächster Zeit vertausendfachen sollten, dann wird Droemer Knaur seine bislang geleisteten Investitionen in siebzehn Jahren eingespielt haben."


    http://www.boersenblatt.net/295305/


    In Deutschland werden E-Books übrigens mit dem vollen Mehrwertsteuersatz von 19 % besteuert. Das betrifft nicht nur die Lesegeräte, sondern auch die E-Book-Dateien, die man sich kauft. Bücher aus Papier werden dagegen nur mit 7 % MWSt besteuert. Bei gleichem Nettopreis sind E-Bücher im Endverkauf also gut 11 Prozent teurer als herkömmliche Bücher. Natürlich kann ein Verlag ein E-Buch billiger herstellen als ein Papierbuch, aber ein Teil der Einsparungen geht wegen der höheren Mehrwertsteuer wieder verloren.


    Wenn hier im nächsten Frühjahr der <i>Sony Reader PRS 505</i> eingeführt wird, dann ist der ja auch schon eineinhalb Jahre alt. Wahrscheinlich kostet dieser lahme Uraltcomputer dann auch noch ein Heidengeld. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo,


    das gibt's im Netz auch auf deutsch: Wieland übersetzte das unter dem Titel "Der ungelehrte Büchernarr", man kann das hier nachlesen:
    http://books.google.de/books?id=gLQYAAAAYAAJ&pg=PA33
    Hier noch ein anderes gescanntes Exemplar mit demselben Text:
    http://books.google.de/books?id=yxoTAAAAQAAJ&pg=PA33


    Ich zitiere hier mal die einleitende Fußnote Wielands:


    Zitat


    Wie lächerlich auch die Sucht eines Ungelehrten, eine große und kostbare Bibliothek zu sammeln, gemacht werden kann, so muß man doch gestehen, daß sie eine der unschuldigsten Thorheiten ist, die ein reicher Mann begehen kann. In unsern Zeiten könnte sie sogar gemeinnützig genannt werden; wenigstens befinden sich sowohl Buchhändler als Schriftsteller in Frankreich sehr wohl bey der Mode, daß in jedem vornehmen oder reichen Hause ein Bibliothekzimmer eben so unentbehrlich ist als ein Gesellschaftssaal; ja daß sogar der Mann und die Frau im Hause jedes seine eigne Bibliothek hat. Vermutlich hatten die Gelehrten zu Lucians Zeiten hierüber ein anderes Interesse, und es mochte ihnen wohl mehr daran gelegen seyn, daß die guten Bücher durch allzu große Concurrenz ungelehrter Käufer nicht zu sehr vertheuert als daß die Buchhändler reicher würden. Wie dem auch seyn mag, die gegenwärtige Personalzüchtigung eines Ungenannten ist viel zu heftig und beleidigend, um einen andern directen Beweggrund auf Seiten des Verfassers vermuthen zu lassen, als Groll und Rache wegen irgend einer von dem unglücklichen Gegenstande derselben empfangenen Beleidigung; und wenn unsre Leser diese Lucianische Gallen-Erleichterung bey allem Witz der sich mit darein ergossen hat, mit unter etwas langweilig finden sollten, so liegt es wenigstens nicht daran, daß ich ihnen nicht einen großen Theil der Tautologien, die sich L. erlaubt, erspart haben sollte.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "Sir Thomas"


    Es ist nicht unbedingt der Untergang des Abendlandes, wenn der Bildungsbürger sein Wissen nicht mehr in Brockhaus-Regalmetern zur Schau stellen muss.


    Das geht ja zur Not auch mit einem antiquarischen Brockhaus, den es vermutlich auch noch im Jahr 2100 oder 2200 im Antiquariat geben wird. ;-)


    Das Problem ist eben, daß die aktuelle Brockhaus-Enzyklopädie zu wenige Käufer gefunden hat. Wer will schon so viel Geld für ein Lexikon ausgeben? Ich wüßte jedenfalls keinen vernünftigen Grund, weshalb ich für die neueste Auflage gut zweieinhalbtausend Euro ausgeben sollte. Wenn es wirklich ums Nachschlagen geht, dann kann man sich für dasselbe Geld ein Notebook mit etlichen Nachschlagewerken kaufen, da bekommt man mehr fürs Geld. Auch von Brockhaus selbst gibt es ja Lexika auf DVD-ROM, zwar nicht alle so umfangreich wie die Enzyklopädie, aber dafür wesentlich billiger. Historische Lexika wie den Pierer bekommt man auch schon für wenige Euro, wenn man sie in elektronischen Ausgaben kauft.


    Sogar die Britannica hatte immer wieder mal mit finanziellen Problemen zu kämpfen, sie hat öfter mal den Eigentümer gewechselt, obwohl die Britannica weltweit verkauft wird, sie also einen sehr viel größeren Käuferkreis hat als der Brockhaus.


    Alles in allem ist aber das Nachschlagen heutzutage viel einfacher und auch auch wesentlich billiger als früher, insofern braucht man dem Brockhaus nicht unbedingt nachzutrauern.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "xenophanes"


    Also die Münchner Ausgabe orientiert sich am Original-Lautstand. "Falsche" Kleinschreibung etc. ist alles korrekt wiedergegeben.


    Aber das lange s läßt man in vielen Ausgaben (wohl auch in der Münchner, wenn ich mich recht erinnere) gern unter den Tisch fallen, obwohl das im Einzelfall durchaus bedeutungs- und auch lautunterscheidend sein kann. Wie man den berühmten "Röschenhof" ausspricht, kann man ohne langes s nicht wissen. ;-) Andere, unwichtigere Dinge, wie etwa die Schreibung der großen Umlaute (Ä als Ae usw.), werden dagegen beibehalten. In der Günderrode-Ausgabe aus dem Stroemfeld-Verlag wird nicht zwischen den Großbuchstaben I und J unterschieden, weil man das auch in den entsprechenden Frakturdrucken nicht getan hat. Statt "Insel" heißt es dort "Jnsel", was im Antiquadruck recht gewöhnungsbedürftig aussieht, aber keinen großen Erkenntniswert hat. Das lange s wird dagegen immer als rundes s wiedergegeben, obwohl dadurch die Originalschreibweise in diesem Punkt nicht mehr rekonstruiert werden kann.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "xenophanes"


    Nachteil dieser Ausgabe ist auch, dass die Orthographie modernisiert ist...


    Aber dieſes Uibel theilt die Ausgabe des DKV mit den meiſten anderen modernen Werkausgaben. ;-)


    Manche Texte könnte ich hier nicht einmal richtig zitieren, wie etwa dieſen Klopſtock=Text:
    http://books.google.de/books?id=9SkHAAAAQAAJ&jtp=345
    Der Bogen unter den Vokalen nennt ſich in Unicode "Combining Breve Below", wenn ich mich nicht irre. Kann man aber nicht ſo ohne weiteres eintippen und wird auch nicht immer richtig dargeſtellt:


    Zitat von "Klopſtock"


    Daſ Schreiben hat hi̮r nu̮n ſo einen Hader mit dem Sprechen ...


    Der Bogen unter dem i iſt nicht genau unter dem Vokal, ſondern leicht nach links verſchoben (zumindeſt bey mir). Anſonſten finde ich es klaſſe, daß man hier auch in Unicode ſchreiben kann: <i>Wilhelm Tell</i> auf japanisch: ウィリアム・テル :breitgrins:


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "Jaqui"


    Schön langsam denke ich, ich hätte sandhofers Tipp befolgen sollen und eine Werkausgabe kaufen :breitgrins: wäre mir im Nachhinein gesehen billiger bekommen.


    die Bände des Deutschen Klassikerverlages, die Du hast, sind ja Teil einer Werkausgabe, natürlich gibt es billigere, das stimmt, aber die billigsten sind nicht unbedingt immer die besten. ;-) Ob diese Werkausgabe wirklich komplett als Taschenbuch erscheint, weiß ich allerdings nicht.


    Hier noch die "Suhrkamp-Links" mit den Inhaltsangaben zu den gerade schon von klassikfreund erwähnten neuen Bänden, die Ende März erscheinen sollen:
    Don Karlos und Die Räuber / Fiesko / Kabale und Liebe.


    Schöne Grüße,
    Wolf


    die ist sogar völlig unmöglich :zwinker:


    Sag das nicht, vielleicht versucht der ein oder andere, es per Mail zurückschicken. ;-)


    Übrigens habe ich gerade gesehen, daß seit einiger Zeit die Volltextsammlung <a href="http://www.zeno.org">zeno.org</a> zum Verkauf angeboten wird, weil die Betriebskosten zu hoch sind. Ich weiß nicht, ob das hier schon erwähnt wurde. Mehr dazu hier: http://blog.zeno.org/?p=215


    Das paßt ja auch zum Thema "Literatur und Internet" und "open content". Die Konkurrenz im Internet ist groß, gerade auch was die kostenlosen Inhalte angeht. Brockhaus wollte seine Enzyklopädie kostenlos ins Netz stellen, hat diesen Plan dann aber wieder fallengelassen, weil eine Finanzierung durch Werbung wahrscheinlich nicht funktioniert hätte.


    Zitat von "Sir Thomas"


    Das Potenzial von "open content" untersucht eine aktuelle Studie, die komplett online veröffentlicht ist: http://www.fazit-forschung.de/opencontent.html


    Danke für den Link, sehr interessant! Der Brockhaus wird dort in der Einleitung ebenfalls erwähnt, wie gerade gesehen habe. :-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo,


    es gibt ja die sogenannte Onleihe (http://www.bibliothek-digital.net), an die verschiedene Stadtbibliotheken angeschlossen sind. E-Books zum Ausleihen gibt es also nicht nur in Berlin, sondern mittlerweile schon in über 60 deutschen Städten. Wenn man einen Bibliotheksausweis der teilnehmenden Bibliotheken hat, kann man dort ein Paßwort für den Online-Zugang erhalten. Ich habe die "Onleihe" früher schon einmal getestet, fand es aber nicht so besonders. Das Angebot an Büchern ist mickrig und das Ausleihen und Lesen am Computer ist umständlich.


    Ich habe es gestern abend noch einmal mit vier E-Büchern ausprobiert. Es werden fast nur Sachbücher angeboten, in der Kategorie "Belletristik & Unterhaltung" findet man genau sieben Bücher. Na ja, das ist immerhin eine Zahl im hohen einstelligen Bereich. ;-) Die Bücher kann man nur mit dem Adobe-Reader lesen (PDF-Dateien), sie sind natürlich verschlüsselt. Beim Lesen nimmt der Reader Kontakt mit einem Server im Internet auf und prüft, ob man das Buch lesen darf. Nach Ende der Ausleihzeit kann man das E-Book nicht mehr öffnen. Eine Rückgabe des entliehenen elektronischen Buches ist deshalb unnötig, es ist nach Ablauf der Leihfrist nur noch eine nutzlose Datei, die man löschen kann. Solange ein Buch ausgeliehen ist, kann es niemand anderes ausleihen. Das hat keine technischen Gründe, sondern die Rechteinhaber wollen es nicht anders.


    Bei der "Onleihe" gibt es noch einige Kinderkrankheiten. Ich habe mir zunächst ein Buch in den Ausleihkorb gelegt und wollte es dann ausleihen. Dazu sollte ich mich erst einloggen, was aber nicht funktionierte. Es kam keine Fehlermeldung, sondern es erschien einfach nur erneut die Eingabemaske. Ich hatte die Vermutung, daß es an den Cookies liegen könnte, und tatsächlich: nach Aktivierung der Cookies im Browser klappte das Einloggen. Nur war dann mein ausgeliehenes Buch aus meinem Korb verschwunden. Ein erneutes Ausleihen ging nicht, weil es sich angeblich schon in einem Ausleihkorb befinde. Klar, das war mein Korb, den nun aber der Computer nicht mehr als meinen Korb erkannte. Da hätte ich jetzt 30 Minuten warten müssen, bis der Bibliotheks-Computer das wieder freigibt. Das wollte ich aber nicht, sondern ich habe mir etwas anderes ausgeliehen.


    Man kann sich bei den E-Books eine kurze Leseprobe anzeigen lassen, was sehr schön ist, manchmal ist die Leseprobe allerdings recht kurz und nichtssagend. Ich habe mir eine sechsseitige Schülerhilfe ausgeliehen, eine Interpretation zum Gedicht "Der Knabe im Moor" von Droste-Hülshoff, erschienen bei "School-Scout.de". Neugierig hat mich dieser Satz in der Leseprobe gemacht:


    Zitat


    Dieses Gedicht gehört zu den wohl bekanntesten Balladen, obwohl die Verfasserin selbst ihr diesen Charakter bestritt.


    Ein ziemlich verkorkster Satz, obwohl wahrscheinlich der Verfasser selbst ihm diesen Charakter bestreiten würde. ;-)


    Meine durch die Leseprobe geweckten Hoffnungen wurden nicht enttäuscht: diese Interpretation taugt wirklich nicht viel. :breitgrins: Nur ein kleines Beispiel:


    Zitat


    Dass der Röhricht "knistert", ist eine an sich unverdächtige Beobachtung, und den Wind als "Hauch" zu bezeichnen, hat gleichfalls noch nichts Beängstigendes. Auf der Folie des Vorhergesagten jedoch ist jede Art von Unverfänglichkeit bereits ausgeschlossen.


    Erstens heißt es nicht "der Röhricht", sondern "das Röhricht", wie man auch im Gedicht selbst nachlesen kann; zweitens ist der Satz mit der wunderlichen "Folie des Vorhergesagten" unverständlich. Wahrscheinlich ist hier gar keine Prophezeiung gemeint ("das Vorhergesagte"), sondern das "vorher Gesagte", was man getrennt schreiben müßte; am verschwurbelten Deutsch ändert das aber nichts.


    Dieses E-Buch ist kopiergeschützt, Zitate muß man also abtippen, eine Volltextsuche funktioniert auch nicht. Schülerhilfen dieser Art werden einige angeboten, die waren wahrscheinlich billig. ;-)


    Danach wollte ich mir ein E-Buch mit dem Titel "Perfekt schreiben" ausleihen, was aber daran scheiterte, daß ich vorher "Digital Editions 1.6" installieren sollte. Beim Herunterladen des E-Books öffnete sich eine Webseite, auf der u.a. zu lesen war:


    Zitat


    Click the install badge below to download and install the latest version of Digital Editions, which provides the eBook capabilities integrated with previous versions of Acrobat and Reader. Digital Editions 1.6 allows you to organize, manage and read reflowable PDF and EPUB content from eBook retailers, libraries and other digital content distributors who use Adobe Content Server 4 to DRM-protect their content.


    Das ist anscheinend ein Zusatz zum Adobe-Reader, den das erste ausgeliehene E-Book nicht benötigte, es gibt da wohl unterschiedliche Adobe-E-Book-Formate. Ich wollte mir aber für ein einzelnes Buch nichts Neues installieren, deshalb habe ich auf das Buch "Perfekt schreiben" verzichtet. :-)


    Als letztes habe ich mir den Kauderwelsch-Band "Japanisch Wort für Wort" ausgeliehen. Hier klappte das Herunterladen problemlos, dieses Buch benötigte nicht dieses merkwürdige "Digital Editions 1.6". Im Unterschied zur oben erwähnten Schülerhilfe kann man in diesem Buch einzelne Passagen kopieren, bei einzelnen Passagen klappt das allerdings nicht (japanische Zeichen), das sind wohl technische Probleme. Das Drucken ist auch erlaubt und die Volltextsuche funktioniert ebenfalls. Welche Rechte man als Leser hat, kann man in den Dokumenteigenschaften nachlesen (im Acrobat-Reader gibt es einen entsprechenden Menüpunkt). Das kann bei jedem E-Buch anders festgelegt werden.


    Etwas störend finde ich, daß auf jeder Seite unten eine ellenlange ID-Nummer und die Ausleihfrist eingeblendet wird. Aber immerhin wird dadurch kein Text überdeckt. Ansonsten sehen die Buchseiten so aus wie in der gedruckten Ausgabe, auch Bilder und farbig unterlegte Tabellen werden richtig angezeigt. Neben den Textseiten kann man ein Inhaltsverzeichnis einblenden, wo man die einzelnen Abschnitte direkt anwählen kann.
    Gerade entdeckt: Es ist sogar eine Sprachausgabe eingebaut, die man nach einiger Fummelei aktivieren kann (erst Adobe-Javascript aktivieren, dann muß man das Dokument in die Liste vertrauenswürdiger Dokumente aufnehmen, für die eine Medienwiedergabe gestattet ist). Wenn man dann die einzelnen japanischen Beispielsätze anklickt, werden sie vorgelesen. Das ist natürlich ein echter Vorteil gegenüber der papiernen Buchausgabe, die es zwar auch mit beigelegter CD gibt, aber da kann man die Texte nicht so direkt anwählen und abspielen.


    Verglichen mit normalen Büchern ist die Ausleihfrist bei den E-Büchern sehr kurz, sie liegt typischerweise im Bereich von vier Tagen, bei Zeitschriften oftmals sogar nur bei einem Tag. Solange das E-Buch niemand anderes will, kann man das Buch natürlich beliebig oft hintereinander ausleihen und es so längere Zeit lesen. Schlecht ist, daß die Dateinamen der heruntergeladenen E-Bücher nichtssagend sind: 2247.pdf oder 978-3-8317-6033-6.pdf (das sieht nach einer ISBN aus).


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Thomas,


    Zitat von "klassikfreund"


    Bei mir hat es nun auch die zweibändige Werkausgabe von K. Mansfield ins Regal geschafft. Vergleicht man diese Übersetzung mit der Auswahl, die gerade bei Manesse erschienen ist, dann überzeugt die Manesse-Übersetzung bei allen gezogenen Stichproben mehr. Im Manesse-Band findet man das flüssigere Deutsch.


    na, das erstaunt mich jetzt aber ein wenig, denn die Manesse-Übersetzung von Ruth Schirmer fand ich stilistisch mißlungen, es ist die schlechteste Mansfield-Übersetzung, die ich besitze (ich habe Übersetzungen von Ruth Schirmer, Elisabeth Schnack, Heide Steiner und Ursula Grawe).


    Allerdings sprachst Du ja von einer Neuausgabe, und tatsächlich: die Leseprobe zeigt mir, daß die Übersetzung von Ruth Schirmer überarbeitet worden ist, ich habe die ältere Manesse-Übersetzung von Ruth Schirmer ("Katherine Mansfield: Erzählungen und Tagebücher"). Ein Beispiel für die Unterschiede:


    Alt: Ringsum der beelendende Geruch warmer Menschheit
    Neu: Ringsum der Übelkeit verursachende Geruch warmer Menschheit


    Das Wort "beelenden" ist stilistisch fragwürdig, weil es außerhalb der Schweiz unüblich ist. Gut, daß so etwas geändert wurde. Aber auch abgesehen von solchen schweizerischen Spracheigentümlichkeiten wurde der Stil der Übersetzung überarbeitet:


    Alt:
    "Zucker? Milch? Sahne?" Die kleinen, anheimelnden Fragen schienen eine freudige Vertrautheit zu enthalten. Dann wieder nach Hause in der Dämmerung, und der Duft der Parmaveilchen schien die Luft mit Süsse zu sättigen.


    Neu:
    "Zucker? Milch? Sahne?" Den kleinen, simplen Fragen schien eine freudige Vertrautheit innezuwohnen. Dann wieder in der Dämmerung nach Hause, und der Duft der Parmaveilchen erfüllte die Luft mit seiner Süße.


    In der überarbeiteten Form könnte die Übersetzung von Ruth Schirmer also tatsächlich etwas taugen (ich habe aber bislang nur kurz die Leseprobe überflogen). Die Übersetzung von Elisabeth Schnack (in der zweibändigen Werkausgabe) wirkt heutzutage schon etwas altbacken, wenn man sie mit den Übersetzungen von Heide Steiner und Ursula Grawe vergleicht.


    Die alte Übersetzung von Ruth Schirmer war aber wirklich schlecht. Manche Stellen klingen so merkwürdig, daß man gleich ahnt, daß da irgendwas nicht stimmen kann. Beispielsweise werden in der Erzählung "Die Frau von der Theke" (allein schon dieser deutsche Titel klingt dämlich) drei Reiter mit folgenden Worten begrüßt:


    Zitat


    "Hallo", schrie die Frau. "Ich dachte, ihr wärt drei Raben! Kommt meine Kleine reingerannt, 'Mama', sagt sie, 'da kommen drei braune Dinger über den Hügel', sagt sie. Und ich komme schnell raus, kann ich euch sagen. 'Das sind sicher Raben', sage ich zu ihr. Ach die Raben hier herum, ihr würdet's nicht glauben."


    Seit wann sind denn Raben braun? Und wieso kommen Raben einen Hügel herabgelaufen? Zugegeben, das Original ist hier wegen des Slangs nicht leicht verständlich und auch nicht leicht übersetzbar, aber ein guter Übersetzer muß damit eben zurechtkommen:


    Zitat


    "Hallo," screamed the woman. "I thought you was three 'awks. My kid comes runnin' in ter me. 'Mumma,' says she, 'there's three brown things comin' over the 'ill,' says she. An' I comes out smart, I can tell yer. 'They'll be 'awks,' I says to her. Oh, the 'awks about 'ere, yer wouldn't believe."


    Elisabeth Schnack übersetzt das mit "Bussarde", die sind immerhin braun. ;-) Bei Heide Steiner sind das "Rumtreiber", wobei ich jetzt nicht nachgeschlagen habe, ob "[h]awk" diese Bedeutung haben kann, aber bei Heide Steiner kommt wenigstens ein vernünftiger deutscher Text heraus, bei dem man nicht gleich schmerzhaft zusammenzuckt. Auch den Slang übersetzt Heide Steiner erstaunlich gut, das gefällt mir.


    Noch zwei Beispiele zur alten Übersetzung von Ruth Schirmer (Manesse):


    Zitat


    "Oh, go on, Jim! She isn't the same woman!"


    "Geh los, Jim, das ist doch nicht dieselbe Frau!"


    "Oh, go on" hätte man meinethalben mit "ach geh" übersetzen können, wenn man das "gehen" unbedingt beibehalten will, aber "geh los" klingt hier in meinen Ohren ziemlich schräg.


    Außerdem hat die Übersetzerin offenbar nicht mitbekommen, daß der Ich-Erzähler weiblich ist, deshalb wurde folgende Stelle völlig verhunzt:


    Zitat


    "I'll draw all of you when you're gone, and your horses and the tent, and that one"--she pointed to me--"with no clothes on in the creek. I looked at her where she couldn't see me from."


    "Ich male euch alle, wenn ihr fort seid, und eure Pferde und das Zelt und den" - sie zeigte auf mich - "ohne Kleider im Bach. Ich habe nach Mama geblinzelt, von wo aus sie mich nicht sehen konnte."


    Das Mädchen hat nicht nach der "Mama geblinzelt", die war überhaupt nicht da, sondern sie hat der badenden Ich-Erzählerin zugeguckt. Ich hoffe sehr, daß das in der Neuausgabe berichtigt worden ist.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Merja,


    wichtig ist erst einmal, ob Du ein alphabetisch geordnetes Synonymwörterbuch oder einen Thesaurus willst.


    Das sind zwei unterschiedliche Wörterbuchtypen: ein "normales" Synonymwörterbuch - wie die (neueren) Duden-Synonymwörterbücher - ist alphabetisch geordnet, man schlägt dort beispielsweise ein Wort wie "lachen" nach und findet dann dort entsprechende Synonyme. Die Anordnung der Wörter richtet sich also nach dem Alphabet.


    Ein Thesaurus, wie etwa der Dornseiff, ist nach Sachgruppen geordnet: zunächst umfassende Gruppen, die dann wieder in feinere Sachgruppen unterteilt sind. Man schlägt in einem Thesaurus beispielsweise unter einem Oberbegriff wie "Gefühlsleben" nach, wo man dann verschiedene Unterbegriffe wie "Freude", "Zorn" o.ä. findet. Und unter "Freude" findet man dann nicht nur Substantive, die synonym zum Substantiv "Freude" sind, sondern dort stehen auch Verben, Adjektive und Redewendungen, die mit "Freude" zusammenhängen. Die Anordnung geht also von den Dingen aus, nicht von den Wörtern (dem Alphabet). Im Anhang haben Thesauri allerdings üblicherweise auch noch ein alphabetisches Register, in dem man zu einem Wort wie etwa "lachen" die entsprechende Sachgruppe finden kann.


    Die bekanntesten Thesauri sind der Dornseiff und der Wehrle/Eggers, den es allerdings nur noch antiquarisch gibt. Im Wehrle/Eggers folgen immer Begriff und Gegenbegriff aufeinander (z.B. "Freudenbezeigung"; "Klage"), so daß man dort auch leicht entsprechende Antonyme findet. Das ist im Dornseiff nicht so gut gelöst. Den Dornseiff gibt es in einer aktuellen Auflage, die sich allerdings von den älteren deutlich unterscheidet. Die Neuauflage entspricht dem aktuellen lexikographischen Wissensstand, der Aufbau und die Anordnung sind also wissenschaftlich untermauert. :-) Dafür ist er aber viel stromlinienförmiger geworden und er ist deshalb langweiliger zu lesen als der alte Dornseiff, der sehr viel inspirierender war und die Assoziationsfähigkeit besser anregen konnte. Der neue Dornseiff enthält dafür eine 90seitige lexikograpisch-historische Einführung von H. E. Wiegand, die sehr interessant zu lesen ist; sehr theorielastig, zum Nachschlagen nützt einem das eigentlich nichts, aber ich fand's ganz lustig. :breitgrins: Wunderschöne Terminologie: "Konsultationssituation wegen Hyponymfindungschwierigkeiten" usw. "Merja hat eine blockierungsbedingte Ausdrucksschwierigkeit und führt deshalb eine Konsultationshandlung vom Typ 'den neuen Dornseiff konsultieren' durch." :breitgrins:


    Wenn Du einen preisgünstigen antiquarischen Wehrle/Eggers aus den 1960er Jahren findest (trotz seines Alters ist der immer noch sehr gut benutzbar), dann kannst Du Dir den ja mal kaufen, um zu sehen, ob Dir das Konzept eines solchen Wörterbuchs überhaupt liegt. Oder schau Dir in einer Buchhandlung den aktuellen Dornseiff mal in Ruhe an, bevor Du ihn Dir kaufst, sonst besteht die Gefahr, daß Du enttäuscht bist, denn, wie gesagt, die Benutzung eines Sachgruppen-Wörterbuchs ist gewöhnungsbedürftig. Sobald man aber damit zurechtkommt, bietet es einen Zugriff auf den Wortschatz, den ein alphabetisches Synonymwörterbuch nicht bieten kann.


    Falls Du ein alphabetisches Synonymwörterbuch willst: Das Duden-Synonymwörterbuch ist schon okay, Du kannst da ruhig auch ältere Auflagen aus den 80er oder 90er Jahren nehmen, die gibt es manchmal schon für wenige Euro. Der erste Synonymduden aus den 1960er Jahren ging allerdings noch eher in Richtung Thesaurus (eine Mischung aus alphabetischer und Sachgruppen-Anordnung), dort fand man auch Anwendungsbeispiele: sehr amüsant zu lesen, aber nichts für die heutige Praxis. Typischer Beispielsatz aus diesem Duden: Unter dem Stichwort "Brust" heißt es u.a.: "Lisa beugte sich so weit über den kleinen Apotheker, daß dieser von ihrem Milchgebirge halb begraben wurde". Solche kuriosen Sätze findet man in heutigen Wörterbüchern nicht mehr. Unter "Gesindel" findet man: "die Polizei ging mit Gummiknüppeln gegen das lärmende Grobzeug vor". Mit den Beispielsätzen könnte man einen Roman schreiben. ;-) Es finden sich auch Literaturzitate darin, u.a. auch aus dem "Mann ohne Eigenschaften".


    Im aktuellen Duden-Synonymwörterbuch finden sich Hinweise zum politisch-korrektem Sprachgebrauch, die ebenfalls teilweise recht kurios sind. Etwa die Mahnung, man solle das Wort "pervers" nicht verwenden, weil es herabsetzend sei; dabei wird das Wort heutzutage gar nicht mehr in einem neutralen Sinne verwendet. Die heute übliche fachsprachliche Bezeichnung "paraphil" wird übrigens gar nicht im Duden erwähnt, wenn ich mich richtig erinnere. "Mädchen" sei eine Bezeichnung für (weibliche) Kinder, eine 18- oder 20jährige weibliche Person solle man nicht als "Mädchen" bezeichnen. Selbst das harmlose Wort "normal" ist eine Warnung wert, man könne es im Sinne "geistig gesund" verstehen und dadurch andere Personen ausgrenzen.

    Außerdem habe ich von Görner/Kempcke das Wörterbuch Synonyme, ebenfalls alphabetisch geordnet, nur Synonyme, keine Antonyme. Gab's auch mal auf CD-ROM, die es früher bei Jokers für 5 Euro gab. Ansonsten auch als dtv-Taschenbuch.


    Von Peltzer/Normann habe ich Das treffende Wort, alphabetisch geordnet, enthält auch Verweise auf entsprechende Antonyme, unter denen man dann wiederum nachschlagen kann, um dazu Synonyme zu finden.


    Ein einzelnes Wörterbuch, mit dem Du rundum zufrieden sein würdest, gibt es wahrscheinlich nicht. Schau Dich auf jeden Fall auch mal im Antiquariat um (ZVAB) oder bei Privatanbietern (booklooker, Ebay), denn ältere Ausgaben sind oft sehr billig zu haben und immer noch sehr gut verwendbar.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "scheichsbeutel^"


    Interessant wäre zu wissen, welcher Ausschnitt den Lektoren vorgelegt wurde.


    Das war, wie Maria schon geschrieben hat, offenbar die einzige erotische Szene aus dem MoE, insgesamt acht Schreibmaschinenseiten lang. Laut Spiegel kamen diese Sätze darin vor:


    "Er beugte sich hinab und bedeckte es [das Gesicht] mit den rücksichtslosen Küssen, die das Fleisch in Bewegung setzen. Helga stand willenlos auf und ließ sich führen."


    Hier der Link zum Spiegelartikel von 1968:
    http://wissen.spiegel.de/wisse…l?id=46050158&top=SPIEGEL


    Wenn man in Google-Books nach "rücksichtslosen Küssen" sucht, bekommt man den Ausschnitt angezeigt (S. 620 der gesammelten Werke).


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von scardanelli


    Du deutest die Alternative zu den meist überflüssigen Anthologien ja selbst an: Einzelwerke, also Originale lesen und sich nicht auf die Auswahl eines mehr oder weniger (meist eher weniger) dafür qualifizierten Herausgebers zu verlassen.


    Vermutlich gibt es mehr unqualifizierte Lyriker als unqualifizierte Herausgeber. ;-) Außerdem führen die Anthologien nicht von den Einzelbänden weg, sondern zu ihnen hin.


    Zitat von scardanelli


    Und was die Nähe zum Lied angeblich angeht - naja, große Teile bedeutender Lyrik haben unregelmäßige Rhythmen (schon bei Hölderlin zu finden) -


    Auch Gedichte in freien Rhythmen haben Komponisten zu Vertonungen angeregt, was bei Prosastücken weit weniger der Fall war. ;-) Die Versdichtung hat nun einmal von Haus aus eine größere Nähe zur Lautung als die Prosa. Und was die zeitgenössische Dichtung angeht: ich hatte ja schon einige bekannte Dichter erwähnt, die ihre Gedichte sehr gerne vorgetragen haben. Wer auf das Hören verzichtet, der verpaßt da ganz einfach etwas.


    Ich bin sehr froh, daß es eine Website wie <a href="http://lyrikline.org/">lyrikline.org</a> gibt, nicht nur eine einfache Anthologie, sondern eine Anthologie mit Vertonung - keineswegs ein doppeltes Übel, sondern ein doppeltes Glück. :-) Als Beispiel das Gedicht <a href="http://lyrikline.org/index.php?id=163&L=0&author=lm00&poemId=53&cHash=dd23008b9e">Fledermaus-Ultraschall</a> des berühmten australischen Lyrikers Les Murray, das im Gedichtband <i>Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen</i> abgedruckt ist (erschienen bei Hanser, übersetzt von Margitt Lehbert). Die Originalfassung <a href="http://lyrikline.org/index.php?id=162&L=0&author=lm00&show=Poems&poemId=331&cHash=0569a93af6">Bats' Ultrasound</a> findet sich dort ebenfalls, und man kann sie sich dort auch anhören, was sich besonders für die abschließenden Verse sehr lohnt.


    Wie in fast jeder Anthologie gibt es natürlich auch in lyrikline.org Mängel, so ist etwa dieser <a href="http://lyrikline.org/index.php?id=162&L=0&author=ks00&show=Poems&poemId=507&cHash=c4e9182e1d">japanische Originaltext</a> von Kazuko Shiraishi nicht nur verdreht, sondern auch noch spiegelverkehrt abgebildet.


    Zitat von scardanelli


    Und noch eine letzte Bemerkung zum Conrady: Da ich ein paar Jahre selbst verlegt habe (und nur deshalb habe ich diesen "Schinken" als Belegexemplar im Schrank), kenne ich Dutzende bessere Dichter als die, die er ausgewählt hat...


    Erstens wollte Conrady ja die ganze Bandbreite der deutschen Lyrik zeigen, er wollte keinen Kanon der Meisterwerke, von denen aber trotzdem genügend in seiner Anthologie enthalten sind; und zweitens ist es ja sehr schön für Dich, daß Du diese besseren Dichter kennst, dann laß doch mal hören, wen Conrady Deiner Meinung nach zu Unrecht in seiner Anthologie übergangen hat. Betrifft Deine Kritik nur die Zeit des Dritten Reiches oder beispielsweise auch das 19. Jh. oder die Dichtung des Barock im Conrady? Ist ihm die Darstellung der mittelhochdeutschen Dichtung gelungen?


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von scardanelli

    Der Conrady ist wie alle Anthologien von Übel;


    Ich habe von Anthologien noch kein Übel erfahren, auch beim Conrady drohen keine unheilvollen Auswirkungen - außer vielleicht, wenn er einem aus Versehen auf den Fuß fällt: bei einem solchen Fall wäre ein dünner Gedichtband natürlich das geringere Übel.


    Eine gute Anthologie ist von großem Nutzen: man bekommt einen schnellen Überblick über ein bestimmtes Gebiet. Bei mir im Regal stehen u. a. Anthologien mit den Titeln <i>Portugiesische Lyrik</i>, <i>Japanische Lyrik</i>, <i>Moderne chinesische Lyrik</i>, <i>Moderne arabische Dichtung</i> (= "Die Farbe der Ferne", hrsg. von Stefan Weidner, gefiel mir sehr gut), <i>Gedichte aus Europa</i> (= "Schönes Babylon", hrsg. von Gregor Laschen, sehr schön, jeweils mit Originaltext und mindestens einer Übersetzung, manchmal sogar mit zwei verschiedenen deutschen Übersetzungen).


    Natürlich kann in solchen Anthologien etwas Wichtiges fehlen oder etwas Unwichtiges enthalten sein, aber was wäre denn die Alternative? Soll ich mir blind irgendwelche Einzelbände kaufen oder ausleihen? Das wäre doch unsinnig. Ich könnte in Literaturlexika nachschlagen und mir eine Liste mit lesenswerten Gedichtbänden erstellen. Eine Anthologie finde ich da aber viel praktischer, sie ist nicht nur eine bloße Liste, sondern ich habe auch gleich die Texte vor Augen; und wenn ich der einen Anthologie nicht recht traue, dann besorge ich mir eben noch eine zweite zum selben Thema. Wenn mir in einer Anthologie der ein oder andere Dichter auffällt, dann beschaffe ich mir den entsprechenden Einzelband. Beispielsweise wäre ich nie darauf gekommen, mir den Gedichtband <i>Trommel aus Stein</i> des guatemaltekischen Dichters Humberto Ak'abal zu kaufen, wenn ich nicht ein geniales Gedicht von ihm in der Anthologie <i>Minima Poetica</i>, hrsg. von Joachim Sartorius, gelesen hätte. Auch auf Oswald Egger wurde ich durch diese Anthologie aufmerksam und habe mir dann seinen Gedichtband <i>Nichts, das ist</i> gekauft. Dieser Band hat mir großen Spaß gemacht, ein Muß für Freunde der hermetischen Dichtung. :-)


    Es gibt auch thematische Anthologien, ich habe u. a. Sammlungen mit Gedichten übers Essen, die schönsten Rosengedichte, blaue Gedichte (Gedichte, in denen die Farbe Blau vorkommt, gibt's auch für andere Farben), deutsche Naturlyrik, Liebesgedichte von Frauen (das Gegenstück "Liebesgedichte von Männern" gibt es ebenfalls), komische deutschsprachige Gedichte des 20. Jahrhunderts (darin ist übrigens auch Paul Celan vertreten).


    Diese und die anderen Anthologien in meinem Bücherregal sollen von Übel sein? Und nicht nur die, sondern sogar "alle" Anthologien? Ich glaub's nicht. ;-)


    Noch ein Beispiel für den Nutzen von Anthologien: In Deinem threaderöffnenden Eingangsposting nanntest Du eine Reihe von Dichtern von Trakl bis Bachmann, die mir bis auf eine Ausnahme alle bekannt waren und die ich größtenteils sehr schätze, weshalb ich von ihnen auch Einzelausgaben besitze, von Lenau zugegebenermaßen nur eine ererbte Ausgabe, in der ich aber früher viel herumgelesen habe. Ich kannte also wie gesagt alle, nur diesen einen nicht: Ernst Meister. Von ihm hatte ich deshalb natürlich auch keinen Gedichtband, aber ich griff zur nächstgelegenen mir geeignet erscheinenden Anthologie, das war nicht der Conrady, der etwas entfernter in einem Nebenzimmer stand, sondern: <i>Jahrhundertgedächtnis: Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert</i>, hrsg. von Harald Hartung. Darin war Ernst Meister glücklicherweise vertreten, und ich konnte gleich einige seiner Gedichte lesen. Na, bitte. :-)


    Zitat von scardanelli

    [...] da mischt sich immer (sehr selten) Großartiges mit viel Mittelmaß und einigem an Minderwertigem.



    Es gibt sogar eine Anthologie, die den kuriosen Untertitel trägt: "Poesie deutscher Minderdichter vom 16. bis zum 20. Jahrhundert". Da hat sich der Herausgeber bemüht, nur zweit- und drittklassiges zu versammeln. ;-)


    Von Borges gibt es übrigens das Gedicht "An einem minderen Dichter der Anthologie".


    Zitat von scardanelli


    Zudem ist C. zu tolerant gegenüber Nazis; eine Agnes Miegel oder gar ein Heinrich Anacker gehören einfach nicht erinnert (zumal dies anderen, besseren den Platz wegnimmt); das ist diese typisch sozialdemokratische Toleranz, die keine Grenze kennt und damit zur Beliebigkeit verkommt.


    Weshalb die Toleranz gegenüber Nazis nun ausgerechnet eine typisch sozialdemokratische Toleranz sein sollte, kann ich nicht nachvollziehen.


    Zu den "Nazi-Gedichten" hat sich Conrady ja schon öfter geäußert, in einem Interview, das man im Netz nachlesen kann, sagte er:


    Zitat


    »Ich wollte eine Dokumentation der unterschiedlichen Spielarten von Lyrik in deutscher Sprache, keinen Kanon der Meisterwerke deutscher Lyrik. Die sind zwar hoffentlich dabei, aber eben auch Gedichte, die man nur kritisch lesen kann. Ich habe auch einige Beispiele der Lyrik aus der Zeit des Dritten Reiches aufgenommen – natürlich abgesichert durch eine Fußnote und durch Erläuterungen im Vorwort. Denn solche Gedichte waren ein markanter Teil der NS-Selbstdarstellung.«


    Deinen Vorwurf, daß ein solches Vorgehen "anderen, besseren den Platz wegnimmt", halte ich für aus der Luft gegriffen. Welche besseren Dichter sind denn deswegen tatsächlich aus Platzgründen weggefallen?


    Zitat von scardanelli


    Die Behauptung, Gedichte seien zum Laut-Lesen gedacht, ist eine immer wieder vorkommende, die durch die Wiederholung nicht wahrer wird.


    Die Nähe der Gedichte zum Lied ist doch unübersehbar, was man nicht nur an der Etymologie von Wörtern wie "Lyrik", "Ballade", "Elegie", "Sonett" erkennen kann. Der Reim und auch das Versmaß betreffen doch in erster Linie die Lautung, nicht die Schreibung. Beim traditionellen Auswendiglernen von Gedichten geht es um die Wiedergabe der Lautform, nicht um die schriftliche Wiedergabe; dazu müßte man sich ja die genauen Satzzeichen merken, das ist doch völlig unüblich.


    Für Dichter wie Ernst Jandl, Robert Gernhardt oder Oskar Pastior war das Vorlesen ihrer Gedichte nicht irgend etwas Zweitklassiges oder Unwichtiges, nein, dadurch wurde das Gedicht erst richtig erschlossen und sein Potential ausgeschöpft, was durch die Schriftform allein nicht möglich gewesen wäre. Thomas Kling hat Gedichtbände mit beigelegten CDs veröffentlicht, beispielsweise den Band "Fernhandel", den ich im Regal stehen habe. Auf den CDs spricht er seine Gedichte, es war ihm wichtig, daß man das nicht nur liest, sondern auch hört.


    Zitat von scardanelli


    Wie gesagt, mir ist das Schriftbild viel wichtiger und ich kann mir auch beim Leise-Lesen die Klanggestalt vorstellen.


    Natürlich kann man sich das vorstellen; es gibt sogar Menschen, die sich vorstellen können, wie eine Sinfonie klingt, wenn sie nur das Notenblatt vor sich liegen haben. Aber dazu muß man vorher schon viel gehört haben, sonst funktioniert das nicht. Und selbst wenn man sich das wirklich genau vorstellen könnte, macht es trotzdem Spaß, sich eine bestimmte Interpretation anzuhören, wenn das Stück von jemandem vorgetragen wird, der Ahnung von der Sache hat.


    Das Hören ist eine Erweiterung und Bereicherung, auf die ich nicht verzichten wollte. Paul Celan lese ich nicht nur gerne, sondern ich habe auch Hörbücher von ihm: <i>Ich hörte sagen</i>, wo er selber vorliest und die CD <i>Gedichte von Paul Celan</i>, wo Christian Brückner Celan-Gedichte vorträgt.


    Als vor einiger Zeit das Hörbuch <i>Das Schmetterlingstal</i> von Inger Christensen herauskam, habe ich mir das sofort gekauft und voller Freude angehört. Gelesen hatte ich den Sonettenkranz <i>Das Schmetterlingstal</i> schon mehrmals, er wird als Meisterwerk der europäischen Poesie bezeichnet, nicht zu Unrecht, ein wunderbares und beeindruckendes Werk. Im Hörbuch trägt Hanna Schygulla die deutsche Übersetzung vor, die Dichterin Inger Christensen liest das dänische Original <i>Sommerfugledalen</i>. Ich bin sehr froh, daß ich das nicht nur lesen, sondern auch hören konnte.


    Schöne Grüße,
    Wolf