Beiträge von giesbert

    Nachdem, was ich so mitbekommen habe, werden bei professionellen Marketplace-Anbietern wie Medimops die Preise automatisch ermittelt. Die gehen mit völligen Fantasiepreisen ins System, dann wird laufend geschaut, wie teuer der Artikel bei anderen Anbietern ist, dann werden die Preise dynamisch angepasst (immer ein paar Cent unter dem billigsten). Wenn es keinen anderen Anbieter gibt, bleibt es erstmal bei dem Fantasiepreis. Oder so ähnlich ;-). Manche Bücher hab ich seinerzeit (ich hab gerade mal geschaut: das muss jetzt auch schon wieder um die 10 Jahre her sein, dass ich via Amazon Bücher verkauft habe …) für erstaunliche Preise verkaufen können, da passten anscheinend Angebot & Nachfrage perfekt zusammen … Andere (durchaus gute Ausgaben) wurde ich selbst für ~1 Euro nicht los. Und dann lohnt der ganze Aufwand nicht mehr (abgesehen davon, dass ich Amazon eh möglichst aus dem Weg gehe).


    Aber das wird jetzt alles arg off-topic. Und da ich seit Oktober 2020 keine neuen Bücher gekauft habe, weiß ich auch sonst nichts beizutragen ;-)

    Boswell (TB) und Spark (HC) sind übrigens "preisreduzierte Mängelexemplare"; beide sind tadellos in Ordnung (bis auf den Stempel halt). – Boswell verdanke ich auch die Bekanntschaft mit dem Hochstapler Georg Psalmanazar, mit dem Johnson in seiner Jugend befreundet war und durch die Kneipen zog. Darüber hätte ich gern mehr erfahren, aber da wusste Boswell anscheinend leider auch nichts (jedenfalls nichts, was er mitteilen wollte). Sehr schade.

    Welche willst du denn loswerden?

    Das weiß ich gar nicht so genau, ich hab bei der letzten Umräumaktion jede Menge Bücher aussortiert, ohne mir jetzt genau die Titel zu merken, und in Ecken gestopft, die sonst praktisch nicht zu nutzen sind. Es waren überwiegend "Reduzierte Mängelexemplare" (deren einziger Mangel in der Regel darin bestand, dass auf den Buchblock dieser Text gestempelt wurde, aber auch zahlreiche ziemlich abgegriffene TBs, die man eigentlich niemanden mehr zumuten möchte. Mit von der Partie war jedenfalls eine 6bändige Goethe-Ausgabe (mit dem legendären "Ballacron"-Einband von Bertelsmann ;-)) und ca. 10 Bände Jeremias Gotthelf (Diogenes-TB). Achja – Schätzings "Der Schwarm" im Hardcover. Den hatte ich gekauft und nach nicht einmal 2 Seiten entschieden, dass ich das nicht weiterlesen werde. Das ist praktisch neu. Doubletten sind auch dabei, wobei mir jetzt nur Eduard Stucken "Die weißen Götter", 2 Bde, Hardcover, einfällt, hatte ich versehentlich antiquarisch doppelt gekauft.


    Ich hab aber keine Lust, Päckchen zu packen. So rund 130 Bände hab ich vor ein paar Jahren via Amazon verkauft (darunter das Grimmsche Wörterbuch und das Handwörterbuch des dt. Aberglaubens), aber da gab's dann mal Ärger. Eine Kundin beschwerte sich, dass ein Buch zu spät gekommen sei. Ich hatte es zwar rechtzeitig zur Post gebracht, aber dann gab's einen Poststreik. Darauf hatte ich natürlich keinen Einfluss, was Amazon aber nicht störte. Die haben mich dann angeschrieben, dass ich zu der Beschwerde Stellung beziehen sollte (oder irgendwas in der Art), sonst müssten sie mein Konto sperren. Da wurde mir das dann doch entschieden zu doof, und ich dachte "dann halt nicht" und hab mein Konto selbst gelöscht (genauer: geleert, löschen kann man das anscheinend nicht so einfach, ich hab mich darum aber auch nie mehr gekümmert).


    Die Kundin hat das Buch übrigens behalten und nicht bezahlt (aber ich glaube, ich hab's ihr dann einfach geschenkt, zurück wollte ich das jedenfalls nicht mehr).

    Boswells Johnson-Biographie ist schon ein erstaunliches Buch, nicht nur wegen Johnson, der wohl in der Tat eine bemerkenswerte Erscheinung der engl. Literatur ist, sondern wegen der nennenwirsmal "liebevollen Naivität" des Biographen. Boswell war (etwa im Unterschied zu Eckermann) einerseits eine durchaus eigenständige Person, andererseits liebte und bewunderte er Johnson bedingungslos und hat praktisch jede noch so banale Äußerung Johnsons für würdig erachtet, auf die Nachwelt zu kommen. Auch wenn er Johnson gelegentlich widersprach, ordnete sich Boswell jederzeit sofort unter und akzeptierte die geistige Größe Johnsons. Wenn er partout anderer Meinung war, dann verschwieg er es Johnson gegenüber und merkt es nur für den Leser kurz an. Er hebt Johnsons nicht unnahbar auf ein Podest, sondern lässt ihn doch recht lebendig werden und verschweigt auch gelegentliche Ausrutscher und nicht ganz so erfreuliche Eigenheiten Johnsons nicht.


    Dabei erfahren wir eigentlich relativ wenig über Johnsons Biographie, dafür notiert Boswell immer wieder recht ausführlich Gespräche und Wortgefechte von Johnson mit anderen Personen. Mitunter heißt es allerdings auch, dass man sich mit dem und dem getroffen und lange Gespräche geführt habe, aber leider habe er, Boswell, dazu nichts oder nur sehr wenig notiert.


    Johnson muss ein ausgesprochen geselliger Mensch gewesen sein und Diskussionen geliebt haben - aber anscheinend nur dann, wenn sie im Anlass für eine gelungene Sentenz boten und er das letzte Wort behielt; Boswell lässt kaum einen Zweifel daran, dass Johnson der Mittelpunkt jeder Gesellschaft war. Da er etwas schwer hörte, redete er eh lauter als andere, bekam Repliken manchmal auch gar nicht mit oder fuhr anderen einfach kurzerhand in die Parade.


    Boswell erzählt letztlich nur Dinge, bei denen er persönlicher Zeuge war. Nun war Boswell aber nicht immer in London, sondern auch mal ein paar Monate woanders, und nach dem Tod seines Vaters lebte er als Gutsherr in Schottland, der nur noch sporadisch nach London kam. Diese Zeiträume werden entweder einfach ausgelassen, durch Mitteilungen anderer oder durch eine Sammlung von allerlei Ausprüchen Johnsons zu anderer Gelegenheit gefüllt. Also eine Biographie sieht dann doch ein wenig anders aus ;-).


    Andererseits hatte Boswell wohl gar nicht vor, eine richtige Biographie zu schreiben. Sein Buch hat im Original den Titel:


    Life of Samuel Johnson, LL. D.

    Comprehending an account of his studies and numerous works, in chronological order; a series of his epistolary correspondence and conversations with many eminent persons


    Also zwar "Leben", aber vor allem Werk, Briefe, Gespräche. Wobei das auch nicht so ganz stimmt - über die Werke Johnsons (Wörterbuch, Shakespeare, engl. Dichter, Zeitschriften etc) erfahren wir letztlich nur, dass es sie gibt und dass sie wichtig und großartig sind. Was aber wohl schlicht daran liegt, dass Boswell deren Kenntnis bei seinen Lesern voraussetzen konnte.


    Leider hat meine Ausgabe (Diogenes) praktisch keinen Kommentar, was ein wenig misslich ist, da Boswell auf zeitgenössische Ereignisse eingeht, die aber nicht weiter erläutert werden, für die zeitgenössischen Leser gehörten die ja zur noch präsenten jüngsten Vergangenheit. Erstaunlich auch, wie wenig die Tagespolitik eine Rolle spielt - immerhin fällt in den Berichtszeitraum der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, von dem wir allenfalls mal am Rande erfahren und vor allem mitgeteilt bekommen, dass Johnsons von den Amerikanern nicht viel hielt.


    Coming up: Muriel Sparks "In sturmzerzauster Welt. Die Brontës" (dh erst les ich noch rasch Boswells "Tagebuch einer Reise nach den Hebriden", die er mit Johnson unternommen hat - wenn ich das jetzt nicht lese, wo die Biographie noch frisch im Gedächtnis ist, les ich das nie ;-)).

    Das war mir ein nachträgliches Osterei!

    Sehr schön, Barnes ist immer gut ;-). Das ist schon ein erstaunlicher Autor - eigentlich ein Vielschreiber, aber bislang ist mir noch kein wirklich schlechtes Buch von ihm untergekommen (was man bei der schieren Masse, die er produziert, eigentlich erwarten könnte). Hier bei mir in der Gegend gibt es nur sehr vereinzelt und sehr kleine Bücherschränke, manchmal stellen die Leute auch einfach Kartons mit 5 bis 10 Büchern vors Haus. Aber da hab ich bislang nie etwas gesehen, was mich interessiert hätte. Und überhaupt will ich keine neuen Bücher, ich will ehr ein paar Hundert loswerden …

    Auch ich hatte Sekundärliteratur, habe dann aber gemerkt, dass diese auch viel kaputt machen kann

    Ein Paradebeispiel, wie man es nun garantiert nicht machen sollte, ist für mich die zweispaltige kommentierte Ausgabe: ⅔ Der Seite bringen den Text, im restlichen Drittel quatscht einem dauernd der Kommentar dazwischen. Ich weiß gar nicht, wie man das lesen soll, ohne komplett irre zu werden.

    Ulysses fiel mir so mit 18, 19 als Bertelsmann-Ausgabe in die Hände. Glücklicherweise lag der zitierte Aufsatz von Fritz Senn dabei, den ich zuerst gelesen habe ("Wer hat Angst vor Ulysses. Die meisten, leider.") Dann hab ich einfach angefangen. Abgesehen von der Durststrecke des dritten Kapitels ging das dann zügig durch (ich hab seinerzeit eine knappe Woche gebraucht). Natürlich hab ich nur einen Bruchteil verstanden. Aber ich hatte immerhin großen Spaß, ist ja auch was. Der Versuch einer zweiten Lektüre etliche Jahre später scheiterte dann allerdings im besagten dritten Kapitel. Ich sollte das wohl noch einmal angehen. (Achja - beim zweiten Mal hab ich parallel zur Lektüre diverse Sekundärliteratur zum Ulysses gelesen bzw. es versucht, das war wohl eine selten blöde Idee.)

    Ah, ich scheine da zwei Stellen durcheinander geworfen zu haben. Die bei Fritz Senn geht so:


    Zitat

    Der schlechteste Einstieg ins Unbekannte wäre wohl die Scheu vor dem großen Kunstwerk, die Furcht, es nicht zu bewältigen. Sie ist deswegen unbegründet, weil wir es ohnehin nicht bewältigen, denn warum sollten wir uns in einem der anregendsten Bücher – und gleich noch auf Anhieb – besser zurechtfinden, als es uns sonst mit all unseren praktischen Aufgaben gelingt? Der Ulysses befaßt sich erst noch mit dem Suchen, mit dem Sichzurechtfinden, und dabei mit der menschlichen Hybris, alles gleich verstehen zu wollen, die Wahrheit Zu finden, zu besitzen und zu beherrschen. Einige Schwierigkeiten entspringen der nicht neuen, aber erneuerten Erkenntnis des notwendigerweise Behelfsmäßigen aller Unternehmungen.

    Daran hab ich gedacht, und dann ist mir diese Stelle bei Schmidt dazwischen geraten:


    Zitat

    Wohl ist Moderne Literatur ‹anspruchsvoll›, ist ‹kompliziert› und ‹schwer zu verstehen› – das ist ‹Das Leben› übrigens auch

    Ich hab die "Strudlhofstiege" mehrfach gelesen, ohne Hilfsmittel. Aber ich bin im Überlesen von Stellen, die ich erstmal nicht verstehe, ziemlich geübt und lese einfach weiter ;-) (Ansonsten wäre ich mein Lebtag nicht über die erste Seite von Schmidts "Das steinerne Herz" hinausgekommen …).


    Fritz Senn schreibt in einem Aufsatz zu Joyce mal irgendwo, man solle gar nicht erst versuchen, "alles" verstehen zu wollen, das ginge nicht, weder im Leben noch in der Literatur. Leider find ich das jetzt auf die Schnelle nicht wieder (das müsste in "Wer hat Angst vor Ulysses" stehen).

    Ah, da fällt mir auch was ein, nämlich das in der Vorrede das hier steht:


    Siebente Bitte, die halb aus der zweiten fließet, aber nur die Kunstrichter angeht, mir in ihren fliegenden Blättern, die sie Rezensionen nennen, mit keiner Publikation meiner Hauptbegebenheiten vorzugreifen, sondern dem Leser einige Überraschungen, die er doch nur einmal hat, zu lassen.


    Gegen Spoiler hat also schon JP was gehabt ;-).

    Ich hab mal den von de Bruyn erwähnten § 86 von Jean Pauls "Vorschule der Ästhetik" überflogen. Der § trägt die Überschrift "Wohlklang der Prose", da taucht Dya-Na-Sore, so weit ich sehe, nur ganz kurz einmal auf, nämlich hier (Werke I, 5, S. 324):

    Zitat

    Der große Haller entzückt in seinen Romanen (so viel ich mich aus meiner Jugend erinnere) durch den häufigen Gebrauch der Daktylen […]. Klinger in seinen Trauerspielen in Prose […] läßt schön, aber kühn wie Goethe im Egmont oder der Verfasser der Dya-na-Sore immer mit langer und kurzer Silbe tönen.

    dass dieses unsägliche Dya-na-sore Dingens quasi ein Vorläufer dazu sein soll,

    Da zitiere ich einfach mal aus dem Nachwort von Günter de Bruyn:

    Zitat

    Anders lag die Sache bei Jean Paul. Dya-Na-Sore hat er schon 1791, gleich nach seinem Erscheinen gelesen, sich Sätze daraus exzerpiert und auch noch Jahre später in der Vorschule der Ästhetik (im § 86) seiner gedacht. Bei der Planung des Hesperus, die 1792 begann, war Meyerns Roman ihm gegenwärtig und hat ihn, besonders bei der Erfindung der Fabel, beeinflußt. Da dieser Einfluß von der Jean-Paul-Forschung leicht übertrieben wird, ist man versucht, zu seiner Darstellung ein bekanntes Witz-Schema zu benutzen: Anfrage: Trifft es zu, daß die im vorzeitlichen Asien spielende Geschichte von den Brüdern, die vom revolutionär gesinnten Vater ausgesandt werden, um den Tyrannen zu stürzen, dieses auch tun, dann aber am trägen Volke scheitern, von Jean Paul für den Hesperus übernommen wurde? Antwort: Im Prinzip ja, nur spielt der Hesperus, erstens, nicht im vorzeitlichen Asien, sondern in der deutschen Gegenwart, sendet, zweitens, der Vater seine Söhne nicht aus, weil er sie gar nicht kennt und sie von ihm ferngehalten werden, ist, drittens, der Vater nicht revolutionär gesinnt, weil er der Tyrann selbst ist, verhindert, viertens und letztens, die nicht stattfindende Revolution auch deren Scheitern; sonst aber liegen die Ähnlichkeiten auf der Hand.


    Davon, daß Jean Paul "sich an das Handlungsgerüst von Meyerns … Roman gehalten" habe, darf also wahrhaftig nicht die Rede sein, höchstens von Denk- und Phantasieanstößen. Auch die Übernahe von Details ist nicht so offensichtlich, wie man glauben machen wollte. […] Gegen Meyerns Kriegslust aber, das ist sicher, war Jean Paul immun.

    Es ist etwas länger her, dass ich den Hesperus (und den Rest ;-)) gelesen habe, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir da irgendwas negativ aufgestoßen wäre.

    Schmidts Übersetzung ist schon sehr besonders!

    Ja, das ist wohl eine von den "Besser als das Original"-Übersetzungen (und damit wohl eine schlechte Übersetzung). Schmidt hat für seine Übersetzungen von Collins und Bulwer einen ganz eigenen Tonfall gefunden, den er in seinem übrigen Werk ansonsten nicht zulässt. Es ist wirklich schade, dass der Verlag seinerzeit die Übersetzung so lange liegen ließ, sonst hätten wir vielleicht auch andere Collins-Roman in Schmidts Übersetzung. Die Übersetzung von "Die Frau in Weiß" hat er im April 1962 abgeschlossen, erschienen ist sie aber erst 1965. Der Roman wurde zur Überraschung des Verlags ein Bestseller, und prompt wollte man von Schmidt mehr Collins-Übersetzungen. Die hat er aber abgelehnt, da war er dann schon in "Zettel's Traum" versunken

    Danke für die ausführliche Zusammenfassung - die leider gar nicht dazu angetan ist, dass ich den Roman lesen möchte (miese Ich-Erzähler mag ich einfach nicht :-)). Von Thackeray hab ich während des Studium mal "Jahrmarkt der Eitelkeit" gelesen, Barry Lyndon hatte ich auch immer mal vor, aber das rutscht auf meiner Müsste-ich-mal-lesen-Liste jetzt nach ganz unten.


    Die Wikipedia belehrt mich, dass Thackeray einen gewissen Andrew Robinson Stoney als Vorbild genommen hat – "he was severely abusive towards his wife" heißt es da zu dem. Das scheint ja ein richtig mieses Stück gewesen zu sein:


    Finally, in 1785, with the help of loyal maids, the Countess [= Stoneys Frau] managed to escape his custody and filed for divorce through the ecclesiastical courts. Having lost the first round of this courtroom battle, Stoney Bowes abducted Mary with the help of a gang of accomplices, carried her off to the north country, threatened to rape and to kill her, gagged and beat her, and carried her around the countryside on horseback in one of the coldest spells of the coldest winter of the century. The country was alerted, and Stoney Bowes was eventually arrested and the countess rescued.

    aber lesen werde ich das nicht.

    eine kluge Entscheidung ;-). – Von Collins hab ich mit großer Begeisterung Schmidts Übersetzung der "Frau in Weiß" gelesen, das ist der perfekte Sommerferienschmöker. Vom "Mondstein" und dem "Roten Schal" war ich dann nicht ganz so angetan.