Beiträge von giesbert

    Der erste Band ist verschwunden

    Ah, die zweibändige dtv-Ausgabe! Ja, die hatte ich auch mal und vermisse sie sehr, die ist sehr viel handlicher als dieses einbändige Trum. Ich hatte schon überlegt, ob ich mir die nicht einfach noch einmal kaufe, aber es gibt sie nicht mehr. Hatte die nicht auch noch ein paar hübsche Beigaben wie ein Personenverzeichnis oder so?


    Gehofft hatte ich, dass die Schmidt-Stiftung die Übersetzung mal neu auflegen würde, Bulwers "Was wird er damit machen?" wurde ja in einer sehr schönen mehrbändigen Version rausgebracht, aber das hat sich wohl nicht so dolle verkauft, da hat man bei der Stiftung wohl Abstand davon genommen, die anderen Übersetzungen auch in der Form rauszubringen. Seinen Faulkner gibt's noch, und den Stanley Ellin, aber die dicken Dinger - den zweiten Bulwer "Dein Roman" (den Schmidt übrigens gekürzt und umbenannt hat, der heißt im Original "My novel"), der Collins, die Cooper-Übersetzungen - werden wohl nicht neu aufgelegt. Die Frau in Weiß ist auf dem Buchmarkt einfach zu präsent, Bulwer und Cooper für den Verlag wohl zu riskant. Das ist schade, denn Bulwers "Dein Roman" kenne ich noch nicht.

    im Original allerdings, nicht in einer Übersetzung

    Das Original hab ich noch nie gelesen, nur die Übersetzung. Und auch nur, weil das halt gewissermaßen zum Schmidt-Kanon gehört ;-). Aber die liest sich wiesollichsagen "süffig". Das ist ein ganz eigener Tonfall, den Schmidt da für seine Collins-/ Bulwer-Übersetzungen entwickelt hat, dem man problemlos hundert Seiten am Stück lauschen möchte, bei Schmidt wird Die Frau in Weiß ein echter Schmöker, ob der Roman das auch im Original ist, weiß ich nicht.


    Wenn Figuren gleich zu Beginn alles erzählen, was sie wissen, gäbe es das Genre "Krimi" nicht. Wenn ich so darüber nachdenke: Dann gäbe es überhaupt keine Erzählungen ;-). Müsste man mal drauf achten, es gibt ja eine Reihe von Romanen etc., bei denen gleich zu Beginn das Ende zumindest angedeutet wird, um dann zu erzählen, wie man von A nach B gekommen ist. Wobei mir jetzt der grandiose Einsteig von Wilders Double Indemnity einfällt: "Yes, I killed him. I killed him for money - and a woman - and I didn't get the money and I didn't get the woman. Pretty, isn't it?" Oder Lovecraft: "Es ist wahr, daß ich meinem besten Freund sechs Kugeln durch den Kopf gejagt habe, und doch hoffe ich, mit dieser Erzählung beweisen zu können, daß ich nicht sein Mörder bin."


    Ich bin übrigens bei rund Seite 150, und glaube, dass ich das weiter lesen werde. Ich hab derzeit einfach keinen Kopf für komplexere Literatur und nur recht wenig reine Lesezeit.

    Johann Gottlieb Schummel, "Spitzbart. Eine komi-tragische Geschichte für unser pädagogisches Jahrhundert". Das sind gut 200 Seite, dem geb ich jetzt auch mal eine Chance.

    Ich hab ja völlig vergessen, dazu was zu notieren. Also rasch zwischendurch:


    Schummels Roman erzählt von den Geschicken des "Matthias Theophilus Spitzbart, Inspektor und Pastor des Städlein Rübenhausen". Als Inspektor, so belehrt mich der Kommentar, hatte man "die gemeinsame Oberaufsicht über Kirche und Schule der Gemeinde". Spitzbart hat also keine oder kaum praktische pädagogische Erfahrung, was ihn aber nicht davon abhält, das Buch "Ideal einer vollkommenen Schule" zu schreiben und auf seine Kosten drucken zu lassen. Das ganze wird mit vielen satirischen Querverweisen auf Basedow, das Philantropin in Dessau und diverse andere Ideen & Ideale der Zeit, genauer: 1777 (das Jahr wird im Roman genannt) versehen, der Untertitel heißt nicht umsonst "Eine komi-tragische Geschichte für unser pädagogisches Jahrhundert".


    Spitzarts Theorien schweben in völlig praxisfernen Wolkenkuckucksheimen, aber für die Finanzierung hat er sich was hübsches ausgedacht: Die Regierungen müssen nur darauf verzichten, das Geld fürs Militär auszugeben und schon kann man die tollsten Sachen finanzieren (womit er, nebenbei bemerkt, natürlich völlig Recht hat). Spitzbart findet im Stadtdirektor Heineccius aus Arlesheim einen begeisterten Leser, der ihn als Schuldirektor nach Arlesheim holt, um dort seine ideale Schule zu verwirklichen. Das geht natürlich alles ganz fürchterlich schief, Spitzbart blamiert sich als großsprecherischer Stümper, dem es noch nicht einmal gelingt, seinen völlig missratenen Sohn Israel zu erziehen. Am Ende stirbt Spitzbart mehr oder weniger aus Schmach an Nervenfieber.


    Drumherum gibt es einige Figuren,die die Romanmaschinerie in Gang halten: Spitzbarts Frau, der Sohn Israel, seine Tochter Fiekchen, zwei "gute Lehrer" als nunja Gegenentwürfe etc. Generell sind aber alle Figuren Schablonen, die Schummel auch schon mal beiseite schiebt, wenn sie ihn stören (Israel etwa, den er irgendwann aus dem Roman wirft und gegen Ende notdürftig wieder hervorholt oder Spitzbarts befreundeter Gegenspieler Senft, der ausführlich eingeführt und komplett vergessen wird, sobald der Roman Rübenhausen verlässt), es gibt einen zusammengklitterten Schluss (Spitzbart nimmt einen reichen jungen Russen auf, der unbedingt von ihm unterrichtet werden will, Fieckchen und der Russe kommen sich näher, Fieckchen wird schwanger (der letzte Schlag gegen Spitzbarts angegriffene Gesundheit), großer Skandal etc., aber das wird alles auf den letzten 20 Seiten ratzfatz abgehandelt.


    Vom Tonfall her unverkennbar Sterne oder Jean Paul als Vorbild, mitunter auch ganz amüsant, aber letztlich hat Schummel einfach viel zu wenig satirische Einfälle und weiß mit seinen Figuren nichts anzufangen.


    Unterm Strich wieder eine dieser "Entdeckungen eines vergessenen Autors", der letztlich völlig zu recht vergessen wurde. Kann man an einem verregneten Nachmittag mal lesen, aber da würde ich dann doch amüsanteres vorziehen.


    Nach dem Schummel hab ich mal wieder kaum Zeit gefunden, jetzt hatte ich partout keine Lust, meine Leselist abzuklappern und hab kurzerhand Collins’ "Die Frau in Weiß" in der Übersetzung von Arno Schmidt angefangen. Ob ich das allerdings tatsächlich noch einmal lese, weiß ich nicht so recht (ich hab's schon 2x gelesen).

    Sonst wird das Buch ja allerorten nur gelobt.

    durchaus zurecht – aber das gilt letztlich nur aus der literaturhistorischer Perspektive, nicht für sagenwirmal normale Leser, die einfach einen guten Roman lesen möchten. Das ist natürlich ein großer, tiefsinniger Roman, aber mit sagenwirmal deutlichen Mängeln in der Durchführung ;-).


    Vor ein paar Jahren hörte ich mal einen Literaturpodcast, in dem Grimmelshausens Simplicissimus über den grünen Klee gelobt wurde, der Roman biete nicht nur Einblick in die Wirklichkeit des 30jährigen Krieges, sondern sei auch ein sehr komisches Buch. Den Roman hatte ich kurz zuvor in der Übersetzung von Reinhard Kaiser gelesen – wer das für sehr komisch hält, lässt sich aber sehr leicht unterhalten. Das Beispiel für den gelungenen Humor im Simplicissimus war dann auch danach: Der Ich-Erzähler geht auf Pilgerfahrt (oder irgendwas in der Art, so genau weiß ich das nicht mehr) und soll zur Buße oder dergleichen Erbsen in die Schuhe tun. Weil das weh tut, kocht Simplicissimus die Erbsen und schmiert sich den weichen Erbsenbrei in die Schuhe: Haha, Spitzenwitz. Seufz.


    (Jetzt hab ich's mal rausgesucht: Buch 5, Kapitel 1)


    Auch für den Simplicissimus gilt imho: Sehr wichtiger Text – aber wirklich Spaß macht die Lektüre nicht. Auch als Zeugnis für die Lebenswirklichkeit des 30jährigen Krieges taugt das übrigens auch nicht bzw. nur zu einem sehr kleinen Teil, der spielt nämlich (wenn ich mich da richtig erinnere) nur zu Beginn eine Rolle (die ersten 20, 30 Seiten sind dann auch in meiner Erinnerung die besten).

    Tja. Das hat mir übrigens auch die Wiederlektüre des Don Quijote verleidet. Den hab ich, in Tiecks Bearbeitung, als Jugendlicher gelesen (und wenn ich mich richtig erinnere: mit Vergnügen). Dann hab ich mir irgendwann mal die Werkausgabe bei Zweitausendeins zugelegt und vor ein paar Jahren versucht, den Roman noch einmal zu lesen. Es ging nicht. Natürlich ist Cervantes bedeutender als Smollett oder Lesage, natürlich sind seine Satiren gehaltvoller, sein Held tragisch und nicht einfach nur albern, er erzählt, gut 100 Jahre früher, moderner und reflektierter, der DQ ist für die Entwicklung der Romanform bedeutend etc. – aber es hilft alles nichts, es ist ein Roman vom Beginn des 17. Jahrhunderts und das merkt man halt. Mir ging der burschikose Humor doch sehr auf die Nerven: Da fällt Sancho Pansa in die Jauchegrube, kriegt noch den Inhalt eines Nachttopfs übergegossen, Prügel bekommt er auch alleweil - ne. Das hat mir irgendwann gereicht und ich hab die zweite Lektüre abgebrochen.


    Der Smollett ist übrigens ein Band aus der "Bibliothek des 18. Jahrhunderts", die Anfang der 1980er-Jahre gemeinsam bei Beck (München) und Kiepenheuer (Leipzig) erschienen ist, aus der Reihe habe ich seit gut 30 Jahren noch einen Band im Regal stehen: Johann Gottlieb Schummel, "Spitzbart. Eine komi-tragische Geschichte für unser pädagogisches Jahrhundert". Das sind gut 200 Seite, dem geb ich jetzt auch mal eine Chance.

    Mal sehen, ob ich das durchhalte,

    Tja, das war wohl nichts … Ich hab jetzt um die 200 Seiten gelesen und mich durch die letzten doch sehr gelangweilt geschleppt, pikareske Romane sind anscheinend einfach nichts für mich ;-). Da reiht sich Episode an Episode, es ist immer schon klar, wie etwas ausgehen wird (der unerfahrene Ich-Erzähler vom Land wird in London ein ums andere Mal übers Ohr gehauen, muss sich mit Bürokratie und Korruption herumschlagen, braucht ständig Geld, wenn er zufällig was bekommt, wird es ihm gleich geklaut etc.), die Figuren lernen nichts, sie entwickeln sich nicht, es ändert sich einfach immer nur die Kulisse. Das wirkt ein wenig so, als habe sich Smollett überlegt, was für einen Blödsinn sein Held denn nun noch machen kann oder welches Thema er im nächsten Kapitel satirisch beschreiben will. Es ist nicht ganz so schlimm wie Gil Blas (Smollett baut einiges Autobiographisches ein und scheint mir im Ganzen realistischer), aber das ist mir zu wenig, als dass ich das weiterlesen möchte. – Die Wikipedia fasst das eigentlich gut zusammen:


    The naive Random then embarks on a series of adventures and misadventures, visiting inter alia: London, Bath, France, the West Indies, West Africa and South America. With little money to support himself, he encounters malice, discrimination and sharpers at every turn. His honest and trustworthy character and medical skills do however win him a few staunch friends.


    Das ist literaturwissenschaftlich und für die Entwicklung des Romans als Erzählform wichtig und auch interessant – aber als Lektüre doch eher nix. Wenn man eine lange Bahnfahrt vor sich und sonst keine Lektüre eingepackt hat, mag das hingehen. Sonst eher nicht.

    Ich hab nach einer kurzen Lesepause jetzt mit Tobias Smolletts "Roderick Random" begonnen. Das Buch steht jetzt auch ca. 30 Jahre ungelesen im Regal, wird mal Zeit. Ich hab um die gut 500 Seiten bislang immer einen Bogen gemacht, weil mir das Buch seinerzeit beim ersten Anlesen nicht so recht zusagte, aber jetzt gefällt mir der Roman eigentlich ganz gut (ich hab aber erst 100 Seiten gelesen). Mich stört zwar der doch recht burschikose Humor (ausgekippte Nachttöpfe, Stürze in Misthaufen, Prügeleien etc.), aber das liest sich doch recht angenehm und unangestrengt weg. Mal sehen, ob ich das durchhalte, den "Gil Blas", auf den sich Smollett bezieht, hab ich jedenfalls ungefähr nach der Hälfte beiseite gelegt. Am Gil Blas kritisiert Smollett (imho völlig zurecht) die lockere, ziemlich unzusammenhängende Reihung diverser Szenen / Episoden als unrealistisch, entsprechend hängen bei ihm die einzelnen "Abenteuer", die sein Ich-Erzähler zu bestehen hat, auch besser zusammen, es gibt anscheinend so etwas wie einen roten Faden. Und realistischer scheint er mir auch zu sein, auf den ersten 100 Seiten begleiten wir Roderick Random auf seinem Weg von Schottland nach London – die Beschreibungen der Reisemittel und Wirtshäuser um 1740 wirken auf mich jedenfalls realistisch ;-).

    Der Wikipedia entnehme ich übrigens, dass auch in Agatha Christies "16.50 Uhr ab Paddington" eine Tontine eine Rolle spielt. Das muss da aber anders übersetzt oder erklärt worden sein, jedenfalls hab ich den Krimi ein, zwei Jahre vor der "Falschen Kiste" gelesen, und ich kann mich nicht erinnern, an irgendeiner Stelle etwas nicht verstanden zu haben.

    (Sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert)

    Ziemlich gut: "Tonti ist tot, und ich habe noch nie jemanden gesehen, der auch nur so getan hätte, als traure er ihm nach". Beim zweiten Zitat hat dein Gedächtnis auch ganz gut mitgespielt:

    Zitat

    … dem letzten Überlebenden unter die Nase gehalten und der ist wahrscheinlich taub, so daß er nicht einmal mehr etwas von seinen Erfolg hören kann, und liegt gewiß auch schon im Sterben, so daß es aufs gleiche herausgekommen wäre, wenn er verloren hätte.

    Wenn ich mich an meine erste Lektüre richtig erinnere, war mein Problem schlicht, dass ich sowohl Tonti als auch sein System der Rentenversicherung für eine Erfindung der beiden Autoren gehalten habe ;-). Aber das macht ja nichts, hat man das erste Kapitel und den Aufbau der Bühne hinter sich, erwartet einen ja nur noch das schiere Vergnügen.

    Edit: Haha, da will ich mich beim Wort "Feuilleton" nicht blamieren und werde von der "intelligenten Oberfläche" gleich überführt, die den Link zu Wikipedia gleich mit einbettet.

    Feuilleton muss ich praktisch auch immer nachschlagen ;-).


    Ad rem: Jules Vernes "Robur" ist ein langweiliger Mist. Und natürlich werden mal wieder technische Allmachtsphantasien Gassi geführt und es gibt diverse nationalistische und rassistische Töne, die einem doch eher unangenehm aufstoßen.


    Also hab ich zur Entspannung gleich mal wieder "Die falsche Kiste" von Stevenson / Osbourne gelesen. Auch jetzt, bei der ca. fünften oder sechsten Lektüre immer noch ein sehr amüsanter Roman. Das müsste mal neu aufgelegt werden, da kann man dann auch gleich ein paar Kommentare beifügen, manche satirischen Anspielungen erschließen sich heute ja nicht mehr so ohne weiteres – und was eine Tontine ist, die den Motor des verzwickten Plots bildet, sollte man auch erklären.

    Aktuelle Lektüre: Jules Verne, "Robur, der Eroberer". Ich wollte einfach mal wieder einen Schmöker lesen, wie ich sie als Kind/Jugendlicher am laufenden Meter verschlungen habe. Funktioniert aber nur so halbwegs, dieses naive Leseglück der frühen Jahre ist wohl endgültig dahin. Tja.

    Arno Schmidt übersetzt das in seinem wunderschönen Brontë-Essay

    Kleiner Nachtrag: Inzwischen hab ich einen Artikel zu Schmidts Übersetzungsproben der Gedichte Emily Brontës gelesen: es geht gar nicht gut für Schmidt aus, der sich atemberaubende Eingriffe bis hin zur Verfälschung erlaubt, damit das alles in das Emily-Bild passt, das er in seinem Essay entwirft.

    Ich hab jetzt endlich Muriel Sparks "In sturmzerzauster Welt – Die Brontës" gelesen. Das Buch heißt im Original "The Essence of the Brontës" und versammelt verschiedene Essays Sparks, als Hauptteil (mit rd. 300 Seiten der gut 500) die "Briefe der Brontës". Wobei "... der Brontës" etwas übertrieben ist – es gibt zwar gelegentlich Brief von Anne, Emily und Branwell, aber ca. 95% stammen von Charlotte. Und das ist auch gleich die Krux, wenn man sich mit den Brontës beschäftigt: Charlotte ist die wohl wichtigste Quelle, aber, natürlich, parteiisch.


    Was besonders bei Emily Brontë ein Problem wird. Hier ist die biographische Faktenlage ausgesprochen dürftig und das populäre Bild von Emily als je nun "einsames, weltverachtendes Genie" und dergleichen verdankt sich zu großen Teilen den Texten, die Charlotte lange nach dem Tod ihrer Schwester geschrieben hat. Das gilt auch für die Zeugnisse anderer Personen, denen erst nach Emilys Tod und unter der Wirkung von "Wuthering Heights" eingefallen zu sein scheint, dass Emily immer schon etwas sonderbar gewesen sein soll.


    Spark analysiert die verfügbaren Quellen zu Emily Brontës Leben, zieht ihre eigenen Schlüsse – Emily ist Mystikerin und auch wieder nicht, es ist nicht ganz einfach, Sparks Analyse auf den Begriff zu bringen ;-) – und will zumindest die Möglichkeit, dass Emily in ihren letzten Lebensjahren geistig verwirrt gewesen sein könnte oder davor stand, geistig verwirrt zu werden, nicht ausschließen. Was nichts an Sparks bedingungsloser Bewunderung für Emilys leider nur sehr schmales Werk ändert, das für Spark zu den besten und sehr solitären Leistungen der englischen Literatur zählt, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat.


    Bedauerlich ist allerdings, dass dem Band ein vernünftiger Kommentar fehlt, was insbesondere bei den Briefen ärgerlich ist - manche Zusammenhänge hätte man doch gern erklärt bekommen.


    Rundweg ärgerlich ist der letzte Teil, eine Auswahl der Gedichte von Emily Brontë – der ist schlicht unlesbar. Die Gedichte werden von Spark in den höchsten Tönen gelobt, aber als deutschsprachiger Leser kann man dem nicht folgen, sind die Gedichte doch einfach in anspruchslose Prosazeilen übersetzt worden. Dazu ein Beispiel aus einem Gedicht ("God of Visions"), das leider leider nur in einem kurzen Auszug aufgenommen wurde:


    O thy bright eyes must answer now,

    When Reason, with a scornful brow,

    Is mocking at my overthrow;

    O thy sweet tongue must plead for me

    And tell why I have chosen thee!


    Stern Reason is to judgement come

    Arrayed in all her forms of gloom:

    Wilt thou my advocate be dumb?

    No, radiant angel, speak and say

    Why I did cast the world away;


    […]


    Speak, God of Visions, plead for me

    And tell why I have chosen thee!


    Das liest sich in der schlichtweg katastrophalen Übersetzung so:


    O antworten muß nun dein helles Auge

    Wenn mit verächtlicher Miene Vernunft

    Meine Niederlage mit Spott bedeckt;

    Deine süße Zunge muß sprechen für mich

    Und sagen, weshalb ich dich habe gewählt!


    Gericht will halten die strenge Vernunft

    Mit ihrm Trübsinn herausgeputzt:

    Willst du stumm sein, mein Advokat?

    Nein, strahlender Engel, sprich und sag,

    Weshalb ich die Welt beiseite warf,


    […]


    Sprich, Gott der Gesichte, verteidige mich

    Und sag, weshalb ich dich habe gewählt!


    Das ist so ziemlich das schlimmste, was man den Zeilen von Emily Brontë antun kann …


    Arno Schmidt übersetzt das in seinem wunderschönen Brontë-Essay übrigens so (und weil es da auftaucht, hab ich das überhaupt ausgewählt ;-)):


    Rechtfert’ge Du mit hellem Blick –

    wenn Nüchternheit, schwerfällig, dick,

    auch spottet über mein Geschick –

    : mit güldnem Mund tritt Du hervor,

    und künd’, warum ich Dich erkor!


    Verstand & Ernst sitzt zu Gericht,

    be=robt, mit nüchternem Gesicht –

    Du schweigst doch, mein Verteid’ger nicht?

    Nein, Feuergeist; tritt an zum Streit;

    : ich warf die Wirklichkeit beiseit’!


    […]


    : Gott der Gesichte, tritt hervor;

    und künd’, warum ich Dich erkor!

    Ah, daran meine ich mich erinnern zu können. Und eine Suche fördert auch gleich ein paar Beispiele zu Tage:

    https://i.pinimg.com/736x/51/d…ans-wake-susan-sontag.jpg


    Dagegen war Arno Schmidt sehr diszipliniert:

    https://kettererkunst.com/stil…/pic570/353/410803494.jpg


    Da hat er zwar sehr sauber unterstrichen, farblich markiert und kurze Stichworte an den Rand geschrieben - aber da er praktisch alles unterstrichen hat, lässt sich daraus nicht sonderlich viel schließen. Aber Schmidts Joyce-Lektüre & -Interpretation ist ein Spezialfall. Für sein Schreiben sehr wichtig, für die Joyce-Lektüre wohl eher nicht so.

    nebeneinander die Ausgabe 1984, die besser ist, und die Wollschläger-Übersetzung. Für den Exegeten die mit Kommentar. Plus, optional, Stuart Gilbert und Hugh Kenner. Sowie, selbstredend, die Biografie von Richard Ellman. Mein Esstisch würde das hinkriegen. Ich werde gleich schön träumen.

    Das wäre jetzt aber ziemlich viel Arbeit und keine Lustlektüre mehr; inwieweit Gilbert & Kenner in der aktuellen Forschung überhaupt noch relevant sind, weiß ich nicht, aber da würde ich mal vorsichtig ein Fragezeichen setzen wollen … Ich bleib einfach bei der Wollschläger-Übersetzung, irgendwann les’ ich den Ulysses noch mal – – aber es gibt noch so unglaublich viel, was ich alles noch nie gelesen habe, die erwähnten Brüder Karamsow oder Anna Karenina z.B.


    Aktuell les’ ich allerdings ganz etwas anderes: Die Briefe der Brontës in der Zusammenstellung von Muriel Spark, aber in den letzten Tagen bin ich leider kaum zum Lesen gekommen.

    Aber es gibt doch keine neuere, oder?

    Genau. Joyce ist zwar seit 10 Jahren auch hierzulande "frei" und von "Dubliners" oder dem "Portrait" gibt es ja auch neue Übersetzungen – aber an eine Neuübersetzung des "Ulysses" hat sich bislang kein Verlag gewagt.


    Zum einen liegt das wohl daran, dass die derzeit als zuverlässig geltende Ausgabe des Original-Textes eine Edition von 1984 ist, die also noch nicht frei ist, zum anderen, dass eine Neuübersetzung auch ohne Lizenzgebühren ein erhebliches finanzielles Risiko darstellt, das wohl kein Verlag eingehen möchte. Die Übersetzung würde wohl sehr lange dauern (was schon per se kostspielig ist) und auf dem Markt müsste eine Neuübersetzung gegen die kanonische Wollschläger-Übersetzung antreten, was ich mir ziemlich schwierig vorstelle. Ohne einen Mäzenaten gleich welcher Art lässt sich dergleichen wohl nicht auf die Beine stellen.


    Die seinerzeit geplante Revision der Wollschläger-Übersetzung – die natürlich als solche noch geschützt ist – scheiterte vor ein paar Jahren an Einsprüchen der Rechte-Erbin dieser Übersetzung, das gab einen ziemlichen Wirbel (ich hatte damals ein paar Links zusammengetragen, ob die noch funktionieren, weiß ich nicht). Von der Revision wurde eine Mini-Auflage von 200 Exemplaren oder so gedruckt, die an Uni-Bibliothek für die Forschung verteilt wurden (oder so ähnlich ;-)).


    Das ist alles sehr bedauerlich. In der "Nachbemerkung" der Wollschläger-Übersetzung heißt es: "Es gibt zur Zeit immer noch keinen zuverlässigen, fehlerfreien englischen Text des Ulysses: alle Ausgaben des Originals sind unverhältnismäßig korrupt". Daher würden "Übersetzer und Herausgeber … weiter an der Übersetzung arbeiten …. Es ist denkbar, daß sie in einer späteren Auflage an einzelnen Stellen zu anderen Lösungsvorschlägen als den hier gemachten gekommen sein werden."


    Das war 1975. Die Weiterarbeit an der Übersetzung fand anscheinend nicht statt, und seither hat sich in der Joyce-Philologie einiges getan. Inzwischen gibt es, soweit ich weiß, mit der oben erwähnten Gabler-Edition von 1984 einen Text, der in der Forschung wohl als zuverlässig gilt. Wollschlägers Übersetzung müsste also allein schon deshalb überarbeitet werden, weil sich die Textgrundlage an vielen Stellen geändert hat (oft wohl nur minimal, mitunter auch deutlich). Es gibt in der Wollschläger-Übersetzung Passagen, die sind schlicht unverständlich – nicht, weil Wollschläger da gepfuscht oder Joyce absichtlich Unfug geschrieben hätte, sondern weil da im Original-Text einfach einzelne Wörter oder gar Zeilen fehlen.


    Der nächste große Joyce-Termin, der genügend Aufmerksamkeit für eine Neuübersetzung verspricht, wäre sein 100. Todestag 2041 …: Da wäre ich 80, das könnten ich vielleicht noch erleben ;-).

    Der Joyce-Experte und Übersetzer Friedhelm Rathjen war in seiner Rezension nicht wirklich angetan von der Ausgabe. Für Erstleser wäre der schon mal überhaupt nichts:

    Zitat

    Gerade für Erstleser ist die kommentierte Ausgabe aber die schlechteste, die es gibt, denn das meiste, was in den Erläuterungen steht, ist dazu angetan, die Erstlektüre völlig zu verderben […] Noch schlimmer ist es, wenn der Kommentar Dinge verrät, die der Leser erst viel später im Roman erfahren soll […] Als zum ersten Mal das Pferderennen erwähnt wird, dessen möglicher Ausgang viele Figuren im Ulysses beschäftigt, verrät der Kommentar, wer gewinnen wird – schlimmer geht es kaum. Erstlesern müßte diese Ausgabe zu ihrem eigenen Schutz verboten werden.

    Für Joyce-Forscher sieht das natürlich anders aus, da können die Informationen des Kommentars hilfreich sein. Aber da fände ich es auch besser, wenn man das auf zwei Bände aufgeteilt hätte: Bd. 1: Text, Bd. 2: Kommentar. Wer mit dem Ulysses arbeitet, wird damit kein Problem haben. Und für andere Leser ist der Kommentar wohl auch gar nicht gedacht. Dass der Kommentar seinerseits auch nur Arbeitsmaterial ist, einen bestimmten Stand der Joyce-Forschung dokumentiert und halt nicht so endgültig ist, wie er wirkt, kommt dann noch hinzu.


    Zitat

    Auf diese neue Ausgabe hätten drei Warnaufkleber gehört, mindestens so deutlich wie auf Zigarettenschachteln. Erstens: Vorsicht, die Übersetzung ist veraltet. Zweitens: Kenntnisnahme des Kommentars vor Beendigung des Romans gefährdet die Lektüre. Drittens: Verläßlichkeit der Erläuterungen kann nicht garantiert werden. Joyce-Süchtige werden in den Verästelungen des Kommentars dennoch genug Stoff finden, um ihr Leseleben zu verlängern – Entwöhnung ist nicht angesagt.