Beiträge von giesbert

    Ich habe für die verlorene Zeit drei Jahre gebraucht, da bist du richtig gut. Aber ich brauchte damals auch viele Bücher als Erholung dazwischen, vor allem bei den Bänden mit Albertine im Mittelpunkt. Die ersten drei Bände fand auch ich teilweise sehr witzig und gut zu lesen.

    Meine längste Lesedauer waren mal 2,5 Jahre für Zettel's Traum … Vor "Die Gefangene" und "Die Entflohene" graut's mir jetzt schon, darüber liest man ja eher selten etwas Gutes. Aber erstmal muss ich soweit kommen ;-) -- und wie's der Teufel will, bin ich prompt in den letzten Tagen überhaupt nicht zum Lesen gekommen. Naja. Wenn ich Ende des Jahres damit durch bin, will ich’s zufrieden sein – Lektüre ist ja kein Wettbewerb, wer am schnellsten lesen kann oder wer am meisten Bücher gelesen hat.

    Naja, 3 Wochen für 600 Seiten find ich jetzt nicht schnell. Wobei sich das Lesetempo erhöht, je mehr ich gelesen habe. Prousts Tonfall braucht wohl einfach etwas Übung.

    Ich komme nur langsam voran

    ich hab das gerade mal überflogen – wenn ich in dem Tempo weiterlese, werd’ ich wohl den Rest des Jahres damit beschäftigt sein. Hm. Eine Entscheidung, für etwas ist halt auch immer eine gegen etwas anderes …

    Kleiner Zwischenbericht in der Pause zwischen "Swanns Welt" und "Mädchenblüte": Ich komme nur langsam voran, aber das liegt nicht an Proust, sondern an mir – der Roman hat imho regelrechte Schmökerqualitäten, verlangt aber auch Aufnahmebereitschaft und Konzentration bei der Lektüre. Man muss in der richtigen Stimmung sein, um sich von den weit ausladenden Satzgebilden tragen zu lassen.


    Was mich überrascht hat: Proust kann sehr komisch sein, das hatte ich jetzt nicht erwartet. Bei "Eine Liebe von Swann" musste ich mehrfach lachen, nicht nur über die Dialoge und das Gehabe des gehobenen Bürgertums, das Proust ebenso minutiös wie satirisch mitprotokolliert, sondern auch über das Gefühlsdurcheinander von Swann. Aber das ist wohl eine Frage des Alters – mit 20 oder so hätte ich vermutlich viel identifikatorischer gelesen als jetzt mit 60 … Es ist ein wenig bedauerlich, dass mir da jetzt der Vergleich fehlt, ich kann das nur aus den Lektüreberichten anderer Leser:innen schließen. Aus dem hier z.B.:


    Die Wahrnehmungen, Erlebnisse, die Leidenschaft Swanns für Odette, die Ängste, die Selbstqual und Eifersucht, die Seligkeiten: Das alles kannte ich!

    https://tell-review.de/schattenlektuere/


    Alles richtig. Aber mit 60 kennt man das nicht nur, sondern hat auch genügend ironische Distanz zu sich selbst, um die Komik zu erkennen. Oder sollte sie haben …


    Überraschend auch, dass es (bislang) eigentlich keine sympathischen Figuren gibt (also jedenfalls keine, die mir sympathisch wären), der Ich-Erzähler ist ein weinerlicher Hypochonder, das übrige Personal ein Haufen snobistischer Deppen. Der Ton des gesamten Romans scheint mir bei aller Intimität seltsam distanziert und gänzlich unempathisch, fast schon klinisch.


    Na, mal sehen, wie das weiter geht :-)

    Proust and the Sex Rats

    A modest investigation into whether the French writer indulged in an unusual fetish. Marcel Proust's head is framed by plants and two rats staring intently at each other. The story of Proust’s paraphilia for rat-fighting has several tell-tale symptoms of a poisonous fabrication but is multiply attested.

    Och, Probleme hab ich keine, ist halt auch nur ein dickes Buch, dem man geduldig zu Leibe rücken muss ;-). Combray hab ich jetzt hinter mir, kurze Pause, dann geht's mit Einer Liebe von Swann weiter. Problematisch ist weniger der schiere Umfang von rund 5000 Seiten, auch nicht der enorm ausladende Satzbau (auch wenn ich da manchmal zweimal lesen muss, weil ich mittendrin den Faden verloren habe), eher schon, dass mich als Leser die exzessive Erinnerungsarbeit des Erzählers ins eigene Erinnern und damit vom Text abbringt. Ich habe bislang aber immer wieder zurückgefunden … Bei meinem aktuellen Lesetempo werde ich wohl noch ein paar Monate mit dem Roman beschäftigt sein. Also falls ich durchhalte, versteht sich.

    Ich hab ja ganz vergessen, was zu meiner dritten Lektüre von "Die Frau in Weiß" zu schreiben. Viel gibt's da auch nicht: Hat mir wieder einmal gefallen, aber jetzt reicht's, noch einmal werd ich das nicht lesen. Dazu ging mir das Personal mitunter dann doch etwas zu sehr auf die Nerven … Was ich nicht verstehe, ist die Heirat zwischen Walter & Laura: Zu dem Zeitpunkt gilt sie ja noch als aus dem Irrenhaus entflohene Anne Cathrick, hat also keine gültigen Papiere: Konnte man sich denn im 19. Jhrd. einfach so trauen lassen, ohne Identitätsnachweise? Anscheinend ja. Hm.


    Dann hab ich eine Lesepause eingelegt. Und hab jetzt gestern Abend einfach mal Proust angefangen – die 10bändige Inselausgabe steht jetzt seit gut 30 Jahren ungelesen im Regal. Ich bin erst auf S. 60 oder so, bin aber doch ziemlich angetan. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte ;-).

    Karl Kraus: Dritte Walpurgisnacht

    Von März bis September 1933 dokumentierte und kommentierte Karl Kraus die nationalsozialistische Gewaltpolitik und deren Propagandalügen. Das erst posthum veröffentlichte Werk Dritte Walpurgisnacht gilt als die stärkste zeitgenössische Analyse des Beginns nationalsozialistischer Herrschaft.


    Das Manuskript zur Dritten Walpurgisnacht ist verschollen. Erhalten sind Notizen zu diesem Werk (an der Wienbibliothek im Rathaus) und Fahnen mit handschriftlichen Korrekturen (an der National Library of Israel, Jerusalem).


    Auf dieser Website wird die Dritte Walpurgisnacht in mehreren Publikationsschritten bereitgestellt. Als erster dieser Schritte erfolgte 2019 die Publikation der schwer leserlichen Notizen mit Entzifferungen. Seit Mai 2021 ist eine annotierte Lesefassung online zugänglich; sie enthält Informationen zu den genannten Personen und zu literarischen und publizistischen Intertexten.


    Die kommenden Publikationsschritte umfassen das Verhältnis der Dritten Walpurgisnacht zur Fackel Nr. 890–905, einen Kommentar sowie Informationen zur Textgenese.

    Nicht für jeden Link, jeden Hinweis oder jedes Zitat lohnt ein eigenes Thema. Also probier ich's mal mit einer Sammelstelle für Fundstücke zur (klassischen) Literatur, damit ich den Youtube-Link zum Literaturhaus Halle irgendwo unterbringen kann ;-):


    Wer schreibt der bleibt!? - Vergessene Dichter Sachsen-Anhalts. Heinrich August Julius Lafontaine.


    Rund 75 Minuten über August Julius Lafontaine, eingestreut sind Lesungen aus Schmidts Lafonaine-Dialog und natürlich auch aus Lafontaine selbst


    Das ist imho alles ganz reizvoll und wissenswert – aber lesen muss man Lafontaine trotzdem nicht …

    Unglaublich spannend, ausweglos erscheinend, ein Thrill erster Klasse.

    Den Silas hab ich mal vor einer Ewigkeit gelesen (und ein paar andere Sachen von ihm, Camilla, Grüner Tee und so). Merk ich mir auch mal zur Wiederlektüre vor.

    Stichwort "Schmöker": Bulwers "Was wird er damit machen?" gehört auch dazu, kein Krimi, aber ein toller viktorianischer Roman. Ideale Sommerferienlektüre.