Gabriele Tergit: Effingers

  • Gabriele Tergit: Effingers – ein grandioser Zeitroman




    Der fast neunhundertseitige Familienroman von Gabriele Tergit (d.i. Elise Hirschmann., verh. Reifenberg, 1894-1982) erschien zum ersten Mal nach langen Schwierigkeiten bei der Verlagssuche stark gekürzt 1951 und wurde zuletzt 2019 bei Schöffling & Co. in der ungekürzten Form wieder aufgelegt.


    Was für ein Roman!

    Die Autorin knüpft explizit an die „Buddenbrooks“ an, und sie braucht den Vergleich keineswegs zu scheuen. Ihr Thema ist die Geschichte zweier assimilierter jüdischer Kaufmannsfamilien zwischen 1878 und 1948. Die spannend erzählte und gleichzeitig sprachlich, motivisch und szenisch kunstvoll und sehr modern anmutende Geschichte um den jüdischen Beitrag zum deutschen Wirtschafts- und Kulturleben und seinen Untergang im Holocaust und dessen Vorbereitern beginnt bei einer Uhrmacherfamilie im fiktiven Kragsheim in Süddeutschland und führt uns mit einer der Hauptpersonen, dem jungen Paul Effinger, nach Berlin, denn in Kragsheim kann er seine unternehmerischen Pläne im konservativen Herzogtum nicht durchsetzen. Paul gründet mit seinem lebenslustigen Bruder Karl zunächst eine Schraubenfabrik, aus der später eine bekannte Autofabrik wird, wie sie der Vater der Autorin auch gegründet und aufgebaut hatte. Tergit baut sehr viele autobiografische Elemente aus ihrer und der Familie ihres Mannes ein, weshalb der Roman sehr authentisch wirkt. Die beiden Brüder heiraten in eine jüdische Bankiersfamilie, die Goldschmidt/Oppners ein, die den zweiten personalen Pfeiler des Romans stellen. Nun erleben wir mit den zahlreichen Mitgliedern dieser Familie (ein vorgesetzter Stammbaum erleichtert die Orientierung) die Gründerzeit, den Abstieg Bismarcks und die chauvinistische Regierungszeit Kaiser Wilhelms Zwo, die Jugendbewegung um die Jahrhundertwende, Jugendstil, Expressionismus, Frauenbewegung, den Ersten Weltkrieg, die schwierigen Jahre der Reparationszahlungen und der Inflation und schließlich das Aufkommen des Nationalsozialismus mit seinem später auch staatlich organisierten Antisemitismus bis hin zum Holocaust.


    Lotte Effinger, die Tochter Pauls kann in den Zehner Jahren studieren und wird dann eine erfolgreiche (Film)schauspielerin, an ihr wie an anderen weiblichen Romanpersonen wird das erstarkende Selbstbewusstsein der Frauen gezeigt, die doch immer wieder mit dem Chauvinismus des zunächst preußischen Militarismus, dann aber auch der zum Teil bereits ins Nationalpathetische überdriftenden Jugendbewegung konfrontiert werden.

    Schließlich erleben wir Leser die grausame Demontierung und Verdrehung aller Leistungen der deutschen Juden mit, und ein großer Teil des noch lebenden Romanpersonals wird schließlich deportiert. Doch gibt es auch Fluchten sowie den Staat Israel, dessen damaligen zionistischen Bestrebungen aber auch kritisch beleuchtet werden.


    Diese Kritik erfolgt aber nie auktorial und fast nie im Erzählerkommentar, sondern die Charakterisierung der Personen und ihrer Einstellungen zeigt sich überwiegend in den Dialogen und der detailreichen Schilderung ihrer Umgebung. So wird uns auch das Interieur und die Mode jener Zeiten nebenbei vor Augen geführt.


    Trotz des Umfangs und der hohen Komplexität wird einem hier auf keiner Seite langweilig und keine hätte weggekürzt werden dürfen. Ich kann diesem Roman und seiner Autorin nur wünschen, dass er endlich in unserem literarischen Bewusstssein ankommt und eine breite Rezeption erfährt. Uns entginge sonst nicht nur ein großartiges Stück deutscher Literatur, sondern auch ein sehr wichtiger Beitrag zur deutsch-jüdischen Geschichte.



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    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Hallo Finsbury,

    gut das du auf die Autorin aufmerksam machst, denn ich zumindest kannte sie gar nicht. Ich denke das Buch, welches du gelesen hast, werde ich mir auch besorgen und noch ihre Autobiographie bzw. ihre Erinnerungen.


    Gruß, Lauterbach

  • Ich kannte sie auch nicht, habe den Roman vor zwei Jahren zum Geburtstag bekommen und wie bei mir meist, jetzt gut abgehangen gelesen. Sie hat noch einen Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" geschrieben, der wohl zu seiner Zeit ein ziemlicher Erfolg war. Er spielt wohl vorwiegend im Pressemilieu.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

    Einmal editiert, zuletzt von finsbury ()

  • Sie hat noch einen Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" geschrieben, der wohl zu seiner Zeit ein ziemlicher Erfolg war.

    Ich wusste, der Name der Autorin sagt mir etwas. Den "Käsebier" gab's vor kurzem bei der Büchergilde. Ich habe ihn aber nicht gekauft und jetzt ist er offenbar weg. Je nun ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Ich wusste, der Name der Autorin sagt mir etwas. Den "Käsebier" gab's vor kurzem bei der Büchergilde. Ich habe ihn aber nicht gekauft und jetzt ist er offenbar weg. Je nun ...

    Gibt's aber noch in dem Verlag, der auch die Effingers veröffentlicht hat, als Taschenbuch, also nicht so teuer. Habe ich mir gestern organisiert.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)