Herman Melville: Moby Dick oder Der Wal

  • In der nächsten Zeit werden Zefira und ich diesen amerikanischen Klassiker lesen, der 1851 erschien.

    Weitere Mitleser und Kommentatoren sind sehr gerne gesehen.

    Ich lese die Übersetzung von Alice und Hans Seiffert in einer Ausgabe der Bibliothek der Weltliteratur im alten Aufbau-Verlag.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Danke für die Eröffnung des Threads, finsbury. Ich war wieder mal zu langsam :)

    Meine Ausgabe ist bei Jung und Jung erschienen, übersetzt von Friedhelm Rathjen mit Illustrationen von Raymond Bishop (es handelt sich anscheinend um Holzschnitte - sehr hübsch).


    Ich hatte mir vor zwei bis drei Jahren mal vom Grabbeltisch eine Melville-Bographie gekauft von Andrew Delbanco, ein ziemlich dickes Buch. Gleich das Einleitungskapitel behandelt in hochinteressanter Weise die Wirkungsgeschichte des "Moby Dick", in späteren Kapiteln wird es noch ausführlicher. Ich merkte schon beim Lesen der Einleitung, dass Delbanco einen anderen "Moby Dick" gelesen haben musste als ich. Meine damalige Moby-Dick-Ausgabe war eine Buchclubausgabe mit den üblichen Kürzungen und Vereinfachungen.


    Ich machte mich also auf die Jagd nach einer ungezähmten Fassung dieses Wals von Buch und entschied mich für die Rathjen-Übersetzung. Nicht weniger als 135 Kapitel, Einleitung und Epilog, dazu ein Aufsatz von D.H.Lawrence, eine Nachschrift des Übersetzers und noch ein Kommentar zur Wirkungsgeschichte von Alexander Pechmann.


    Parallel lese ich die Biographie von Andrew Delbanco.

  • Dann haben wir beide eine ungekürzte Ausgabe. Auch meine Vergangenheit mit Moby Dick ist lange her … . Es ist wohl tatsächlich das erste Buch der Weltliteratur, das ich gelesen haben, allerdings ebenfalls in einer gekürzten Variante. Ich führe, seit ich zwölf Jahre bin, eine Leseliste, und da taucht Moby Dick hinter vielen Comic-Sammelbänden und Abenteuerbüchern auf Seite 3 auf. Damals habe ich den Roman wohl auch zuallererst unter dem Abenteueraspekt gelesen. Aber im Gegensatz zu den meisten davor und danach stehenden Büchern habe ich diesen hier tatsächlich über diese lange Distanz in einzelnen Szenen abgespeichert.

    Das Werk beginnt ja recht ungewöhnlich mit den ungeordneten und scheinbar oder anscheinend (?) wahllos angeordneten Zitaten in der "Etymologie" und den "Auszügen". Witzig ist die Zuordnung zu dem "ausgezehrten HIlfslehrer" und danach zu einem "Unterunterbibliothekar". Will Melville dadurch ein Szenario der Überforderung angesichts der Fülle der Aspekte zum Wal andeuten?
    Er genießt jedenfalls sichtlich diese bunte Gegenüberstellung verschiedener Quellen, von der Bibel über Weltliteratur hin zu Abenteuerbüchern, mehr oder weniger Sachbüchern und -Artikeln oder Zitaten von Politikern usw. Dennoch sind die Bezüge zur folgenden Geschichte immer wieder sehr deutlich. Nantucket findet immer wieder Erwähnung, und an einer Stelle wird Ahabs Problem schon mal ganz gut auf den Punkt gebracht, in dem Zitat aus Spensers "Fairy Queen":


    Kein Tränklein von des Arztes kund'ger Hand
    kann helfen, so er nicht zurückekehrt

    zu jenem Schützen, der den Pfeil entsandt

    und ihm die Brust mit ew'ger Qual versehrt -

    gleich wie der wunde Wal durchs Meer zum Strande fährt.


    Über diese Zusammenstellung vieler Zitate sind bestimmt mehrere Dissertationen geschrieben worden, da könnte man bestimmt viel entdecken und herausholen. Aber nun zur Handlung.


    Ein toller Romananfang: Nennt mich Ismael. Einfach und gerade deshalb grandios. Die Lesergemeinde wird sofort einbezogen, der Erzähler ist gegenwärtig und eingeführt. DIe Beziehung der Menschheit zum Meer ist dann das weitere Thema und macht sofort klar, dass der Roman über sein eigentliches Sujet hinaus noch eine oder mehrere Bedeutungsebenen hat.
    Da ich gerade den öfter schon erwähnten New York-Roman von Rutherfurd lese, finde ich es besonders interessant, dass hier das Manhattan aus der Mitte des 19. Jahrhunderts von einem wortgewaltigen Zeitgenossen geschildert wird. Die Verbindung der Menschen zur See wird anhand der Insellage Manhattans verdeutlicht.

    Ismael bricht nun auf, um auf einem Walfänger zur See zu gehen, sein Programm, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. In Anbetracht dessen, was kommen wird, heißt das mit Kanonen auf Spatzen schießen, aber so wird er dann auf sein reines Menschentum zurückgeworfen werden. In einer Vorausdeutung wird dieses auch klar:

    Aus diesen Gründen also war mir die Walreise willkommen; die großen Schleusentore der Wunderwelt taten sich auf, und mit den abenteuerlichen Bildern der Phantasie, die mich auf meine Bahn drängten, fluteten Paar um Paar endlose Züge von Walen in meine innerste Seele hinein - in ihrer aller Mitte aber das verhüllte Trugbild, gewaltig wie ein Schneebild im Ätherblau. (Ende erstes Kapitel)

    Nun geht es nach New Bedford, und damit setzt meine Leseerinnerung ein: dieser vom Walfang geprägte Ort an dem dunklen Abend, wo sich Ismael seine Unterkunft nach möglichst wenig Gemütlichkeit aussucht, in der Hoffnung auf günstige Preise und dann nach langer Vorwarnung auf Quiqueg trifft. Diese Begegnung ist mir über die vielen Jahrzehnte ganz frisch in der Erinnerung geblieben: Ismaels Ängste und sein Erstaunen über die Umgänglichkeit seines so martialisch aussehenden Schlafkameraden, der mich heute übrigens wegen seiner schachbrettartigen Tätowierung an Feirefiz, den gescheckten Bruder von Parzival erinnert. Aber ob Melville da auch Parallelen andeuten will ?? Jedenfalls ist Quiqueg eine der tollsten Figuren der Weltliteratur, die ich kenne, und ich freue mich darauf, ihn wieder eine Weile wieder begleiten zu dürfen.

    Im Moment halte ich mich im Kapitel 8, "Die Kanzel" auf und ergötze mich an der Ansprache des wendigen Pfarrers, der seine Kanzel über eine Schiffsleiter erklimmt. Ob ich das noch schaffen würde? Jedenfalls nicht in der eleganten Form, dass ich mich damit den Blicken einer ganzen Gemeinde aussetzen wollte.

    Eine Biografie von Melville sollte ich mir wohl auch anschaffen. Momentan habe ich nur eine autobiographische Kompilation unter dem Titel "Ein Leben" vom btb-Verlag.


     

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  • Ich kann mich nicht erinnern, wann ich Moby Dick (also eine gekürzte Fassung) zum ersten Mal gelesen habe, aber ich glaube, ich war damals schon erwachsen und habe das Buch im schmalen Regal des Herrn Zefira vorgefunden - das heißt, ich war mindestens zwanzig.

    Die "Etymologie" und die "Auszüge" waren in diesem Buch nicht enthalten, wohl aber einige populär-biologische Kapitel; ich nahm mit Vergnügen zur Kenntnis, dass der Wal ein Fisch sei.

    Ich war sehr angerührt von der Szene, als Ishmaels Schlafkollege (bei mir Queequeg) zu diesem ins Bett will. "Was soll der ganze Trubel, den ich veranstaltet habe, dachte ich bei mir - der mann ist geradeso ein menschliches Wesen wie ich: er hat geradesoviel Anlaß, mich zu fürchten, wie ich habe, mich vor ihm zu ängstigen." Diese Erkenntnis kommt Ishmael, nachdem er Queequeg als einen mit Schrumpfköpfen handelnden Wilden kennen gelernt hat, der mit angezündetem Tomahawk (den er als Pfeife benutzt) aufs Bett springt. Eine reife Leistung!

    Im Folgekapitel "Die Steppdecke" berichtet der Erzähler eine Erinnerung an seine tyrannische Stiefmutter, die ihn des öfteren "peitschte" oder anderweitig bestrafte. Tatsächlich war Melvilles Verhältnis zu seiner Mutter schwierig. Sein Vater war ein Hallodri, der an alle möglichen aussichtslosen Unternehmen investierte und all sein Geld verlor. Nach seinem frühen Tod wurde von Herman und seinen Brüdern erwartet, dass sie die Familie, darunter mehrere Schwestern, erhalten sollten. Melvilles Mutter bekrittelte ihn ständig und ging ihn um Geld an - aus ihrer Sicht vielleicht verständlich, aber jedenfalls war das vermutlich einer der Gründe, warum er frühzeitig auf Seereisen ging.

  • Das Verhältnis zwischen Quiqueg und Ismael finde ich auch sehr berührend, und es wird schnell noch viel enger. Die beiden lassen sich auch davon nicht beirren, dass andere ihr enges Verhältnis belächeln. Man erhält den Eindruck, dass sich zwei Seelenverwandte gefunden haben, die nicht viele Worte brauchen, um sich miteinander zu verständigen, sondern sich einfach beieinander wohlig und geborgen fühlen. Schön!!
    Gut gefallen hat mir auch die Sprachgewalt des Seemann-Pfarrers gefallen, der die Jona-Geschichte in zeitgenössisches "Matrosisch" übersetzt und eindringlich macht, wenn auch diese Auffassung vom strengen strafenden Gott nicht so recht in unsere heutige Gottesvorstellung passt.
    Hast du schon aus der Biografie etwas über Melvilles Einstellung zum Glauben erfanren? Ismael sieht sich ja als geboren und erzogen im Schoße der unfehlbaren und alleinseligmachenden Presbyterianischen Kirche.(Kap.10)

    Ich komme im Moment nicht schnell voran wegen hoher Arbeitsintensität und entsprechender abendlicher Müdigkeit, halte im Moment im Kapitel 13.


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  • Zitat
    Hast du schon aus der Biografie etwas über Melvilles Einstellung zum Glauben erfanren?

    Delbanco schreibt, dass Melvilles Mutter eine sehr "gesetzte" Frau war. "Sie war mit dem strengen Protestantismus ihrer Vorfahren aufgewachsen und hütete sich ihr Leben lang davor, allzu viel Vertrauen in die allzu vergänglichen Dinge dieser Welt zu setzen. Sie gebar acht Kinder und war in den Monaten danach immer besonders düster gestimmt, und wenngleich sie einerseits dafür sorgte, dass ihre Kinder weltliche Fertigkeiten wie schriftlichen Ausdruck und gutes Betragen erlernten, lag ihr andererseits viel daran, ihre Seelen auf Entbehrungen und Tod vorzubereiten."

    Sie sorgte jedenfalls für gründliches Bibelstudium, und weiter unten erwähnt der Biograph, für Melville blieben "die biblischen Gestalten immer so lebendig wie die Guten und Bösen seiner eigenen Epoche. Ismael, Bildad, Ahab und Elias sind nur einige der Namen, mit denen er Figuren in Moby-Dick a priori eine allegorische Bedeutung gibt, noch ehe sie in seiner erfundenen Welt zu agieren beginnen." Und: "Die bahnbrechende Forscherin Nathalia Wright zählt allein in Moby-Dick 250 Anspielungen auf die Bibel."
    Vielleicht kommt zu dem Thema noch etwas. Breiten Raum hat der Biograph bisher der damaligen "Rassenproblematik" (der Begriff ist Teil des Problems) eingeräumt. Die Sklaverei war noch lange nicht komplett abgeschafft, und selbst ihre Gegner waren sich darin einig, dass "die Natur den verschiedenen Rassen offenkundig verschiedene Grade von Intelligenz zugewiesen hat" (ein Zitat von Ralph Waldo Emerson, der ausdrücklich Sklavereigegner war). Ishmaels Schilderung seiner Begegnung mit Queequeg ist ja durchaus nicht frei von Herablassung.

  • Kapitel 18, Anmusterung auf der Pequod; Queequeg hat seine Harpune nach einem Teerfleck geworfen:
    "Na". sagte Queequeg, schweigend die Leine einholend, "denkier ihn Wal-ier Aug; was, dad Wal tot."

    An das Radebrechen gewöhnt man sich schnell, aber wie macht man das: "... sagte, schweigend die Leine einholend"? :D

  • Im Original:


    "Now," said Queequeg, quietly, hauling in the line, "spos-ee him whale-e eye; why, dad whale dead."


    Also "ruhig", nicht "schweigend" ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Bei mir heißt die Stelle:
    "So", sagte Quiqueg, während er ruhig die Leine einholte, "denk-i, wenn das Aug-i von Wal - oh, dann Wal kaputt."

    Es ist schwierig, Quiqueg Pidgin-English nachzubilden, aber der Stil ist wohl getroffen. Das Oh ist allerdings überflüssig.


    Endlich sind Ismael und Quiqueg unterwegs. Die beiden alten Kapitän-Eigentümer waren sehr interessante Figuren, überhaupt kann man sich die eigentümliche Einwohnerschaft von Nantucket nach Melvilles Vergegenwärtigung gut vorstellen.

    Immer wieder arbeitet der Autor mit Vorausdeutungen. Von Anfang an, schon bei den Zitaten, ist klar, dass es irgendwann zu einer Katastrophe kommt. Und auch hier dient immer wieder die Bibel mit Namen und Zitaten, wie z.B. Elias in Kapitel 19. Falls man mal vergessen sollte, dass es schlecht endet, erinnert einen Ismael wieder daran, indem er an die entsprechenden Andeutungen zurückdenkt. Aber er sagt auch, dass man, wenn man schon eine schlechte Ahnung hat, aber schon im Boot ist, die Augen und Ohren vor dem Unglück verschließt. Der personale Erzähler hat also auch ein zurückblickende, kommentierende Funktion, wenn auch bisher selten.

    Die Herablassung Ismaels gegenüber Quiqueg wird zwar auch öfter vorübergehend deutlich, aber er selber nimmt diese Herablassung meist selbst wieder zurück, z.B. im Kapitel "Ramadan", in dem er sich zunächst furchtbar über Quiquegs Selbstkasteiung ärgert, aber dann einsieht, dass jeder so glauben solle, wie er wolle, so lange er andere dabei nicht bedränge.

    Ich bin jetzt im ersten der beiden Ritter und Knappen-Kapitel, in denen die Mannschaft vorgestellt wird. Dann nehme ich an, und wenn alle schon zu weit auf See sind, um zurückkehren zu können, wird endlich Ahab auftreten.

    Danke für deine Ausführungen zu Melvilles religiöser Biografie. Ich habe mir jetzt Delbancos Buch auch bestellt.

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  • Dann viel Spaß beim Lesen.
    Delbanco lässt sich zunächst eingehend über Melvilles "Typee"-Buch (auf deutsch Taipi) aus und über die Anfänge von Melvilles Schriftstellerkarriere. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu wissen, dass es amerikanische Autoren in dieser Zeit sehr schwer hatten. Es gab praktisch kein Urheberrecht und amerikanische Verlage druckten hautsächlich britische Autoren nach, weil die gern gelesen wurden und kein Geld kosteten - die Verlage zahlten ihnen nichts. Charles Dickens hat auf einer Vortragsreise in Amerika dem Publikum immer wieder erzählt, dass er von dem Geld, das amerikanische Verlage für seine Bücher eingenommen haben, keinen Penny bekommen habe.
    Bei dieser Sachlage hatten es inländische Autoren natürlich doppelt schwer.
    Interessant - und durchaus nachvollziehbar - sind auch Delbancos Ausführungen über sexuelle Anspielungen in "Typee". Die Zeit war so prüde, dass man in Gegenwart von Damen nicht über Beine sprechen durfte, aber bekanntlich haben geschickte Autoren es immer verstanden, zum Ausdruck zu bringen, was sie wollten. "Typee" - ein stark dramatisierter und aufgepeppter Bericht über einen Aufenthalt Melvilles auf den Marquesas - dürfte den Leserinnen jener Zeit manchen angenehmen Kitzel beschert haben. Es handelte sich ja auch bloß um Wilde. ;)

  • Einen hinreißenden Absatz in Kapitel 26 "Ritter und Knappen" möchte ich gern zitieren:


    "Diese erlauchte Würde, die ich behandle, ist nicht die Würde von Königen und Gewändern, sondern jene wildsprießende Würde, die über keine Investitur in feierlichem Gewand verfügt. Du solltest sie in dem Arm erblicken, der eine Hacke schwingt oder einen Nagel treibt; jene demokratische Würde, welche auf alle Mann strahlt ohne Ende und Unterlaß von Gott; Ihm selbst! Dem großen allmächtigen Gott! Dem Mittelpunkt und Umkreis aller Demokratie! Seiner Allgegenwart, unserer göttlichen Gleichheit!
    (...) Tritt gegen alle sterblichen Kritiker für mich ein, du gerechter Gott der Gleichheit, welcher du einen großen königlichen Mantel des Menschlichen über alle von meiner Art gebreitet hast! (...) Der Du dem schwarzen Sträfling Bunyan die bleiche poetische Perle nicht verwehret hast; Du, der Du in zwiefach getriebene Blätter feinsten Goldes den stumpen und almosenen Arm des alten Cervantes kleidetest, Du, der Du Andrw Jackson aus dem Staube auflasest, der Du ihn auf ein Schlachtroß warfst und ihn höher hinaufschleudertest als einen Thron! Du, der Du bei all Deinem mächtigen, irdischen Schreiten Deine ausgesuchten Streiter immer aus den königlichen Kammern des niederen Volkes erwähltest, tritt darin für mich ein, O Gott!"

    Ein feierliches Bekenntnis zur Gleichberechtigung aller Menschen (oder wenigstens aller Männer), die mich in manchen Zügen sehr an Steinbeck erinnerte, auch wenn Steinbeck natürlich nicht derart schwelgerisch schreibt. Der stumpe und almosene Arm des Cervantes ist typisch für Rathjens Übersetzung. Man kommt bei all dieser Leidenschaft aus dem Schmunzeln nicht heraus.


    ps. Ich habe die Lektüre leider unterbrechen müssen, weil meine Tochter mir ihre Doktorarbeit zum Gegenlesen geschickt hat; das geht natürlich vor. Immerhin habe ich zwei Drittel schon geschafft. Unglaublich, wie viele Flüchtigkeitsfehler da immer noch zu finden sind, obwohl die Arbeit schon mindestens dreimal von A bis Z durchgegangen wurde. Und meiner Tochter sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, da muss ich jetzt helfen. :saint:

  • "Na". sagte Queequeg, schweigend die Leine einholend, "denkier ihn Wal-ier Aug; was, dad Wal tot."

    Bei Jendis liest sich das übrigens so:

    Zitat

    »So«, bemerkte Queequeg, als er ruhig die Leine einholte, »wenn du denken, er sein Auge von Wal, gut, dann Wal tot.«

    Und dan hab ich hier noch die Übersetzung von Thesi Mutzenbecher (unter Mitwirkung von Ernst Schnabel):

    Zitat

    »So!«, sagte er. Seelenruhig holte er die Leine ein »Wenn das Walfischauge-rr, dann Walfisch tott.«

    Bei Mutzenbecher ist es übrigens ein Öl-, kein Teerfleck. Und das Kapitel heißt »Die Unterschrift« statt »Sein Zeichen«. Je nun.

  • In meiner alten Buchclubausgabe - stark gekürzt und übersetzerisch geglättet - hieß es "wenn Fleck da Auge von Wal, dann Wal kaputt!"
    Das weiß ich noch aus dem Gedächtnis, das Buch ist inzwischen ins Offene Regal gewandert.

  • Ich komme auch nur langsam voran, Zefira, und werde nächste Woche noch weniger Zeit haben, da wir eine kleine Verwandtenrundreise machen, und da kommt im Allgemeinen das Lesen zu kurz.

    Inzwischen hat sich Ahab an Deck gezeigt und der zweite Steuermann Stubbs hat ihn gleich mutig ermahnt, doch nicht durch das ständige Hin- und Hergehen mit dem Holzbein die schlafende Besatzung zu wecken. Dafür bekommt er einen gewaschenen Anranzer, und er ist selbst erstaunt, dass er sich das gefallen lässt. Wobei Ahabs Persönlichkeit solche Kolleranfälle anscheinend nicht nötig hat, denn allein seine Gegenwart, z.B. beim Offiziersessen, sorgt für gutes Benehmen und gedrückte Stimmung. Und der arme Dritte, Flask, muss fast verhungern, da er nur in aller Hast das von den anderen Übriggelassene verspeisen darf. Dass sozialer Aufstieg nicht immer nur glücklich macht, entpuppt sich hier mal wieder ganz eindrücklich.

    Vorher haben mich die Walkapitel aufgehalten, weil ich mein uraltes "Grizmeks Tierleben" ausgepackt habe, um meinerseits zu schauen, wie weit die Walforschung in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war. Auch ich habe geschmunzelt, dass der Erzähler auf der Bezeichnung Walfisch beharrt, wenn er es auch besser weiß. Aber er lehnt das Linnésche Ordungssystem eben ab und macht sich augenzwinkernd seine eigene Kategorisierung nach Größe und im Vergleich zu Buchformaten. Sehr passend für einen Literaten, wenn auch biologisch nicht besonders zweckdienlich. Ich war diesen Sommer ja in Grönland und kann aus eigener Anschauung bestätigen, was Melville über den Buckelwal sagt, er sei von allen Großwalen der bewegungsfreudigste oberhalb der Wasserlinie. Wir hatten vier Wale um uns herum, die ständig ihre Finne oder Fluke zeigten und gewaltige Fontänen in die Luft bliesen, von den runden Buckeln, die sie machten, ganz zu schweigen (mit den Buckeln sind allerdings wohl eher die lustigen Warzen auf dem Rücken gemeint) . Springen gesehen haben wir sie aber nicht, das hätte wohl auch unserem Boot nicht gut getan.

    Zurück zu Melville: In dem oben erwähnten Kapitel 34 "Mittagessen" wechselt der personale Erzähler auch das erste Mal den Blickwinkel und ein paar Sätze werden aus Flasks Innensicht geschildert. Bin gespannt, ob so etwas noch häufiger vorkommt. Der personale Erzähler wird sowieso nicht so eng gesehen, denn oft werden Dinge erzählt, die Ismael gar nicht gesehen hat, wie z.B. die Kapitänsessen. Die "Zettelkastenkapitel" - wie ich mal nach Jean Paul die "Sach"kapitel nennen will - halten zwar an manchen Stellen die Illusion des Erzählers Ismael auf, wenn z.B. auf die Erfahrungen alter Nantucket-Seebären verwiesen wird, aber man ist sich nicht ganz sicher, ob hier der nautisch versierte Autor selbst oder Ismael sprechen.


    Ich stehe jetzt vor dem Beginn des 35. Kapitels "Der Ausguck". Erfreut hat mich zuvor die Schilderung der Harpunier-Gelage, die dem kleinen Steward eine Heidenangst (wie passend ;-)) einjagen. Das ist ja schon ein eindrucksvolles Trio.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Interessant, Deine persönliche Walerfahrung! Ich war vor einigen Jahren in Hermanus (Südafrika) und hatte das Glück, einige Walkühe, z.T. mit Jungtieren, dort in der Bucht zu sehen. (Die Bucht von Hermanus ist eine alte "Walkinderstube" und Boote dort nicht gestattet; es gibt "Whale-Watching"-Touren, aber die müssen außerhalb der Bucht starten und dürfen auch nicht hineinfahren, sondern halten sich weiter draußen auf.)

    Die Wale dort waren Südkaper oder in Englisch Southern Right Whales, erkennbar an grindartigen Flecken unten an Kopf und Bauch.

    Sie wälzten sich ständig im Wasser und reckten die Brustflossen nach oben.

    Ich bin ungefähr am gleichen Stand wie Du; gestern kam ich nicht zum Weiterlesen (oder vielmehr, ich las zwei Kapitel der Biographie), aber wenn ich mich recht erinnere, komme ich als nächstes zum Masttopp.

  • Inzwischen bin ich im 42. Kapitel und habe die an die antiken Dramen gemahnenden Kapitel mit den Monologen Ahabs und der zwei Steuerleute hinter mir. Schon sehr ungewöhnlich! Und immer mehr habe ich den Eindruck, dass Melville der amerikanische Jean Paul ist. Dem konnte sowas auch einfallen. Starbuck, scheint mir, könnte einer realen Person nachgebildet sein oder Überlegungen und Versagensgefühle des Autors Ausdruck geben. Er ist viel differenzierter und widersprüchlicher als die anderen handelnden Personen.


    Mehr und mehr verdichtet sich Moby Dick zur zentralen Metapher. Es geht gar nicht um irgendeinen Wal, sondern um die nicht zu zähmende Natur, die sich der Hybris des Menschen, hier verkörpert in Ahab, aber auch in der Besatzung, die sich ihm nicht entgegenstellt, sondern seinem Vorhaben zujubelt, entgegenstellt.


    Im Kapitel 42 wird wieder das deutlich, was du, Zefira , anhand der Biografie von Delbanco, aufgezeigt hast, dass anscheinend die rassistische Vorstellung, dass die sogenannte weiße Rasse naturgegeben die anderen anführt, zu Melvilles Zeiten völlig verankert und "normal" war. Heute zieht man bei solchen Stellen doch scharf die Luft durch die Zähne … .


    Ab morgen geht's nun auf Verwandtenrundreise bis Anfang nächster Woche, da werde ich mich nur kurz zwischendurch melden können.

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  • Delbanco schreibt, dass der Seemann Bulkington, der im Gasthaus und im Kapitel 23 auftritt, aber später sang- und klanglos aus dem Buch verschwindet, im Grunde vom Charakter her wesentlich geeigneter wäre, sich Ahab entgegenzustellen, als der von Selbstzweifeln geplagte Starbuck. Doch "ebenso, wie es auf einer Planetenbahn nur einen Planeten geben kann, kann es in einem Werk der Phantasie nur einen solchen Charakter geben" (laut Delbanco ein Zitat von Melville selbst aus "The Confidence Man"). So hat er Bulkington durch den schwächeren Starbuck ersetzt.

    Mich hats durch verschiedene häusliche Umstände etwas aus dem Lesen gehauen, ich stehe noch vor Kapitel 34.

  • Kapitel 48 "Das erste Wegfieren" habe ich heute zum zweiten Mal gelesen, weil ich nicht sicher war, gestern alles richtig verstanden zu haben ...


    Wir bekommen die erste Waljagd, die in einem völligen Fiasko endet. Kein Wal erlegt, Ismaels Fangboot zertrümmert, es ist reines Glück, dass die Mannschaft des Fangboots überhaupt vom Schiff aufgenommen werden kann. In diesem Kapitel geht die Erzählperspektive vom Personalen ins Auktoriale (wie schon mehrmals); was da erzählt wird, kann Ishmael gar nicht alles wissen. Soweit ich mich erinnere, sitzt er in Starbucks Fangboot zusammen mit Queequeg als Harpunier.

    Eine bezeichnende Metapher ist der auf den Schultern des "Negers" Daggoo stehende kleine hellhäutige Flask. "Der Träger schaute eher aus als der Reitersmann", stellt Ishmael fest, schildert eingehend Flasks Gezappel auf seinem kernfest stehenden Träger und resümiert: "Solchermaßen habe ich Leidenschaft und Eitelkeit auf die lebendige großmütige Erde aufstampfen sehen, doch die Erde hat drum doch nicht ihre Jahreszeiten und Gezeiten geändert."

    Ehrlich gesagt hat mich neute, beim zweiten Lesen, das Grauen gepackt - die geschilderte Situation, wie die Besatzung des Fangboots ins Meer springt, kurz bevor die Pequod das Boot überrennt, ist unfassbar beängstigend. Und das ist erst der Anfang. Die allererste Waljagd.

    In Delbancos Biographie habe ich die Anmerkungen zu"Moby Dick" bereits hinter mir und heute morgen das Kapitel zu "Pierre oder die Doppeldeutigkeiten" (ich hoffe, der Titel ist halbwegs korrekt zitiert) gelesen. Delbanco geht eingehend alle sexuellen Anspielungen ein, die er, bzw. die Literaturkritik überhaupt, in diesem Werk ausgemacht hat; insbesondere findet er (wie bereits in Moby Dick) etliche Belege für Melvilles homosexuelle Neigungen. Ich war überrascht zu lesen, dass es zu Melvilles Zeiten nicht mal das Wort "homosexuell" oder ein anderes Wort für die entsprechende Veranlagung gab. (Walt Whitman z.B. bezeichnete eine erotische Beziehung unter Männern als "Adhäsion".)


    Ein Exkurs: Was mich aber wirklich auf die Palme gebracht hat, waren Delbancos Ausführungen über Melvilles sexuelle Frustration während des Wochenbettes seiner Frau. "Besser geeignet, schlechte Laune zu heilen ud gute hervorzurufen, als jegliches Mobiliar auf der Welt ist der Anblick eines liebreizenden Weibes" schrieb Melville in "White-Jacket" (Zitat nach Delbanco, ich kenne das Buch nicht), doch wenn "die Kinder zahnen, so sollte die Kinderstube ein paar Treppen weiter oben sein, auf See etwa auf dem Kreuzmars", wo immer das sein mag. Das sind Zitate nach Melville, ich zitiere darüber hinaus Delbanco: "Doch wenn die Frau das Baby schaukelt oder die Kleinen ihr den letzten Nerv rauben, büßt sie ihren Reiz vielleicht ein".
    Diese unbekümmert unverschämte Grundeinstellung, die Ehefrau allein von ihrem erotischen Nutzen für den Mann her zu definieren, hat einen wenig schmeichelhaften Widerpart in Helene Böhlaus Roman "Halbtier", den mir ein Freund vor ein paar Jahren geschenkt hat. Exakt das gleiche - aus der Gegenperspektive - kann man da lesen; die verbitterte Frau sagt selbst, dass sie am besten samt dem Neugeborenen während des Wochenbetts ausziehen solle, da die Qualen und die Nachwirkungen der Geburt und die Bedürfnisse eines Kleinkinds dem Vater nicht zuzumuten seien; das überfordere seine Nerven. Der Roman endet übrigens damit, dass die Schwester jener Ehefrau den Mann erschießt.

    Im Winter 1852 litt Melvilles Frau an einer Brustentzündung, die sich über Monate hinzog. Delbanco resümiert: "Melville litt sexuelle Not, als er Sex als literarisches Thema in "Pierre" einführte."

  • Bin wieder zurück von meiner Verwandtentour, dabei aber kaum zum Lesen, geschweige denn zum Posten gekommen.

    Das Kapitel 48 fand ich auch sehr eindrucksvoll. Es ist das, was man sich naiv von der Lektüre des Moby Dick erwartet, aber dennoch viel mehr. Die Lebensgefahr, die Bedrohlichkeit der entfesselten Natur einerseits, die unadäquate, emotional gesteuerte Reaktion der Menschen andererseits, wie hier die des eigentlich besonnenen Starbucks, der sein Boot mitten ins Verhängnis steuert.

    Im nächsten Kapitel versucht Melville zu erklären, wie Menschen, die solche Situationen erlebt haben, sich ihnen dennoch wieder stellen. Schwer zu verstehen, für mich nur, wenn ich mir klarmache, dass die Schiffsbesatzung außer Meuterei mit den entsprechenden Folgen, keine Möglichkeit hat, auf einem Walfänger der Wiederholung solcher gefährlichen Einsätze auszuweichen.
    Außerdem ist es wohl dieses ans Limit gehen der Abenteurernaturen, der Thrill, den sie dadurch gewinnen. Das bleibt mir persönlich verschlossen, ich nehme es aber zur Kenntnis, dass es da wohl etwas gibt, was einen zu solchen Dingen antreibt. Anrührend fand ich in diesem Zusammenhang die Bemerkung, dass die Bevölkerung doch bitte mit den Waltranprodukten, den Kerzen und Öllampen sparsam umgehe, um das Leben der Walfänger zu schonen. Von der Vernichtung der Tiere ist hier, im 19. Jahrhundert, als der Tisch der Natur anscheinend zumindest im Meer noch im Überfluss gedeckt war, nichts zu vernehmen.


    Danach das Abenteuer mit der "Town Ho" (Kap. 54): wieder so ein kleiner erzählerischer Kringel, um die polyglotte Seite des Walfangs zu inszenieren: Ismael erzählt seine Geschichte, die er über Taschtego erfahren hat, "Freunden" in einer scheint's gehobeneren Kneipe in Lima, die ihn durch Einwürfe unterbrechen und ihm dabei die Möglichkeit geben, ein paar erzählerische Seitenstraßen einzuschlagen, auch hier wieder eine ferne Erinnerung an Jean Paul, der auch - natürlich in anderen räumlichen, zeitlichen Dimensionen und erzählerischen Zusammenhängen - so ähnlich vorging.

    Was du über das Frauenbild Melvilles schreibst und anscheinend auch in eingeschränkter Weise das des Biographen Delbanco, gibt zu denken. Diese Einstellung ist nicht nur aus unserer heutigen Sicht extrem chauvinistisch. Leider hat sich in mancherlei Hinsicht wenig geändert: Gestern ging durch die Medien, dass die Männer sich in der Regel erst dann Erziehungszeit nähmen, wenn die Schreiphase der Babys vorbei sei. Das hat jetzt nichts mit sexuellem Chauvinismus zu tun, sagt aber auch eine ganze Menge über die auch heute noch etablierte Rollenverteilung und die mindere Leidensfähigkeit vieler Männer in Sachen Kinderlärm u.ä. aus. Ich selber habe allerdings keine Kinder, deshalb ist das wohl eine unfaire Bemerkung.


    Ich bin inzwischen im Kapitel 56 angelangt, in einem der vielen Zettelkästen (s.o., Jean Paul), wo es um die künstlerische Darstellung des Wals geht. Bilder und Quellenangaben dazu findest du im Materialthread, für den ich einen tollen Link gefunden habe.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)