Herman Melville: Moby Dick oder Der Wal

  • Da hast du Recht, ich finde das auch ganz schrecklich, was Lawrence schreibt. Es ist gerade im Abgesang dennoch Rassismus, erinnert mich an Spenglers Untergang des Abendlandes, aber nur vom Hörensagen, gelesen habe ich das nicht. Diese Tendenz kann man heute immer noch bei einigen sogenannten Intellektuellen beobachten, indem sie hervorheben, wie die "asiatischen Massen" - respektive China und Indien die europäische Kultur vom Planeten fegen würden, weil diese zu feinsinnig und schwach sei.

    Ich denke, dass Melville wohl im Überlegenheitsgefühl der sogenannten "Weißen" historisch verhaftet war, wie du ja auch oben mit Rückgriff auf Delbanco ausgeführt hast, Zefira , aber dass dieser Roman eine andere Intention hat, denn alle sterben ja, egal welcher Kultur sie entstammen, und der irrationale Jagdgeist hält sie alle vorher gefangen, neben Ahab auch die "heidnischen" Harpuniere.


    Für mich ist es die Hybris des Menschen gegenüber der Natur, welche keine Grenzen anerkennt und die Melville mit dem Roman zeigen will. Der spirituell überhöhte weiße Wal ist diese Grenze. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass der Autor beim Leser den Eindruck hinterlassen will, Moby Dick werde an den Folgen des finalen Duells sterben. Im Gegenteil ist doch der Wal, der an seiner Flanke triumphierend im Flechtwerk der Jagdinstrumente die Leiche des mysteriösen Fedallah trägt, in dieser Form ein noch größeres Symbol des Sieges. Denn Fedallah ist ja der ins Körperliche getretene Rachegedanke Ahabs.


    Das Einzige, wobei ich D.H. Lawrence zustimme, ist, dass auch ich den Symbolismus des Romans überfrachtet finde, aber das ist auch wieder ein Auswuchs des heutigen Zeitgeistes, der es etwas nüchterner nimmt. Wenn man den Roman in seiner Epoche sieht, ist das anders, genau wie man viele expressionistische Gedichte auch erst dann genießen kann, wenn man sich mit dem Pathos abgefunden hat, das sie transportieren.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • "der irrationale Jagdgeist hält sie alle vorher gefangen, neben Ahab auch die "heidnischen" Harpuniere."


    Dann wäre John Williams' Roman "Butcher's Crossing" (den ich sehr schätze, habe ihn diesen Sommer zum zweiten Mal gelesen) quasi eine Fortsetzung: Obwohl der Protagonist Miller keine Gelegenheit auslässt, zu beklagen, dass es in den Weiten der Prärie früher viel mehr Büffel gegeben habe, vernichtet er doch blindwütig schießend eine ganze Herde von Tausenden Büffeln; viel mehr, als er "verwerten" kann (es stellt sich am Schluss heraus, dass er überhaupt keine Felle verkaufen kann; nicht mal ein einziges!). Die Stelle, als Miller seine Schießerei beginnt, ist eine bewegende Schlüsselszene. Er schießt ohne Unterlass, solange er sein Ziel noch erkennen kann, lässt sich jeweils eine neue Flinte geben, wenn die alte zu heiß geworden ist, und stellt sich völlig taub gegenüber allen Einwänden, dass man all diese Büffel nicht wird häuten können - es ist ihm völlig schnurz, er schießt, solange sich noch etwas bewegt. Und das bei einem Menschen, der vorher als überlegt, intelligent, sogar sympathisch geschildert wurde.

  • Ja, das sind Abgründe im Menschen, die nicht nachvollziehbar sind. Aber im Moment reicht mir diese testosterongesteuerte Jägerwelt. Es darf jetzt auch bei den Protagonisten durchaus wieder etwas rationaler zugehen. Oder zumindest brauche ich nicht diese Lust am Vernichten wehrloser oder zumindest unterlegener Kreaturen in der Literatur.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)