Christoph Martin Wieland

  • Über die Neuausgabe des "Agathodämon" <a href="http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/07/17/drk_20090717_1433_1548cc28.mp3">plaudert</a> Gustav Seibt im DLR.


    Da klingt es fast so, als ob man mit dem Agathodaimon etwas verpasst. Ich muss mal in meiner kleinen Werkausgabe nachschauen, ob der drin ist. Aber eben: Vor Ende Oktober werde ich meine Bibliothek nicht zur Hand haben ... :grmpf:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Jan Philipp Reemtsma, ein großer Literaturförderer, wirbt schon seit Jahren für eine Wiederentdeckung Christoph Martin Wielands. Im Oktober 08 kommt neu heraus:


    Agathodämon

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    Gehört jetzt mir.

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

  • Dachte Du hast ohnehin die Gesamtausgabe?


    Ja, aber eine Ausgabe mit Lesehilfen ist bei der Lektüre von Wieland sehr hilfreich. Daher habe ich mir auch die verfügbaren Wieland-Bände des DKV zugelegt.

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

  • Klingt gut.


    Das mußt gerade Du sagen. Gegen Deine Sammlung habe ich doch nur eine kleine Handbibliothek.



    Wer erbst man deine Bibliothek, wenn sich im CERN ein schwarzes Loch bildet? :breitgrins:


    Da die nahe am CERN ist, wird die wohl mit verschwinden. Ansonsten dachte ich an eine Stiftung, damit die Sammlung nicht auseinander gerissen wird.

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

  • Back to topic, bitte.


    Meine Frage: kennt jemand das Wielandgut in Oßmannstedt? Ich komme wahrscheinlich demnächst in der Gegend vorbei und könnte einen Abstecher einplanen. Auf so eine uninspirierte Sammlung wie das Jean-Paul-Museum in Bayreuth könnte ich allerdings auch verzichten.


  • Meine Frage: kennt jemand das Wielandgut in Oßmannstedt? Ich komme wahrscheinlich demnächst in der Gegend vorbei und könnte einen Abstecher einplanen. Auf so eine uninspirierte Sammlung wie das Jean-Paul-Museum in Bayreuth könnte ich allerdings auch verzichten.


    Hallo,


    ja, ich war schon zweimal da, einmal noch zu DDR-Zeiten, dann 2007. Das Gut hat für mich nichts von seinem Reiz verloren. Es ist für sich einen Besuch wert: Das gilt besonders für den Park u.a. mit Wielands Grab. Außerdem gab es 2007 eine ausgesprochen informative Ausstellung über Wielands Leben und Werk, und im Museumsshop konnte ich biografisches Material erwerben, das sonst nicht im Buchhandel zu bekommen ist. Fazit: Für Wielandliebhaber, aber auch sonst: Der Abstecher lohnt sich!


    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Hallo Gronauer,


    danke für den Bilder-Link.

    Zitat

    Es wäre schade um das Wielandgut, wenn es da die Dächer gehoben hätte.


    Es sieht aber den Bildern nach so aus, als ob es nur Zäune und Bäume getroffen hätte.


    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Zur Zeit lese ich Wielands späte Briefromane; als erstes "Menander und Glycerion", jetzt gerade "Krates und Hipparchia". A. Schmidt bezeichnet sie im "Faun" als Fingerübungen für den Aristipp - das scheint mir, jedenfalls nach der Reihenfolge der Veröffentlichungsdaten zu urteilen, nicht richtig zu sein.


    Frappierender Eindruck, neben vielem anderem: Wieland schuf herausragende, sich emanzipierende Frauengestalten: Glycera, Hipparchia - und früher bereits die Lais im "Agathon", die "Musarion"... und in gewissem Sinne auch die "Dioklea" im Peregrinus Proteus. Jedenfalls in dieser Hinsicht war Wieland, trotz der antiken Folien, viel moderner als J.W.v.Goethe, dem Frauen und Mädchengestalten meinem Eindruck nach regelmäßig mißrieten.

  • Wielands Aristipp – ein über 1500 Seiten tiefer Leseozean, aus dem ich gerade wieder aufgetaucht bin. Jahrelang hatte ich das Buch vor mir hergeschoben, jetzt endlich war es soweit. Hier ein paar Eindrücke, ohne Anspruch auf Vollständigkeit (das wäre auch zu viel verlangt):


    Zunächst zum Titel: „einige seiner Zeitgenossen“ – was für ein Understatement! Unter diesen „Zeitgenossen“ tummeln sich unter anderem Sokrates, Platon, Xenofon, Antisthenes, der Sophist Hippias (von Elis), Diogenes von Sinope und, natürlich, die legendäre und historisch verbürgte Hetäre Lais. Keine ganz unbedeutende Gesellschaft!


    Über den Inhalt dieses Großmosaiks will ich keine unnötigen Worte verlieren, nur soviel: es wird eine umfängliche Korrespondenz vorgelegt, die praktisch die gesamte Welt der griechischen Antike umschreibt; von dem attischen Kernland aus über Nordafrika, Sizilien bis zu den Küsten der heutigen Türkei. Aristippos von Cyrene (im heutigen Libyen gelegen) wechselt über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren Briefe mit seinen Vertrauten über persönliche Verhältnisse, über Kunst, Kulturen, Politik und die im Aufstreben befindliche Philosophie, und nicht zuletzt über die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit und unternimmt in dieser Zeitspanne etwas ähnliches wie die „Grand Tour“ des gebildeten Nachwuchses in Wielands eigener Epoche.


    Die Fülle der Ideen in diesem Riesenwerk ist auch bei wohlvorbereiteter Lektüre allenfalls zu ahnen. Immerhin hatte ich – entgegen einem Rat, der mir hier einmal gegeben wurde – die Reise nicht unvorbereitet angetreten. Und ich rate meinerseits, es genauso zu halten. Vorweg und zum Kennenlernen der Briefromantechnik hatte ich bereits „Menander und Glycerion“ sowie „Krates und Hipparchia“ gelesen. Wichtiger erscheint mir ein kleiner, aber konzentrierter Einstieg in die Lehren der philosophischen Schulen der griechischen Antike und insbesondere mit den Dialogen Platons. In dem Maße, in dem etwa die Lebensgeschichte der Lais zurücktritt, werden die Bemerkungen zu Platon gewichtiger, und im 4. Buch befindet sich schließlich eine über 200 Seiten lange Auseinandersetzung mit Platons „Politeia“. Auch wenn man den Gedanken notfalls auch aus sich selbst heraus folgen kann, scheint mir zumindest die grobe Kenntnis dessen, worauf der große Wolkenkuckucksheim-Baumeister hinauswollte, schon hilfreich.


    Ein verwandtes, aber ganz anders gelagertes Thema ist die Frage nach den Bezügen zu den politischen Verhältnissen zu Wielands eigener Zeit (und darüber hinaus). Geht man davon aus, dass Wieland selbst es ist, der seinen Helden für sich sprechen lässt, so scheint das Ideal einer aufgeklärten und konstitutionell gebundenen Aristokratie seinen Vorzug zu haben. Insofern steht Wieland aus heutiger Sicht zwischen einem J.W.v.Goethe, der noch im „Egmont“ letztlich nur zwei Spielarten des Absolutismus vorzustellen vermochte, und dem klar republikanisch orientierten Jean Paul.


    In Wielands Prosa kann der Liebhaber schwelgen. Sie ist einfach zu lesen in dem Sinne, dass man sich nicht durch ein Dickicht vertrackter Metaphern hindurch schlagen muss, andererseits erfordert sie die Bereitschaft, der manieristischen Architektur seiner Sätze zu folgen und dabei höchste Sprachästhetik zu erleben. Und nebenbei ist es eine nette Entdeckung, die Redewendung, man sehe „den Wald vor lauter Bäumen nicht“, in statu nascedi zu sehen. Wer hier nur Inhalte aufzunehmen sucht, bringt sich um die Hälfte des Genusses.


    Obwohl die typische Diktion Wielands allen Briefen und damit allen Autoren anhaftet, fällt übrigens doch auf, dass es zwischen den Figuren in diesem Roman subtile stilistische Unterschiede gibt. Der Sophist Hippias hat eine etwas andere Diktion als etwa Lais, Freund Kleonidas oder Aristipp selbst.


    Ich gestehe, mit dem historischen Aristippos von Cyrene zu wenig vertraut zu sein, um beurteilen zu können, ob Wieland ihn mit dem Willen zur Authentizität darstellen wollte, oder ob er einen idealisierten Aristipp präsentiert; im Falle des Apollonius von Tyana (im „Agathodämon“) und wohl auch im Falle des „Peregrinus Proteus“ dienten die historischen Persönlichkeiten wohl eher als Aufhänger für die Absicht Wielands, seine Sicht der Aufklärung zu transportieren. Der Aristipp des Romans jedenfalls erfährt gegenüber seinem üblichen Ruf als Begründer des Hedonismus eine deutliche Aufwertung. Nicht der Genuss schlechthin und in jedem Maße ist es, worauf sich das menschliche Streben richten sollte, sondern das Wohlbefinden in einer der jeweiligen Lage angemessenen Weise. Nicht wollüstiges Schwelgen, sondern das Ausschöpfen des Wertes dessen, was in vernünftigen Maßen zur Verfügung steht, ist das Ziel dieser sehr lebenspraktisch orientierten Lehre. Daher steht der erklärte Sokratiker Aristipp dem abgehobenen Idealisten Platon ebenso fern, wie dem Dürftigkeitskult der Cyniker, kann aber sowohl offene Sympathie für die Anspruchslosigkeit des Diogenes von Sinope als auch eine innige Freundschaft zu der verschwenderischen Lais pflegen.

    Einmal editiert, zuletzt von Gronauer ()

  • Hallo Gronauer,


    danke für die durchdachten Anmerkungen zu diesem Mammutwerk. Du regst mich an, mal wieder etwas von Wieland zu lesen, der zu meinen Lieblingsautoren gehört, weil er intelligent, tief gebildet, witzig, bescheiden und menschenfreundlich ist.


    Es wird wohl nicht der Aristipp werden, den hebe ich mir für die Rente auf :zwinker:, einfach zu lang und mit zu vielen Nebenhöfen, die man sich auch anschauen sollte, behaftet.


    Aber die Geschichte der Abderiten, das wäre vielleicht etwas. Die hast du sicher auch schon gelesen. Sie soll ja auch recht witzig sein, im Gegensatz zum Agathon, den ich damals recht trocken-mühsam fand.


    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)