Martin du Gard: Die Thibaults

  • Moin, Moin!


    Kennt einer Roger Martin du Gards <a href="http://www.amazon.de/Die-Thibaults-Roger-Martin-DuGard/dp/3552052852/leipzigerbuch-21">Die Thibaults. Die Geschichte einer Familie</a>? Sowohl Autor als auch Titel waren mir bis eben völlig unbekannt. Und doch muß es sich um einen Klassiker handeln, ein Familienepos.


    Edit: Ich habe den Namen des Autors dem Threadtitel hinzugefügt. Nix für Ungut! Grüsse - Sandhofer

  • Hallo zusammen,


    Ich lese derzeit diese Familiensaga. Da ich erst auf S. 70 bin, kann ich noch nicht viel dazu schreiben. Es beginnt recht ungewöhnlich. Zwei Jungen, die sich aus der Schule kennen, sind verschwunden. Der eine Junge, Jacques Thibaults, 16 Jahre alt, ungestüm, unkontrollierbar, ist Katholik; der zweite Junge, Daniel de Fontanin, 14 Jahre, wirkt reifer, ist Protestant. Der Abbé, der für die Erziehung des 16jährigen zuständig ist, nennt die de Fontanin "die Hugenotten".


    Sie werden erwischt, wie sie in einem Schulheft, das sie in der Schule hin und her wandern lassen, darin schreiben sie über Zola u.a. in der Schule verbotene Schriftsteller, schreiben sich Gedichte. In weiteren Textstellen werden die Worte so innig, so voller Liebe, dass der Abbé Alarm schlägt und es für Unzucht hält, natürlich sind die "Hugenotten" daran schuld. Solche Kinder sollten in einem speziellen Heim untergebracht werden. Die Beiden reissen aus.


    Die Familienmitglieder der Thibaults bestehen aus dem Vater, den älteren Sohn, der Arzt ist und Jacques, der Schüler.
    In der Familie de Fontanin ist die Mutter eine starke Persönlichkeit, namens Therese de Fontanin. Ihr Mann ist ein Schürzenjäger und kaum zu Hause. Sie hat neben dem Sohn Daniel noch eine Tochter, Jenny genannt. Sie erkrankt schwer an Meningitis und die Ärzte sagen "sie ist verloren". Da kommt der Pater der Familie vorbei. Es geht sehr mystisch zu....


    Weiter bin ich noch nicht.


    Wußtet ihr, dass Martin du Gard den Nobelpreis verliehen wurde. Die Begründung lautete, daß hier ein "umfassendes, psychologisch durchformtes Gemälde der führenden französischen bürgerlichen Gesellschaft um die Jahrhundertwende mit allen ihren Zeitproblemen, den inneren und äußeren Spannungen zwischen Katholizismus und Protestantismus, zwischen Vätern und Söhnen, Gelehrtentum und Künstlertum und den sittlichen Krisen" vorliegt.


    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

    Einmal editiert, zuletzt von JMaria ()

  • Hat jemand in den letzten 10 Jahren noch Martin du Gard gelesen? Ich habe ihn vor ein paar Monaten entdeckt, nämlich den schmalen Roman, der auf Französisch "Vieille France" heisst. Das hat mir so gut gefallen, dass ich mir, die umfangreichen Korrespondenz ausgenommen, das Gesamtwerk zugelegt habe. Auf Deutsch gibt es das wohl nur noch antiquarisch. Die Thibaults muss ich noch lesen, die liegen noch in einem weit entfernten Antiquariat, aber warten auf mich. Jean Barrois hat mir sehr gut gefallen. Der Verleger, der es ursprünglich angeboten bekam, fand es total misslungen und meinte kein Leser käme weiter als 100 Seiten. Mir hat es sehr gut gefallen. Es sind eigentlich zwei Geschichten. Jean Barois wächst sehr gläubig in einer katholischen Familie auf, aber entfernt sich immer weiter von seinem früheren Glauben, trennt sich von seiner Frau, die dies, den Glaubensabfall, nicht akzeptiert. Er gründet eine "freisinnige" Zeitschrift, die gegen den Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft streitet. Die andere Geschichte ist die Dreyfuss Affaire, die im Roman sehr getreu wiedergegeben wird. Intellektuelle Redlichkeit und Gerechtigkeit sind die beiden grossen Themen von Jean Barois. Sein unvollendet gebliebener letzter Roman, an dem er 16 Jahre gearbeitet hat, wurde nie ins Deutsche übersetzt. Lieutenant - Colonel de Maumort ist eine 1000-seitige fiktive Autobiographie. Sie lese ich z.Zt. mit Begeisterung. Merkwürdig, dass Roger Martin du Gard so vergessen ist, auch in Frankreich. Es lohnt sich unbedingt, zumindest nach meiner bescheidenen Meinung, sich seine Werke antiquarisch zu beschaffen.

  • Vielen Dank, J. Maria, für diesen Hinweis auf den sehr guten FAZ- Artikel. Dieses grosse Romanfragment Martin du Gards ('Le lieutenant-colonel Maumort' ) hatte ich ja mit Begeisterung gelesen, und gerade dieses kleine Stück, als die Nazis sein Haus besetzen, habe ich in guter Erinnerung. Ich habe bei der Lektüre zum ersten Mal das Gefühl gehabt zu verstehen, warum die nationalsozialistische Ideologie so eine Anziehungskraft hatte. Hoffentlich ist das schmale Bändchen der Auftakt, so dass man doch noch hoffen kann, dass das ganze Buch übersetzt wird. Inzwischen habe ich auch die drei Gallimard-Bände mit autobiographischen Dokumenten Martin du Gards gelesen, hauptsächlich Tagebücher (ca. 3000 Seiten).

    (Jetzt verstehe ich auch, wie es möglich war, dass 'Die Thibaults' in einen Taschenbuchband passen. Wenn man die beiden Teile weggelassen hat, die kurz vor und zu Beginn des 1. Weltkriegs spielen, dann hat man ungefähr die Hälfte weggelassen.)

  • Zitat

    Jetzt verstehe ich auch, wie es möglich war, dass 'Die Thibaults' in einen Taschenbuchband passen. Wenn man die beiden Teile weggelassen hat, die kurz vor und zu Beginn des 1. Weltkriegs spielen, dann hat man ungefähr die Hälfte weggelassen.)



    Das ist mir auch aufgefallen. Also wenn man auf Vollständigkeit besteht, dann sollte man nach den DDR-Ausgaben Ausschau halten, die anscheinend ungekürzt sind.

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Die ersten 7 Romane aus der 'Thibault' Serie (ein roman fleuve) haben in der frz. Pleiade Ausgabe einen Umfang von ca. 800 Seiten. Die beiden letzten Bände, die auf Deutsch nur in der DDR erschienen waren, haben zusammen ca. 1000 Seiten. In der dtv Ausgabe fehlt also mehr als die Hälfte. Die DDR Ausgaben findet man sehr häufig zu geringen Preisen im zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher. Ich muss aber zugeben, trotz aller RMdG-Begeisterung, dass insbesondere "Sommer 1914" die Geduld der Leser wirklich strapaziert. Da wird sehr detailliert, meist in der Form von Dialogen zwischen Anhängern der sozialistischen Bewegung in Genf, das politische Klima in den letzten Monaten vor Ausbruch des 1. Weltkriegs dargestellt.

    Eigentlich hätten "Die Thibaults" viel umfangreicher werden sollen. Ein schwerer Autounfall, aber auch der Wandel des politischen Klimas, zwangen Martin du Gard sein Romanprojekt zu ändern. Was ursprünglich geplant war, wissen wir nicht genau. Der Autor hatte für alle geplanten Bände sehr umfangreiche Materialsammlungen angelegt. Als er den Entschluss gefasst hatte, die Romanserie deutlich zu kürzen, und mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs enden zu lassen, hat er alle Materialien für die ursprünglich geplanten späteren Bände vernichtet. Er wollte nicht in Versuchung kommen, seine früheren Pläne wieder aufzugreifen.

    Aber sein nächstes Romanprojekt, der 'Sergeant-colonel de Maumort' war wieder so ausufernd, dass ihm klar war, es nie fertigstellen zu können. Das veröffentlichte Fragment zählt etwas mehr als 1000 Seiten. Trotz seines fragmentarischen Charakters, kann man es lesen, ohne den Faden zu verlieren. Es fehlt nicht nur der Schluss, auch das ganze Buch ist sozusagen durchlöchert, da RMdG zwar alle Kapitel skizziert, aber nicht alle ausgeführt hat. Was fehlt sind hauptsächlich die Teilen die sich mit der Militärzeit in den afrikanischen Kolonien beschäftigen. Ich halte das Maumort Romanfragment für das beste Werk, das RMdG geschrieben hat. Wer Französisch lesen kann (ich kann es mit einiger Mühe) sollte dem Maumort den Vorzug vor den "Thibaults" geben (Es gibt auch eine Niederländische Übersetzung). Und auf Deutsch gibt es leider nur dieses schon vergriffene kleine Kapitel, das im FAZ Artikel besprochen wird.