• Hat er die nordische Literatur seiner Zeit (Ibsen, Strindberg, den frühen Hamsun) gekannt und wenn ja: Hat er sie geschätzt?



    Hallo Tom,


    zu Ibsen kann ich dir etwas weiterhelfen, wenn man sich zwei Theaterkritiken von Fontane anschaut, "Gespenster" und "Die Wildente" und ihn selbst zu Wort bittet:


    (...)Der Verein "Freie Bühne" eröffnete gestern die Reihe seiner für diesen Winter geplanten acht Vorstellungen auf der Bühne des Lessing-Theaters, und zwar mit Ibsens "Gespenster", eine Wahl, die mir in doppelter Hinsicht die richtige zu sein schien: einmal in Huldigung gegen Ibsen, der (wenigstens aufs Dramatische hin angesehen) als Ältester wie als Haupt der neuen realistischen Schule dasteht, zum zweiten aus gebotener Klugheit... (...)


    über "Die Wildente"...


    (...) Beiden (Gespenster und Die Wildente) gemeinsam ist die Wahrheit und Ungeschminktheit in der Wiedergabe des Lebens, beiden gemeinsam auch die pessimistische Weltanschauung. "Alles ist eitel"; wohin wir blicken, Phrasen, die wir uns gewöhnt haben "Ideale" zu nennen, Lügenideale, mit denen, so verstehen wir Ibsen, als nächstes Menschheitsziel aufgeräumt werden muß.... (...)



    sind nur kurze Auszüge, doch zeigen sie eine gewissen Hochachtung vor dem Dramatiker Ibsen.


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    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • Meine Frage an die Fontane-Experten: Hat er die nordische Literatur seiner Zeit (Ibsen, Strindberg, den frühen Hamsun) gekannt und wenn ja: Hat er sie geschätzt? Meine These: Wenn Fontane Hamsun gekannt und gelesen hat, dann dürfte er zutiefst verwirrt gewesen sein angesichts der Modernität des jungen Norwegers, der seine Geschichten und Charaktere am Rand der bürgerlichen Gesellschaft und Vernunft angesiedelt hat – ganz anders als unser Großmeister aus Brandenburg.


    Und noch eine Frage: Kannte Fontane die zum Teil aus der Tradition nordischer Volksmusik heraus entstandenen Werke Edvard Griegs?



    so, ich habe nun "Fontanes Welt" von Helmuth Nürnberger hinzugezogen, eine empfehlenswerte Biographie, die ich vor Jahren las und das ein Namensregister beinhaltet. Ibsen wird in diversen Stellen erwähnt, als Vorreiter des Naturalismus in Skandinavien, doch leider findet sich nichts über Grieg, Hamsun, Strindberg.


    LG
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Ich habe nun auch Fontane für mich entdeckt. Zuerst las ich "Irrungen, Wirrungen" und nun habe ich zu "Effi Briest" gegriffen. Die Hälfte des Buches habe ich schon hinter mir und ich kann mich nicht entscheiden was mir besser gefällt. Jedes Buch hat seinen eigenen Reiz.


    Nun habe ich aber mitbekommen, dass Fontane sehr viele Hinweise und Bilder in seinen Büchern versteckt. Was ich aber noch nicht weiß: Welche Bedeutung haben die leeren Zimmer im ersten Stock in dem Effi und Innstetten wohnen? Sollen sie die Leere in ihrer Beziehung symbolisieren? Und wenn ja, warum will der Ehemann diese Leere nicht ändern? Warum müssen diese Räume leer bleiben und warum darf Effi nicht einmal die Gardinen kürzen, damit sie nicht immer das Schaben hört?


    Vielleicht kann mir hier jemand helfen. Denn das würde mich doch sehr interessieren.


    Da ich seit kurzem einen E-Reader habe, sind auch schon einige andere Werke von Fontane darauf geladen, wie die Wanderungen, "Vor dem Sturm" und der Stechlin.


    Katrin


  • Ich habe nun auch Fontane für mich entdeckt. Zuerst las ich "Irrungen, Wirrungen" und nun habe ich zu "Effi Briest" gegriffen. Die Hälfte des Buches habe ich schon hinter mir und ich kann mich nicht entscheiden was mir besser gefällt. Jedes Buch hat seinen eigenen Reiz.


    Nun habe ich aber mitbekommen, dass Fontane sehr viele Hinweise und Bilder in seinen Büchern versteckt. Was ich aber noch nicht weiß: Welche Bedeutung haben die leeren Zimmer im ersten Stock in dem Effi und Innstetten wohnen? Sollen sie die Leere in ihrer Beziehung symbolisieren? Und wenn ja, warum will der Ehemann diese Leere nicht ändern? Warum müssen diese Räume leer bleiben und warum darf Effi nicht einmal die Gardinen kürzen, damit sie nicht immer das Schaben hört?


    Vielleicht kann mir hier jemand helfen. Denn das würde mich doch sehr interessieren.



    Hallo Jaqui,


    deine Begeisterung für Fontane kann ich sehr gut verstehen. Ich denke noch gerne an die gemeinsame Leserunde, die hier stattfand :-)


    zu deiner Frage wegen dem Ballsaal, die Gespenstergeschichte, dem Chinesen ... Ingstetten ist viel unterwegs und belässt Effi ihre Ängste um sie recht brav zu halten, sozusagen als Erziehungsmaßnahme ! Die Männer in Effis Umgebung meinen es nicht gerade gut mit ihr, selbst Crampas benutzt diese Vorgehensweise als er ihr eine Blaubartgeschichte erzählt und ihren Hund Rollo darin einbaut. Im allgemeinen wird das so gedeutet ( http://de.wikipedia.org/wiki/Effi_Briest ) . Es gibt bestimmt noch mehr Gedankengänge dazu, Fontane lässt einem auch viel Raum zur Interpretation, da er nie alles beantwortet.


    LG
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo Katrin,


    Ich finde es toll, dass du dir eigene Gedanken machst und nicht nur auf Wikipedia zurückgreifst, wenn es auch nützlich ist.
    mit jedem erneuten lesen, fällt einem wieder etwas neues auf. Heute habe ich festgestellt, dass im Stechlin in einem Salongespräch die Praeraffaeliten genannt werden. das ist mir beim ersten lesen garnicht aufgefallen oder wieder entfallen. Beim zweiten lesen von Effi Briest sind mir die Bezüge zu Heinrich Heine Lyriks erst so richtig aufgefallen. So ist Fontane :smile:


    Weiterhin viel Freude mit Fontane.


    LG


    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

    Einmal editiert, zuletzt von JMaria ()

  • Danke Maria, ich hätte nie gedacht, dass ich mit einem einzigen Autor so viel Spaß habe. Bisher habe ich immer nur ein Buch gelesen und vielleicht mal nach Jahren ein zweites.


    Wenn man aber mehrere Bücher eines Autors hintereinander liest, fallen einem total viele Gemeinsamkeiten, Unterschiede oder andere Sachen auf.




    Beim zweiten lesen von Effi Briest sind mir die Bezüge zu Heinrich Heine Lyriks erst so richtig aufgefallen. So ist Fontane :smile:


    Da ich von Heine nur das Wintermärchen kenne, fallen mir solche Sachen gar nicht auf :redface:


    Katrin

  • Ich finde es toll, dass du dir eigene Gedanken machst und nicht nur auf Wikipedia zurückgreifst, wenn es auch nützlich ist.


    Abgesehen davon, dass die Informationen bei Wikipedia manchmal auch nur schlicht und ergreifend - falsch sind. :winken:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Nachdem hier schon so viel über das Buch "Führer durch Fontanes Romane" gesprochen wurde, ich aber gesehen habe, dass es dieses nur mehr gebraucht gibt, habe ich heute ein anderes gefunden:


    Interpretationen: Fontanes Novellen und Romane 

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    Das kleine Büchlein sollte in den nächsten Tagen bei mir eintreffen und dann bin ich mal gespannt ob es so was in der Art ist wie ich mir das vorstelle.


    Katrin

  • Da hier momentan viel über Fontane geschrieben und nachgedacht wird, erlaube ich mir, ein wenig Wasser in den Wein zu schütten.


    Nach der Fontane-Leserunde im vergangenen Jahr ("Unwiederbringlich") sowie nach der Lektüre von "Jenny Treibel" unmittelbar im Anschluss daran, habe ich jedenfalls beschlossen, von diesem Autor nichts mehr zu lesen. Die letztgenannten Romane sind von durchschaubarer Machart, das Personal eine Aneinanderreihung von Klischees, die viel gerühmten Dialoge werden irgendwann langweilig. "Effi Briest" und Teile des "Stechlins" möchte ich von dieser Kritik ausnehmen, denn mit diesen Büchern verbinde ich positive (vermutlich weil tiefer in der Vergangenheit liegende) Leseerlebnisse.


    Gottfried Benn schrieb 1949 über Fontane: Dieser Autor war immer gegen mein Empfinden. … Er hat Sicherheit, Kontur und Überlegenheit, er wird mit seinem Thema fertig, er ist innerhalb der deutschen Romaninferiorität eine große Leuchte. … Aber das Pläsierliche, ein Präservativ der Moral, ... entzieht ihm den Rang. Fontane als Kleinmeister unter den mittelmäßigen Autoren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Ich halte das für einigermaßen zutreffend.


    Zum Schluss noch ein Arno Schmidt-Zitat über den literarischen Realismus (aus einem Rundfunk-Essay über Barthold Heinrich Brockes): Nicht dies ist das Kennzeichen des literarischen Realisten, dass er, in oft provozierender Rücksichtslosigkeit, Dinge beschreibt, die dem Bürger unangenehm sind. Dieses Verfahren führt nur allzu oft in eine Apotheose des Misstrauens. Das Verfahren des echten Realisten beruht auf der Erkenntnis, dass in Wirklichkeit viel weniger geschieht, als die katastrophenfreundlichen Dramatiker uns weißmachen wollen. Das Leben besteht, was Handlung anbelangt, aus den bekannten kleinen Einförmigkeiten. Also verweigert man sich als Realist ... der Fiktion pausenlos aufregender Ereignisse, wobei die radikalste Denkweise sehr wohl mit Handlungsleere gepaart sein kann. … Die Fabel einer Dichtung besteht nicht aus Aktion, sondern aus Zuständen und Denkweisen. … Alle Handlung hört auf. Nur die Denkweisen und die Befindlichkeit erzwingen das unvergessliche Bild.


    Schade, dass Fontane dieses Zitat nicht kannte.


    Es grüßt


    Tom

  • Hmm... viele Zitate großer Männer... ;) Fontane hat viele durch seine Einfachheit in den Bann gezogen, durch die einfache Darstellung gesellschaftlicher Probleme. Das ist ihm hoch anzurechnen. Ich lese Fontane auch nicht so gerne, komm aber nicht drum rum, weil ich überprüfen möchte, ob wirklich der erste Satz seiner Romane immer irgendwie die Geschichte widerspiegelt. Das find ich faszinierend :)

    I am no bird; and no net ensnares me; I am a free human being, with an independent will; which I now exert to leave you.

  • In diesem Sommer habe ich einen seiner früheren Ehebruchromane gelesen, nämlich Graf Petöfy. Fontanes Frau hat an dem Roman einiges bemängelt, hauptsächlich wohl, daß manche Teile des Romans, z.B. die plötzliche Zuwendung Franziskas zum Neffen des Grafen. Doch ich finde Fontane hat hierzu ein oder zwei subtile Hinweise gegeben, fein eingewebt, die das Geschehen abrunden. Mir hat die kleine Geschichte gut gefallen, weist sie bereits die Dinge aus, die er in seinen späteren Romane noch besser verarbeitete. Einzig der religiöse Aspekt ist wohl ziemlich einmalig in Graf Petöfy und das hat Fontane später nicht mehr in seinen Werken untergebracht. Fand ich interessant.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • In diesem Sommer habe ich einen seiner früheren Ehebruchromane gelesen, nämlich Graf Petöfy. Fontanes Frau hat an dem Roman einiges bemängelt, hauptsächlich wohl, daß manche Teile des Romans, z.B. die plötzliche Zuwendung Franziskas zum Neffen des Grafen. Doch ich finde Fontane hat hierzu ein oder zwei subtile Hinweise gegeben, fein eingewebt, die das Geschehen abrunden. Mir hat die kleine Geschichte gut gefallen, weist sie bereits die Dinge aus, die er in seinen späteren Romane noch besser verarbeitete. Einzig der religiöse Aspekt ist wohl ziemlich einmalig in Graf Petöfy und das hat Fontane später nicht mehr in seinen Werken untergebracht. Fand ich interessant.


    Gruß,
    Maria


    Ich habe "Graf Petöfy" hier auch noch ungelesen liegen. Aber er wird sich noch bis irgendwann im nächsten Jahr gedulden müssen ...
    Interessant, was du zu den subtilen Hinweisen schreibst. Ich bin gespannt, ob sie mir dann auch auffallen. So etwas überlese ich manchmal ganz gerne. :redface:


    Gruß, Gina


  • Neuedition der Fontane-Werke, zurück zur ursprünglicher Rechtschreibung und Zeichensetzung...?
    http://www.faz.net/aktuell/feu…zeitgenosse-13358148.html


    Tja, braucht die Welt das wirklich? Unter dem FAZ-Artikel ist ein Leserkommentar veröffentlicht - Tenor: Fontane hat uns heute nichts mehr zu sagen. Allerdings werden dann deutsche Autoren des 19. Jahrhunderts genannt, die man nicht weniger als Fälle für die Germanistik einstufen sollte. Ich kann mir nicht helfen, aber die deutsche Romanliteratur des 19. Jahrhunderts hat vergleichsweise wenige Highlights produziert - im Gegensatz zur fränzösischen, englischen, russischen, amerikanischen ...

  • Ich kann mir nicht helfen, aber die deutsche Romanliteratur des 19. Jahrhunderts hat vergleichsweise wenige Highlights produziert - im Gegensatz zur fränzösischen, englischen, russischen, amerikanischen ...


    Damit tust Du nicht nur Fontane Unrecht, sondern auch Raabe, Stifter, Keller, Gotthelf...


    Andererseits gab es im 19. Jahrhundert an nennenswerten Romanciers in Frankreich nur Balzac und Zola. Und selbst diese beiden reichen nie an die oben genannten Deutschen heran.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus