Beiträge von JHNewman


    Es ist ein großartiges Buch, das dunkelste von Thomas Mann, aber mit tiefen Einblicken in Kunst, Welt und Seele. Mich beeindrucken auch die Dialoge, in denen vieles von dem deutlich wird, was die Menschen in Deutschland seinerzeit umtrieb. Das Buch geht für mich aber auch an Grenzen. Das Echo-Kapitel etwa kann ich kaum ertragen. Wie da die Zerstörung eines Kindes beschrieben wird, ist kaum auszuhalten.


    Neben der Lesefassung von Gert Westphal gibt es auch noch eine ausgezeichnete Hörspielfassung auf 10 CDs, die ich ebenfalls sehr empfehle.


    Federführend, aber in Zusammenarbeit mit einigen anderen Völkern...


    In der Tat war ja um 1900 herum der Antisemitismus in Deutschland weniger stark ausgeprägt als in anderen europäischen Nationen (Frankreich, Polen, Russland).


    Zum Teil schwer verdaulich, weil Schwarz-Weiß-Malerei zwischen bösen "Welschen"(Italier, Byzantiner, Franken) und guten, weil germanischen Goten, da merkt man, dass die Rassenideologie der Nazis auf fruchtbarem braunem Grund gedieh. Spätestens nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 (der Roman erschien 1876) war die Hybris vieler, auch und gerade intellektueller Deutscher gegenüber den westlichen und südlichen Nachbarn erschreckend.


    Nationalismus und Nationalchauvinismus waren leider Viren, die seinerzeit viele Völker befallen hatten. Da bilden die Deutschen keine Ausnahme.


    Milan Kundera - Die Unsterblichkeit
    Ich kann es kaum erwarten, bis ich mit dem Buch durch bin. Entweder entgeht mir da der tiefere Sinn oder das Buch ist einfach nur grausam. So schnell werde ich bestimmt nichts mehr von Kundera lesen, obwohl ich viel über die unerträgliche Leichtigkeit des Seins gehört habe.


    Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins war seinerzeit auch für mich ein wichtiges Buch. Ich habe es vor vielen Jahren gelesen und war auch durchaus beeindruckt. Nun habe ich mir für längere Autofahrten vor einigen Monaten einmal die Hörbuchfassung besorgt und gehört. Das Buch schien mir doch sehr in die Jahre gekommen zu sein. Als Roman hat es mich gar nicht mehr überzeugt. Mir war ganz entfallen, dass weite Strecken des Textes eher aus essayistischen Passagen zum Thema Liebe bestanden.


    Was ich von den Spätwerken Kunderas gelesen habe, hat mich nicht mehr sehr beeindruckt. Ich denke, es hat auch damit zu tun, dass für mich der frühere Kundera ein wichtiger Autor zum Kennenlernen der Tschechoslowakei und der politisch-gesellschaftlichen Situation dort war. Dieses Thema spielt verständlicherweise bei den neueren Büchern keine Rolle mehr.


    :lesen: Joseph Wittlin: Das Salz der Erde


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    Gruß, Gina


    Diese Buch war für mich eine Entdeckung. Ein interessanter Autor mit einem sehr eigenen Stil. Drauf gekommen bin ich nur, weil der Autor des Nachwortes (Martin Pollack) es in Leipzig auf der Messe am Rande einer Podiumsdiskussion zu Osteuropa und dem ersten Weltkrieg hochgehalten hat (da war es offiziell noch gar nicht erschienen). Für mich - wieder einmal - eine interessante Horizonterweiterung. Wie gefällt Dir das Buch, Gina??

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    "Morphin" von Szczepan Twardoch


    Oh, dazu würde mich Deine Meinung interessieren. Ich wollte Twardoch gerne in Leipzig auf der Messe sehen, konnte dann aber leider nicht bis zum SA bleiben. :-(


    Sein Buch hat mich nicht so überzeugt. Aus meiner Sicht war da eine literarische Technik zu sehr ausgewalzt, das Buch bewegte sich nicht. Auch der Roadmovie-Charakter, den es dann im letzten Drittel annahm, hat es für mich nicht mehr gerettet.

    Neben Colum McCanns sehr meisterlichem Roman 'Trans-Atlantic' lese ich gerade die nicht weniger meisterliche 'Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert' von Ulrich Herbert. Wird wohl auch etwas dauern, da über 1400 Seiten dick. Bisher aber ein ausgezeichnetes Buch.


    Vielleicht kannst Du mir und den hier Mitlesenden einmal berichten, welche Beiträge in "Sinn und Form" Dich in letzter Zeit besonders beeindruckt haben? Die Zeitschrift ist vielfach nicht sofort in einer nächstgelegenen Bibliothek einsehbar.


    Anhand der Informationen in dem von Dir beigegebenen Link kann man schon erkennen, dass sich die Zeitschrift viel mehr als früher internationalen Entwicklungen geöffnet haben dürfte.


    Das kann ich nicht sagen, da ich die Zeitschrift früher nicht kannte. Ja, es sind eine ganze Reihe internationaler Autoren vertreten. Dennoch gibt es immer wieder viele Beiträge, die sich auch mit dem Kulturleben der ehemaligen DDR beschäftigen, was wiederum für mich eine nicht geringe Horizonterweiterung bedeutet.


    Deiner Aufforderung, ein paar Beiträge zu nennen, komme ich gerne nach.


    Im aktuellen Heft (3/2014) gibt es einen kleinen Themenschwerpunkt zum Thema Bespitzelung/Stasi-Vorwürfe/Umgang mit der Stasi-Vergangenheit. Dazu gehört ein sehr interessanter Aufsatz von Sabina Kienlechner über die Aufarbeitung der Securitate-Mitarbeit innerhalb der deutschsprachigen Gemeinschaft in Rumänien, der sich u.a. mit der unverständlichen bundesdeutschen Rechtsprechung zu diesem Thema befasst. Dann Auszüge aus den Tagebüchern von Klaus Schlesinger aus dem Jahr 1991, einer Zeit, in der Gerüchte über eine Stasimitarbeit seinerseits kursierten, die später ausgeräumt werden konnten. Und schließlich ein Aufsatz über Helga M. Novak, die seinerzeit die Urheberin der Gerüchte über Schlesinger war. Das bildet insgesamt einen hochinteressanten Cluster an Beiträgen zu diesem komplexen Thema.


    Im Heft 2/2014 gab es Auszüge aus Erwin Strittmatters Tagebüchern, einen Essay von Patrick Modiano zu Joseph Roth und ein Gespräch zwischen Cecile Wajsbrot und Helene Cixous.


    Besonders gelungen auch Heft 2/2013 (das ich erst gerade gelesen habe, ich lese die Hefte nicht immer sofort nach Erscheinen und im Stapel geraten sie dann gern auch mal durcheinander...): Darin zwei Beiträge zu Richard Wagner (von Nike W. und Friedrich Dieckmann), Auszüge aus den Erinnerungen von I. M. Lange zu Walter Benjamin, zwei Beiträge zu Stefan George - von Wolfgang Graf Vitzthum zu Georges Demokratieverständnis und von Martin Mosebach zu Stefan Georges Religion (letzterer handelt freilich mehr von Martin Mosebach und seinen Lieblingsthemen als von Stefan George selbst). Dazu ein sehr schönes Gespräch zwischen Jörg Magenau und Peter Nadas.


    Das alles ist aber nur eine Auswahl, in den Heften ist auch noch mehr zu finden.

    Ich bin num zum Ende des Romans vorgedrungen.


    meine oben genannten Irritationen am überbordenden Idealismus des dritten Buches wurden durch das Nachodine-Kapitel etwas besänftigt. In diesem Kapitel behandelt Goethe doch recht breit den Konflikt und die existenziell-wirtschaftliche Bedrohung, die durch die Industrialisierung und das 'um sich greifende Maschinenwesen' entsteht. Auswanderung erscheint also nicht mehr nur als gewünschter Aufbruch, sondern auch als (erzwungener) Ausweg aus einer Notlage.


    Der Höhepunkt ist aber für mich das Makarienkapitel. Hier kommt Goethe wieder zu dem, was er im Tiefsten sagen will. Da zeigt sich für mich Goethe als 'Seher' - und das sind die Kapitel, die für mich den Roman wirklich lesenswert machen.


    Was in den Jahren 1991 bis 1993 an Schroffem, Verletzenden geschehen ist, mag vielleicht die Generation meines Sohnes, mag die der Enkel erforschen.
    Für die Einheit in Würde traten damals Weizsäcker, Bahr, Gaus, Dönhoff, Schorlemmer, der unvergessene Wolfgang Ullmann, in stillen Broschüren "Weil das Land Versöhnung braucht" ein, was in einem schrillen Chor der Verdammung des "Unrechtsstaates" und seiner Helfershelfer unterging.


    Hallo Karamzin,


    ich dachte mir, dass Dir die Zeitschrift bekannt ist. :smile:


    Icn bin ja Wessi durch und durch. Was aber in den von Dir genannten Jahren besonders im Hinblick auf die Kultur der ehemaligen DDR geschehen ist, erfüllt mich noch heute mit Scham, Zorn und Abscheu. Damit meine ich nicht die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Das halte ich schon für einen wichtigen Klärungs- und Selbstreinigungsprozess. Nur ist ja in diesem Zusammenhang viel zerstört worden, was erhaltenswert gewesen wäre. Was man auch dringend hätte erhalten müssen. Die verheerenden Auswirkungen, die etwa der Beitritt der sog. 'Neuen Bundesländer' zur Bundesrepublik auf das Verlagswesen hatte, hat damals wohl niemand bedacht. Das ging alles im Rausch und im Wunsch nach der Westwährung unter. Die Folge war ein Bruch, eine Vernichtung von Identität und von kulturellem Erbe, das damit unwiederbringlich verloren ging.


    LG
    JHN


    Hallo Karamzin,


    Ja, das ist wohl so. Ich finde den Kommentar von Trunz sehr hilfreich und in vielem sehr erhellend. Dass er sehr klassisch und ein wenig betulich daherkommt, ist auch nicht zu übersehen. Aber er hat ja nun auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Ich lese Goethe übrigens gar nicht als 'heidnisch'. Er ist in gewissen Maße ein post-christlicher Schriftsteller, oder besser: Ein Denker, der das Christentum als Form (und ganz gewiss als Dogma) hinter sich gelassen hat. Im Gehalt hingegen finde ich bei ihm sehr viele genuin christliche Bezüge. Weniger natürlich in der Aussage als in der Haltung. Aber da mag es andere Lesarten geben...


    LG
    JHN

    Guten Tag zusammen,


    liest hier außer mir noch jemand regelmäßig 'Sinn & Form'?


    Ich möchte gerne diese Zeitschrift empfehlen. Literaturzeitschriften sind mir eigentlich ein Graus. Da geht es mir wie bei der Musik: Ich höre sie lieber, als drüber zu lesen. Viele Literaturzeitschriften heute können mich daher nicht wirklich überzeugen. Da wird viel ums Thema herumgeklappert, viel gelayoutet und designed, es gibt Homestories und Überblicksberichte. Aber letztlich sind es doch alles nur ein paar Appetithäppchen. Essen muss man dann woanders.


    Sinn & Form ist aber völlig anders. Eine Zeitschrift, die ganz ohne selbstreferenzielle Editorials und alberne Teaser auskommt. Da gibt es Qualität und Substanz von der ersten bis zur letzten Seite, ohne Bilder, ohne Schnickschnack. Alle zwei Monate ist jedes Heft eine wahre Freude voller interessanter Beiträge.


    Ich kenne im deutschsprachigen Bereich nichts, was ein ähnlich gleichbleibendes Niveau und eine solche Qualität hätte.


    Hier kann man mehr erfahren. Aber eigentlich rate ich gleich zum Abo: :winken:
    http://www.sinn-und-form.de/

    Insgesamt habe ich derzeit ein wenig Mühe mit dem dritten Buch. Noch kann ich es nicht so recht fassen. Was geht dort eigentlich vor? Spricht hier ein alternder Goethe, der mit Verve neue Aufbrüche und Neuanfänge beschreibt, die er aufgrund seines eigenen Lebensalters nicht mehr selbst umsetzen kann? Oder ist es der Triumph der Utopie, des Möglichen über seine mitunter bitteren Erfahrungen in der Wirklichkeit? Handlungsanweisung für Auswanderer? Lebensratschläge an die Jugend: so müsst Ihr Euer Leben anlegen, so müsst Ihr es angehen? Vielleicht von allem ein bisschen...


    Mein Unbehagen macht sich auch an so vielen Einwänden fest. Ich möchte dem Meister gern widersprechen. Oder wenigstens rückfragen: Hast Du auch bedacht, dass... Vielleicht wissen wir heute einfach zu viel über die Geschichte etwa der USA, über Migration, sowohl Emigration als auch Immigration. Der Idealismus, mit dem Lenardo den Aufbruch in ein tätiges, gestaltendes Leben preist, mit dem die ideale Gesellschaft geschildert wird. Zu wenig ist mir die Rede davon, dass Menschen, die aus ihren alten Lebenszusammenhängen entfernt werden und mit anderen ebenso entwurzelten eine neue Gemeinschaft bilden sollen, mehr brauchen als ein bisschen Idealismus. Dass eine solch neu sich bildende Gemeinschaft eine Identität und Zusammenhalt nur entwickeln kann, wenn es etwas gibt, das sie eint.


    Geht es nur mir so, oder hat das Eintreten für die unermüdliche Tätigkeit, das Nutzen jedes Moments durchaus etwas von Webers berühmt-berüchtigter 'Protestantischer Ethik'?


    Hallo Karamzin,


    es hätte mich überrascht, wenn es hier aus dem Blickwinkel der christlichen Theologie Einwände gegeben hätte. Hast Du etwas in der Richtung vermutet oder erwartet? Die von Goethe hier angebotene Variante der Schöpfungserzählung steht in einem solch klar erkennbaren fiktionalen Kontext, dass jeder Widerspruch einer christlichen Theologie sich von vornherein der Lächerlichkeit preisgäbe. Ein solcher Widerspruch hätte sich dann ja auch gegen jegliche Form der nichtchristlichen Mythologie, auch gegen die antiken Erzählungen richten müssen. Damit konnten aber die Kirche - auch damals schon - recht gut leben.


    Zu Kurt Flasch: Mich überrascht, was ich da lese. Von einem so profunden Kenner der spätantiken und mittelalterlichen Philosophie hätte ich etwas gründlichere Kenntnis der Hermeneutik religiöser Texte erwartet. :zwinker:


    LG
    JHN


    Zu den ganzen eingeflochtenen und doch oft in der Haupthandlung aufgehenden "Novellen": Variieren sie nicht alle irgendwie das Motiv des Wanderns und von sich selbst weg und dann doch zu sich hin Findens? Gerade bei "Nicht zu weit" drängt sich dieser Eindruck mir wieder auf. Alle diese Erzählungen sind von Rastlosigkeit, Selbstzweifeln, Wendepunkten bestimmt.


    finsbury,


    das ging mir bei dieser kleinen Erzählung ebenso. Das Motiv des Wanderns und der Ruhelosigkeit ist dort sehr offensichtlich, wobei es ja - im Gegensatz zur Haupthandlung - auch negativ konnotiert wird. Die Ruhelosigkeit der Ehefrau ist ja einer der Gründe für das Unglück des Paars.


    Gegen Ende hat mich diese kleine Novelle aber dann verwirrt. Auf den letzten Seiten werden noch Namen eingebracht, die ich nicht zuordnen konnte. Und alles bleibt - wieder einmal - offen.

    Hallo zusammen,


    nur eine kurze Statusmeldung von mir: Ich bin nicht ausgestiegen, war aber die letzten beiden Wochen dermaßen zugeschüttet bzw. dann eine Woche in Polen unterwegs, dass ich Herrn Göthe erst einmal auf die Seite legen musste. Ich werde aber die letzten Kapitel dann bald noch lesen und mich nochmals hier melden.


    Viele Grüße
    JHN