Beiträge von Krylow

    Ich packe es mal hier herein:

    Das wunderbare Onlinemagazin dekoder hat zum morgigen 200. Geburtstag von Dostojewski ein Crowdfunding eingerichtet, um die Redaktionskosten zu begleitenden Artikeln zu finanzieren. Wer also Interesse an den Artikeln und auch noch ein paar Euro übrig hat, der mag ja vielleicht die Arbeit ein wenig unterstützen. (Ich hoffe, dass das nicht gegen irgendwelche Forumsregeln verstößt.)


    Ich bin ein Fan der Seite, da sie zusammen mit meduza unabhängige russische Medien und Journalismus nicht Russisch sprechenden Menschen zugänglich macht.

    Ich bin gespannt, was da in den nächsten Tagen veröffentlicht wird.

    Gerade angefangen: der letzte Band meiner antiquarisch ergatterten Dostojewski-Sammlung, die Brüder Karamasow. Die anderen Bände (Der Spieler, Erniedrigte und Beleidigte, Schuld und Sühne, Die Dämonen, Der Idiot) sind absolviert, und es setzt sich ganz langsam ein aussagekräftiges Bild des Werks zusammen. Kurz: es ist irgendwie gemischt.

    Danke für Deine Eindrücke!

    Dahingehend habe ich das Pferd von hinten aufgezäumt. Mein erster Dostojewskij war dessen letzter, "Die Brüder Karamasow". Mit dem Einordnen wird das also noch eine Weile dauern. Was das Sprachliche angeht, stimme ich Dir da weitgehend zu, insbesondere was das flüssige Lesen anbelangt. Ich bin da recht schnell in einen guten Rhythmus gekommen und habe das Buch jeden Abend gerne zur Hand genommen. Einen Vergleich zwischen der Übersetzung Geiers zu vermeintlich angestaubteren, weniger gut lesbaren Übersetzungen kann ich hier allerdings nicht anstellen. Ich denke, dazu müsste man dann eigentlich auch das Buch nochmals lesen. Das wird so schnell nicht passieren.


    Der Roman selbst ist nun nicht nur im Umfang außerordentlich mächtig, sondern insbesondere was die Konstruktion der Figuren, ihre inneren Konflikte und die Tiefe betrifft, gewaltig. Die universellen (Sinn-)Fragen des Lebens, beispielsweise die nach Gott, Werten und Moral, sind ja zeitlos und die Auseinandersetzung damit immer wieder aktuelles Thema. Mir ging es jedenfalls so, dass diese Fragen, die meist in Gesprächen aufgeworfen und aus unterschiedlicher Sicht beleuchtet werden, lange in mir nachhallten.


    Diese Zerrissenheit der Seelen vieler Charaktere, die Geier mit dem Wort Nadryw unübersetzt lässt und dessen zentrale Bedeutung im Anhang herausgehoben wird, erklärt die schwermütige Stimmung. Ich empfand diese Charakterstudien der Brüder und anderer Figuren als hochinteressant und die große Stärke des Romans.


    Ich musste beim Lesen der Kapitel, in denen Aljoscha als Mönch auftritt und seine Beziehung zu Starez Sossima näher dargestellt wird, an Parallelen zu Wodolaskins "Laurus" denken, da die Lektüre noch nicht allzu lange zurück lag. Auch da steht ein Mann Gottes im Mittelpunkt, wenngleich die Geschichte in einer anderen Zeit spielt, ein paar Jahrhunderte früher, meine ich Einflüsse in der Figur des Laurus erkannt zu haben. Zudem kam mir da das erste Mal der Begriff der Hagiographie unter, also die Darstellung des Lebens von Heiligen (Wodolaskin ist Literaturwissenschaftler und beschäftigt sich u.a. mit altrussischer Literatur), die ja gerade in den ersten Kapiteln um das Starzentum und Starez Sossima einen prominenten Raum einnehmen.


    Die Querverweise auf andere Schriftsteller, neben Puschkin z.B. auch auf Schiller, dem Dostojewskij besonders zugeneigt gewesen war (im Anhang ist zu lesen, dass der jüngere Bruder in seinem Auftrag "Die Räuber" ins Russische übersetzt hat) und beispielsweise den Maler Kramskoi, dessen "Die Unbekannte" eines meiner Lieblingsgemälde ist, laden zum Weiterverfolgen ein.


    Die Rezeption habe ich nur kurz im Netz recherchiert, fand die wenigen Schnipsel aber schon so spannend, dass ich dahingehend gerne mehr erfahren würde. Wenn also jemand eine Lektüre in diese Richtung empfehlen kann, wäre ich dankbar. Einige Kritikpunkte kann ich durchaus nachvollziehen (manche Stellen sind ein wenig pathetisch, z.B. wenn es um den russischen Bauern geht), stießen mir aber keinesfalls so sauer auf, als dass sie mir die Lektüre hätten verleiden können.


    Was ich persönlich ein bisschen schade finde, dass so ein Narr wie ich die sporadischen französischsprachigen Sätze nicht im Anhang nachschlagen kann. Das ging mir schon bei den Neuübersetzungen Flauberts im Hanser Verlag auf die Nerven. Ja, es war nie einfacher über das Internet, über eine App oder ganz altmodisch, mittels Wörterbuch mal was nachzuschauen, aber wenn ich ein Buch lese, dann bevorzuge ich doch, mir es in meinem Lesesessel bequem zu machen und für eine ganze Weile höchstens an das Ende des Buches zu blättern. Ich liebe die französische Sprache und würde mich, vor allem was das Kino anbelangt, schon als frankophil bezeichnen, bin aber hier , was das Sprachenlernen betrifft, nicht so weit gekommen, wie geplant. Da wünschte ich mir dann doch einen Kommentar, wie in den Bänden des "Deutscher Klassiker Verlag" (was hier wohl einen weiteren Band bedeutet hätte).


    Ich habe jedenfalls Lust bekommen, mehr von Dostojewskij zu lesen – weitere Bände liegen schon bereit.


    Edit: Die Lektüre liegt jetzt 3 oder 4 Wochen zurück, danach habe ich "Frau Berta Gerlan" von Arthur Schnitzler gelesen (ein Geschichte, der wohl jeder eigene Erfahrungen entgegenstellt, sei es die Begegnung mit einer Jugendliebe oder das Ausbrechen aus der Enge der Kleinstadt in die vermeintliche Freiheit, die (Groß-)Stadt) Hat mir sehr gut gefallen.


    Momentan bin ich in den letzten Zügen von Dickens' "Oliver Twist" - wunderbar!

    Antiquarisch bekommt man vielleicht noch die 10-bändige Ausgabe, die vor gut 35 Jahren bei Insel erschienen ist und eine gute Auswahl aus dem gesamten Werk bietet (natürlich mit Schwerpunkt auf das Spätwerk).

    Im Winkler Verlag ist eine fünfbändige Ausgabe mit einer umfangreichen Auswahl erschienen. Drei Bände mit den großen Romanen und zwei Bände mit den wichtigsten Erzählungen (ca. 4500 Seiten). Die ist manchmal antiquarisch noch recht günstig zu finden, allerdings oft auch zu Mondpreisen.


    Diese Woche wurde in der FAZ eine kleine Erzählung Raabes mit dem Titel "Deutscher Mondschein" aus dem Jahr 1872 rezensiert, die kürzlich im Jung und Jung Verlag Salzburg verlegt wurde.

    Hier kann man sie lesen.


    Danke jedenfalls für die interessanten Ausführungen, die Bände stehen schon im Regal bereit.

    Aber Ihr veranstaltet hier einen regelrechten 60 Meter Sprint - wer hat in 60 Metern mehr gelesen ...))))

    solltet es vielleicht doch wirklich etwas streßfreier angehen...

    Wo liest Du das denn heraus? (Oder ist das nur wieder ein Beitrag, um einen neuen Link/neue Links unterzubringen, diesmal immerhin als Signatur?)


    finsbury, beispielsweise, schreibt doch genau darüber, über den “Lust-Leser” oder das “Lust-Lesen”. Da bleibt man eben mal irgendwo hängen oder folgt neu entdeckten Pfaden.

    (Dass man sich manchmal mehr vornimmt, als man letzlich schafft und immer irgendwie etwas dazwischenkommt, weiß man doch sowieso.)


    Mir erscheint das hier eher in der Art einer Reiseplanung. Man nimmt sich vor, von A nach B zu reisen. Entlang der Strecke will man diesen und jenen Abstecher machen. Wenn’s dann losgeht, kommt es nicht selten zu ganz anderen Begegnungen, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte.


    Wenn man an so einem “Wettbewerb” teilnimmt, dann vielleicht auch, um sich selbst einen kleinen Stoß zu versetzen, etwas in Angriff zu nehmen, das man schon länger angehen wollte. Eine Motivationshilfe im positiven Sinne. Mir erscheinen die Berichte über das Lesen hier nicht als aus dem Streß geboren, sondern aus Freude am Teilen. Etwas, das man trotz anderweitigem Streß geschafft hat.


    Für den Austausch hier, hätte ich mir mehr Zeit und Muße gewünscht, denn das habe ich schleifen lassen, weil es dann wirklich etwas stressig geworden wäre.


    ***


    Was meine Liste betrifft, bin ich auch einige Male vom Weg abgekommen und werde manchen Titel ins nächste (?) Jahr mitnehmen. Trotzdem habe ich ein paar Titel gelesen.


    Nach den Erzählungen von Conrad Ferdinand Meyer habe ich Lust auf deutschsprachige Klassiker bekommen und mit Eichendorff und E.T.A Hoffmann (Die Serapionsbrüder) weitergemacht. Zwischendurch frühe Erzählungen von Tschechow.


    Zu Perutz und des Forêts habe ich schon ein paar Zeilen geschrieben. Weitere Bücher von Perutz stehen schon bereit!


    Von Flaubert habe ich als erstes die veredelte Übersetzung von “Madame Bovary” gelesen und die erste aus “Drei Geschichten”. Bovary gefiel mir sehr und ich habe beim Lesen von “Ein schlichtes Herz” gemerkt, dass mir der Sinn nach einem weiteren Roman steht und mir deshalb die übrigen beiden Geschichten aufgespart. Begonnen habe ich mit “Die Brüder Karamasow” in der Übersetzung von Swetlana Geier. Da habe ich noch gut zwei Drittel zu lesen und bin begeistert (momentan 2. Teil, 5. Buch).


    Damit werde ich noch eine Weile beschäftigt sein. Mal sehen, was danach kommt. Vielleicht mal was von Dickens...

    Katharina Raabe und Olga Radetzkaja - Der narcissistic turn im neuen Turm zu Babel? Gespräch Olga Radetzkaja und Katharina Raabe - Essay
    Seit dem "narcissistic turn" verlangt jede Gruppe, durch Sternchen oder Unterstriche in ihrem Sosein respektiert zu werden. Es sind keine anonymen Mächte, die diese neuen Gepflogenheiten einführen. Die Verantwortlichen sitzen in Geschäftsleitungen und Redaktionen. Aber ist es nicht so, dass literarische Texte einen Widerstand gegen die an gruppenspezifischen Empfindlichkeiten ausgerichteten Ansprache-Formeln entwickeln, eben weil Literatur potenziell mit allen spricht? Wortwechsel einer Lektorin und einer Übersetzerin.


    [Kein echtes Fundstück im wörtlichen Sinne, da es sich um einen Essay aus dem täglichen Newsletter des Perlentaucher handelt, aber insofern doch ein Fundstück, da dieses in meinen Augen äußerst kluge Gespräch himmelweit aus den zahllosen Schriften zu diesem Thema herausragt. Ich wünsche diesem Gespräch eine große Leserschaft und hoffe, dass es den einen oder anderen zum Nachdenken bringt, weg von der im Text angesprochenen "Gefühlssache" (und dem damit verbundenen, schnellen Beleidigtsein), hin zu kritischen Diskussionen. Auch mich befällt ein Unbehagen beim Lesen "neuer" Texte und ich teile die Befürchtung, dass Sprache etwas von ihrer verbindenden Kraft einbüßen könnte bzw. schon geschwächt wurde.

    Meine Hochachtung vor den beiden Damen. Insbesondere großen Respekt vor den weitsichtigen und kritischen Aussagen Olga Radetzkajas, die meines Erachtens das im Diskurs geforderte, kritische Sprachbewusstsein an den Tag legt. Ich wünschte mir, es gäbe mehrere dieser Stimmen, die die Debatte auf diesem Niveau führen würden.]

    Ich habe es ausgelesen, es ist ein sehr fremdartiges Buch mit diesem archaischen Gemisch aus Religion und Aberglaube (wenn man nicht ohnehin der Meinung ist, dass das dasselbe ist), aber die Atmosphäre und Landschaftsschilderung machen es zu einer durchaus lohnenden Lektüre. Wer vielleicht "Das Gehöft" von Federigo Tozzi kennt - das Buch ist ein wenig ähnlich im Stil, halt noch mit den religiösen Vorstellungen von Schuld und Sünde als Handlungsmotor.

    Danke für den kleinen Eindruck.

    Ich habe mal flüchtig die sardische Welt des Films und der Literatur gestreift. Seither bleiben bestimmte Namen irgendwo in den hintersten Ecken des Gedächtnisses gespeichert und ab und an kommen ein paar dazu. Deledda ist so einer.

    Salvatore Mereu ist ein sardischer Filmemacher, dessen "Bellas Mariposas" ich faszinierend fand. Der Film beruhte auf einer Vorlage von Sergio Atzeni, die anscheinend bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Giulio Angioni lieferte mit "Assandira" eine weitere literarische Vorlage für Mereu.


    Obwohl die sprachlichen Aspekte für jemanden, der des Italienischen nicht mächtig ist, nur sehr schwer zu fassen sind, also in diesem Fall die Eigenheiten der sardischen Sprache, finde ich sie sehr spannend. Ebenso der Versuch, solche Besonderheiten in eine Übersetzung hinüberzubringen, was gewöhnlich sehr schwer ist, oder eben diese einfach wegzulassen, was leicht aber manchmal auch bedauerlich ist.

    Mir geht es genauso. Das Buch ist einer der bekannten polnischen Klassiker, aber seit Jahren fehlt eine deutsche Übersetzung. Die selten erhältlichen antiquarischen Ausgaben sind absurd teuer.
    Ich weiß, dass Esther Kinsky das Buch gerne neu übersetzen würde, es gibt auch einen Verlag, der Interesse daran hat, aber bislang ist es noch nicht dazu gekommen. Ein Problem ist sicher der Umfang. Ich habe auch Guggolz schon einmal darauf angesprochen. Es müsste aber sicher eine zweibändige Ausgabe werden.

    Vielen Dank für die Informationen, es besteht also noch Hoffnung. Die Idee mit der englischen Ausgabe ist gut, andererseits habe ich es aufgrund unzähliger anderer Bücher, die gelesen werden wollen, auch nicht eilig.


    ***

    Kürzlich bin ich wieder auf eine Schriftstellerin aufmerksam geworden, die ich vor knapp 10 Jahren eher zufällig entdeckte (ich meine, es war damals schon in einem Blog über vergessene Bücher) und deren kurze Erzählungen, oft über einsame, vom Schicksal gebeutelte Menschen, mich in ihren Bann gezogen und lange nicht losgelassen haben.


    Es handelt sich um die Schweizer Autorin Adelheid Duvanel. Ihre Erzählungen waren nur noch antiquarisch, "Der letzte Frühlingstag" damals schon nicht leicht zu bekommen und scheint heute vergriffen zu sein. "Beim Hute meiner Mutter" ist noch zu haben.


    Der Limmat Verlag hat nun sämtliche Erzählungen in dem Buch "Fern von hier" versammelt und herausgegeben. Das sind immerhin 792 Seiten, die beiden angesprochenen Bücher kommen zusammen auf nicht einmal die Hälfte der Seiten - es gibt also noch einiges zu entdecken. Über kurz oder lang brauche ich das Buch.


    https://www.limmatverlag.ch/pr…el/894-fern-von-hier.html


    Duvanels Werk wurde anlässlich der Veröffentlichung des Buches zuletzt mehrfach besprochen und sehr gepriesen. Rezensionen finden sich u.a. in Die Zeit und in der NZZ.


    https://www.zeit.de/2021/20/ad…hlungen-schweiz-literatur

    https://www.zeit.de/2021/23/ad…lungen-sammlung-rezension


    https://www.nzz.ch/feuilleton/…rosses-werk-ab-ld.1624072

    Es ist "Schilf im Wind", das gerade in einer Neuausgabe bei Manesse erschienen ist.

    Ah, danke. Die Neuausgaben von Manesse hatte ich schon wieder vergessen. Zuletzt habe ich praktisch nur antiquarisch gekauft.


    Auf der einen Seite ist da eine kommentierte, überarbeitete Neuausgabe im neuen Gewand (das mir ehrlich gesagt in vielen Fällen nicht so zusagt - zu knallig-pop-artig, warholesk oder wie auch immer man das ausdrücken mag & Pappband), auf der anderen Seite das klassische, leinengebundene Gesicht, das auch noch deutlich günstiger ist. Da warte ich noch ein bisschen ab und bin auf Deine Eindrücke gespannt. Aber das nur am Rande.

    "Die Hochzeit des Mönchs". Bei dem letzteren verrate ich nicht zu viel, wenn ich die Meinung kundtue, dass die Einrahmung der Handlung durch zwei desaströs endende Hochzeitsfeste ohne weiteres als Kommentar zu Meyers traumatischen Eheerfahrungen gelten darf.

    Ich habe mittlerweile "Die Hochzeit des Mönchs" gelesen. Die Novelle hat mich wieder großartig unterhalten und mir sogar noch etwas besser gefallen, als "Das Amulett". Nun ist es das Wesen der Novelle, straff komponiert zu sein und beispielsweise auf ausschweifende Beschreibungen zu verzichten,vielleicht ist das aber auch der Grund, dass ich das Gefühl hatte, dass kaum ein Wort zu viel oder ohne Bedacht gewählt wurde und für mein Verständnis Sprache und Stil als meisterhaft zu bezeichnen sind.


    Wie schon im "Amulett", wird hier mehrschichtig erzählt, wobei die Haupthandlung von keinem Geringeren als Dante Alighieri scheinbar aus dem Stegreif aus einer Grabinschrift erdacht wird. Die Figuren dieser Erzählung spiegelt Dante mit seinen Zuhörern (ebenso historische Figuren aus dem Umfeld Dantes, z.B. Cangrande, Ezzelino u.a.) bzw. deren Charakterzügen oder Äußerlichkeiten, was dem Publikum natürlich nicht verborgen bleibt. So wird die Handlung etliche Male durch empörte Zwischenrufe, Kommentare, Erläuterungen oder durch die bloße Beschreibung der Zuhörer unterbrochen. Dieses Spannungsfeld, das dadurch eben nicht nur zwischen den Figuren der Haupthandlung, sondern zeitgleich auch der Rahmenhandlung besteht, übt einen zusätzlichen Reiz aus und mündet an einer Stelle in einen scharfen Disput zwischen Dante und Cangrande.


    Den Boden der Novelle bildet wieder der geschichtliche Hintergrund und es ist von Vorteil, wenn man diesen nicht das erste Mal betritt. Mit den Anmerkungen und ein wenig Lust an Recherche und Nachbetrachtung offenbart sich so auch manche Anspielung.


    Ohne auf den Inhalt der Haupthandlung, die ihrerseits einen bunten Strauß an Themen – allein der paradoxe Titel "Die Hochzeit des Mönchs" sollte schon neugierig machen – eingegangen zu sein, ist da auf vielerlei Ebenen schon mehr geboten, als in manchem Roman.


    Ich habe vor einiger Zeit gerne Zitate, Worte und Eigenarten aus Texten, die mir besonders gefielen, aufgeschrieben. Irgendwann hat mich die Motivation verlassen, zumal ich das eher chaotisch denn irgendeiner Ordnung unterworfen gehandhabt habe. Also auf Zettel(chen), die irgendwo griffbereit herumlagen. Dementsprechend stecken die manchmal (eher selten) noch in Büchern oder sind irgendwann im Müll oder Ofen (sehr wahrscheinlich) gelandet.

    Die beiden Novellen von Conrad Ferdinand Meyer haben mich dazu gebracht, das spontane Aufschreiben wieder aufzunehmen.


    Zum Schluß noch ein kleines Zitat, das zu berücksichtigen auch heutzutage im Umgang miteinander so manches Mal von Vorteil sein könnte:


    Zitat

    “Astorre hatte sich von den Germanen bald losgemacht, war auf die Brücke zurückgeeilt, ohne dort den Ring noch die Frauen mehr zu finden, und sich darüber Vorwürfe machend, obschon im Grunde nur der Zufall anzuklagen war, hatte er in der ihm bis zur Vesper bleibenden Stunde den Entschluß gefaßt, in Zukunft immerdar nach den Regeln der Klugheit zu handeln. Mit diesem Vorsatz trat er in den Saal und in die Mitte der Versammelten. Der Druck der auf ihn gerichteten Aufmerksamkeit und die sozusagen in der Luft fühlbaren Formen und Forderungen der Gesellschaft ließen ihn empfinden, daß er nicht die Wirklichkeit der Dinge sagen dürfe, energisch und mitunter häßlich wie sie ist, sondern ihr eine gemilderte und gefällige Gestalt geben müsse. So hielt er sich unwillkürlich in der Mitte zwischen Wahrheit und schönem Schein und redete untadelig.”

    Mir fällt hier spontan Boleslaw Prus mit "Die Puppe" ein. Vor vielen Jahren habe ich ein paar Klassiker des Polnischen Films gesehen, unter anderem "Pharao", der ebenfalls nach der literarischen Vorlage Prus' verfilmt wurde und der mich außerordentlich fasziniert hat.

    Das Buch "Die Puppe" hatte ich dann jahrelang in Suchaufträgen bei den üblichen Händlern. Wenn mal ein Treffer kam, dann mit Mondpreis. Momentan gibt es ein Exemplar für 75€. Das ist es mir nicht wert.


    Vielleicht kennt das Buch ja hier jemand und kann etwas dazu sagen?

    Eine gute Wahl. Wenn ich zwei Tipps loswerden darf: "Angela Borgia" und "Die Hochzeit des Mönchs". Bei dem letzteren verrate ich nicht zu viel, wenn ich die Meinung kundtue, dass die Einrahmung der Handlung durch zwei desaströs endende Hochzeitsfeste ohne weiteres als Kommentar zu Meyers traumatischen Eheerfahrungen gelten darf.

    Vielen Dank für die Vorschläge! Dann werde ich diese Novellen als nächstes angehen. "Jürg Jenatsch" wurde hier im Forum auch schon ein paar Mal erwähnt.

    Kleiner Nachtrag: Inzwischen hab ich einen Artikel zu Schmidts Übersetzungsproben der Gedichte Emily Brontës gelesen: es geht gar nicht gut für Schmidt aus, der sich atemberaubende Eingriffe bis hin zur Verfälschung erlaubt, damit das alles in das Emily-Bild passt, das er in seinem Essay entwirft.

    Ich wollte nur mal kurz loswerden, dass ich diesen Vergleich höchst interessant finde, wie überhaupt die Gegenüberstellung von Übersetzung und Original im Allgemeinen, die im Feuilleton ja manchmal nur unzureichend berührt wird.

    Also besten Dank für Beiträge wie diesen, die ich gerne lese!


    Edit: Haha, da will ich mich beim Wort "Feuilleton" nicht blamieren und werde von der "intelligenten Oberfläche" gleich überführt, die den Link zu Wikipedia gleich mit einbettet. =O;)

    Zuletzt habe ich Band 2 der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante gelesen und Band 3 auch schon begonnen.

    "Das blaue Zimmer" von Georges Simenon. Da habe ich noch einige kleinere Romane Simenons aus dem Kampa Verlag im Regal stehen, die immer eine schöne Abwechslung und Spannung für zwischendurch garantieren.

    Ansonsten ein paar Novellen nebenbei, wovon mich eine besonders beeindruckt hat:

    Conrad Ferdinand Meyer – Das Amulett

    Eine hervorragende Novelle, sprachlich ein Genuss, besticht "Das Amulett" durch seine Dichte und den historischen Hintergrund, der in der Bartholomäusnacht seinen traurigen Höhepunkt findet.

    Auf gerade einmal 60 Seiten konstruiert Meyer eine hochinteressante und spannende Erzählung, in der thematisch vor allem die religiösen Konflikte der verschiedenen Figuren den historisch nicht ganz sattelfesten Leser zu ausführlicher Recherche einladen.
    Ich bin auf die weiteren Novellen Meyers sehr gespannt!


    Von meiner Liste habe ich eine Erzählung aus Louis-Rene des Forets' "Das Kinderzimmer" gelesen, die den Titel "Die großen Augenblicke eines Sängers" trägt und davon erzählt, wie Frederic Molieri, Musiker im Orchestergraben der Oper, eher durch Zufall zu einem gefeierten Opernsänger wird, seine unglaubliche Gabe aber scheinbar bewusst wieder verliert oder sabotiert. Der Ruhm, Sein und Schein, Liebe bzw. die Liebe zu einem Bild, einer Stimme, die nicht wirklich der Person dahinter gilt, sind Themen dieser sehr interessanten Erzählung. Sie macht Lust auf die restlichen drei.

    Nachdem mir "Laurus" so gut gefallen hat (da muss ich mich entschuldigen, das Buch habe ich schon lange ausgelesen, bisher aber nicht die Zeit gefunden, ein paar Zeilen darüber zu schreiben) habe ich mir "Luftgänger" von Vodolazkin gekauft.

    Ich habe das Buch gern mitgenommen, weil ich in ganz ähnlicher Aufmachung schon den Doppelband "Hunger"/"Segen der Erde" habe (und damals gern gelesen).

    Knut Hamsuns "Hunger" hat mich fasziniert und nachhaltig beeindruckt. Kennst Du zufällig die Verfilmung aus dem Jahr 1966? In meinen Augen eine der besten Literaturverfilmungen. Das Spiel des Hauptdarstellers, die Schauplätze und die Musik erzeugen eine beklemmende Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Da läuft es mir heute noch kalt den Rücken herunter – eine sehr intensive Erfahrung.

    Bei Youtube ist der Film im Original zu sehen, allerdings ohne Untertitel. Auf der DVD sind zumindest englischsprachige Untertitel.


    Da wurde mir das dann doch entschieden zu doof, und ich dachte "dann halt nicht" und hab mein Konto selbst gelöscht (genauer: geleert, löschen kann man das anscheinend nicht so einfach, ich hab mich darum aber auch nie mehr gekümmert).

    Gut so, ich meide diesen Verein auch schon eine Weile. Die einen behaupten, nicht mehr ohne Amazon leben zu können, die anderen schauen, keinen Cent mehr dahinzutragen. Manche können wahrscheinlich die Uhrzeit nicht mehr bestimmen, ohne eine Frage in den Raum zu stellen.

    Wenn ich mal unbedingt ein gebrauchtes Buch vom Marketplace haben will und es nirgendwo sonst zu finden ist, dann schreibe ich einfach eine Mail an den Anbieter (dafür taugt das Impressum). Meistens klappt das und die Leute sind eher froh, denn dann muss man keine Abgaben an Amazon leisten (die so gering nicht sind, eher das Gegenteil).


    Die Bücher sind geradezu grotesk teuer. Die Ebooks kann man für fünf Euro kaufen, die Taschenbücher bekommt man nicht unter 40 Euro das Stück (keineswegs die ganze Trilogie, sondern genau ein Buch!), bei Booklooker wollte einer 85 Euro für ein TB im Zustand "gebraucht, gut erhalten". Sowas habe ich auch noch nicht erlebt ...

    Ich bin zuletzt auch über so manche Mondpreise gestolpert. Zuerst hat es mich gewundert, bei genauerer Recherche würde ich das eher Anomalien nennen. Anscheinend nutzen manche Leute booklooker als eine Art Datenbank für ihre persönliche Sammlung und jedes Buch fängt im dreistelligen Bereich an. Ein Blick auf das Angebotsdatum verrät dann auch meist, dass das seit 5 Jahren oder länger besteht.

    Mit etwas Geduld habe ich die meisten Bücher zu annehmbaren Preisen bekommen. Als Freund gebundener Ausgaben, bestenfalls im Dünndruck, muss man da auch manchmal einen langen Atem haben, allerdings gibt es früher oder später immer mal ein Schnäppchen (relativ gesehen) zu machen. Von den gebundenen Dostojewskij-Ausgaben aus dem Ammann- oder Fischer-Verlag hatten wir es ja schon, da sind mir die Neuausgaben ein paar Taler über meiner selbst auferlegten Budgetgrenze. Ab und an findet man die aber auch für einen Zwanziger, wenn man Glück hat.

    Nun wollte ich ein paar Zeilen zu "Zwischen neun und neun" von Leo Perutz schreiben, aber es wollte mir partout nichts von der Hand gehen. Es war fast so, als wären mir auf unerklärliche Weise die Hände gebunden…


    Nein, natürlich nicht. Über die zwölf Stunden im Leben des Stanislaus Demba, zwischen neun und neun, könnte ich Seiten füllen, nur wäre es wirklich schade, wenn man auch bloß eine der zahlreichen Volten vorwegnähme.


    Wie sich Stanislaus Demba durch sein Verhalten, vermeintlich ohne Not, von einer misslichen Lage in die nächste bringt, mutet zunächst äußerst surreal an, ist zuweilen urkomisch aber immer hochspannend. In atemberaubender Geschwindigkeit folgt man Demba durch das Wien um das Jahr 1917 in Erwartung des großen Finales. Das zieht einem dann nochmal den Boden unter den Füßen weg.


    Was für ein Ritt! Von Perutz hatte ich bisher "St. Petri-Schnee", das ich in sehr guter Erinnerung habe, und seiner Prager Herkunft wegen ein bisschen über ihn selbst gelesen. Die “steinerne Brücke” habe ich noch irgendwo hier und weitere Werke werden da in Zukunft ganz sicher folgen. Ein ganz tolles Buch!

    Falls es noch jemanden interessiert, das Motiv des Gründonnerstagsbildes habe ich noch in Variationen gefunden. Einmal als Aquarellskizze hier:

    https://www.litfund.ru/auction/213/34/


    Und dann noch tief in einer PDF-Datei begraben, auf Seite 222:

    http://ofam.od.ua/pdf/grafikaohm.pdf


    Dort ist bei der Bildbeschreibung neben dem Gründonnerstag "КОНЕЦ" zu lesen, was dann finsburys Vermutung des Nachhausewegs bestätigt.


    Eine schöne Publikation mit sehr vielen Gemälden von Kostandi und anderen Mitgliedern der Vereinigung Südrussischer Künstler aus Odessa habe ich in der Zwischenzeit gekauft. Leider ist das Buch nicht vollständig bilingual (Russisch/Englisch), gerade die besonders umfangreichen, biographischen Texte sind nur auf Russisch vorhanden. Dennoch ein sehr interessanter Einblick in eher weniger bekannte Künstlerkreise aus dem späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.


    Besonders stimmungsvoll und thematisch passend in das Forum ist ein Bild von Nikolay Aleksomati, das in der englischen Übersetzung den Titel "Reading" trägt und eine häusliche Szene zeigt in der (so nehme ich an) Mutter und Tochter am Tisch sitzten, die eine ein Buch lesend, die andere nähend.