Fritz Reuter: Ut mine Festungstid / Aus meiner Festungszeit

  • Hier lesen Volker und finsbury Fritz Reuters autobiografisches Werk über seine Haftzeit auf verschiedenen Festungen.


    sandhofer , bist du bitte so nett und verschiebst Volkers Beiträge aus dem gleichnamigen Thread in den Leserundenvorschlägen hierher? Danke :blume:

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Nun habe ich das erste Buch - Die Festung Glogau - gelesen.
    Es ist sehr erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Reuter diese schwere Zeit schildert. Das Personal der Festung kommt - bis auf den Oberkommandanten - durchgehend recht gut bis sehr gut weg - und nur auf diejenigen, die ihn verhafteten und die Zeitumstände wirft er einen kritischen und satirischen Blick.
    Wie du, Volker , schon geschrieben hast, ist es wirklich zum Teil ergreifend, wie die schlimmen Seiten des Festungslebens und sein Mitleid für die Personen seiner Umgebung immer wieder durchschimmern.
    Ich weiß ja nicht, ob Reuter so war wie seine Bücher wirken, aber ich glaube, ich hätte ihn recht gerne kennen gelernt. Jedenfalls sind bisher alle seine Sachen ein Beispiel für Toleranz und lebensbejahende Verarbeitung auch der schlimmsten Geschehnisse.


    Mit der Szene mit dem Oberst, die du oben schon erwähnt hast, Volker , habe ich übrigens Schwierigkeiten. Ihm wird ja in Kap. 4 auf der Festung Glogau vom Unteroffizier Altmann erzählt, wie vor vier Jahren der Oberst Wichert den Sträfling erstach. Am Ende des 1. Buches aber im Kapitel 5 erzählt der durchreisende Oberst, dass die Oberstentochter zur gleichen Stunde am Weihnachtsabend starb. Das klingt so gleichzeitig, kann ja aber nur nacheinander passiert sein. Vielleicht ist hier das plattdeutsche Original deutlicher.


    Unglaublich finde ich auch in diesem Kapitel, dass dieses 17jährige Mädchen ohne Begleitung nach Surinam geschickt wurde, um dort einen ihr unbekannten Mann zu heiraten. Das erinnert mich an den Film "Das Piano", wo es ja um ein ähnliches Motiv geht, aber die stumme Heldin dort war schon älter und Mutter und hat sich selbst dafür entschieden, aber so ein Kind zu verschicken, das lässt einen trocken schlucken.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • sandhofer, bist du bitte so nett und verschiebst Volkers Beiträge aus dem gleichnamigen Thread in den Leserundenvorschlägen hierher? Danke :blume:

    Geht leider mit der neuen Forensoftware nicht. Oder ich kriegs nicht hin. Jedenfalls, Volker : Sei doch so gut und schreibe Deinen Beitrag hier noch einmal hinein. Danke!

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • morgen, wenn ich hoffentlich munter bin, werde ich das machen. Scoen, dass es läuft. Ja, in meiner plattdeutschen Fassung besteht kein Zweifel, dass der Tod der Tochter sich an einem späteren Weihnachtsabend ereignete.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • finsbury und sandhofer , Ihr muesst entschuldigen: Irgendwie komme ich mit der "Technik" des Forums noch nicht so gut klar. Meinen Beitrag finde ich gar nicht mehr. Deshalb jetzt "die Fortsetzung":

    Interessant ist, wie (scheinbar!) "harmlos" Reuter das Wesen der Bestechung, Bestechlichkeit und Korruption schildert und die segensreiche Wirkung, die dieses eigentlich verwerfliche Vorgehen und Verhalten auf die Zerstoerung des Drangsalierungs- und Ueberwachungssystems im Gefaengnis hat. Durch ein wenig Tabak und ein paar Flaschen Wein aendert sich vieles zum Besseren. Trotzdem bleibt es bedrueckend: Zimmer in reiner Nordlage mit hochgelgenen kleinen Fesntern und zusaetzlichen Seitenblenden (Scheuklappen). "Moderne" Beheizungstechnik im Warmluftsystem, bei der man einen warmen Kopf aber kalte Fuesse hat. "dit was ne nige Erfindung von en sihr gelehrten Bumeister, de sick ganz besonders up den Gefaengnis-Bu smeten hadd, un uem de Gesundheit von de Sak uttauprobiren, kunnen sei jo gor keine passendere Lued finnen as uns; wi hadden ne schoene Reih von Johren voer uns, un wenn wi et uthoellen, denn was de Sak probat" (wenn wir es aushielten dann war die Sache in Ordnung).

    Ganz herrlich dann auch die Passage, in der er schildert, wie er sozusagen zum "Hofmaler" (Portraits) der "Festungsgesellschaft" wurde mit all den "lustigen " Details: Das Pastell blieb nicht auf dem Papier haften. Alle Versuche schlugen fehl, bis der Inspektor zufaellig irgendwo aufgeschnappt hatte, dass man es mit dem kleinen Finger einreiben muesse. Daran haengt Reuter eine Betrachtung an, wie schwierig es fuer einen Gefangenen ist (bzw.war) sich weiterzubilden. Der Versuch, der Darstellung des goldenen Kragens des Platzmajors durch Zuckerwasser zu mehr Glanz zu verhelfen, scheitert klaeglich, weii die Fliegen das Werk schon in der Nacht mit ihrem Kot besprenkeln.... finsbury , ich sehe mit Schrecken, dass Du mich trotz meines Vorspungs schon bald ueberolst. Aber ich denke, es macht nichts. Hier ging es ja schon mehrmals ungleichzeitig zu....

    Nochmal kurz zurueck zur Korruption. Reuter drueckt doch ein wenig das Gewissen und er fragt sich, ob es christlich sei, den gleich zu Anfang als bestechlich erkannten Beamten (zunaechst mit Tabak) zu bestechen. Er erteilt sich sofort Absolution weil der preussische Staat ja in vielerlei Hinsicht auch nicht christlich an ihm und seinen Mitgefangenen handelt und ihnen sogar die christlichste aller Unterstuetzungen verweigert: Den Kirchenbesuch. Nach einer Eingabe taucht zwar ein protestantischer Parrer auf, der "vorschlaegt" ihnen im Waeschetrockenraum gelegentlich eine "Homelie" zu lesen. Das lehnen die Gefangenen dankend ab, worauf der protestantische Geistliche, froh, dieser "Pflicht" ledig zu sein, abzieht. Im Gegensatz dazu wird - wie auch an anderen Stellen vom Protestant Reuter - der katholische Geistliche geschildert, der sich durch nichts davon abhalten laesst immer wieder "mit List und Tuecke" seine Beichtkinder aufzusuchen. Ich erklaere mir das so: Die Formel von der Einigkeit von Thron und Altar gab es damals zwar (noch) nicht(?), aber die Protestantische Kirche fuehlte sich doch als die Staatskirche Preussens und ihre Amtstraeger hielten folglich Distanz zu Leuten, die der Obrigkeit nicht genehm waren(?).

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  • finsbury und sandhofer, Ihr muesst entschuldigen: Irgendwie komme ich mit der "Technik" des Forums noch nicht so gut klar.

    Ist wohl meine Schuld. Ich habe zu viel daran herumgedoktert. Tut mir leid.

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  • Ich hab im Moment nur das Tablet zur Verfügung, deshalb spare ich mir mal die hierauf schwierig anzuwendenden Zitierfunktionen.

    Ja, Volker , die Kunstmalerei Reuters ist ein echter Leckerbissen! Das mit dem Kragen des Platzmajors ist wirklich was für die Hitliste des Literarischen Humors. Wobei es ja anscheinend sogar wirklich passiert ist. Ich frage mich, ob der Platzmajor das Bild gleich unter Glas gebracht hat, sonst hätte Reuter vielleicht doch weiterhin nicht so einen dicken Stein im Brett gehabt.

    Auch die Ausführungen zu Bestechungen sind interessant. Der Autor vertritt da einen deutlich utilitaristischen Standpunkt, mit dem Kant bestimmt nicht einverstanden gewesen wäre, aber Reuter ist ja auch Mecklenburger und kein Preuß.

    Ab dem 2. Buch bringt sich Reuter mehr in den Mittelpunkt. Die kleinen und großen Vergünstigungen sind alle ihm zu verdanken. Ob er wirklich so ein Schlaule war oder sich ihm in der Erinnerung da einiges verklärte, sei mal dahingestellt.

    Was die evangelische Kirche und das Preußentum angeht, magst du Recht haben und deine Schlussfolgerung klingt auch logisch. Allerdings habe ich selber die Erfahrung gemacht, dass sich die katholische Kirche bei Verlustängsten mehr kümmert. Ich lebte in einer gemischt-konfessionellen Partnerschaft, und als wir beide gleichzeitig aus der Kirche austraten, meldete sich sofort ein katholischer Priester, der sogar aus einer recht entfernten Stadt anreiste, während die evangelische Kirche den Abgang schweigend verdaute.

    Erschütternd ist, wie viele der verhafteten Burschenschaftler einen bleibenden körperlichen oder seelischen Schaden davontrugen. Immer nur so am Rande wird die Unmenschlichkeit des Systems milde angeprangert, dann folgt wieder die nächste Schnurre, wie z. B. das Rheinwein-Gelage in der Wohnung des Inspektors.

    Ich beginne jetzt mit Kapitel 10.

    sandhofer , es ist ja nicht deine Schuld, wenn die neue Software weniger praktisch ist. Du tust schon genug für uns "Foren-siker".

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    Einmal editiert, zuletzt von finsbury ()

  • nun will ich mir auch mal angewoehnen, anzugeben, wo ich gerade bin: 12. Kapitel (durchgezaehlt vom Anfang) zu Beginn des III. Teils:

    Fritz Reuter, dem grossen Humoristen, der es verseht, aus den uebelsten Situationen noch etwas "Witziges" herauszudestilllieren, worueber unsereins dann herzlich lachen kann, vergeht aller Humor, als er bei bitterer Kaelte in Berlin in der Hausvogtei eintrifft. Er hatte die Gelegenheit ergriffen, sich zusammen mit seinem Kumpel, "dem Kaptein" von der Festung M (Magdeburg?) versetzen zu lassen, in der Hoffnung, es woanders besser zu treffen. Die Hausvogtei kannte Reuter schon. An dieses Wiedersehen knuepft Reuter zu Beginn deds Kapitels eine schoene Betrachtung darueber, was Wiedersehen gewohnlich fuer uns bedeutet und schildert, wie positiv der Begriff fuer uns gewoehnlcih besetzt ist. Und nun dies: In der Hausvogtei war er ein Jahr in Untersuchungshaft gewesen, damals gab es immerhin noch einen Strohsack. Jetzt mussten sein Freund und er bei grimmiger Kaelte in der ungeheizten Zelle ohne Zudecke auf dem blanken Fussboden schlafen. Am Tag standen ihnen 7 Silbergroschen zur Verfuegung. Vier davon gingen allein fuer einen warmen Morgenkaffee drauf, der Rest feur einen Kanten Brot. "Reisenden" - die Hausvogtei sollte EIGENTLICH nur Zwischenstation sein - standen gewohnlich 20 Silbergroschen zu. Beschweren half nichts. Ihnen wurde bedeutet, dasss sie von den 7 Silbergroschen einen Schlafsack zuammensparen muessten, auch das (vorher) zusammengesparte Privatgeld duerfe nicht benutzt werden ("der Entspekter makte en hoeflichen Diner un saed, dat wir Allens recht gaud, awer der Herr Kriminaldirekter (Dambach) had bestimmt, wi suellen uns irst von uns siw Suelwergroschen so vel tausamensporen, dat wi uns en Bed meiden(mieten) kuennen.-"). Der Chef der Hausvogtei, der Jurist Dambach, fuehrte zusammen mit seinen Kreaturen ein zynisches Regiment in der Hausvogtei, "wo der Herr Kriminalrat Dambach, uns wuerdige Unkel, inwahnen ded, awer mit en hoegern Titel, wil em dat so schoen gelungen was, ut uns dumme Jungs de schwoennsten politischen Verbrekers heruttauunnnersaeuken, de allseindag den preussischen Staat und den leiwen Bundesdag bet dicht an den Abgrund broecht hewwen." (die schwersten politischen Verbrecher herauszuuntersuchen).

    "Hei (Dambach) hadd t farig kregen (fertiggebracht) ut uns, de wi in de unschuelligste Uprichtigkeit nich bloss saeden, wat wi dahn, ne, ok wat wi dacht, wat wi faeuhlt (gefuehlt) hadden, sick Ledderamen tau sniden, dat hei doran tau sine jetzige hoechste Stellung heruppe klattern kuenn". (sich Leitersprossen zu schnitzen...)

    Reuters Freund, der "Kaptein" dreht durch, liest in der Bibel und wirft sie von sich. Reutert klopft an die Tuer, da kommt auf dem Gang der Gerichtsbote Heubold, den er von frueher kennt, ein sadistischer Typ: "Heubold, wissen Sie nicht, wie lange wir hier noch bleiben muessen? - Do stunn hei voer mi mit dat olle, weike, witte, upgedunsene Gesicht, mit dat olle slappe Lachen uem dat breide Mul, mit de olle vossige (fuchsige=rote) Prueck, un langsam kam de Antwurt herute: Sie bleiben immer hier. Glauben Sie, dass der Koenig alle die grossen Gebaeude leer stehen lassen will?.........De Schuft wuesst dat beter, hei wuesst recht gaud, dat wi weder reisten, hei wuesst recht gaud, wo elendig wi hier hollen wuerden (gehalten wurden).....awer t kettelte den Hlunken (es kitzelte den Halunken) doch, uns ok noch en Fauttritt (Fusstritt) mit up den Weg tau gewen; Einer kunn em de entfamtige (infame) Lust von t Gesicht herunner lesen, mit de hei sprok: Nein, Sie bleiben hier. Ick kann t un will t nich striden, dat ick mi von de gruendliche Gemeinheit von desen Kerl in t Buckshuern jagen let" (ich kann und will es nicht besteiten dass ich mich von der abgruendigen Gemeinheit des Kersl ins Bockshorn habe jagen lassen).

    Man muss bedenken: Er sah im schlimmsten Fall noch 25 Jahre in dieser Art vor sich!!! Einen Tag spaeter erloest ihn der Schandor Res (Der Gendarm Res), der ihm wie ein Engel vorkommt,und "reist" mit den beiden weiter.

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  • Ich empfand dieses Kapitel mit der Hausvogtei auch als dasjenige, wo Reuter am wenigsten seine Empörung zurückhalten kann. Es ist aber auch schlimm, all die kleinen und großen sadisitschen Gemeiheiten zu lesen und sich vorzustellen, wie man denen tagein tagaus ausgeliefert war.

    Interessant finde ich immer wieder, dass die Gefangenen, obwohl sie zum Teil schändlich behandelt wurden, doch der Form halber immer von ihren Aufsehern höflich angesprochen wurden: Anscheinend setzte sich hier der preußische Obrigkeitsstaat durch mit seinem festen Kastensystem, in dem die Herren Studenten eben doch einen deutlich höheren gesellschaftlichen Rang hatten als so ein "kleiner" Aufseher.
    Ich könnte mir vorstellen, dass die Studenten, die während der 68er-Aufstände des 20. Jahrhunderts (vorübergehend) inhaftiert wurden, zwar die viel besseren Haftbedingungen hatten, aber vom Ton her sicherlich deutlich rauer drangenommen wurden.


    Köstlich ist das Kapitel 16, als der vermeintliche Erzbischof in Graudenz Einzug hält und sich als politischer Freund und alter Bekannter der Inhaftierten entpuppt. Ich stockte zunächst, dass im protestantischen Preußen eine solche Begeisterung für die katholische Kirche und ihre Würdenträger in der Bevölkerung vorherrschte, bis ich mir klar machte, dass wir mit Graudenz im Weichselgebiet und damit bei den sogenannten "Wasserpolacken" sind. Zu den Ressentiments der Preußen gegenüber dieser in Oberschlesien und aber auch in anderen Teilen der Gegend zwischen Oder und Weichsel vorherrschenden Bevölkerungsgruppe siehe auch hier.
    Ich halte inzwischen im Kapitel 17 (Topf und Deckel), wo sich ein amouröser Konflikt zwischen dem Kaptein und Kopernikus zu entwickeln scheint.
    Interessant übrigens, dass das Riechen am Teerfass gegen Gallenbeschwerden (anscheinend von den Symptomen her eher Gelbsucht) helfen soll.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Schoen dass Du wieder geschrieben hast, finsbury .Ich bin noch nicht viel weiter. Habe wieder mit meinen Bronchien und Lunge zu tun, weshalb ich auch am Dienstag zur Kur nach Bad Reichenhall fahre. Meine Frau hat so lange auf mich eingeredet, bis ich die Kur beantragt habe. Sie wurde auch sofort bewilligt. Leider kann ich das tablet nicht mitnehmen. Es ist die Hauptverbindung meiner Faru zum Rest der Welt. Mit dem PC will und kann sie folglich nicht. Guck mal, nun habe ich die Festungstid bestimmt schon zweimal gelesen. Aber an das, was Du schreibst, kann ich mich nicht mehr erinnern. Uebrigens lese ich jetzt die alten Schwarten mit Mundschutz, weil ich festgestellt habe, dass ich Asthma von den Dingern bekomme. SEHR schade. Wenn Du das liest, denkst Du bestimmt: Ach Gott, der arme alte Kerl ist ja ein Wrack. Wenn Du mich aber sehen und erleben wuerdest, wuerdest Du denken: Der macht ja noch einen ganz munteren und fidelen Eindruck. Und so ist es in der Tat.

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  • Na, dann wünsche ich dir erstmal eine gesundheitsfördernde und erholsame Kur. Mundschutz tragen in Vietnam fast alle, besonders die jungen Damen, die auf einen hellen Teint achten. Also würde ich von daher nicht auf Klapprigkeit schließen. Du wirst schon wieder. Und dieser alte Büchergeruch von solchen, die vielleicht auch bei vorhergehenden Generationen ein paar Jahrzehnte auf dem Dachboden oder noch schlimmer im Keller verbracht haben, den haben auch einige meiner Schätzchen, die ich bei der Lektüre dann auch recht gerne auf Distanz halte.
    Bis Dienstag müsste ich das Werkchen aber auch durchhaben.
    Ich habe wenig Zeit momentan und bin beruflich auch lektüremäßig sehr eingespannt, so dass es eben nur langsam vorangeht. Das gilt teilweise auch für das Wochenende, dennoch hoffe ich, die letzten 60 Seiten in den nächsten Tagen zu schaffen.

    In den letzten Kapiteln hat der Kaptein generös zugunsten des Kopernikus auf seine Angebetete verzichtet und nun müssen sie sich in ihren Zellen neu arrangieren, weil der "Franzose" Guittienne nach einem psychischen Defekt als scheinbar geheilt aus der Berliner Charité entlassen wurde. Nun muss sich Charles, wie Fritz Reuter von seinen Kameraden genannt wird, mit dem Neuen, bei dem noch einige Sparren locker sitzen, zusammenraufen. Heißen denn die Spitznamen im Plattdeutschen sehr viel anders? An den Aufzug mit dem "Erzbischof" müsstest du dich doch erinnern. Das dazugehörige Kapitel 16 heißt hochdeutsch "Die Prozession". Und des Kapteins Verliebtheit in Aurelie (so hieß übrigens mein erstes Auto, ein alter VW, von meiner Mutter, der Vorbersitzerin, so benamst) füllt mehrere Kapitel.

    Wir werden uns noch vor deiner Kur austauschen.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Ja, finsbury , jetzt, wo Du das alles so ausfuehrlcih beschreibst, kommt mir auch alles wieder beknnant vor. Aber ohne stuetze haette ich mcih nicht erinnert. Jetzt gucke ich mal nach den Namen die aber wohl geich waren(?): Icvh mache gleich weiter, muss zwischendrin was fuer meinen Sohn machen.

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  • Schoen dass Du wieder geschrieben hast, finsbury .Ich bin noch nicht viel weiter. Habe wieder mit meinen Bronchien und Lunge zu tun, weshalb ich auch am Dienstag zur Kur nach Bad Reichenhall fahre. Meine Frau hat so lange auf mich eingeredet, bis ich die Kur beantragt habe. Sie wurde auch sofort bewilligt. Leider kann ich das tablet nicht mitnehmen. Es ist die Hauptverbindung meiner Faru zum Rest der Welt. Mit dem PC will und kann sie folglich nicht. Guck mal, nun habe ich die Festungstid bestimmt schon zweimal gelesen. Aber an das, was Du schreibst, kann ich mich nicht mehr erinnern. Uebrigens lese ich jetzt die alten Schwarten mit Mundschutz, weil ich festgestellt habe, dass ich Asthma von den Dingern bekomme. SEHR schade. Wenn Du das liest, denkst Du bestimmt: Ach Gott, der arme alte Kerl ist ja ein Wrack. Wenn Du mich aber sehen und erleben wuerdest, wuerdest Du denken: Der macht ja noch einen ganz munteren und fidelen Eindruck. Und so ist es in der Tat.

    Hallo Volker, wenn ich auch nicht hier in der Reuter-Debatte mithalten kann, weil ich zur Zeit weder diesen Roman erfassen noch mich in der plattdeutsch-norddeutschen Welt zurecht finden kann, wünsche ich Dir doch sehr eine heilsame Wirkung Deiner Kur, auf dass Du noch viel munterer und fideler wieder zurückkommst! Meine Frau hat seit langem mit Asthma zu kämpfen, ich weiß, was das bedeuten kann.

    Alles Gute für Dich in Bad Reichenhall!:)

  • Karamzin und finsbury , erst mal vielen Dank! ich musste leider eine Kunstpause einlegen. Mein Berliner Sohn (54 J.) ist hier mit Freundin, das ist zwar schoen, aber auch nervig fuer uns beide Alten. Mit dem Lesen kann ich im Moment nicht Schritt halten, aber ich habe mir gedacht, ich "blende" hier zwei oder drei der netten Kapitelinhaltsangaben von Reuter ein, dann erfaehrt finsbury die Schreibweise der Personen und Karamzin hat vielleicht doch ein wenig Spass am Plattdeutschen(?). Plattduetsch es de Weltsprok, Karamzin!

    Die Kapitelinhaltsangaben sind (fast) so schoen wie bei Don Quijote, und die haben Thomas Mann so gut gefallen.

    (ich schreibe jetzt wie im Original ä, ö und ü, in der Hoffnung, dass das ebenso wiedergegeben wird, ansonsten habe ich es mir wegen meines Neusseelaender Sohns angewoehnt, so zu schreiben weil sonst manchmal Buchstabensalat ankommt)

    Kapitel 15

    Worüm ick mi oewer den Apostel Paulus un de Kapteihn sick oewer (o und e werden hier "zusammengebacken" geschrieben) Schr... en sine Brut argert. Worüm de Kapteihn mit beide dörchlopene Stäwelsalen in den deigen Dreck pedd un sick nahsten an en Pahl stellt , un up den Abend ne Brutschaft för dat Heiligste, un rode Hor un gräune Ogen för ´t Schönste erklärt un sick up de Letzt mit de Königin Victoria in England verlawt.

    Kapitel 16

    Mit de Königin Victoria is dat vörbi, oewer mit Aurelia´n is ´t in ´n vullen Gang. Don Juan un Kopernikus, un woans de heiligste Erzbischoff von Dunin bi uns ankamm. Worüm de Kopernikus nicks von rode Hor weit un weiten will, un dat hei sick tauletzt as ´ne "Schlange" utwisen ded.

    Kapitel 17

    Worüm nu ümmer Twei an de lütte Lind stahn. Mine lütte leiwe Idachen. De witten Müs warden gris, un de Kopernikus gräun un möt weddeer in Smid Grönwaldten sine Theertunn kiken. De Kapteihn ward en blagen (blauer) Löw´, un de Erzbischoff höllt ne Red´oewer Stülp un Pott, bet hei binah ut sin Vaders Rock ´rute schüddt ward.

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  • Ja, das ist schon eine hübsche Sprache! Vielen Dank für den Einblick!

    Ich bin mittlerweile durch. Am Ende, als es auf die letzte Festung, Dömitz in Mecklenburg, geht, wird Reuter doch noch einmal bitter. Womit er ja auch völlig Recht hatte. Aus der Sicht des über Fünfzigjährigen, der nun sieht, dass zu dieser Zeit die Menschen nach 1848 und der Paulskirche doch deutlich mehr meinungsmäßige Freiheiten hat und der dennoch sieht, dass gerade Preußen nach wie vor die Demokratisierung blockiert und dann daran zurückdenkt, dass er für nichts und wieder nichts, weder dass er etwas verbrochen hat noch, dass seine Festungshaft und die seiner Mitgefangenen etwas an der preußischen Denke geändert hätten, muss ihm ja auch die Galle hochkommen.
    Knuffig ist, wie er am Ende sämtliche möglichen Lebensentwürfe personifiziert auf Besuch empfängt und einen nach dem anderen ersäuft. Da bleibt dann noch der bescheidene Schulmeister übrig, aber die "Läuschen und RIemels" weisen auf die große Karriere des plattdeutschen Meisterautoren hin.

    Vielen Dank, Volker , dass wir diese Bücher gemeinsam gelesen haben. Wie schade, dass Reuter heute insgesamt so wenig Breitenwirkung entfaltet. Wir haben so wenige Autoren, die ein positves und humanes Weltbild mit Humor und Erzählkunst verbinden wissen, dass es schade ist, wenn ein solcher in Vergessenheit gerät.
    Auch habe ich sehr viel Zeit- und Regionalcouleur aus einer Epoche und auf Schauplätzen, mit denen ich mich noch nicht so intensiv beschäftigt habe, erfahren.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • lieber finsbury , auch Dir vielen Dank! Uebrigens habe ich VO Jahren zufaellig" jemanden entdeckt, der sich Vorleser Schmitt(dt?) nennt, Kannste googeln. Der liest de Reuter m..E. sehr schön, sicher auch die Festungstid. Für mich hat er damals de Reis nah Belligen gelesen. Er liest auch Raabe und andere grosse Erzähler des 19. Jh. Kannst ja mal gucken. Obwohl oder weil er ganz anders liest als der berühmte, auch von mir geschätzte, Westphal, mag ich ihn sehr.

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