Lew Tolstoi: Die Auferstehung

  • Ich habe bis Kapitel 26 gelesen und bin hingerissen von der - im besten Sinne - überaus präzisen Schilderung dieser Liebesgeschichte, die so einfach und natürlich beginnt, dann aber immer mehr von der gesellschaftlichen Konvention "beschädigt" wird, die Nechliudov nach und nach in ihre Fänge zieht. Alles, was in ihm gut und unverfälscht war, wird durch diese Konventionen entstellt und in sein Gegenteil verkehrt. Wenn er Gutes tut und fühlt, hält man ihn für verschroben oder unreif; nur wenn er sich den allgemein verbreiteten Zwängen und Boshaftigkeiten anheimgibt, m.a.W. genauso ein Schmierlappen wird wie alle anderen, ist er nach den Maßstäben von Familie und Gesellschaft "in Ordnung". Und das alles geschieht anscheinend mit vollem Bewusstsein, denn so stellt Tolstoi es dar. Immer wieder wird N. von tiefer Scham befallen; nicht gerade Reue, weil er sich unfähig sieht, das Richtige zu tun, aber er schämt sich entsetzlich. Und das schon bevor er seiner früheren Geliebten wiederbegegnet.
    Ich kenne das Buch schon, aber beim ersten Lesen hat es mich bei weitem nicht so ergriffen. Ich bin froh, es noch einmal vorgenommen zu haben.

  • Über Pfingsten war ich bei meinem allein in einem kleinen Ort lebenden 89jährigen Vater, der mir gegenüber bekannte, vor mehr als 70 Jahren, gleich nach dem Krieg, von dem Roman "Die Auferstehung" zutiefst beeindruckt gewesen zu sein, was bis heute noch nachwirke.


    Bei mir ist erst die Hälfte an Jahren seit der Erstlektüre vergangen, etwa 35 Jahre, und ich habe jetzt nicht mehr die alte Ausgabe aus DDR-Zeiten zur Hand genommen, sondern die neue Übersetzung von Barbara Conrad im Carl Hanser Verlag, München 2016, die eine präzise Einführung in die Entstehungsgeschichte des Werks sowie ausführliche Kommentare bietet.


    Inzwischen bin ich bei der erneuten Lektüre des Romans etwa so weit gekommen, wie Zefira , und bin ebenso wie Du froh, ihn wieder zur Hand genommen zu haben.

    Allerdings stellte sich ein neuer Eindruck ein, den ich damals nicht hatte: Tolstoj erklärt in den meisten Fällen explizit, warum seine Figuren so handeln, und deckt ihre wahren Motive auf, von denen die Umwelt nichts wissen kann. Der Jurist will möglichst bald mit einer Frau zusammenkommen, mit der er fremdgeht, und drängt deshalb auf die Beschleunigung des Prozesses. Ich erinnere mich an Balzac, der ebenfalls die ganzen schmutzigen, oft banalen oder sogar lächerlichen Hintergründe offenlegt. Aber Balzac schätzte das Gelächter, Tolstoj hingegen lässt einen heiligen Ernst, Ergriffenheit und Empörung erkennen.

    Das aber bedeutet, dass ich inzwischen viel Literatur konsumiert habe, die eher mit einer verdeckten Schreibweise verfasst wurde und in der Vieles, besonders auch hinsichtlich der Motive für das Handeln der Personen, nicht benannt wurde oder in der Schwebe blieb.


    Dafür stellten sich gleich zu Beginn viele kleine Beobachtungen ein, die ich erst jetzt zu schätzen glaube.


    1. die Passanten verhalten sich völlig unterschiedlich zu der vorbeigeführten Gefangenen: die einen sehen in ihr eine wohl zu Recht bestrafte Gesetzesbrecherin. Das heisst, um 1890 war offenbar das herrschende Rechtsempfinden auch bis in die einfache Bevölkerung durchgedrungen und verinnerlicht worden, Straßenjungen glauben zu wissen, dass jetzt eine "Übeltäterin" abgeführt wurde. Hingegen gibt ein anderer Mann mitleidig eine Kopeke und bekreuzigt sich innig. Das ist das auch aus anderen Romanen Tolstojs bekannte, mit der Religion aufs engste verbundene unendliche Mitleid der einfachen Menschen mit der gequälten Kreatur. Ich überlegte, wie heute darauf reagiert würde, wenn jemand aus dem örtlichen Knast durch die Kleinstadt geführt wird. Wahrscheinlich überwiegt die Meinung, dass er schon zu Recht eingesperrt worden ist, und eine Amtsperson, die auf dem Rücken der Uniform das Wort JUSTIZ mit weißer Schrift aufweist, würde vollsten Respekt genießen: hier herrscht nicht Willkür, sondern Achtung vor dem Gesetz.


    2. manche Mütter nähren bei Tolstoj ihre Kinder erst gar nicht und lassen sie umkommen, weil sie sowieso nicht in der Lage sind, sie aufzuziehen. Zu dieser Zeit höre ich gerade eine Radiosendung, in der es um eine Gesprächsrunde von Müttern geht, die ihre Kinder nicht so lieben können, wie sie es sich ursprünglich vorgestellt hatten. Das irritiert sie zutiefst, denn alle anderen Mütter scheinen überaus glücklich über die Geburt ihres Nachwuchses zu sein. Ob hier eine Depression nach der Geburt vorliegt, die auch hormonell begründet ist, oder was auch immer, ich bin da Laie - jedenfalls zeigen diese Beobachtungen aus einem Zeitraum von mehr als hundert Jahren, dass die Mutterliebe eben nicht zwangsläufig sozusagen angeboren sein muss, sondern es Umstände geben kann, unter denen Frauen ganz anders reagieren können, als es die "Natur" von ihnen angeblich verlangt. Selbst so etwas völlig natürlich Erscheinendes wie die Mutterliebe zu ihrem eigenen Kind, wird von gesellschaftlichen Umständen und den vorherrschenden Meinungen mitgeprägt. Ja und dass Mütter in einer völlig fremden Umgebung viele Kinder zur Welt bringen, von ihren Männern nahezu ununterbrochen geschwängert werden, obwohl sie nicht wissen, was aus ihnen werden würde, während sich das die einheimische Bevölkerung in der Regel sehr genau überlegt, ist eine Beobachtung der unmittelbaren Gegenwart, die ich nicht weiter auszumalen brauche und die auch nicht in eine bestimmte Ecke führen sollte ....


    3. Katjuscha sitzt bei den adeligen Damen und liest ihnen etwas vor. Das aber ist tatsächlich noch nicht typisch gewesen für die Alphabetisierung jener Zeit. Um 1797 betrug die Analphabetenrate in Russland etwa 97 Prozent, wie Boris Mironov berechnet hat. Ein Jahrhundert später liest eine Magd adeligen Damen etwas vor. Im 18. Jahrhundert gab es indes noch zahlreiche analphabetische Adelige und übrigens auch orthodoxe Geistliche: die hatten ihre Gebetsformeln auswendig gelernt, konnten aber weder die - zumeist noch nicht in der Breite vorhandene - Bibel, die ja für den russischen Gottesdienst gar nicht nötig ist, noch sonst irgendein Buch lesen.


    4. Fürst Nechljudow ist Gardeleutnant außer Dienst, das ist noch etwas anderes als ein Leutnant in der Landarmee. Zar Peter I. hatte in einer Zeit, als der Dienst in der Armee für alle Adligen lebenslänglich war, 1722 die sogenannte Rangtabelle nach schwedischem Vorbild eingeführt. Die Ränge in der Armee und in der Flotte wurden zu den Rängen im Staatsdienst und am Hofe in Beziehung gesetzt, und auch die Gelehrten der 1724 gegründeten Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg sollten noch ihren Platz in den unteren Rängen finden. 1762 wurde von Peter III. die lebenslängliche Dienstzeit der Adligen abgeschafft, und sie konnten sich nun aussuchen, ob sie weiterhin in der Armee dienen würden, was ihnen das höchste gesellschaftliche Ansehen verschaffte, oder im weniger angesehenen Staatsdienst tätig sein oder nur ihre Güter bewirtschaften würden. Einige nutzten ihre nun gewonnene freie Zeit und Muße, um als Schriftsteller (Fonvizin, Novikov, Karamzin) tätig zu sein oder lange ins Ausland zu reisen, wie das Dostoevskij und Turgenev taten. Ein Gardeleutnant wurde aber höher eingestuft als ein Offizier in den einfachen Regimentern, und deshalb wird Nechljudow selbst von anderen älteren Militärs achtungsvoller behandelt als andere. Bei Dostoevskij ist Ivan in den "Brüdern Karamazov" ein "Leutnant außer Diensten", und Karamzin war immerhin Leutnant im angesehensten, dem Preobrazhenskij-Garderegiment, im Torbuch Berlins wurde er 1789 als "Leutnant" eingetragen, obwohl er schon längst nicht mehr aktiv diente, sondern bald zum berühmtesten Schriftsteller Russlands vor Puschkin werden sollte.

  • Von der - ich nenne es mal so - Unsitte, neugeborene Kinder einfach dem Tod durch Vernachlässigung anheimzugeben, habe ich schon öfter gelesen. Zola erwähnt in mindestens einem seiner Romane (leider weiß ich nichts Genaueres mehr), wie Pariser Arbeiterfrauen ihre Kinder "zu einer Amme aufs Land geben", wo sie mangels Pflege in kurzer Zeit zugrunde gehen. Auch in Süskinds "Parfum" ist davon die Rede, dass Grenouilles Mutter ihre Neugeborenen einfach auf den Fischabfällen liegen lässt.

    Ich wage mal die These - angesichts der Kindersterblichkeit vergangener Zeiten (Goya zum Beispiel hatte zwanzig Kinder, von denen nur eines das Erwachsenenalter erreichte) konnte man sich das, was wir heute unter Mutterliebe verstehen, oft gar nicht leisten, wenn man psychisch überleben wollte. (Mit "man" meine ich hier eher die Frauen ....)

  • Wen man nach Jahren wieder die umfangreichen Gerichtsszenen in Tolstojs "Auferstehung" liest, fällt einem der maßgebliche deutschsprachige Titel zu dieser Thematik ein. Der jetzt in Berlin tätige Osteuropa-Historiker Jörg Barberowski, der in den zurückliegenden Jahren wie kaum ein anderer als Kritiker der Politik Angela Merkels in die Schlagzeilen geraten ist und auch etliche Talkshow-Runden bestritten hat (für die, die einen Fernseher nutzen),

    hatte 1996 seine Dissertation über das russische Gerichtswesen nach den Reformen Zar Alexanders II. im Druck erscheinen lassen. Wenn man sich noch einmal die damalige Rezension vor Augen führt, bekommt man einen Eindruck von der Bedeutung dieses Themas. Im 19. Jahrhundert spürte man im Zarenreich einen großen Nachholebedarf bei der Herstellung rechtstaatlicher Verhältnisse.

    http://www.faz.net/aktuell/feu…d-das-recht-11316697.html


    Hier kam eine alter Umstand ins Spiel, der schon bei den Reformen Peters I., Katharinas II. oder Alexanders I. einen Rolle gespielt hatte, die alle durchaus fortschrittliche Züge aufwiesen: man kann durch Nutzung ausländischer Vorbilder neue Institutionen und Formen der Rechtsprechung, wie die in Europa durchaus umstrittenen Geschworenengerichte schaffen. Filmliebhaber erinnern sich an die zahllosen Gerichtsfilme aus den USA, die die Beeinflussung der Geschworenen zum Inhalt haben. Ob die nun der Weisheit letzter Schluss sein sollen., weil man auf die Lebenserfahrung mündiger Bürger setzt (obwohl man weiß, wie die Geschworenen mitunter manipuliert werden) oder man auf Einzelentscheidungen eines Richters setzt, der unter Umständen nicht seine Tagesform erreicht haben kann - auf jeden Fall ist Tolstojs Roman auch Anlass dafür, über Sinn und Unsinn dieser Formen der Rechtspflege nachzudenken.


    Aber dann kam wieder ein großes Hemmnis ins Spiel: hatte man in Russland überhaupt die Leute, die die Funktionen in diesen neu geschaffenen Institutionen ausfüllen konnten? In einem Land, das noch bis 1861 Leibeigenschaft kannte, wo das Analphabetentum so weit verbreitet war, dass man staunt, dass Katjuscha lesen konnte? Es nimmt überhaupt nicht wunder, dass aktive oder gediente Offiziere so eine große Rolle spielen, weil die Garderegimenter immerhin einen Hort der Bildung darstellten und es in Russland bis zum 19. Jahrhundert gar keine Schicht von Berufsbeamten mit Universitätsausbildung gegeben hatte. Seit Peter I. wurden Gardeoffiziere zur Erfüllung von Aufgaben im zivilen Bereich abkommandiert, für die es etwa gleichzeitig in Preußen schon Berufsbeamte gab, die in Halle, Königsberg oder Duisburg die Rechte studiert hatten, obwohl man die "Streusandbüchse Europas" (Friedrich II.) immer als das klassische Land des Militärs ansah - das war in Wirklichkeit das zarische Russland.


    Ich musste beim Lesen an die Gerichtsszenen in Bernhard Schlinks "Der Vorleser" denken, der ja auch verfilmt worden ist (wie die Filme auch das Bildlichmachen der Romanszenen durchaus beeinflussen können). Obwohl der Fall hier völlig anders gelagert ist und die Angeklagte eine wirkliche Täterin war, ist so ein Gerichtssaal dennoch auch Schauplatz von Tricks der Juristen, die Folgen zuungunsten der Angeklagten haben. Und die Angeklagte ist Analphabetin in einem entwickelten Industrieland!


    Bei uns in der DDR waren der Staat und die Justiz das "Machtinstrument der herrschenden Klasse", man hat nach 1990 nachlesen können, wie sehr durch Druck der Partei das Recht gebeugt wurde, so dass so manche Szene im autokratischen Russland nahezu modern anmutet. Auf der anderen Seite kam der 17 Millionen-Staat mit etwa 400 Rechtsanwälten aus. Heutzutage fallen Scharen von Rechtsanwälten (sollte es hier welche geben, einmal weghören) über arglose Bürger her und plündern sie mit ihren Abmahnbescheiden und ihren Spitzfindigkeiten aus. Dieses System kann ja auch nicht das Gelbe vom Ei sein. Kaum ist jetzt die EU-Verordnung über die Datenverfügung in Kraft, spitzen schon tausende hungriger Anwälte ihre Federn, um über Firmen herzuziehen, die wissentlich oder unwissentlich gegen irgendeinen Paragraphen verstoßen oder eine falsche Formulierung verwendet haben.

    Bedenklich ist, dass das Privateigentum oft viel wichtiger war und ist, als Gesundheit und Unversehrtheit von Menschen, das konnten wir seit der "Wende" inzwischen auch studieren.


    Bei Katjuscha, der Hauptangeklagten, ging es immerhin um den Vorwurf eines versuchten Mordes mit Todesausgang, der den Beteiligten einiges abverlangte, und bei aller Schilderung eigennütziger Interessen der Richter, Ankläger und Geschworenen erstaunt immerhin doch auch, dass hier um 1890 eine Gründlichkeit bei der Beweisaufnahme an den Tag gelegt wurde, die es unter Umständen in unseren Tagen nicht mehr gibt, da etliche Gerichte hoffnungslos überlastet sind.

  • Obwohl ich Jura studiert habe und juristische Spitzfindigkeiten gewohnt bin, ist es mir doch extrem negativ aufgefallen, wie bei einem Nachbarstreit, in den mein Schwiegervater - ein ganz einfacher Mann - verwickelt war, die Anwälte über seinen Kopf hinweg diskutiert haben mit Ausdrücken und Redewendungen, die er nicht verstehen konnte. Ich musste ihm alles hinterher erklären. (Verstanden hat er es trotzdem nicht, aber das gehört nicht hierher ...)

    Noch mehr aufgefallen ist mir bei den Gerichtsszenen aber das offenkundige Desinteresse der Geschworenen - ein Phänomen, das auch oft in zeitgenössischen Krimis auftaucht; ich kenne es aus britischen Justizkrimis der sechziger und siebziger Jahre. Solche Publikationen werfen kein gutes Licht auf Laienrichter allgemein bzw. auf das System.


    Zitat

    ....eine Gründlichkeit bei der Beweisaufnahme an den Tag gelegt wurde, die es unter Umständen in unseren Tagen nicht mehr gibt, da etliche Gerichte hoffnungslos überlastet sind.


    Hier muss ich widersprechen. Das gilt vielleicht für kleinere Prozesse, aber nicht dann, wenn es um Mord und Totschlag geht. Zumindest nach meienr Erfahrung nicht. Richter neigen eher dazu, gerade bei großen Prozessen übervorsichtig zu sein, weil es auch für sie üble Folgen haben kann, wenn ein Urteil in höherer Instanz kassiert wird. Das führt zu immer längeren Wartefristen, aber schlampig gearbeitet wird meiner Meinung nach nicht.

  • Zefira . Einverstanden! Ich habe hier wahrscheinlich keine Ahnung und plappere nach, was manche Medien so behaupten.


    (ein Fall aber, der eines meiner engsten Familienangehörigen betraf, ein Raubüberfall durch drei Banditen mit gefährlicher Körperverletzung und Langzeitfolgen vor einigen Jahren 2014, gelangte erst gar nicht erst vor Gericht, die Ermittlungen durch die Polizei wurden höchst oberflächlich geführt, die Täter nie gefasst, meine dreiköpfige Familie ist bis heute traumatisiert - aber das gehört, streng genommen, nicht hierher zum Thema und kann vielleicht nur erklären, dass ich bereit war, jetzt hier derartige Vorurteile zu bedienen, wie auch der Glaube an den Rechtsstaat durch Betrügereien durch als seriös angepriesene Geldinstitute im Westen arg belastet wurde.)


    Wie sagte die früh verstorbene Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley: "Wir glaubten Gerechtigkeit zu bekommen und bekamen den Rechtsstaat."

  • Im meiner Familie gibt es auch so eine Geschichte: Der Bruder meines Mannes (damals waren wir noch nicht verheiratet) starb als 18jähriger unter ungeklärten Umständen, bis heute ist die Familie überzeugt, dass Fremdverschulden im Spiel war, und auch da kam es nie zur Anklage. Leider kann man als Laie nicht viel machen, wenn ein Verfahren einfach eingestellt wird. Ich bekam leider von der Sache kaum etwas mit, war selbst noch Schülerin und erfuhr nur am Rande davon.


    Kommt es aber erstmal zum Gerichtsverfahren, weht ein anderer Wind. Jedenfalls, wie gesagt, wenn es um Schwerverbrechen geht. Da nehmen sich die Gerichte sehr in acht und führen eher endlose Beweisaufnahmen, als ein angreifbares Urteil zu fällen.

  • Der Ostergottesdienst war für Nechljudow "eine der lichtesten und stärksten Erinnerungen".



    Auch für mich war er außerordentlich eindrucksvoll. An die Moskauer Staatliche Lomonossow-Universität waren 1980 Einladungskarten des Patriarchen von Russland ausgegangen, den nächtlichen Ostergottesdienst im Novodevichij-Kloster besuchen zu können, rote Kärtchen mit goldener Umrahmung, wie ich eine heute noch aufbewahre. Auf dem Friedhof, der die Klosterkirche umgab, waren überall Kerzen auf die Gräber gestellt. Mönche in schwarzen Kutten mit Sprechfunkgerät (!) patrouillierten auf dem Friedhof, auf dem nur wenige Frauen vorbeihuschten, die Miliz hatte außen alles abgeriegelt.

    Ein Universitätsbeauftragter spähte, ob er irgendwo einen Studenten erblicken konnte, dem es dann schlecht ergangen wäre, er fand aber keinen, ein Flachmann mit Pflaumenschnaps erleichterte ihm die Aufgabe. Am Ende der Brezhnew-Zeit (siehe dazu die vorzügliche Biographie von Susanne Schattenberg 2018) war der Staat daran interessiert, allmählich sein Verhältnis zur orthodoxen Kirchenführung zu normalisieren, denn nach außen hin hatte die Sowjetunion durch den Einmarsch in Afghanistan im Dezember 1979 stark an Ansehen eingebüßt, und es erschien ratsam, sich wieder einen Rückhalt in der Kirche zu suchen. Ein Höhepunkt dieser Normalisierung war 1988 die Feier der 1000jährigen Christianisierung des Alten Russlands. Doch Staat und Kirche blieben streng getrennte Bereiche.

    Als es Mitternacht wurde, schickte man mich zu den Vertretern der italienischen Botschaft, da es Gäste aus sozialistischen Ländern nicht gab. Die Kirche war strahlend hell erleuchtet durch Tausende von Kerzen. Gesänge erschallten, die ich heute noch nach fast vierzig Jahren im Ohr habe. Kirchenfahnen wurden in einer Prozession herumgetragen. Das Ganze dauerte mehrere Stunden.


    Und nun wieder zu Tolstoj. Die Handlung muss vor 1877/78 spielen, denn da wurde der Krieg Russlands mit dem Osmanischen Reich ausgefochten, an dem Fürst Nechljudow teilnehmen sollte. Und dieser nächtliche Ostergottesdienst wurde in der Provinz, in der Nähe von Adelsgütern, abgehalten. Weshalb beeindruckte dieser Gottesdienst Nechljudow noch, von seiner zu jener Zeit aufrichtigen Liebe zu Katjuscha abgesehen? Es kam zu einer, wenn auch nur kurzzeitigen Begegnung der Versöhnung zwischen den Angehörigen verschiedener sozialer Schichten, vom Adligen bis zum Bettler, nachdem die Stände und auch Frauen und Männer kurz zuvor streng voneinander geschieden in der Kirche gestanden hatten (Sitzbänke gibt es nicht in der orthodoxen Kirche). Dem Adligen und Reichen konnte das Gefühl gegeben werden, mit den Ärmeren doch einer gemeinsamen Volksgemeinschaft anzugehören. 1833 hatte der Bildungsminister Sergej Uvarov die Formel von der Dreieinigkeit "Zarentum - Kirche - Volkstum" regierungsoffiziell werden lassen, die im Grunde genommen bis in die heutige Regierungsdoktrin Vladimir Putins nachwirkt. Und dieses "vereinte Russland" konnte gemeinsam gegen äußere Feinde stehen: den "Westen" mit seiner Dekadenz, dem kapitalistischen Gewinnstreben der Großindustrie und dem Sittenverfall, für den Dostoevskij symbolisch der anlässlich der Weltausstellung errichtete Kristallpalast in London stehen sollte, mit seinem Vortrupp, den katholischen Polen, die vor der Befreiung durch Minin und Pozharskij 1612 jahrelang Moskau (mit Unterbrechungen) besetzt hielten, und 1812 fochten wieder zehntausende Polen im Heer Napoleons mit, der Russland angriff - "Krieg und Frieden" Tolstoj ist voll von großrussischer Verachtung für die Polen, die sich in Begeisterung für Napoleon als Erste in die Fluten des Neman stürzten, um vor seinen Augen zu ertrinken. Wenn wir uns heute wundern, warum das kleinere Polen für das riesige euro-asiatische Russland ein Trauma darstellt, dann wohl wegen dieser Demütigung durch die zweimaligen Besetzung Moskaus.


    Ich bewahre auch heute noch ein kleines rotes, bunt bemaltes hölzernes Ei auf, dass mir in Moskau in der Osternacht geschenkt worden war. Wenn nun zur damaligen Zeit auch selbst Parteimitglieder noch heimlich unter dem Kragen ein Heiligenbild oder Kreuz auf der Brust trugen, so bedeutete das nicht ein Symbol für ihre Frömmigkeit. Es war eine Art "Rückversicherung" und ein Andenken an das Familienmitglied, das einst dieses Symbol als Zeichen der Liebe schenkte.

    Nach 1989/90 war ich schon skeptisch in Bezug auf Verlautbarungen, wonach die Mehrheit der Russen eine Rückkehr zum orthodoxen Glauben vollzogen hätte. Nach mehr als 70 Jahren, nach der Stalin-Ära mit ihren Morden an zehntausenden Priestern und Gläubigen, der Enteignungen und Verwüstungen von Kirchen und Klöstern, schien dies kaum mehr möglich zu sein.

    Eine russische Freundin erklärte mir einen Zusammenhang, für mich doch etwas überraschend, so: "Für uns Frauen bedeutet das, wenn sich ein Mann plötzlich entschlossen hat, fromm zu werden, tagelang in der Kirche zu stehen und Ikonen zu küssen, dass er für die Familie, für seine Frau und seine Kinder jetzt verloren ist. Die haben nichts mehr von ihm. Er ist ein nutzloses Mitglied der Gesellschaft geworden. Kirche ist doch nur etwas für alte Frauen in Schwarz geblieben"

    Bei der Freundin klang hier noch das sozialistische Arbeitsethos aus vergangenen Zeiten an, das auch bei uns in der DDR verbreitet war. Der entscheidende Unterschied bestand für mich jedoch darin, dass wir als Religionslose zur gleichen Zeit bemerkten, wie jetzt die christlichen Gläubigen mit ihrer Bibelkenntnis (die es in Russland nicht gibt) und mit ihrer protestantischen Innerlichkeit entscheidend dazu beigetragen hatten, dass der Staat mit all seinen Waffen lautlos zusammenbrach, und jetzt versuchten, wieder ihren Einfluss in der Gesellschaft herzustellen. Im katholischen Eichsfeld hingegen, an der Grenze zum evangelischen Göttinger Land, in den saubersten Dörfern des Landes, hatten immer seit langem Bürgermeister, Dorfpolizist und katholischer Pfarrer einvernehmlich für Ordnung und Sauberkeit gesorgt.:)

  • Es ist seltsam, dass der Ostergottesdienst so hervorgehoben wird, während der Gefängnisgottesdienst wie ein schlechtes Theaterstück erscheint.


    Ich komme nur langsam vorwärts, weil ich nebenher noch etwas anderes lese, aber ich bleibe dran.

    Soeben war Nechljudovs Besuch im Gefängnis an der Reihe (Kapitel 43), wieder mal ein Kabinettstück psychologischer Feinbeobachtung. Ich habe großen Respekt vor Nechljudov. Er geht seinen Weg unbeirrt trotz erheblicher Anfechtungen.

  • Noch einmal zu den Bildern, den Illustrationen Leonid Pasternaks: Wenn man Google anwirft und Tolstoj "Die Auferstehung" eingibt, bekommt man tatsächlich einige dieser zeitgenössischen Illustrationen zu sehen.


    Kapitel 28

    Die moralische Wandlung Nechljudows geht allerdings recht schnell voran. Es ist eine "Reinigung" von dem "Schmutz", den er auch im Luxus der adeligen Standesgenossen erblickt. Er hatte schon einige Übung darin, seine "Seele" zu reinigen. Da war die Rechenschaftslegung in Tagebuchform, wie sie auch im deutschen Sprachraum bei den Pietisten üblich war. Da war die Flucht in den Kriegsdienst. Und jetzt sollte die Wandlung dauerhaft werden.

    Dieses Bild von der "Reinigung", es dürfte ein beträchtliches Maß orthodoxer "Reinigungsvorstellungen" im Spiel sein, die orthodoxe Kirche kennt ebenfalls das Fegefeuer. Der alltägliche "Schmutz" in Russland umgibt den Autor wie sein Geschöpf, den Fürsten Nechljudow.



    Aufmerken lässt die Bemerkung: "Der Gott, der in ihm war ..." Das heisst, Gott senkt sich in die Seele des Menschen, er ist nicht mehr oder nicht nur die übermenschliche Vaterfigur im Himmel mit Menschenantlitz, der allwissende, allmächtige, gütige, liebende oder strafende Gott, sondern Tolstojs Gott hat sich auch in einem einzelnen Menschen niedergelassen.

    In diesem Kapitel dürfte viel Autobiographisches enthalten sein. Tolstoj schildert sozusagen im Zeitraffer seinen eigenen Wandlungsprozeß, der sich über einen viel längeren Zeitraum hinweg vollzog.


    Die innere Wandlung betraf - und das dürfte jetzt in dieser Rigorosität eine Tolstojsche Besonderheit sein - auch das Verhältnis zum eigenen Landbesitz, dem Erbe der Mutter Nechljudovs. Um sich von dem schmutzigen, sündhaften Leben zu befreien, sollen die Bauern auch das Land übertragen bekommen.

    ---> bevor Boris Jelzin 1993 das Gesetz über das Eigentum erließ, gab es in Russland wie in der Sowjetunion keinen römisch-rechtlichen Eigentumsbegriff. Das Land gehörte dem Zaren, der es den Adligen lediglich übertrug und es jederzeit wieder durch Konfiskation entziehen konnte, es gehörte dem Staat, und man braucht sich überhaupt nicht zu wundern, dass in der Sowjetperiode die Einwohner nie ein im westlichen Sinne "richtiges" Eigentumsverständnis entwickelten: Alles gehörte offiziell allen (Volkseigentum) und allen gehörte nichts, und man brauchte sich um die Pflege und die Mehrung dieses Eigentums nicht zu sorgen.

    Es gibt eine Linie von Litauen im Norden, der einstigen polnisch-litauischen Adelsrepublik (1569 bis 1795), mitten durch die Ukraine eine Grenze - westlich von ihr wurde das römische Recht rezipiert, und es fand Eingang in die staatliche Gesetzgebung, östlich davon, im russischen Zarenreich, rezipierte man das römische weltliche Recht lediglich an der 1755 gegründeten Moskauer Universität, aber es ging nicht in die offizielle Gesetzgebung ein.



    Wein und Branntwein


    Noch etwas aus dem Alltagsleben: "Vino" heisst im Russischen sowohl "Wein" als auch "Schnaps", "vinokurenie" war Schnapsbrennerei, von der der Staat damals wie heute (und auch bei uns) kräftig profitierte, einer der bedeutendsten Posten in der russischen Wirtschaft. Im Gefängnis nun sehnt sich die Maslowa nach einem "Schnaps". Im Bordell jedoch lernte sie "Wein" in großen Mengen zu trinken.


    Ich will der Übersetzerin jetzt nicht zu nahe treten. Es gab ja auch für das Volk billigen "Wein", das war aber ein elendes Gesöff aus Essig und Kreide oder was weiß ich nicht noch. Auf jeden Fall gab es für das Volk keinen edlen Traubenwein, der war den Adligen und reichen Kaufleuten vorbehalten. Ob die Maslowa auch schon früher lediglich Schnaps in sich hineingeschüttet hat, um das Gefühl zu betäuben, und nicht "Wein", wie Barbara Conrad übersetzt ?

    Ich entsinne mich jedenfalls, dass ich das erste Mal, als ich für längere Zeit in Moskau leben sollte, unerwartet "Portwejn" in die Hand bekam. "Schmeckt irgendwie süß, das Zeug", dachte ich und erinnerte mich an Ungarn und dort speziell den Tokajer, der so edel war, dass ihn August der Starke für Zar Peter den Großen aus Ungarn als besonderes Getränk bezog, das die Eigenschaft hatte, den aufbrausenden Herrscher rasch zu besänftigen. Jedenfalls war ich nach vier Gläsern arglos getrunkenen "Portweins" so breit, dass ich mich am nächsten Tag nur noch an den Beginn erinnerte, ihn im Volkspark von Sokolniki erstmals probiert zu haben.


    "Aufhören!", mag mancher Leser jetzt unmutig anmerken, anstelle von "Seelenwandlungen" schreibt der jetzt bloß vom Branntwein! Was das andere "Laster" anbetrifft: man rauchte in Tolstoj Roman sowohl in den Oberschichten als auch im Volk damals wie heute Zigaretten (ich bin heute froh, dass ich nicht damit angefangen hatte, schmeckte mir irgendwie nicht). Bei seinem Zeitgenossen Fontane stecken sich die Herren in den Berliner Salons schwere Zigarren an

  • Ich habe den ersten Teil inzwischen fertig gelesen und war mehrmals beeindruckt von Nechljudows Energie, mit der er von Pontius zu Pilatus läuft, um für "die Maslowa" bzw. auch für andere Gefängnisinsassen etwas zu erreichen. Das ist übrigens ein Motiv, das auch bei Zola sehr oft vorkommt. Jemand will irgendetwas bei einer Behörde erreichen und läuft stundenlang von einer Adresse zur anderen. Bei Zola geht das so weit, dass seine Protagonisten in Bälle und Gesellschaften eindringen, zu denen sie nicht geladen sind, weil die verzweifelt gesuchte Person dort gerade zu Gast sein soll.

    Vermutlich war das damals gar nichts Besonderes, in den Zeiten vor Telefon und E-Mail.

    Am interessantesten finde ich die Lektüre immer dann, wenn es um N.s persönliche Gefühle geht "... jenes Gefühl, gemischt aus Neugier, Gram, Nichtbegreifenkönnen und moralischer, fast ins Physische gehenden Übelkeit" zum Beispiel, als er realisiert, dass im Nebenzimmer Gefangene gezüchtigt werden. Ich habe versucht, mir dieses Gefühl genau vorzustellen, und finde es sehr fein beschrieben.

  • Bin gerade in Kapitel 21 (zweiter Teil) auf folgenden Absatz gestoßen; der Schauplatz ist, wenn ich richtig verstanden habe, die Verhandlung der Maslowa-Sache vor dem Kassationsgericht:


    ... und kamen ins Gespräch über einen Fall,der damals (...) alle Petersburger beschäftigte. Es war die Sache eines Departementsdirektors, der des Verbrechens, das im Artikel 995 vorgesehen ist, überführt worden war.

    "Wie abscheulich", sagte mit Ekel Bee.

    "Was ist denn dabei so Schlimmes. Ich möche Sie in unserer Literatur auf das Projekt eines deutschen Schriftstellers hinweisen, der geradezu vorschlägt, so etwas nicht mehr für ein Verbrechen zu halten, so dass die Ehe zwischen Männern möglich wäre", sagte Skoworodnikow (...).

    "Aber das ist doch unmöglich", sagte Bee.


    Worum es geht, ist hinreichend klar, aber gibt es dieses "Projekt eines deutschen Schriftstellers" wirklich und wenn ja, wer war das? Hat jemand eine Ahnung?