Preis der Leipziger Buchmesse 2017

  • Meine erste Lektüre von der Nominierungsliste war Lukas Bärfuss' Roman 'Hagard'.


    http://www.preis-der-leipziger…ik/Lukas-Baerfuss-Hagard/


    Formal gesehen handelt es sich m. E. eher um eine Novelle, aber heutzutage wird alles als Roman kategorisiert, was offenbar der Verkaufsförderung dient.


    Erzählt wird die Geschichte von Philip, der mitten in seinem Alltag in einer schweizerischen Großstadt ein paar Ballerina-Schuhe erblickt. Getragen werden diese von einer jungen Frau. Spontan entscheidet Philip sich, dieser Frau nachzugehen. Ihr Gesicht möchte er sehen, wissen, wer sie ist. Was aus einer kurzen spontanten Laune heraus beginnt, spinnt sich weiter. Philip folgt dieser Frau nachhause, er bezieht vor ihrem Haus Stellung, gerät innerhalb weniger Stunden in einen Strudel des Absturzes, der ihm Geld, Auto, seine Gesundheit und am Ende sogar das Leben kostet. All dies vollzieht sich inmitten seiner Stadt, nur wenige Stunden und räumlich nur wenige Kilometer von seinem normalen Leben als Makler entfernt. Keine der ihm nahe stehenden Personen erfährt etwas davon, was Philip zustößt. Erst im Rückblick versucht ein namenloser Erzähler, offenbar ein enger Freund, die letzten Stunden von Philips Leben zu rekonstruieren.


    Das Motiv des Entgleitens und Abirrens, das wir schon aus dem Roman 'Koala' von Bärfuss kennen, und das in jenem Buch von der Trauer um den Bruder ausgelöst wurde, hat Bärfuss in diesem neuen Buch noch einmal deutlich weiter getrieben. Während Philip das Erblicken der Frau wie eine Epiphanie erlebt, in die alles hineinprojiziert wird, was an Wünschen und Sehnsüchten in seinem Leben offen bleibt, beschreibt der Erzähler das gleiche Geschehen als dämonische Besessenheit. Zwischen diesen beiden Polen bleiben unzählige Fragen offen, die der Autor sich nicht scheut, über dem Leser auszuschütten.


    Bärfuss erzählt fließend und elegant, bleibt dabei aber viel zu offensichtlich und trägt dem Leser in recht penetranter Weise vor, was diesen denn nun während der Lektüre zu beschäftigen hat. Fragen, die man sich angesichts der unerhörten Handlung ohnehin stellt, werden über weite Strecken ausgebreitet. Da bleibt nichts ungesagt und nichts unerwähnt. Das ist - trotz der Kürze des Textes insgesamt - etwas ermüdend. Ähnlich wie bereits in 'Koala' passt sich jedoch der Sprachduktus dem Niedergang der Hauptfigur an. Mit seinem geistigen und physischen Absturz verändert sich auch die Sprache, die Sätze werden kürzer, die Ausdrücke prägnanter.


    Gänzlich verwirrt hat mich gegen Ende der längere Exkurs zur Biographie des Taxifahrers, der Philip in den Vorort bringt und durch seinen physischen Angriff schließlich dessen Tod herbeiführt. Das blieb für mich weitgehend in der Luft hängen und füllt die Seiten, die erwartbarer Weise der detaillierteren Beschreibung von Philips Ende gehört hätten.


    Anklänge an Thomas Manns 'Tod in Venedig' sind überdeutlich (zumal der Erzähler nach Venedig reist, um sich von seinen Grübeleien zu Philips Tod abzulenken). Auch hier bietet Bärfuss wenig Subtiles, eher Holzhammer.


    Wirklich überzeugend fand ich lediglich die Passagen, in denen Philip auf seine Umwelt blickt, während er auf die junge Frau außerhalb ihres Bürohauses wartet. Das sind gute Stellen mit glasklarem Blick. Es erscheint fast, als hätte die Begegnung mit der Frau (seine Epiphanie) ihm die Augen geöffnet für die Welt um sich herum und für die in ihr obwaltenden Gesetze. Leider wird davon zu wenig ausgeführt.


    Insgesamt also für mich kein schlechtes, aber auch kein wirklich gutes Buch. Zum Titel: 'hagard' im frz. scheint 'verstört' zu bedeuten. Ich habe aber keine Ahnung, ob das die Bedeutung des Titels sein soll, denn das Wort selbst taucht im Text des Buches nicht auf.


    Nun habe ich mit Natascha Wodins Roman 'Sie kam aus Mariupol' begonnen.

  • Das zweite Buch von der Nominierungsliste war Natascha Wodins 'Sie kam aus Mariupol'


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    Das Buch ist der literarische Bericht einer Spurensuche. Natascha Wodin, die als Schriftstellerin in Deutschland ja keineswegs unbekannt ist, wurde 1945 als Kind russischer Zwangsarbeiter in Nürnberg geboren. Sie wuchs in Lagern bzw. Siedlungen für ehemalige Zwangsarbeiter auf, nach dem Tod ihrer Mutter später dann in Heimen. Über ihre Familie und deren Geschichte wusste sie nur das wenige, das sie als Kind von den Eltern erzählt bekam, wobei der Vater als Erzähler weitgehend ausfiel. Es war die Mutter, die wenige Einzelheiten erzählte, wobei die junge Natascha nicht immer zwischen Einbildung, Wahrheit und familiären Mythen und Wunschvorstellungen unterscheiden konnte. Ihre eigene Herkunft aus dem Zwangsarbeiterlager war ihr verhasst, weshalb sie sich früh davon distanzierte. Erst spät begann sie, sich auf die Spurensuche zu begeben und aus dem wenigen, was sie von ihrer Mutter wusste und an Dokumenten besaß, die Informationen herauszufiltern, anhand derer sie mehr erfahren konnte.


    Das Ergebnis dieser Spurensuche ist dieses beeindruckende Buch, das mich je länger je mehr in seinen Bann geschlagen hat. Über das Internet und die dort hergestellten Kontakte zu Personen in der Ukraine gelingt es Natascha Wodin, nicht nur einen fast lückenlosen Stammbaum der Familie ihrer Mutter zu erstellen, sondern auch Kontakt zu noch lebenden Verwandten in der Ukraine und Russland aufzunehmen. Dabei werden Fotos und schließlich sogar ein Tagebuch ihrer verstorbenen Tante Lidia zutage gefördert.


    Die Einzelheiten führen hier zu weit, aber es entsteht das lebendige Porträt einer Familie, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich Verfolgung, Leid, Angst, Hunger und Tod kennen gelernt hat. Der Großvater wird - obwohl aus großbürgerlicher Familie stammend - als Sozialist im zaristischen Russland verhaftet und inhaftiert, seine Kinder geraten in die Mühlen des Bürgerkrieges und der Kollektivierung, mit dem Einmarsch der Deutschen wird die Mutter Natascha Wodins als Ostarbeiterin nach Deutschland gebracht, wo ihr Leben unter Zwang und Entbehrung weitergeht.


    Der Bericht ist glänzend geschrieben, mitunter schwer zu ertragen aufgrund der Brutalität und Grausamkeit der geschilderten Ereignisse. Natascha Wodin ist es wichtig, mit diesem Buch auch den Blick auf das Schicksal der Millionen Zwangsarbeiter zu richten, die in den Kriegsjahren in Deutschland ausgebeutet wurden.


    Ihrer Meinung nach ist dies im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ein bisher unterrepräsentiertes Thema.


    Das Buch ist glänzend geschrieben, trotzdem habe ich einige kritische Anmerkungen:
    Über weite Strecken werden im Buch Fotografien aus dem Familienbesitz beschrieben, die jedoch nur sehr klein und an anderen Stellen im Buch abgebildet sind. Warum wurde nicht alle beschriebenen Bilder aufgenommen und im jeweiligen Kontext abgebildet? Soll der Vorrang des Literarischen vor dem Dokumentarischen damit hervorgehoben werden? Mir erschloss sich das nicht, es hat die Lektüre unnötig erschwert.


    Besonders im ersten Teil wird der recht komplexe Stammbaum der Familie entwickelt, die Erzählerin springt dabei immer wieder zwischen Teilen der Familie und unterschiedlichen Generationen hin und her. Hier wäre ein Stammbaum hilfreich gewesen. Während dieses Teils war ich kurz im Zweifel, ob ich das Buch weiter lesen wollte. Die Werbung für das Buch fokussiert sehr stark auf die Person der Mutter, in Wahrheit geht es aber doch um eine gesamte Familie.


    Die Teile des Buches haben unterschiedliche Schwerpunkte und auch einen unterschiedlichen Aufbau. Während im Teil eins und zwei die komplexe Geschichte der Familie zum Teil etwas verwirrend ausgebreitet wird, widmet sich Teil drei dem Schicksal Lidias, das anhand des aufgefundenen Tagebuches erzählt wird. Teil vier beleuchtet dann wiederum die Geschichte der Mutter als Zwangsarbeiterin in Deutschland. Für diese unterschiedlichen Teile gilt jeweils eine sehr unterschiedliche Quellenbasis. Während Lidias Tagebuch eine recht genaue Kenntnis ihrer Lebensumstände vermittelt, gilt das nicht in gleicher Weise für Phasen im Leben der Mutter Natascha Wodins. Gleichwohl werden hier Vermutungen nicht selten zu Tatsachenberichten. Das empfand ich beim Lesen als etwas problematisch. Möglicherweise ist dies aber auch dem Genre eines literarisch verarbeiteten Lebensberichtes geschuldet.


    Insgesamt aber ein aus meiner Sicht sehr lesenswertes Buch!

  • Das dritte Buch war von Anne Weber 'Kirio'.


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    Es scheint wohl in jedem Jahr auf der Liste der Nominierungen wenigstens ein Buch zu geben, das mich völlig ratlos macht und mich fragen lässt, warum dieses Buch auf der Nominierungsliste steht. In diesem Jahr ist das dann wohl 'Kirio' von Anne Weber. In den Vorjahren war es Nis-Momme Stockmanns Roman 'Der Fuchs' (2016) und Ursula Ackrills 'Zeiden, im Januar' (2015).


    Ich gebe gerne zu, an dieser Erzählung gescheitert zu sein. Nach 100 Seiten habe ich jedenfalls beschlossen, meine Lesezeit nicht weiter mit diesem Buch zu verbringen und habe nur noch den Schluss gelesen.


    Erzählt wird die Geschichte des Jungen/Mannes Kirio, der lieber auf den Händen läuft statt auf den Füßen, der damit ein Zeichen für die Umkehrung der Verhältnisse setzt und als Fragesteller und 'Umkehrer' durch die Welt läuft. Dabei ist er eine Mischung aus tumbem Tor Parzival, Fürst Myschkin oder Heiligem Franziskus. Die Erzählung orientiert sich an Lebensstationen, die im Stil eines Schelmenromans betitelt werden. Dazu gibt es eine Erzählfigur, die allwissend berichtet, sich aber selbst ständig zum Thema macht. Neben dem märchenhaften und überaus überfabulierenden Ton der Erzählung war vor allem diese Erzählerstimmer für das größte Ärgernis. Sie macht ein ständiges Gewese um sich selbst ("Wer bin ich? Gibt es mich? Ich denke, es gibt mich doch...") und mischt sich unablässig aufdringlich in die Handlung ein.


    Kein Buch für mich, man merkt's... :breitgrins:

  • Nun habe ich auch den vierten Roman der Nominierungsliste zu lesen begonnen:


    Brigitte Kronauer, Der Scheik von Aachen.

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    Allerdings habe ich nach einigen Dutzen Seiten bemerkt, dass das kein Buch für mich ist. Den Stil würde ich nicht für mehr als 500 Seiten lesen wollen. Das mag für manche Leserinnen und Leser passen und sogar witzig sein, ich fand das aber sehr bemüht und sehr seltsam.


    Somit mein Rat an die Jury: Geben Sie Natascha Wodin den Preis für 'Sie kam aus Mariupol'. :zwinker:


    Derzeit beende ich gerade noch den Roman von Andrej Platonow, Die Baugrube, der für den Übersetzerpreis nomiert wurde (Dagmar Leupold hat ihn übersetzt). Das ist allerdings ein ganz anderes Schwergewicht...

  • Hier also nun noch ein paar Zeilen zu Andrej Platonow:


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    Diesen kurzen Roman (nur rund 170 Seiten) kann man kaum in Worte fassen. Äußerlich wird beschrieben, wie eine Gruppe von Arbeitern eine Baugrube am Rande einer Stadt aushebt. Einige der Arbeiter (Woschschew und Tschiklin) werden dann noch abgeordnet, um in umliegenden Dörfern die Zwangskollektivierung und Entkulakisierung zu beaufsichtigen. Kulaken waren wohlhabendere Bauern, denen im Zuge der Errichtung der Sowjetherrschaft nicht nur ihr Land enteignet, sondern die auch deportiert wurden.


    Der Roman schildert diese Szenen in einer ungeheuren Dichte und Intensität, weshalb die Lektüre wenig erbaulich ist. Im Zuge ihrer Arbeit lesen Woschtschew und Tschiklin ein junges Mädchen auf, dessen Mutter stirbt. Sie kümmern sich um Nastja, können jedoch auch sie nicht am Leben halten. Am Ende wird auch sie in der Baugrube vergraben - und mit ihr die Hoffnungen auf ein Aufblühen der sozialistischen Gesellschaft. Die Beschreibungen, wie die Bauern ihrer Kollektivierung entgehen, in dem sie sich das Leben nehmen oder wenigstens zuvor alle ihre Tiere töten und aufessen, wird mich noch länger begleiten.


    Das eigentliche Ereignis dieses Romans ist jedoch seine Sprache. Wie der Totalitarismus des Kommunismus jeden Lebensbereich der Menschen zerstört und verändert, so ist auch die Sprache dieses Romans vollkommen vom Neusprech der Sowjets durchdrungen. Die Metaphorik des Romans speist sich aus Parteiverlautbarungen, aus ideologisierter Sprache. In Kombination mit dem grausigen Geschehen entsteht daraus eine ganz besondere Spannung. Eine ähnliche sprachliche Meisterleistung ist mir vor allem aus Imre Kertesz' Roman eines Schicksallosen in Erinnerung, in dem ein junger Jude sein Erlebnis der Konzentrationslager durch das sprachliche Mittel des Euphemismus verfremdet. Hier ist es die Parteisprache, die den Bericht gewissermaßen dekonstruiert.


    Dem Buch ist ein umfangreicher Anmerkungsapparat beigegeben sowie ein ausführliches Nachwort.


    Keine leichte Lektüre, aber unbedingt zu empfehlen, vor allem wenn man sich über die Frage Gedanken macht, wie politischer Totalitarismus auf Sprache und Literatur wirkt.

  • @ JHNewman,


    du hast dir da wahrlich einen Lesemarathon vorgenommen, an dieser Stelle lieben Dank für die Infos aus deinen umfangreichen Lesungen, finde ich interessant und ich kann mir deshalb so manch Batzen und Heller sparen.

  • Ja, ich denke auch, dass der letztbesprochene Roman wohl lesenswert ist, aber ob ich mir das antun muss, beantworte ich wohl eher mit nein. Ein bisschen Spaß darf mir Literatur schon machen, für den Rest lese ich Sachbücher. Aber dennoch vielen Dank für deine kenntnisreich Besprechung.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)


  • Ja, ich denke auch, dass der letztbesprochene Roman wohl lesenswert ist, aber ob ich mir das antun muss, beantworte ich wohl eher mit nein. Ein bisschen Spaß darf mir Literatur schon machen, für den Rest lese ich Sachbücher. Aber dennoch vielen Dank für deine kenntnisreich Besprechung.


    Oh, ich bin dem Buch sicher nicht gerecht geworden, aber ich wollte nur so viel schreiben, dass Ihr neugierig werdet ... :zwinker:


    Richtig: Vergnügungssteuerpflichtig ist der Roman sicher nicht, und ich kann verstehen, wenn man sich aufgrund des Themas lieber anderen Büchern zuwendet. Auch bei mir hat die Lektüre der rund 170 Seiten länger gedauert als gewöhnlich, weil ich zwischendurch andere Bücher gelesen habe.

  • Somit wäre meine Wunsch-Trias für den Preis der Leipziger Buchmesse:


    Belletristik: Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol
    Sachbuch: Volker Weiß, Die autoritäre Revolution
    Übersetzung: Gertrud Leupold (für die Übersetzung von Andrej Platonov)


    Mal sehen.

  • JHNewman, du hattest ja einen guten Riecher bei Belletristik :klatschen:


    Natascha Wodin, Barbara Stollberg-Rilinger und Eva Lüdi Kong haben den 13. Preis der Leipziger Buchmesse erhalten !


    Belletristik:


    Natascha Wodin: "Sie kam aus Mariupol"
    (Rowohlt Verlag)



    Sachbuch/Essayistik:
    Barbara Stollberg-Rilinger: "Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit"
    (Verlag C.H.Beck)



    Übersetzung:
    Eva Lüdi Kong: übersetzte aus dem Chinesischen "Ungewisser Verfasser: Die Reise in den Westen"
    (Reclam Verlag)


    http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Ja, bei der Belletristik lag ich richtig, da hatte ich auch die vier Romane ganz oder teilweise gelesen. Bei den Sachbüchern und bei den Übersetzungen fehlte mir der Überblick, allerdings hatte ich nach einer Veranstaltung zu den Sachbüchern den Eindruck, daß die es alle verdient hätten... 😉