Francesco Petrarca 1304-1374

  • ...war ein italienischer Dichter und Geschichtsschreiber. Er gilt als Mitbegründer des Renaissance-Humanismus und zusammen mit Dante Alighieri und Boccaccio als einer der wichtigsten Vertreter der frühen italienischen Literatur. Sein Name liegt dem Begriff Petrarkismus zugrunde, der eine bis ins 17. Jahrhundert verbreitete Richtung europäischer Liebeslyrik bezeichnet... (Quelle: Wikipedia)


    Petrarca beschreibt sich in seinen Brief an die Nachwelt wie folgt:


    Zitat

    Mein Körper war in der Jugend nicht allzu kräftig, aber von großer Gewandtheit, mein Aussehen nicht hervorragend schön, aber so, daß ich in jungen Jahren gefallen konnte. Meine Hautfarbe war frisch, vom Weißen ins Bräunliche spielend; meine Augen lebhaft und lange Zeit von größter Sehkraft, die mich aber gegen alle Hoffnung nach meinem sechzigsten Jahre verließ, so daß ich leider zur Brille greifen mußte. Auch hat das Alter meinen sonst immer gesunden Körper angegriffen und durch die üblichen Alterskrankheiten geschwächt.


    Sein erstes Werk, das hier besprochen wird, ist,
    Die Besteigung des Mont Ventoux


    am 26.04.1336
    Der Berg wird auch genannt: "Ventosus, den Windigen"


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    Dieser Berg steht Petrarca seit seiner Kindheit vor Augen. Er schreibt seinen Bericht über die Besteigung des Berges im Nachhinein als Brief an einen väterlichen Freund, an Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro in Paris.


    Bevor er aufbrach und eine Auswahl seines Wanderpartners trifft, die Wahl fällt letztendlich auf seinen jüngeren Bruder, las er Titus Livius, römische Geschichte, wo auch eine Begebenheit erwähnt wird, nämlich wie Philipp der Macadonierkönig den Berg Hämus in Thessalien erstieg. Aber nicht Livius' Geschichtsbuch nimmt er auf den Berg mit, sondern die "Bekenntnisse des Augustinus", was den Leser überraschender Weise in eine andere Richtung lenkt. Petrarca schlägt es auf dem Gipfel an irgendeiner Stelle auf...


    Zitat

    Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne, und haben nicht acht ihrer selbst.



    Ein Wechselspiel von Innenansicht und Außenansicht stellt sich dem Leser dar. Erkenntnisse des Ichs! Was für Petrarca vermutlich eine Offenbarung war. (Oder aber auch ein schlechtes Gewissen, wenn er nur der Außensicht , der Natur, ihren Tribut zollt)


    Man könnte in dieser philosophischen Richtung sicher noch sehr viel mehr herauslesen und weiterführen, zu andere Autoren die über das Ich schrieben.


    Leider kenne ich mich darin zuwenig aus, aber man kann in dem Buch auch sehr schöne Gedanken finden zu der Wanderung. Petrarca der lieber mäandernd den Gipfel erklimmen würde, muss aber einsehen, das der Aufstieg nun mal über einen direkten, anstrengenden Weg führt. Er vergleicht das dem nahen zu Gott...


    Zitat

    »Was du heute so oft bei Besteigung dieses Berges hast erfahren müssen, wisse, genau das tritt an dich und an viele heran, die da Zutritt suchen zum seligen Leben. Aber es wird deswegen nicht leicht von den Menschen richtig gewogen, weil die Bewegungen des Körpers zutage liegen, die der Seele jedoch unsichtbar sind und verborgen. Wohl aber liegt das Leben, das wir das selige nennen, auf hohem Gipfel, und ein schmaler Pfad, so sagt man, führt zu ihm empor. Es steigen auch viele Hügel zwischendurch auf, und von Tugend zu Tugend muß man weiterschreiten mit erhabenen Schritten. Auf dem Gipfel ist das Ende aller Dinge und des Weges Ziel, darauf unsere Pilgerfahrt gerichtet ist.


    Das erinnert an den Vers in Mathäus 7:14
    Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden.


    Aber Wollen allein reicht nicht, er zitiert Ovid:


    Zitat

    Ovid sagt: Wollen, das reicht nicht aus, Verlangen erst führt dich zum Ziele.


    Und dann wünscht er sich erstaunliches, in meinen Augen:


    Zitat

    Aber bei weitem leichter müßte doch wohl jene Wanderung sein, die durch die bewegliche unsterbliche Seele selbst ohne jede Fortbewegung im Nu des Augenwinks geschehen kann...


    Hier wieder die Transzendenz!


    Es schreibt hier ein intelligenter, belesener Mann, der manchmal gerne in einem anderen Jahrhundert gelebt hätte..


    Zitat

    –ich wünschte, in jedem andern Zeitalter geboren zu sein; und um die Gegenwart zu vergessen, suchte ich, im Geiste mich in andere Zeiten zu versetzen.

    - Brief an die Nachwelt.



    Und weil es auch ein Reisebericht ist, hier noch ein paar Zitate übers Wandern. .. und wer wandert, kommen die Texte sehr vertraut und modern vor...


    "Ein langer Tag, schmeichelnde Luft, Lebensfeuer der Gemüter, Kraft und Gewandtheit der Leiber und was es sonst dergleichen geben mag, stand uns beim Wandern zur Seite; einzig widerstand uns die Natur des Ortes."



    "Wir lassen bei ihm all das zurück, was irgend an Kleidungsstücken oder sonstiger Ausrüstung hinderlich sein könnte, schicken uns einzig und allein zur Besteigung an und klettern munter los. Aber wie es meist geschieht, folgt dem ungeheuren Unterfangen geschwind die Ermattung."


    "...während ich einen Weg von bequemer Länge suche, auf einen langen, unbequemen Weg. Allerdings schob ich so die Last des Steigens auf, aber durch Menschengeist wird die Natur der Dinge nicht aufgehoben, und es kann nun einmal nicht geschehen, daß irgendein körperliches Wesen durch Hinabsteigen zur Höhe gelangt."



    Petrarca bedient Geist und Körper. Eine klare Leseempfehlung.


    Wer etwas über die Transzendenz und das Erkennen des Ichs beitragen möchte, ist eingeladen sich zu äußern. Natürlich auch andere Eindrücke.
    @Gina
    Ich bin gespannt wie du den Text empfindest.

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

    Einmal editiert, zuletzt von JMaria ()

  • Sehr interessante Eindrücke, Maria , über einen doch eher auf einer Seitenstraße oder eben einem Wanderweg abseits der Hauptliteraturstraße zu findenden klassischen Text.
    Deine Zitate und Beobachtungen lassen mir nichts zur Transzendenz und dem Erkennen des Ichs in philosophisch-religiöser Hinsicht einfallen. Aber dieser Text scheint mir ein schönes Beispiel für den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, mithin eben die Renaissance, zu sein.
    Die Natur wird selbst zum Thema und dient dem erlebenden Ich zur Selbstreflexion, aber sie ist eben auch immer noch der Hintergrund für religiöse Bezüge und auch die Selbstreflexion ist noch sehr religiös geprägt, wird aber individueller aufgefasst. Die antiken Klassiker kommen ebenfalls in den Focus, wenn er Ovid zitiert.
    Ich denke, du hast uns hier einen Paradetext für die Renaissance präsentiert. Danke dafür. Und dass der Mont Ventoux schon für die Renaissancemenschen ein Sehnsuchtsziel war, finde ich auch sehr interessant, wenn man an die weitere künstlerische Karriere dieses eigentlich gar nicht so attraktiven Berges denkt.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

    Einmal editiert, zuletzt von finsbury ()

  • Schön und sinnig@Maria, dass du deine Reiseliteratur- Reihe mit Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux eröffnest! Gilt dieses Werk doch als erster Text, der eine Bergbesteigung aus rein ästhetischen touristischen Gründen beschreibt (bis zu dem Zeitpunkt wurden Berge nur zu militärischen oder anderen "nützlichen" Zwecken bestiegen) und Petrarca gilt gar als erster Alpinist :zwinker:. Als Beleg wird gern folgende Stelle zitiert:

    Den höchsten Berg dieser Gegend […] habe ich am heutigen Tage bestiegen, allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich hohen Ort zu sehen.


    Auf Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux aufmerksam geworden bin ich während einer Lektüre von Augustins Bekentnissen .Damals schrieb ich in litteratur.ch :


    In diesem Zusammenhang fallen auch die von Petrarca auf dem Gipfel des Mont Ventoux zitierten berühmten Zeilen : Da gehen die Menschen hin und bestaunen die Gipfel der Berge, die ungeheuren Wogen des Meeres, das gewaltige Strömen der Flüsse, die Größe des Ozeans und die Kreisbahnen der Sterne, aber sich selbst vergessen sie. Ich habe den Brief an Francesco Dionigi daraufhin noch mal quer gelesen. Petrarca, der nach Vorbild des Leibes auch den Geist in höhere Sphären versetzen wollte, hatte auf gut Glück die Bekenntnisse aufgeschlagen, die er zur Erbauung mit hochgeschleppt hatte. Gerade hat er die Rhone, das Mittelmeer, die Berge um Lyon vom Gipfel aus bewundert, nun aber beeilt er sich pflichtschuldigst, quasi als Ausgleich, das innere Auge auf die Seele (Nur sie allein ist groß, sonst nichts ) zu lenken… Mit Augustinus auf dem Puckel hat er quasi das Mittelalter auf seine neuzeitliche Unternehmung mitgenommen.


    Bei der Wiederlektüre jetzt und auch durch Deine Anmerkungen@Maria ist mir wieder bewusst geworden, dass Wandern für uns Heutige nicht mehr im geringsten Ablenkung von, sondern eher Hinwendung zu uns selbst und zur„Seele“ bedeutet, etwas sehr Meditatives hat, und wir daher keiner Erinnerung oder Ermahnung im Sinne des Kirchenvaters mehr bedürfen. :belehr:

  • Ich habe "Die Besteigung des Mont Ventoux" jetzt auch gelesen.


    Das Zitat aus dem Brief an die Nachwelt, in dem sich Petrarca beschreibt, gefällt mir gut. Bei der Erwähnung der Brille musste ich an William von Baskerville in Der Name der Rose denken. (Der Roman/Film spielt in den 1320er Jahren, also nur etwa vier Jahrzehnte bevor Petrarca eine Brille brauchte.)



    Aber nicht Livius' Geschichtsbuch nimmt er auf den Berg mit, sondern die "Bekenntnisse des Augustinus", was den Leser überraschender Weise in eine andere Richtung lenkt.


    Ja, eine überraschende Richtung, die ich erst einmal nicht mit einer Bergbesteigung in Verbindung gebracht hätte. Livius als Berglektüre wäre meinen Interessen eher entgegengekommen. :smile:


    Insgesamt finde ich den Text lesenswert. Ich habe mir einige Stellen angestrichen, die Du, Maria, zum Teil schon zitiert hast. Hier noch zwei weitere:


    Gut gefallen hat mir u.a. die Stelle, als er sich Gedanken zu seinem Begleiter macht. Er wägt die Eigenschaften seiner Freunde ab und kommt zu dem Schluss, dass er zu Hause mit deren Schwächen umgehen kann, es aber unterwegs schwieriger wäre. Seine Entscheidung fällt auf seinen jüngeren Bruder:


    "Keine frohere Botschaft hätte er hören können, und er dankte mir freudig, dass er bei mir gleichzeitig die Stelle eines Freundes und eines Bruders einnähme." - Schön!


    Unterwegs will sie ein alter Hirte vom Aufstieg abhalten:


    "Während jener dies uns zurief, wuchs uns, ungläubig wie eben jugendliche Herzen Warnern gegenüber sind, am Verbot das Verlangen." - Daran hat sich nichts geändert. :zwinker:


    Eindringlich beschrieben ist auch, wie er mehrmals in tieferen Lagen herumirrt und vergeblich einen bequemeren Weg sucht, statt wie sein Bruder den steilen, direkt Aufstieg zu nehmen. Er weiß es eigentlich besser, meidet aber die Anstrengung, die er dann doch auf sich nehmen muss.


    Ich habe diese Ausgabe gelesen:

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  • Hallo Gontscharow, finsbury und Gina,


    Wie wahr, dass der heutige Wanderer sich ganz dem hingeben kann, was ihm selbst gut tut, ob Meditation nach innen oder Betrachtung des äußeren, meist führt das eine sowieso zum anderen. Für mich ist Wandern seit zwei Jahren ein sehr wichtiger Aspekt in meinem Leben geworden.


    Petrarcas Text gibt dem Leser auch heute noch viel.


    Danke für die schönen Gedanken!


    Ähnlich heißt es auch im Metzler Lexikon Weltliteratur


    Der Aufstieg zum Gipfel des Mont Ventoux ist jedoch nicht einfach eine Wendung zur Natur in genießender Anschauung, sondern vielmehr gekennzeichnet von einem Hin und Her zwischen einer auf die Landschaft gerichteten Neugier und einer nach innen gerichteten, noch an heilsgeschichtlichen Prämissen orientierten Reflexion. Die Selbstreflexion der Briefe findet sich auch in den moralphilosophischen Werken, insbesondere in De secreto conflictu curarum mearum (häufig auch Secretum, 1343). Nach den Confessiones des Augustinus muss dieser Text als bedeutendes Dokument einer Bekenntnisliteratur stehen, in der ein meditatives Ich sein Schwanken und seine Zweifel offen artikuliert...
    - Florian Henke - Aus: Metzler Lexikon Weltliteratur.



    Ich überlege, ob ich noch ein Weilchen bei Petrarca weile, bevor ich mich auf meiner "Literarischen Reise" weiterbegebe mit...


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    Mal sehen.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Passt wunderbar! Büchlein ist auch schon bestellt. Dann bis dann :karotte:


    Das Büchlein habe ich heute abgeholt, musste vom Verlag geordert werden, deswegen klappt es erst jetzt am Wochenende bei mir.


    Der Text ist in Lateinisch / Deutsch


    Itinerarium ad sepulcrum Domini nostri Iesu Christi
    Reisebuch zum Grab unseres Herrn Jesus Christus


    (Wobei ich kein Latein kann, nur unzureichend Italienisch)

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

    Einmal editiert, zuletzt von JMaria ()

  • Hallo Maria!
    Das trifft sich gut, dass Du erst am WE mit dem Reisebuch anfängst. Denn passend zum Leserundentermin streikte der Internetzugang zu meinem PC! Momentan hacke ich wurstfingrig auf dem Smartphone herum. Hoffe, dass bis zum WE alles behoben sein wird...
    :winken:

  • Hallo Maria!
    Das trifft sich gut, dass Du erst am WE mit dem Reisebuch anfängst. Denn passend zum Leserundentermin streikte der Internetzugang zu meinem PC! Momentan hacke ich wurstfingrig auf dem Smartphone herum. Hoffe, dass bis zum WE alles behoben sein wird...
    :winken:


    Ich drück die Daumen, dass du wieder uneingeschränkt ins Netz kannst!

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo zusammen,
    hallo Gontscharow,


    Hier meine Eindrücke zusammengefasst:



    Francesco Petrarca
    Reisebuch zum Heiligen Grab


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    Übersetzt von Jens Reufsteck



    Itinerarium ad sepulcrum Domini nostri Iesu Christi
    Reisebuch zum Grab unseres Herrn Jesus Christus



    1358 schreibt Petrarca lt. eigener Aussage innerhalb 3 Tagen dieses Reisebuch für seinen Freund Giovanni Mandelli für seine 3 Monate lang dauernde Reise zum Heiligen Grab und zurück über das Rote Meer und von Alexandria wieder in die Heimat.


    Wobei die Zahl 3 hier symbolischen Wert besitzt, vom Tod zur Auferstehung Jesus. Außerdem beginnt die Fahrt des Freundes genau an Ostern 1358.


    1. Satz
    Selten nur entspricht der Ausgang der Ereignisse unserer Hoffnung. Oft werden unsere Erwartungen enttäuscht, Unverhofftes geschieht.



    Wenn ich hier den Bibeltext aus Prediger 7:8 entgegenhalte:
    Das Ende eines Dinges ist besser denn sein Anfang. Ein geduldiger Geist ist besser denn ein hoher Geist.


    Sagt mir Petrarca, daß ich durchaus mehr erwarten darf, auch wenn ich am Ende enttäuscht sein könnte, im christlichen Gedanken jedoch das Ende besser als der Anfang ist, ohne einen Spielraum.



    So ist es, meiner Ansicht nach, schon am 1. Satz zu erkennen, dass hier keine gängigen, demütigen Pilgergedanken uns in dem Büchlein erwarten werden. Im Gegenteil Rom und Jerusalem werden nur kurz behandelt. Worin liegt das Ziel wirklich? Der Weg ist das Ziel. Petrarca zeigt uns auf dem Seeweg einen Marsch durch die Geschichte der Weltmacht Rom, Triumph und Wahnsinn. Daneben ist es Petrarca wichtig Mythologie und Antike wieder aufleben zu lassen. Seine Lieblingsschriftsteller sind Flaccus (=Horaz), Cicero und an vorderster Stelle Maro (=Vergil) , außerdem zitiert er Sueton, Livius, und weitere, im Heiligen Land werden natürlich Szenen aus dem Leben Jesu erwähnt.


    Warum fährt Petrarca nicht mit?
    Ganz einfach, er leidet unter einer starken Form der Seekrankheit, er fürchtet das Meer. So beginnt er seine Ausführung mit den Gedanken über Tod, was ja eine sehr passende Thematik ist. Denn obwohl er schamvoll zugibt....


    (...)Nicht, das ich mehr als andere Sterbliche zu leben begehrte oder den Tod fürchtete oder auch meinte, der Tod zu Lande wäre dem im Meer vorzuziehen. Denn das, was Menschen zu Glücklichen oder zu Elenden macht, liegt nicht an einem Ort, sondern im Geist. Und da ich weiß, das man überall sterben muß, weiß ich nicht, wo zu sterben besser wäre....(...)


    Und trotzdem trachten wir mühevoll danach nicht zu sterben, nicht krank zu werden....das wollen alle!



    So führt uns Petrarca von Genua aus an der Küste entlang bis zur Straße von Messina, weiter Richtung Griechenland, Korfu, dort ein weiter Umweg, da es die Straße von Korinth noch nicht gab, entlang der Peloponnes, Richtung Kreta, Zypern, .... bis Jerusalem, Bethlehem, .... über Ägypten zurück.



    Das nur mal in verkürzter Form. Ich bin die Route sehr gern gefolgt (mit dem Finger auf Google Maps) mit seinen Geschichten über Cesaren, Götter, Schriftsteller und Kulturstätten der Antike. Es ist eine erfrischend aufgeschlossene Pilgerreise.



    Petrarca überrascht einen, wie schon bei seiner Besteigung des Mont Vertoux.



    Wehmütig würde ich als ich von der schönen Stadt Damaskus las. Das Wort „schön“ fällt einem in unseren Tagen des Syrienkonfliktes nicht ein.


    Dennoch würde man am liebsten mit diesem Büchlein losziehen und die Route bereisen auf seinen Spuren, auch wenn er nicht selbst dort war. Aber schön, dass man es durch das lesen sofort bereisen kann.


    Eine klare Leseempfehlung!

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo Maria,
    gerade hat mir mein Helfer in der Not einen neuen Router angeschlossen und damit meiner unfreiwilligen Interrnet-Abstinenz ein Ende bereitet, endlich!
    Deine Eindrücke finde ich sehr schön und interessant. Mal sehen, ob mir zu schreiben etwas übrig bleibt, morgen vielleicht, heute bin ich zu müde...
    Bis dann
    :winken:


  • Schon im ersten Satz ist zu erkennen, dass hier keine gängigen, demütigen Pilgergedanken uns in dem Büchlein erwarten werden [...] Daneben ist es Petrarca wichtig Mythologie und Antike wieder aufleben zu lassen [...] So führt uns Petrarca von Genua aus an der Küste entlang bis zur Straße von Messina, weiter Richtung Griechenland, Korfu, dort ein weiter Umweg, da es die Straße von Korinth noch nicht gab, entlang der Peloponnes, Richtung Kreta, Zypern, .... bis Jerusalem, Bethlehem, .... über Ägypten zurück [...] Ich bin die Route sehr gern gefolgt [. ..] mit seinen Geschichten über Cesaren, Götter, Schriftsteller und Kulturstätten der Antike [...] Wehmütig wurde ich als ich von der schönen Stadt Damaskus las. Das Wort „schön“ fällt einem in unseren Tagen des Syrienkonfliktes nicht ein [...]Dennoch würde man am liebsten mit diesem Büchlein losziehen und die Route bereisen auf seinen Spuren, auch wenn er nicht selbst dort war.


    Dieses und alles , was Du sonst noch schreibst, findet meine volle Zustimmung. Meine Gefühle und Gedanken beim Lesen waren ähnlich.


    Was mir sonst noch zum Reisebuch einfällt:


    Zur Edition: Vor kurzem schrieb sandhofer in litteratur.ch, die Qualität der kleinen und doch recht günstigen zweisprachigen Heftchen der reclam Universalbibliothek erstaune ihn immer wieder, die Texte seien zuverlässig, könnten als Norm genommen werden, seien ein günstiger Zugang zur Weltliteratur. Recht hat er! Auch Petrarcas Reisebuch ist solch ein kleiner günstiger Schatz. (Mein Buchhändler war wegen des geringen Preises nicht bereit, den Text beim Verlag zu bestellen, ich musste ihn bei amazon ordern) Die Übersetzung von Jens Reufsteck ist, soweit ich das beurteilen kann, o.k. Manches klingt zwar etwas hölzern, aber nur, weil der Übersetzer die lateinische Syntax des Originaltextes durchscheinen lässt, was dem deutschen Text, wie ich finde, eine gewisse Patina verleiht. Als Beispiel sei angeführt die in der Übertragung beibehaltene latein-typische doppelte Verneinung: Sed non peccare vult nullus ... Aber nicht sündigen will niemand...Von Vorteil ist auch , dass man den Originaltext gleich zur Hand hat und sich über gewisse Dinge in der Synopse Gewissheit verschaffen kann. Z.B. wollte ich wissen, ob Petrarca über das Ziel der Reise, die Stätten von Jesu Leben, Wirken und Sterben, auch nur etwa drei Sätze verliert. Und siehe da, im Original wird das sogar in nur einem einzigen(!) Satz zusammengedrängt. Womit wir beim Inhalt wären...

    Zum Inhalt: Wie der Herausgeber und Übersetzer im Nachwort schreibt, gab es zur Zeit Petrarcas einen regen Pilgerverkehr zum Heiligen Land, ja fast so etwas wie eine Pilgerreisen-Industrie, betrieben vor allem von Franziskanern. Natürlich unterscheidet sich Petrarcas Itinerarium grundlegend von den frommen z. T. Ablass versprechenden Reisebüchern seiner Zeit. Die Reisen starteten üblicherweise von Venedig aus. Petrarcas Route beginnt in Genua, führt die Westküste Italiens entlang, ganz um die Stiefelspitze und den Absatz herum. Warum der laut eigener Aussage an Seekrankheit leidende Petrarca mit dem Finger auf der Landkarte diesen See- Umweg macht, der auch noch durch die Straße von Messina mit ihren gefährlichen Meerungeheuern bzw Strudeln Skylla und Charybdis geht, kann man nur vermuten. Die Beschreibung dieses Reiseabschnitts umfasst 17 Seiten, also fast zwei Drittel des gesamten Itinerariums und ist sein ausführlichster und detailreichster Teil. Petrarca erwähnt aber (bis auf das Grab des Hlg Erasmus vielleicht) keine christlichen Pilgerwegstationen, Rom wird buchstäblich links liegengelassen.( P. operiert nicht mit Himmelsrichtungen, sondern - wie im Geographieunterricht verpönt -nur mit links und rechts! ). Es ist vielmehr eine Bildungsreise in die Antike, in die Mythologie, zu den Schauplätzen der Äneis und der römischen Geschichte. Wie gesagt: die Schauplätze der Heilsgeschichte am eigentlichen Ziel der Reise werden in einer langen Aufzählung in nur einem Satz (drei oder vier in der Übersetzung) abgehandelt mit dem quasi entschuldigenden Hinweis, ihm ( Mandelli) sei ja das alles schon aus dem Evangelium bekannt und er sehe nun mit Augen, was er im Geiste schon gesehen habe. Und dann fällt ein Satz in typisch christlich kryptisch dialektischer Manier, der wohl so etwas wie eine Rechtfertigung von Pilgerreisen darstellen soll : Wir müssen Christus auf der Erde suchen [...], damit wir gerade dadurch lernen, ihm in den Himmel zu folgen und ihn, den wir lange dort gesucht haben, wo er einmal gelebt hat, schließlich da finden, wo er jetzt lebt. Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht ganz folgen...
    Die christliche Pilgerreise endet in Alexandria an den verästelten Mündungsarmen des Nils bezeichnenderweise nicht mit Verweisen auf Christliches, sondern auf die römische Geschichte, auf den Tod des Pompeius und den Caesars. Kein Amen wie in den Bekenntnissen seines Vorbildes Augustin beschließt den Itinerarium, sondern ein:Oh Vertrauen auf das Schicksal, oh, Ende aller menschlichen Dinge! - was immer er uns damit sagen will. Im allerletzten Satz spricht P. den Adressaten seines Reisebuchs noch einmal an: Nach allem, was du gesehen hast, und mit diesem Führer wirst du gebildeter und frommer zu uns zurückkehren.
    Wobei, wie ich meine, die Bildung für Petrarca nicht nur im zitierten Satz offensichtlich an erster Stelle steht und die Frömmigkeit – wir befinden uns an der Schwelle zur Neuzeit – in den Hintergrund tritt.

  • Hallo Gontscharow,


    ich freu mich sehr, dass uns beiden Petrarca so gut gefallen hat. Deine Infos bezüglich dem lateinischen Textes finde ich sehr hilfreich, ebenso deine Eindrücke. :klatschen:



    Zitat

    ....Wie der Herausgeber und Übersetzer im Nachwort schreibt, gab es zur Zeit Petrarcas einen regen Pilgerverkehr zum Heiligen Land, ja fast so etwas wie eine Pilgerreisen-Industrie, betrieben vor allem von Franziskanern. Natürlich unterscheidet sich Petrarcas Itinerarium grundlegend von den frommen z. T. Ablass versprechenden Reisebüchern seiner Zeit....


    Es ist vielmehr eine Bildungsreise in die Antike, in die Mythologie, zu den Schauplätzen der Äneis und der römischen Geschichte.



    Er deutet es subtil bereits am Anfang an, dem er sagt... so zerreißt dieses Gewebe... mit Gewalt...



    Und man darf auch nicht vergessen, dass zu dem Zeitpunkt es erst 67 Jahre her ist (1291), dass Jerusalem endgültig für die Kreuzfahrer verloren ist und nur 10 Jahre zuvor (1348) grassierte noch die Pest!


    Solche gravierenden Ereignisse und Erlebnisse verändert den Einzelnen und die Gesellschaft.


    Zitat

    ...sei ja das alles schon aus dem Evangelium bekannt und er sehe nun mit Augen, was er im Geiste schon gesehen habe. Und dann fällt ein Satz in typisch christlich kryptisch dialektischer Manier, der wohl so etwas wie eine Rechtfertigung von Pilgerreisen darstellen soll : Wir müssen Christus auf der Erde suchen [...], damit wir gerade dadurch lernen, ihm in den Himmel zu folgen und ihn, den wir lange dort gesucht haben, wo er einmal gelebt hat, schließlich da finden, wo er jetzt lebt. Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht ganz folgen...



    Ja, Petrarca ist so kryptisch wie auch Religion sein kann!
    Ich seh allerdings, dass Petrarca ziemlich bibelfest war. Ich interpretiere den Text in Zusammenhang mit Markus 16,6,


    Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten



    Zitat

    Wobei, wie ich meine, die Bildung für Petrarca nicht nur im zitierten Satz offensichtlich an erster Stelle steht und die Frömmigkeit – wir befinden uns an der Schwelle zur Neuzeit – in den Hintergrund tritt.


    Seh ich auch so :winken:

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Zitat von maria

    Ich seh allerdings, dass Petrarca ziemlich bibelfest war.


    Du aber auch! :zwinker::

    Zitat von maria

    Ich interpretiere den Text in Zusammenhang mit Markus 16,6,: Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten


    Wow, ja, das könnte hinkommen! So wie die beiden Marien die Stätte aufsuchen, wo Christus begraben liegt,das leere Grab quasi zum Beweis seiner Auferstehung wird und sie ihn woanders suchen müssen, so wird der Pilger auf der (vergeblichen )Suche nach Christus an den Stätten seines Erdenlebens zu einer Suche und Nachfolge Christi im Jenseits animiert. (Oder so ähnlich )


    Übrigens: Zu zwei Lektüre-Vorhaben hat mich die Lektüre des Reisebuchs gebracht: zum Canzoniere – ich möchte endlich Petrarcas berühmte Gedichte an Laura lesen und hören, wie sein Italienisch klingt (eventuell berichte ich dann darüber in diesem Thread) - und zu Josephus Flavius: Bellum iudaicum/ Der jüdische Krieg – das wollte ich immer schon mal lesen; von Petrarca wird es dem Mandelli als Lektüre anempfohlen verbunden mit einer gewagten Theorie. Diese Verheerung der Menschen, dieser Hunger der Elenden ist ein so trauriges Verhängnis, dass du, wenn du begierig bist, es unmittelbar kennenzulernen, Josephus lesen solltest, der nicht, was er gehört hat, berichtet, sondern was er selbst gesehen hat und was ihm zusammen mit anderen widerfahren ist.( S.58)

  • Das ist leider so interessant, was ihr schreibt, insbesondere der eher weltliche Ansatz von Petrarca und diese besondere Stellung auf einer Epochenkante, dass ich nicht widerstehen konnte. Mein SUB ist wieder um einige Zentimeter höher :rollen: :winken:

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Wow, ja, das könnte hinkommen! So wie die beiden Marien die Stätte aufsuchen, wo Christus begraben liegt,das leere Grab quasi zum Beweis seiner Auferstehung wird und sie ihn woanders suchen müssen, so wird der Pilger auf der (vergeblichen )Suche nach Christus an den Stätten seines Erdenlebens zu einer Suche und Nachfolge Christi im Jenseits animiert. (Oder so ähnlich )



    sehr schön erklärt ! :winken:



    Zitat von "Gontscharow"

    Übrigens: Zu zwei Lektüre-Vorhaben hat mich die Lektüre des Reisebuchs gebracht: zum Canzoniere – ich möchte endlich Petrarcas berühmte Gedichte an Laura lesen und hören, wie sein Italienisch klingt (eventuell berichte ich dann darüber in diesem Thread) - und zu Josephus Flavius: Bellum iudaicum/ Der jüdische Krieg – das wollte ich immer schon mal lesen; von Petrarca wird es dem Mandelli als Lektüre anempfohlen verbunden mit einer gewagten Theorie. Diese Verheerung der Menschen, dieser Hunger der Elenden ist ein so trauriges Verhängnis, dass du, wenn du begierig bist, es unmittelbar kennenzulernen, Josephus lesen solltest, der nicht, was er gehört hat, berichtet, sondern was er selbst gesehen hat und was ihm zusammen mit anderen widerfahren ist.( S.58)



    Wir sind auf derselben Wellenlänge. Den "Jüdischen Krieg" wollte ich auch schon seit Jahren lesen, mir fiel Petrarcas Anraten auch sofort auf.


    Von Petrarcas Canzoniere habe ich nur eine Auswahl von 50 Gedichten (zweisprachig, Reclam). Eine schöne Art sein italienisch aufzufrischen, zumindest etwas, ich bin nicht sprachfest, habe aber ein paar Kenntnisse.


    Eine Gesamtausgabe wäre schon lohnenswert.


    finsbury , thopas, (und auch Gina)
    Schön, dass wir euch so neugierig machen konnten :winken:

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • @ ... (und auch Gina)
    Schön, dass wir euch so neugierig machen konnten :winken:


    Allerdings. Auch wenn ich mich hier nicht gemeldet habe, habe ich eure Beiträge mit großem Interesse gelesen. Besonders die Bezüge zu Antike und römischer Geschichte reizen mich sehr. :smile: