April 2012: Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen

  • Hallo in die Runde,


    nachdem ich 6 Kapitel gelesen habe, beginne ich mal. Nach Fontanes eigenen Worten liegt im Romananfang der "Keim des Ganzen". Im ersten Absatz fällt bei der Beschreibung des Gärtnereigeländes mit dem Wohnhaus das Motiv des Versteckens und Verbergens auf: sollte dies eine Anspielung oder erste Andeutung sein, dass die unstandesgemäße Liebe versteckt werden muß und nur im Verborgenen existieren darf, nämlich bei den einfachen Leuten Dörr und Nimptsch, nicht aber in der vornehmen Welt des Barons Rienäcker?


    Mir gefiel sehr, wie dieses Liebespaar am Ende des 1. Kapitels eingeführt wurde. Indirekt, aus der Perspektive von Frau Dörr und Frau Nimptsch lernen wir sie aus der Ferne kennen. Aus der Nähe und sprechend wird uns Lene dann erst im 3. Kapitel, der Baron im 4. Kapitel präsentiert. Auffallend auch, dass wir seinen Vornamen erst spät erfahren, seinen Nachnamen sogar erst im 6. Kapitel. Vielleicht ist dies schon ein dezenter Hinweis auf die Standesproblematik: erstmal ist er Baron und dann erst Individuum mit einem eigenen Namen.


    Schön finde ich auch, dass die Geschichte "in medias res" beginnt. Pfingsten ist vorbei, die Liebesbeziehung fing aber bereits Ostermontag an und das Kennenlernen wird uns (und Frau Dörr) von Lene im Rückblick erzählt.


    Beim Spargelsortieren sinniert Frau Dörr darüber, dass die Spargel"köppe" immer bevorzugt werden, genau wie beim Blumenkohl die Blume gegenüber dem Strunk. Dies sei "dummes Zeug", im Strunk "da sitzt die Kraft drin". Ich glaube hier handelt es sich um ein Symbol für den sozialen Gegensatz. Noch einmal taucht dies in Lenes Brief auf (6. Kapitel): sie beobachtete Botho heimlich, wie er eine schöne Blondine (aus seinen Kreisen) traf. Deren zwei Schimmel hatten eine "Blumengirrlande", "und die Blumen so dicht, ganz ohne Blatt und Stiehl".


    Gruß
    Klaus :winken:

  • Nach den zwei Romanen von Anne Bronte habe ich mir zunächst sehr schwer mit Fontane getan, insbesondere mit den vielen Dialektwörtern, aber ab dem dritten Kapitel war ich dann so angetan von Fontane, dass ich es auch bis zum sechsten Kapitel geschafft habe.


    Der erste Satz ist typisch für einen Fontane-Romananfang: Genaue örtliche Angabe, wo wir uns befinden


    http://www.klassikerforum.de/i…21.msg50349.html#msg50349


    Am Schnittpunkt von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem Zoologischen Garten. Diese Stelle kann man auch heute noch in Berlin finden, wenn es da auch inzwischen etwas anders aussieht. Jetzt wird der Fokus auf ein Holztürmchen gerichtet. Dieses ist rot und grün gestrichen. Bei Fontane sicher kein Zufall, zumal der „grün und rotgestrichene Turm“ noch mal zu Beginn des fünften Kapitels erwähnt wird und während des Feuerwerks im Zoologischen Garten am Ende des fünften Kapitels „die Gebüsche drüben in einem grünen und roten Lichte zu glühen anfingen.“


    Dann im zweiten Absatz: nach dem Ort die Zeit: Es ist die Woche nach Pfingsten, allerdings die Jahreszahl erfahren wir noch nicht, wird aber noch kommen wie ich Fontane kenne, allerdings muss es einige Jahre nach 1853 gewesen sein, denn da hat das Weinrestaurant Borchardt eröffnet
    http://besten.welt.de/Essen-Tr…taurants/Borchardt-Berlin


    und da ging Rienäcker früher mit seinem Onkel hin, jetzt geht’s ins Hiller und abends in den Zirkus Renz (wie wir im sechsten Kapitel erfahren):


    http://www.universal-renz.de/index.php?id=42


  • Nach Fontanes eigenen Worten liegt im Romananfang der "Keim des Ganzen". Im ersten Absatz fällt bei der Beschreibung des Gärtnereigeländes mit dem Wohnhaus das Motiv des Versteckens und Verbergens auf: sollte dies eine Anspielung oder erste Andeutung sein, dass die unstandesgemäße Liebe versteckt werden muß und nur im Verborgenen existieren darf, nämlich bei den einfachen Leuten Dörr und Nimptsch, nicht aber in der vornehmen Welt des Barons Rienäcker?


    Sehe ich ganz genau so



    Mir gefiel sehr, wie dieses Liebespaar am Ende des 1. Kapitels eingeführt wurde. Indirekt, aus der Perspektive von Frau Dörr und Frau Nimptsch lernen wir sie aus der Ferne kennen. Aus der Nähe und sprechend wird uns Lene dann erst im 3. Kapitel, der Baron im 4. Kapitel präsentiert. Auffallend auch, dass wir seinen Vornamen erst spät erfahren, seinen Nachnamen sogar erst im 6. Kapitel. Vielleicht ist dies schon ein dezenter Hinweis auf die Standesproblematik: erstmal ist er Baron und dann erst Individuum mit einem eigenen Namen.


    War mir so nicht aufgefallen, aber jetzt wo du es ansprichst, ja wird sicher so sein.


    Der Bildungsunterschied wird ja auch in Lenes Brief im sechsten Kapitel deutlich, wo der Baron sich über Lenes Orthographie amüsiert, wenn sie z.B. Alleh, statt Allee schreibt.



    Beim Spargelsortieren sinniert Frau Dörr darüber, dass die Spargel"köppe" immer bevorzugt werden, genau wie beim Blumenkohl die Blume gegenüber dem Strunk. Dies sei "dummes Zeug", im Strunk "da sitzt die Kraft drin". Ich glaube hier handelt es sich um ein Symbol für den sozialen Gegensatz. Noch einmal taucht dies in Lenes Brief auf (6. Kapitel): sie beobachtete Botho heimlich, wie er eine schöne Blondine (aus seinen Kreisen) traf. Deren zwei Schimmel hatten eine "Blumengirrlande", "und die Blumen so dicht, ganz ohne Blatt und Stiehl".


    Lena ist ja auch blond, allerdings aschblond, wie wir im dritten Kapitel erfahren. Ich weiß gar nicht genau, was ich mir unter aschblond vorzustellen habe?

  • Lena ist ja auch blond, allerdings aschblond, wie wir im dritten Kapitel erfahren. Ich weiß gar nicht genau, was ich mir unter aschblond vorzustellen habe?


    Hallo Montaigne,


    Lenes Aschblond ist wohl ein mattes Blond, das wie der Name schon sagt, mehr in Richtung Grau geht. Google fördert <a href="http://www.schwarzkopf.de/sk/de/home/haarfarbe/blondes_haar/farbberatung/aschblond_trendblond.html"> dies </a> zutage.


    Bothos Kusine Käthe von Sellenthin, die mit ihm so gut wie verlobt ist, hat "flachsblondes" Haar. Das stell ich mir mehr ins Gelblich/Goldene changierend vor.


    Würde mich sehr wundern, wenn diesem Gegensatz von Fontane nicht auch eine Bedeutung gegeben wurde: die "graue" (klein)bürgerliche Lene und die "goldene" adlige Käthe ...


    Gruß
    Klaus

  • Hallo zusammen,


    nach den ersten Kapiteln auch ein Eindruck meinerseits.
    Wie oben schon angesprochen, sieht die Gegend um den Zoologischen heute etwas anders aus, was die Schilderung des Wohnhauses und der Gärtnerei, mit den Wegen in die Felder nach Wilmersdorf umso idyllischer erscheinen lässt.
    Beim Interpretieren scheint mir etwas Phantasie zu fehlen, dass bei der Beschreibung des Blumenkohls soziale Gegensätze angedeutet werden, wäre mir nicht aufgefallen.


    Soweit liest sich der Roman ganz gut und ist hier und da mit witzigen Beschreibungen gespickt, so z.B. die Beschreibung Rienäckers Wohnung, die zwischen einem Front- und einem Gartenbalkon liegt. Bei einigen Dialogen ist mir nicht ganz klar worum es eigentlich geht, z.B. spricht die Dörr in Rätseln und das Gespräch der drei Herren bei Hiller erschließt sich mir auch nicht so ganz. Oder was bedeutet denn z.B. seine „Weißzeugdame zur weißen Dame erheben“? (Kap.8) Ich vermute es bedeutet, dass es Botho mit Lene ernst meinen könnte?


    Vom Standesunterschied mal abgesehen, finde ich die Haltung der Dörrs und von Frau Nimptsch zu Lenes Beziehung recht liberal.


    Schön, dass wir das Buch gerade jetzt lesen, die Jahreszeit passt ja ziemlich gut.


    Gruß
    Eni


  • [...] und das Gespräch der drei Herren bei Hiller erschließt sich mir auch nicht so ganz. Oder was bedeutet denn z.B. seine „Weißzeugdame zur weißen Dame erheben“? (Kap.8) Ich vermute es bedeutet, dass es Botho mit Lene ernst meinen könnte?


    Hallo Eni,


    ich habe auch manches Mal Probleme den Gesprächen zu folgen (trotz gutem Kommentar in meiner Ausgabe), vor allem wenn es um Politik geht. Da merkt man erst wie zeitgebunden diese doch ist. Den von Dir zitierten Satz erklär ich mir auch so wie Du: Lene hat ja wohl beruflich wie Ihre Pflegemutter mit "Weißzeug", also Bett- und Tischwäsche zu tun, ist also eine "Weißzeug-Dame". Und als "weiße Dame" könnte Sie im Hochzeitskleid neben Botho vor dem Traualtar stehen - wenn dieser eine unstandesgemäße Ehe eingehen würde. In meinem Kommentar steht allerdings zur "weißen Dame" ein Bezug zu einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/La_Dame_blanche">gleichnamigen Oper</a> von einem gewissen Boieldieu, daraus ist auch das erwähnte Schloß Avenel entnommen.



    Vom Standesunterschied mal abgesehen, finde ich die Haltung der Dörrs und von Frau Nimptsch zu Lenes Beziehung recht liberal.


    Ja, dort wird das Verhältnis sehr liberal gesehen. Frau Dörr hatte ja selber mal einen "Grafen". In der Erstausgabe in der Vossischen Zeitung trug der Roman ja den Untertitel "Eine Berliner Alltagsgeschichte". Ich denke das war ein dezenter Hinweis auf die Häufigkeit solcher Beziehungen.


    Dass das Verhältnis in Bothos Kreisen nicht so liberal gesehen wird, deutet sich bisher (ich hab das 13. Kapitel durch) nur an, z.B. darin, dass Botho sich ganz genau überlegt, wo die "Landpartie" hingehen könnte, damit man nicht zusammen gesehen wird oder dass er nicht gerne das Dörrsche Grundstück mit Lene zusammen verläßt. Dazu paßt dieser kleine Dialog, wo Lene seine Gedanken durchschaut:


    [quote author=Fontane: Irrungen, Wirrungen, Beginn Kap.9]
    Es war eine prächtige Luft, nicht zu warm, und nachdem man noch eine Weile geplaudert hatte, sagte Botho: "Wir könnten vielleicht in den Garten gehen."
    "Ja in den Garten. Oder sonst wohin?"
    "Wie meinst Du?"
    Lene lachte. "Sei nicht wieder in Sorge, Botho. Niemand ist in den Hinterhalt gelegt und die Dame mit dem Schimmelgespann und der Blumenguirlande wird Dir nicht in den Weg treten."[/quote]


    Gruß
    Klaus


  • Lenes Aschblond ist wohl ein mattes Blond, das wie der Name schon sagt, mehr in Richtung Grau geht. Google fördert <a href="http://www.schwarzkopf.de/sk/de/home/haarfarbe/blondes_haar/farbberatung/aschblond_trendblond.html"> dies </a> zutage.


    Danke, Klaus, als ich jetzt deinen Beitrag gelesen habe, ist mir zu asch...., noch das Märchen Aschenputtel oder heißt das Aschenbrödel eingefallen, ich will mal gelegentlich prüfen, ob es da einen Zusammenhang gibt, kann mich im Moment überhaupt nicht mehr an den Inhalt des Märchens erinnern.


  • Beim Interpretieren scheint mir etwas Phantasie zu fehlen, dass bei der Beschreibung des Blumenkohls soziale Gegensätze angedeutet werden, wäre mir nicht aufgefallen.


    Ja, Fontane lesen schult die Phantasie, es ist tatsächlich so, dass bei Fontane kaum ein Satz steht, der nicht noch eine weitere Bedeutung hat, alles reale ist gleichzeitig auch Symbol, man muss nur aufpassen, wenn man nach Fontane andere Autoren liest, dass man dann nicht immer weiter nach Symbolen sucht.



    Vom Standesunterschied mal abgesehen, finde ich die Haltung der Dörrs und von Frau Nimptsch zu Lenes Beziehung recht liberal.


    Na ja, die Dörr hatte ja wenn ich das richtig verstanden habe, eine ähnliche Beziehung, bevor sie den Gärtner heiratete und die Frau Nimptsch ist ja nicht die leibliche Mutter von Lene, die beiden leben das auf ihre Art mit und sind stolz wenn der Herr Baron sich mit ihnen unterhält. Wie falsch dieser Bursche aber ist, zeigt Fontane Ende des 10. und Anfang des 11. Kapitels:


    „Doch, liebe Frau Dörr“, lachte Botho. „Sie können alles verlangen. Eine Frau wie Sie.“ (Ende 10. Kapitel)


    und Anfang des 11. Kapitels sagt Botho zu Lene:
    „Frau Dörr, wenn sie neben deiner Mutter sitzt oder den alten Dörr erzieht, ist unbezahlbar, aber nicht unter Menschen. Unter Menschen ist sie bloß komische Figur und eine Verlegenheit.“



    Wundern tue ich mich mehr über Lene, die sich voll bewusst ist, dass das mit dem Baron nichts wird, aber einfach mal die Zeit mit ihm genießt.



    Schön, dass wir das Buch gerade jetzt lesen, die Jahreszeit passt ja ziemlich gut.


    Ja, das gefällt mir auch sehr gut zumal bei uns im wilden Süden, gerade die Spargelzeit anfängt


  • [ich habe auch manches Mal Probleme den Gesprächen zu folgen (trotz gutem Kommentar in meiner Ausgabe), vor allem wenn es um Politik geht


    Welche Ausgabe liest du denn, und gibt es in deinem Kommentar eine Anmerkung zu dem rot und grün gestrichenen Holztürmchen? Mir ist die Symbolik nicht klar, bin mir aber sicher, dass es eine gibt.

  • Welche Ausgabe liest du denn, und gibt es in deinem Kommentar eine Anmerkung zu dem rot und grün gestrichenen Holztürmchen? Mir ist die Symbolik nicht klar, bin mir aber sicher, dass es eine gibt.


    Hallo Montaigne,


    ich lese die Große Brandenburger Ausgabe aus dem Aufbau-Verlag:


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    Sie kommt meinen bibliophilen Neigungen entgegen :breitgrins: und zeichnet sich durch einen sehr guten Anhang aus. Aber zur Farbsymbolik des Türmchens schweigt sie sich aus (auch zu dem mir aufgefallenen Blumenkohl und Spargel). Allerdings zu der Taubenschar, die das Türmchen umschwärmt, heißt es:

    "Die Taube als Inbegriff von Liebe und Sanftmut, aber auch von Ängstlichkeit und Geschwätzigkeit."


    Ansonsten finde ich den Kommentar schon sehr nützlich, vor allem wenn es um Zeitbedingtes geht, egal ob aus Alltag, Kultur oder Politik. Vieles ist einem heute nicht mehr geläufig, was einem damaligen Leser selbstverständlich war. Die Anspielungen auf Schillers "Jungfrau Johanna" im 13. Kapitel z.B. hätte ich ohne den Kommentar nicht verstanden. Nicht alles kann man ergoogeln. Außerdem werden manchmal Querbezüge zu den anderen Fontane-Romanen hergestellt, die ich sehr erhellend finde (z.B. beim Begriff "Landpartie").


    Welche Ausgaben lest ihr denn? Und wie sieht es da mit dem Kommentar aus?


    Gruß
    Klaus

  • Hallo zusammen,


    ich bin doch beruhigt, wenn ihr ohne die Kommentare auch nicht alles versteht.


    Ich lese die Fischer Klassik Taschenbuchausgabe. Es gibt nur knapp zwei Seiten am Ende des Buches, die über die Wirkung des Werkes berichten. Auf Details wird nicht eingegangen. Ich hatte das Buch allerdings auch nicht unter diesen Gesichtspunkten ausgesucht und würde für den nächsten Fontane sorgfältiger recherchieren.
    All die Bezüge zum Zeitgeschehen, oder z.B. zur Oper „Die weiße Dame“ (Klaus, Danke für die Erklärung!) machen das Lesen neben dem eigentlichen Handlungsverlauf zu einer kleinen Schnitzeljagd. Darauf war ich gar nicht eingestellt.


    Lene hat ja bereits mehrfach angedeutet, dass die Beziehung wohl bald enden wird. Es erstaunt mich doch, dass die Sitten einfach so hingenommen werden. Könnte nicht Liebe den Standesunterschied überwinden? „Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit“, das könnte Botho viel einfacher haben, wenn er seinen Titel aufgibt. Lene macht es ihm hier ziemlich leicht, sie legt ihm die Trennung ja förmlich in den Mund.


    Schmunzeln musste ich über Botho, als er sich beim Wirt in Hankels Ablage fast für sein Kommen entschuldigt, als dieser über die Belastung klagt, die der Betrieb mit sich bringt. Da ist Fontane in Zeiten von Burnout etc. sehr aktuell.


    Ich habe den Besuch bei Hankels Ablage hinter mir und nun steht die Trennung wohl bevor…


    Gruß
    Eni

  • Hallo zusammen,



    Welche Ausgaben lest ihr denn? Und wie sieht es da mit dem Kommentar aus?


    Also ich lese das Reclambändchen und das ist ohne Kommentar.




    Die Anspielungen auf Schillers "Jungfrau Johanna" im 13. Kapitel z.B. hätte ich ohne den Kommentar nicht verstanden.


    Ob ich die verstanden habe, weiß ich nicht? Erkannt habe ich, dass die drei Kumpels des Barons ihren Begleiterinnen Namen der weiblichen Rollen aus Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ gegeben haben, der Baron, der das auch erkannte, hätte nun seine Begleiterin z.B. als Louison, die dritte Tochter von Thibaut d'Arc vorstellen können (die anderen Töchter Johanna und Margot waren ja schon besetzt.) Er stellt sie aber als Agnes Sorel, die Geliebte des Königs von Frankreich vor, und somit erhebt sich der Angeber selbst zum König.
    Gibt dein Kommentar mehr her?




    Außerdem werden manchmal Querbezüge zu den anderen Fontane-Romanen hergestellt,


    Da hab ich jetzt noch nicht viel erkannt. Einmal als der Baron einen Brief von Lene zu ihren anderen Briefen tut, ist mir aufgefallen, dass der Baron genau wie Effi Briest Liebesbriefe mit einem roten Faden zusammenbindet.




    Lene hat ja bereits mehrfach angedeutet, dass die Beziehung wohl bald enden wird. Es erstaunt mich doch, dass die Sitten einfach so hingenommen werden. Könnte nicht Liebe den Standesunterschied überwinden? „Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit“, das könnte Botho viel einfacher haben, wenn er seinen Titel aufgibt. Lene macht es ihm hier ziemlich leicht, sie legt ihm die Trennung ja förmlich in den Mund.


    Das Verhalten Lenes in dieser Beziehung, hat mich bisher auch am meisten überrascht. Ob das damals so war oder ob Fontane hier irgend was demonstrieren will?




    Ich habe den Besuch bei Hankels Ablage hinter mir und nun steht die Trennung wohl bevor…


    Ich hab’ die Trennung hinter mir und werde etwas langsamer lesen bist du aufgeholt hast. Vielleicht kauf’ ich mir auch noch einen Kommentar.

  • Ob ich die verstanden habe, weiß ich nicht? Erkannt habe ich, dass die drei Kumpels des Barons ihren Begleiterinnen Namen der weiblichen Rollen aus Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ gegeben haben, der Baron, der das auch erkannte, hätte nun seine Begleiterin z.B. als Louison, die dritte Tochter von Thibaut d'Arc vorstellen können (die anderen Töchter Johanna und Margot waren ja schon besetzt.) Er stellt sie aber als Agnes Sorel, die Geliebte des Königs von Frankreich vor, und somit erhebt sich der Angeber selbst zum König.
    Gibt dein Kommentar mehr her?


    Hallo Montaigne,


    erstmal Hut ab, dass Du da sofort Schillers Jungfrau erkannt hast. Meine Schullektüre dieses Werkes liegt Jahrzehnte zurück und ohne Kommentar hätte ich es mühsam ergoogeln müssen - oder wäre verständnislos darüber weggegangen.


    Mein Kommentar läßt mich allerdings an dieser Stelle zu einer etwas anderen Interpretation kommen als Du: die Töchter Thibaut d'Arcs waren niederer Herkunft, während die Geliebte des Königs, Agnes Sorel, eine Adlige war. Wenn Botho also seiner Lene nicht den Namen einer weiteren d'Arc-Tochter, sondern den einer Adligen gibt, will er wahrscheinlich eher sie als sich aufwerten.


    Übrigens werden im Kommentar alle 3 Damen als "Halbweltdamen" bezeichnet, mit einem dezenten Hinweis, dass es in Berlin zu der Zeit ca. 40.000 Prostituierte gab (bei einer Einwohnerzahl von nicht ganz 1 Million). Ich weiß nicht wann ich es ohne dieses Wissen gemerkt hätte: sofort oder erst an der Stelle, wo eine der Damen zu Lene sagt: "Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit hier dabei (und sie wies aufs Herz) und thun alles aus Liebe?"


    Da hab ich jetzt noch nicht viel erkannt. Einmal als der Baron einen Brief von Lene zu ihren anderen Briefen tut, ist mir aufgefallen, dass der Baron genau wie Effi Briest Liebesbriefe mit einem roten Faden zusammenbindet.


    Stimmt, bei diesem Roman hält sich das bisher auch in Grenzen. Beim Begriff "Landpartie" wurde Bezug genommen auf Landpartien aus Jenny Treibel, Stechlin und L'Adultera. Das war's bisher.



    Ich hab’ die Trennung hinter mir und werde etwas langsamer lesen bist du aufgeholt hast. Vielleicht kauf’ ich mir auch noch einen Kommentar.


    Die Trennung hab ich auch hinter mir, sowie die sehr schön geschilderte Begegnung der beiden und deren Vorahnung, als Botho und Käthe vom Balkon ihrer neuen Wohnung aus auf den Dörr'schen Turm blicken. Ansonsten lese ich auch diesmal relativ langsam.


    Als Kommentar und schöne Zwischendurch-Lektüre kann ich dies noch empfehlen:


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    Gruß
    Klaus


  • Hut ab, dass Du da sofort Schillers Jungfrau erkannt hast


    Auch nur weil Schiller mein Lieblingsdramatiker ist und ich die „Jungfrau“ schon so oft gesehen habe, dass ich die fast auswendig kann





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    Danke für den Tipp, hab’ ich mir heute gleich besorgt und dazu noch das:



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    Mein Kommentar läßt mich allerdings an dieser Stelle zu einer etwas anderen Interpretation kommen als Du: die Töchter Thibaut d'Arcs waren niederer Herkunft, während die Geliebte des Königs, Agnes Sorel, eine Adlige war. Wenn Botho also seiner Lene nicht den Namen einer weiteren d'Arc-Tochter, sondern den einer Adligen gibt, will er wahrscheinlich eher sie als sich aufwerten.


    Der Kommentar im gerade gekauften Lektüreschlüssel hat noch eine dritte Version auf Lager:


    Weil der Baron Lene als Agnes Sorel, eine Mätresse vorstellt, wertet er sie ab. Ich muss das nochmal überdenken. Welche Version findet ihr wahrscheinlicher?




    Übrigens werden im Kommentar alle 3 Damen als "Halbweltdamen" bezeichnet, mit einem dezenten Hinweis, dass es in Berlin zu der Zeit ca. 40.000 Prostituierte gab (bei einer Einwohnerzahl von nicht ganz 1 Million). Ich weiß nicht wann ich es ohne dieses Wissen gemerkt hätte: sofort oder erst an der Stelle, wo eine der Damen zu Lene sagt: "Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit hier dabei (und sie wies aufs Herz) und thun alles aus Liebe?"


    Das war mir z.B. nicht aufgefallen, obwohl ja der von dir zitierte Satz eindeutig darauf hinweist, dass die drei Nutten waren. Also, ich muss in Zukunft noch genauer lesen. Aber das ist ja das schöne an Fontane, er sagt nichts direkt, lässt den aufmerksamen Leser aber vieles entdecken.

  • Der Kommentar im gerade gekauften Lektüreschlüssel hat noch eine dritte Version auf Lager:


    Weil der Baron Lene als Agnes Sorel, eine Mätresse vorstellt, wertet er sie ab. Ich muss das nochmal überdenken. Welche Version findet ihr wahrscheinlicher?


    Ich glaube unsere Diskussion über diese Stelle ist nicht zufällig, denn es ist vielleicht eine Schlüsselstelle des Romans. Überhaupt befindet sich dieses 13. Kapitel ja genau in der Mitte der 26 Kapitel und leitet die Wende des Geschehens ein.


    Inzwischen bin ich der Meinung, dass die beiden Interpretationen Aufwertung, weil Agnes Sorel Adlige war, und Abwertung, weil sie Mätresse war, beide richtig sind und den Konflikt deutlich machen, in dem Lenes und Bothos Beziehung steht. Vielleicht würde er sie gerne in seinen Stand erheben und kann es doch nicht (es wäre sein gesellschaftlicher Niedergang). Dadurch aber bekommt diese Beziehung den Charakter oder den Beigeschmack der Beziehungen, wie sie zwischen seinen 3 Freunden und deren "Damen" bestehen. Das spürt Lene, auch wenn es nicht ausgesprochen wird, und kann es nicht akzeptieren.


    Überhaupt ist ja die Begegnung mit diesem Sextett aus Freunden und deren "Bekannten" in Hankels Ablage wie ein Überfall geschildert, es ist der Einbruch der Realität in eine Idylle. Die Damen reißen Handlung und Dialog an sich und bevor Lene nur auch wieder erwähnt wird, vergehen 5 Seiten und an deren Ende heißt es:


    [quote author=Fontane: Irrungen, Wirrungen, 13.Kapitel]"[...] Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren Arm wieder." Die Kleine , die durchaus nicht klein war, war Lene. Sie gehorchte.[/quote]


    Ja, sie machte wahrscheinlich gute Miene zum bösen Spiel. Was ging in ihr vor? Hier bleibt sehr vieles ungesagt, wie oft bei Fontane, und der Fantasie des Lesers überlassen.


    Gruß
    Klaus

  • Hallo zusammen,


    Außerdem werden manchmal Querbezüge zu den anderen Fontane-Romanen hergestellt,


    Ich habe gelesen, dass Hankels Ablage auch in "Stine" auftaucht. Den Roman selbst kenne ich aber noch nicht.


    Generell könnte ich zum Thema Berliner Idylle noch beitragen, dass es diese auch heute noch gibt. Bei einem Berlinbesuch kann ich euch also eine etwas ausgedehntere Bootstour ins Grüne sehr ans Herz legen. Es ist erstaunlich wieviel Wasser es in der Stadt gibt und man kann sich wunderbar vorstellen, dass die Menschen auch damals ihre Freizeit gern dort verbrachten.


    Inzwischen habe ich den Roman beendet.


    Die Situation, in der Käthe die Reste der verbrannten Briefe im Kamin findet, hat mich nochmals etwas verwundert. Stellt man keine einzige Frage, wenn einem sein Ehepartner erzählt, dass er Liebesbriefe verbrannt hat? Andererseits ist es manchmal auch besser über den Dingen zu stehen und nicht nachzubohren. Wäre dies Käthe in ihrer Oberflächlichkeit tatsächlich zuzutrauen? Geholfen aber hat das doppelte Verbrennen der Briefe nicht. Botho wird im Herzen immer an Lene hängen, was nochmals zeigt, dass man die gesellschaftlichen Hürden hätte überwinden können und so tun mir die beiden auch nicht wirklich leid. Das Ende hat mir richtig gut gefallen.


    Was sagt ihr denn dazu, dass sich Lenes Nachbar Gideon vor der Hochzeit bei Botho über seine Zukünftige erkundigt hat?


    Gruß
    Eni

  • Hallo liebe Mitleser,


    ich bin nun auch fertig mit dem Roman, leider, denn er hat mir wirklich gut gefallen und steht mMn den großen Werken "Effi Briest" und "Stechlin" nicht nach. Hier noch ein paar weitere Eindrücke:


    Als ich zum 13. Kapitel kam und die Liebesidylle sich trübte, was dann im 14. Kapitel zum Trennungsbeschluß und kurz darauf zur Trennung führte, war ich erst überrascht: wie so schnell, schon nach der Hälfte des Romans? Und was passiert dann im Rest? Ich hatte vorher immer gedacht, der Roman endete mit der Trennung. Es ist eine geschickte Komposition von Fontane: so wie der Roman nicht mit der Beziehung Lenes und Bothos beginnt, so endet er auch nicht mit ihr, der Roman ist gegenüber der Beziehung zeitlich verschoben. In der zweiten Hälfte des Romans werden die Gegensätze der beiden Welten Kleinbürgertum und Adel noch plastischer dargestellt und es wird deutlich, dass die gefühlsmäßige Bindung nicht mit der Trennung endet (das Haar, das bindet!).


    Der Gegensatz Lene und Käthe ist sehr stark, fast schon zu sehr. Lene ist sehr vernünftig und gefühlsstark, aber auch reif in ihrer Beziehung: wie sie nach Hankels Ablage richtig erkannte, dass man erstmal nicht reden könne und jeder erstmal allein nach Hause gehen sollte. Dann sagte sie niemand sei schuld und das sei das Schlimme, denn eine Schuld könne man verzeihen. Das klingt alles sehr lebensklug, fast schon modern, wie aus Partnerschaft-Ratgebern. Dagegen Käthe: ihre Leichtigkeit wird nach ihrer Kur noch schlimmer. Sie versucht Botho dahin zu bringen, doch möglichst wie bei einem abwechlungsreichen Menü, "einfach und harmlos plaudern zu wollen und ein bißchen rascher und nicht immer dasselbe Thema". Armer Botho! Er kennt genau den Preis seines durch die Ehe mit Käthe gefestigten Adelsstandes: statt einer ernsthaften, lebensklugen, gefühlstiefen Lene aus dem Volke hat er nun eine alberne, "redensartliche", leichtfertige Käthe, die ihm noch nicht einmal ein Kind schenken kann (hier äußert sich Fontane nicht weiter, außer der "Kur" in Schlangenbad, die ja wohl aus diesem Grund gemacht wird, aber man denkt sich sein Teil). Wie ironisch und den Erfolg von Käthes "Erziehungsarbeit" an Botho beweisend der letzte Abschnitt: "[...] und sagte mit soviel Leichtigkeit im Ton, als er aufbringen konnte: [...]"


    Genauso oberflächlich wie Käthe wird eigentlich die ganze Welt des Adels geschildert: die Art des Zeitvertreibs, der Konversation. Dazu paßte der Satz Fontanes, den ich im Anhang meiner Ausgabe las:


    [quote author=Fontane an Georg Friedländer, 12.4.1894]Von meinem vielgeliebten Adel falle ich mehr und mehr ganz ab, traurige Figuren, beleidigend unangenehme Selbstsüchtler von einer mir ganz unverständlichen Bornirtheit [...][/quote]


    In besagtem Anhang gibt es noch 20 Seiten über die Wirkung des Romans. Wenn sich dort noch etwas Mitteilenswertes findet (was ich vermute), erzähl ich Euch davon.


    Gruß
    Klaus


  • Was sagt ihr denn dazu, dass sich Lenes Nachbar Gideon vor der Hochzeit bei Botho über seine Zukünftige erkundigt hat?


    Da war ich auch ein bißchen überrascht, Eni. Vielleicht war der Grund, dass Lene sagte, ihr Herz hinge immer noch an Botho und da wollte Gideon es genauer wissen und bei ihm vorstellig werden. Er ist ja auch ein etwas seltsamer Heiliger, wie er dann am Ende des Gesprächs mit Botho eine "feierliche Ansprache" hält. Aber gefallen hat mir dann wieder, dass er in der Lage ist Unterschiede zwischen den (zehn) Geboten zu machen: dass es etwas anderes ist, gegen das 6. Gebot zu verstoßen (Ehebruch, wozu er wohl auch die voreheliche Beziehung seiner Verlobten rechnet), oder gegen das 7. (Diebstahl, passender fände ich hier allerdings das 8.: Lüge). Lene hat wohl (in seinen Augen) gegen das 6. Gebot verstoßen, aber es kann ihr verziehen werden: und dazu war sein Besuch bei Botho wohl nötig. Eine Lügnerin ist sie auf jeden Fall ganz und gar nicht, denn sie spielte gegenüber jedem mit offenen Karten.


    Gruß
    Klaus