Luzius Keller - Marcel Proust Enzyklopädie. Handbuch zu Leben, Werk, Wirkung ...

  • Luzius Keller - Marcel Proust Enzyklopädie. Handbuch zu Leben, Werk, Wirkung und Deutung. Hoffmann und Campe, 1018 Seiten. 99 EUR, ab 01.04.2010 128 EUR.


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    Inhalt (Amazon)
    Alles über Proust in einem Band, unterhaltsam und auf höchstem Niveau - Konkurrenzlos In einer der berühmtesten Szenen der Weltliteratur taucht der Protagonist von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit eine Madeleine in den Tee, worauf er sich plötzlich an seine Jugendzeit in Combray erinnert. Dass Prousts Madeleine etwas mit einem Zwieback Wagners zu tun hat, ist nur eine der vielen Informationen in diesem Handbuch.
    Das Handbuch gibt umfassend Auskunft über Leben, Werk, Wirkung und Deutung Marcel Prousts. Über Orte, wo er gelebt hat (Paris, Auteuil, Illiers, St. Moritz, Évian, Venedig, Cabourg), Orte, die er imaginiert hat (Combray, Balbec, Doncières), Personen, die er gekannt hat, Figuren seines Werks, Bezüge zu anderen Autoren (Baudelaire, Anatole France, Flaubert, Saint-Simon, Racine, Ovid, Homer), zu Malern (Giotto, Monet, Whistler), Komponisten (Beethoven, Wagner, Franck, Fauré), Philosophen (Schelling, Schopenhauer, Bergson), über Motive des Werks (Weißdorn, Flieder, Madeleines), über die Proust-Rezeption weltweit. Das neue große Standardwerk.


    Ein erster Eindruck
    Zu einer ausführlichen Rezension reicht es noch nicht, aber das werde ich ggf. später hier ergänzen.


    Dieses gewaltige Werk ist sicher nicht ganz zufällig am 17. November diesen Jahres erschienen. Proust ist am 18.11.1922 verstorben.


    Das französische Original dieses Handbuchs ist 2004 erschienen. Folgt man der editorischen Notiz dann wurden dreierlei Veränderungen vom deutschsprachigen Herausgeber Luzius Keller, der schon die Frankfurter Proust Ausgabe herausgegeben hat, vorgenommen: 1. Berücksichtigung neuerer Forschungsergebnisse 2. Einfügung neuer eigenständiger Artikel 3. Kürzen bestehender Artikel.


    Das Handbuch enthält auf mehr als 1000 Seiten im zweispaltigen Druck alphabetisch sortierte Artikel zu den in der Inhaltsangabe schon aufgezählten Themen. Ein umfassenderes Kompendium wird man wohl zu Proust kaum finden können. Es ist eine Schatzgrube für jeden Proust-Liebhaber.


    Auch wenn es für mich keinen Zweifel gibt, dass dieses Werk eine der wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen zu Marcel Proust darstellt, kann man im Detail (auch wenn das kleinlich klingen mag) einiges kritisieren. Es fehlt ein Stichwortverzeichnis, welches den gesamten Lexikontext systematisch erschließt. Man findet lediglich eine Auflistung der Artikel. Ist man nun aber daran interessiert, welche Bücher Proust gelesen hat, dann erschließt sich dies trotz eines zentralen "Lektüre" Artikels nicht vollständig. Man muss also noch alle anderen Schriftstellernamen, die aufgrund der alphabetischen Sortierung natürlich über das ganze Buch verstreut sind, zu Rate ziehen. Da wäre es schon hilfreich gewesen, die Artikel im Anhang kategorisiert aufgelistet zu bekommen. Man wäre vermutlich auch besser beraten gewesen, die Werke Prousts stärker herauszustellen, wie es beispielsweise die Oxford Reader's Companions z.B. zu Hardy oder Dickens machen. Dort findet man in vorbildlicher Weise Inhaltsangaben, Editionsgeschichte, Kritik und Rezeption an einer Stelle übersichtlich präsentiert.


    Trotz dieser Krittelei kann man sich (vor allem als Leser mit beschränkten Französisch-Kenntnissen) glücklich schätzen, dass sich Keller an dieses Mammut-Projekt herangewagt hat.


    Schöne Grüße,
    Thomas

  • Was für ein gewichtiger Brocken!


    Bleibt zu hoffen, dass Keller hier nicht nur all das aufwärmt, was er zu den einzelnen Werken ohnhehin schon sehr vorbildlich zu Papier gebracht hat (in Form von Kommentaren und Anhängen). Für Proust-Fans (und angehende Adepten) ist dieser Band sicher ein neues Standardwerk.


    LG


    Tom


  • Was für ein gewichtiger Brocken!


    Bleibt zu hoffen, dass Keller hier nicht nur all das aufwärmt, was er zu den einzelnen Werken ohnhehin schon sehr vorbildlich zu Papier gebracht hat (in Form von Kommentaren und Anhängen).


    Die meisten Artikel des Handbuchs stammen ja aus dem französischen Original und sind von anderen Experten verfasst und hier im Handbuch lediglich übersetzt. Die Anzahl der von Keller verfassten Artikel ist aber nicht unerheblich. Leider erkennt man jedoch nicht, welche davon schon im frz. Original enthalten waren.


    Gruß, Thomas

  • Ich traue mich einfach nicht an die verlorene Zeit heran. Neben den drei Suhrkamp Bänden steht soch ein Buch über die im Roman angesprochenen Gemälde und "Schmidt ließt Proust". Würde mir das hier angesprochene Buch über die Schwelle helfen, hilft es für das Verständnis das Romans?


  • Würde mir das hier angesprochene Buch über die Schwelle helfen, hilft es für das Verständnis das Romans?


    Nein, es hilft nicht über die Schwelle. Das Buch ist schwieriger zu lesen als Proust selber. Meines Erachtens braucht man für Proust zunächst mal gar keine weitere parallele Lektüre. Proust hat einen recht komplexen, aber m.E. flüssig zu lesenden, Satzbau, aber der Handlung an sich kann man immer folgen. Dass man ohne parallele Lektüre sicher nicht jede Anspielung versteht, stört zunächst mal nicht. Wenn man Proust lieben gelernt hat, dann will man mehr verstehen und kann zu diesem Buch greifen. Vorher halte ich das Studium von 1000 Seiten Sekundärliteratur für überzogen.


    Gruß, Thomas

  • Ach so. Das klingt immer mehr nach einem klaren "kaufen".


    Als Proust-Liebhaber kommt man kaum drum herum. Ob dieser Band vielleicht im nächsten Jahr günstiger bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft herausgebracht wird, könnte man ja noch abwarten.


    Ein kleiner, weiterer Eindruck: Im Handbuch gibt es einen äußerst lesenswerten Stichworteintrag zu den verfassten Biografien über Proust. Man findet diese jedoch nicht unter "Biografien" wie man vermuten könnte, sondern unter "Proust-Kritik (biografische)". Ein Vielzahl von Biografien wird dort kurz charakterisiert. Tadie (1996/dt. 2008) geht daraus als "Sieger" hervor. Interessant aufgrund der nun genau 100 Jahre Abstand, ist ein (wohl) nur auf Französisch vorliegendes Buch, welches genau einen Tag im Leben von Proust detailliert beschreibt, den 27. November 1909. Warum der Buchtitel im Stichworteintrag jedoch anders lautet als hinten in der Bibliografie bleibt offen.


    Gruß, Thomas


  • Ich traue mich einfach nicht an die verlorene Zeit heran.


    Das kommt mir bekannt vor. Diese "Scheu" ist jedoch unbegründet.



    Meines Erachtens braucht man für Proust zunächst mal gar keine weitere parallele Lektüre.


    Einverstanden. Eine kommentierte Ausgabe halte ich jedoch für sinnvoll. Den ersten "Recherche"-Band habe ich "unbegleitet" gelesen. Es funktioniert, befriedigt aber nicht immer. Deshalb habe ich ab dem zweiten Band die kommentierte Ausgabe von Keller gewählt - eine gute Entscheidung.


    LG


    Tom

  • Einverstanden. Eine kommentierte Ausgabe halte ich jedoch für sinnvoll. Den ersten "Recherche"-Band habe ich "unbegleitet" gelesen. Es funktioniert, befriedigt aber nicht immer. Deshalb habe ich ab dem zweiten Band die kommentierte Ausgabe von Keller gewählt - eine gute Entscheidung.


    Ja, kann ich nur unterstreichen. Die kommentierte Kellerausgabe ist äußerst sinnvoll. Damit kommt man aber erst mal zurecht.


    Gruß, Thomas

  • Ich danke euch für das Mut machen. Nun habe ich eine zweimonatige Leserundenpause und werde sie u.a. für einen Anfang nutzen.


    Ärgerlich ist lediglich: ihr seit so überzeugend, dass ich in die kommentierte Sonderaugabe investieren musste :grmpf: :zwinker:


  • Ich habe eine ältere Ausgabe (1947 oder so um den Dreh) gelesen. Ohne Kommentare. Und ich habe sie nicht vermisst ... :winken:


    Bei einer deutschen Ausgabe empfiehlt es sich ohnehin, den von L. Keller revidierten Text zu wählen. Er ist sprachlich einfach noch etwas eleganter als die Übersetzungen davor. Und den Keller-Text gibt es nur mit Kommentaren zu kaufen. Also zwei Fliegen mit einer Klappe ...


    Gruß, Thomas

  • Klingt ja wirklich sehr interessant, dieses neue Werk ! Bisher kann ich mir noch einen Kauf verkneifen - ich hoffe darauf, dass meine Bücherei es anschafft und ich mal hineinlinsen kann.


    Zitat

    Bei einer deutschen Ausgabe empfiehlt es sich ohnehin, den von L. Keller revidierten Text zu wählen. Er ist sprachlich einfach noch etwas eleganter als die Übersetzungen davor.


    Stimmt, vor unserer Leserunde hatten wir einige deutsche Übersetzungen verglichen. Und weitere Sekundärliteratur ist zum Verständnis tatsächlich erstmal nicht notwendig. Du kannst dich also ranwagen, Lost ! Das eigentliche "Problem", falls es tatsächlich eines gibt und ist, ist nicht die Sprache oder die Handlung sondern einzig der Umfang.

  • Ein Nachteil dieses Handbuches ist, wenn man das denn als Nachteil anerkennen will, dass man interessante Informationen eher zufällig auffindet. Aber woher soll der Herausgeber auch wissen, welche Information ein Leser interessant findet und welche weniger interessant. So las ich mal wieder im besagten Handbuch über die Rolle der Musik in Prousts Werk. Sie spielt in der Recherche eine ebenso große Rolle wie die Malerei. Man wünscht sich das Gegenstück zu Karpeles "Paintings in Proust" auch für Musikstücke. Ein wenig verwirrend sind die Einträge dann schon, wenn man recherchieren will, auf wen die Sonate von Vinteuil zurückgeht. Ein großen Einfluss hatten jedoch die Kompositionen von Cesar Franck.


    Und wenn man sich so von Artikel zu Artikel hangelt, dann stößt man auch auf die Information, dass sich Proust zweimal indirekt in sein Werk selber "eingeschmuggelt" hat. Man kann natürlich darüber streiten, wie Ernst solche Deutungen zu nehmen sind. Aber nun: einmal findet man Proust bei den "Petite Madeleine", welches zugleich die Anfangsbuchstaben seines Namens sind, zum anderen wird an einer Stelle in der Recherche überraschenderweise ein Septett (frz. septour) aufgeführt und dieses Wort enthält nun alle Buchstaben seines Nachnamens.


    Man greife also zu diesem Buch und lasse sich weiter inspirieren.


    Schöne Grüße,
    Thomas


  • ... auf wen die Sonate von Vinteuil zurückgeht. Ein großen Einfluss hatten jedoch die Kompositionen von Cesar Franck.


    Hallo Thomas,


    folgende "Vorbilder" kommen wohl in Betracht:


    C. Saint-Saens, Sonate No. 1 für Violine und Klavier, op. 75, hier zu hören: http://www.gardnermuseum.org/music/composer/saint_saens.asp
    C. Franck, Sonate in A-Dur, M.8, hier mal reinhören: http://pianosociety.com/cms/index.php?section=2504
    G. Fauré, Ballade für Klavier und Orchester, op.19 (auch die Fauré-Sonate op.13 passt mMn. in diese "Galerie": http://www.gardnermuseum.org/music/composer/faure.asp
    R. Wagner (v.a. Lohengrin-Prélude und Karfreitagszauber aus Parsifal).


    Viele Grüße


    Tom

  • Vielen Dank für deinen sehr schönen Beitrag. So deutlich wird das im Handbuch leider nicht dargestellt, vielmehr sind verschiedene Komponisten genannt, teilweise über mehrere Stichwort-Einträge verteilt. Die Details müsste ich noch mal raussuchen, dann könnten wir diese Frage hier vervollständigen.


    Gruß, Thomas


  • So las ich mal wieder im besagten Handbuch über die Rolle der Musik in Prousts Werk. Sie spielt in der Recherche eine ebenso große Rolle wie die Malerei. Man wünscht sich das Gegenstück zu Karpeles "Paintings in Proust" auch für Musikstücke. Ein wenig verwirrend sind die Einträge dann schon, wenn man recherchieren will, auf wen die Sonate von Vinteuil zurückgeht.


    Hallo Thomas,


    ja, eine Art "Music in Proust" wäre wirklich hilfreich und habe ich mir auch schon des öfteren gewünscht.
    danke auch an Tom für die Auflistung der Musikstücke.


    leicht vergißt man, dass es ja auch noch ein zweites Werk von Vinteuils gibt, nämlich das Septett.


    lt. Tadìé:
    Wagner und Beethoven sind in dieser Zeit zwei neue Quellen für Vinteuils zweites Werk, das in der Recherche zu hören ist: das Septett. Auch wenn Wagner zur allgemeinen Ästhetik beiträgt, so sind es doch die Beethoven-Quartette, besonders die letzten, die Proust sich unablässig anhört, bis es ihm gelungen sein wird, ihre Substanz in Sprache zu verwandeln: dafür wird er noch drei Jahre brauchen (in deren Verlauf er das Capet- und das Poulet-Streichquartett zu sich nach Hause einlädt)....


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)



  • ja, wir machen das gut :winken:


    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)