Herman Melville

  • Hallo zusammen!


    Nachdem ich nun endlich mit Melvilles Moby-Dick fertig geworden bin, das mich zutiefst überrascht hat - obwohl ich es eigentlich hätte wissen müssen ...


    Melville ist für mich der Autor des Absurd-Surrealistischen schlechthin. Keiner versteht es wie er aus einer banalen, real möglichen und realistisch geschilderten Ausgangssituation eine Geschichte zu entwickeln, in der das Dämonische überhand nimmt wie in einem dieser Alpträume, die so beunruhigend sind, weil sie eben nicht absolut phantastisch und unmöglich sind, sondern die Realität nur um ein weniges überhöhen, eben ins Sur-Reale steigern. Das Dämonische weist mephistophelische Züge auf: Der Geist, der stets verneint. Ob Bartleby the Scrivener eines Tages einfach seine Arbeit verweigert oder ob sich Ahab allen menschlichen Regungen verweigert - stets ist hier der Ausgangspunkt für eine Entwicklung, die unheimlich und düster wird. Absurd, weil (z.B.) kein Seemann solche Selbstgespräche führen wird wie die Seeleute bei Melville. Und dennoch hat der Leser in keinem Moment das Gefühl, einer unmöglichen Geschichte beizuwohnen.


    Ein beunruhigender Autor ...


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo !


    sandhofer schrieb:

    Zitat

    Melville ist für mich der Autor des Absurd-Surrealistischen schlechthin. Keiner versteht es wie er aus einer banalen, real möglichen und realistisch geschilderten Ausgangssituation eine Geschichte zu entwickeln, in der das Dämonische überhand nimmt ...


    :bang:


    Ebenso furchterregend empfand ich, dass Moby Dick in seinen Aussagen und seiner Konzeption so gar nichts mit der allseits bekannten Geschichte zu tun hat - im Vergleich zum Roman ist sie nur ein langweiliges Skellett.


    Gruß von Steffi

  • Hallo sandhofer !


    Zitat von "sandhofer"


    "allseits bekannte Geschichte"


    Naja, die Jagd von Ahab auf den Wal - eben das, was in der Version für Jugendliche extrahiert wird. Für mich zumindest macht das nicht die Faszination des Romans aus und daher war ich auch überrascht.


    Vielmehr, wie du es ja schon sehr treffend ausgedrückt hast, hat dieses absurd-dämonisch-surreale mich wesentlich mehr beeindruckt.


    Gruß von Steffi

  • Hi Steffi!


    Zitat von "Steffi"

    eben das, was in der Version für Jugendliche extrahiert wird.


    Ach so. Da stand ich wohl auf dem Schlauch. Ich muss aber gestehen, dass ich von Moby-Dick - im Gegensatz zu z.B. Robinson Crusoe oder Gulliver weder Verfilmungen noch Versionen ad usum delphini je gelesen bzw. gesehen habe. Deshalb vielleicht mein Schlauch.


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo,
    aber auch den Humor finde ich bei Melville sehr fein heraus gearbeitet. Damals wollte ich erst nicht so recht an das Buch heran (ich habe eine DDR Ausgabe aus der Reihe: Bücherei der Weltliteratur, diese Bücher sind recht gut übersetzt), aber dann kam der tätowierte Insulaner mit einem nicht verkauften Schrumpfkopf in das nächtliche Zimmer des Helden und ab diesen Zeitpunkt ist für mich der „Moby“ ein unsterbliches Buch, man nimmt es immer wieder gerne in die Hand.
    Dämonisch, ja, unbedingt. Melville schafft es immer wieder eine sehr seltsame Atmosphäre aufzubauen. Seltsamerweise kenne ich einige Seefahrer die dieses Buch wirklich sehr mögen, eben wohl auch wegen dieser Atmosphäre.
    Manchmal denke ich, man sollte nicht unbedingt immer neue Bücher kaufen, es ist sehr nützlich wenn man seinen Blick über die Reihen seiner kleinen Bibliothek schweifen lässt, und irgendwie, man weis nicht wie und warum, auf einmal hält man ein liebgewordenes Buch aus „alten Zeiten“ in der Hand, ist glücklich, und beginnt mit heißen Augen zu lesen, die Vorfreude auf den erneuten Lesegenuss ist dann ein unbeschreiblich schönes Gefühl.


    Ich glaube manchmal, das Buch ist für mich genauso wichtig wie das Atmen, ist das nicht sehr merkwürdig. Ich möchte mir ein Leben ohne Bücher gar nicht denken.


    Bin ich ein Bibliomane?


    Gruß, siodmack.

  • also ich weiß nicht ich konnte nicht sehr viel mit moby dick anfangen :sauer: vielleicht liegt das auch daran, dass mich so abenteuer und walfang-geschichten nicht interessieren :grmpf:
    naja ich war eigentlich ziemlich traurig, da es doch DER roman von melville ist :redface:

    Wer schauen kann, der sehe. Wer sehen kann, der betrachte.

  • Zitat von "Cosette"

    vielleicht liegt das auch daran, dass mich so abenteuer und walfang-geschichten nicht interessieren :grmpf:


    Hmm, seltsam, ich hatte das Gefühl, sooo abenteuerlich sei der Roman gar nicht, eher mit ewas Wahlfangtechnik überladen, aber nicht zu effekthascherisch (mit Ausnahmen, zugegeben), finde ich.


    Grüsse
    alpha

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • Zitat von "alpha"

    Hmm, seltsam, ich hatte das Gefühl, sooo abenteuerlich sei der Roman gar nicht, eher mit ewas Wahlfangtechnik überladen, aber nicht zu effekthascherisch (mit Ausnahmen, zugegeben), finde ich.


    Grüsse
    alpha


    ja, stimmt du hast doch etwas recht :breitgrins: naja damit ich eigentlich so allgemein gemeint, dass mich geschichten über walfang nicht interessieren...hab dazu nämlich keinen bezug! ;)
    aber mit walfangtechnik überladen stimmt sicherlich!! war auch teilweise nervig wenn man sich alles vorstellen muss weil man ja noch nie so ein boot gesehen hat usw. :rollen:

    Wer schauen kann, der sehe. Wer sehen kann, der betrachte.

  • Zitat von "Sir Thomas"


    Bayern 2 bietet einen mp3-Download zur Rezeptionsgeschichte von "Moby Dick".


    danke für den Link, das werde ich mir über Weihnachten mal anhören. Es gibt dort noch einen zweiten Podcast zu Melville, wie ich gerade gesehen habe: "zu wüten gegen ein stummes Ding" - Moby-Dick und das Radio


    Und dann habe ich dort noch etwas gefunden, was freilich nichts mit Melville zu tun hat, aber trotzdem:
    Kaiser Wilhelm Overdrive
    Das habe vor vielen Jahren schon einmal im Radio gehört, hat mir seinerzeit sehr gefallen, eine etwas schräge Soundcollage mit Originaltönen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Klassikerauszüge aus Schiller, Heine etc. werden verwoben mit Kriegsansprachen der Zeit - ich fand es auch interessant zu hören, wie man seinerzeit Gedichte (oder Dramenauszüge) vortragen hat, zum Teil in ziemlich pathetischen Ton. Ist ja schön, daß man das jetzt herunterladen kann, das werde ich mir nachher nochmal anhören.


    Schöne Grüße,
    Wolf

  • Unter


    ismaels.wordpress.com


    findet sich ein monatlich aktualisiertes Sammelsurium deutsch/englisch, das sich mit Person und Werk Melvilles auseinandersetzt. Sehr amüsant.

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    Pierre oder die Doppeldeutigkeiten (Pierre: or, The Ambiguities). Erschienen 1852.


    Ein Jahr nach Moby Dick erschienen. Es wurde von den Kritikern verrissen und vom Publikum abgelehnt. Nachdem ich den Roman gelesen habe, kann ich verstehen, warum.


    Bis heute sind die Meinungen über dieses Buch geteilt. Ist es eine Inzestgeschichte? Eine griechische Tragödie in Romanform? Eine Bigamistenfantasie? Amerikanische Kulturkritik? Ein philosophischer Roman? Oder einfach nur schlechte Literatur? Oder alles gleichzeitig?


    Es ist die Geschichte von Pierre Glendinning, 21 Jahre alt, einzigem Nachkommen und Erben einer wohlhabenden, alteingesessenen Familie mit einem Gut irgendwo im Staat New York. Er ist mit der blonden Lucy verlobt und lebt alleine mit seiner Mutter; der Vater war gestorben, als er 12 war. (Hier fangen schon die Merkwürdigkeiten an. Pierre und seine Mutter pflegen sich häufig "Bruder und Schwester" zu nennen, und Pierre droht, nur halb im Scherz, jeden anzugreifen, der es wagen sollte, seiner Mutter einen Heiratsantrag zu machen. Was soll man davon halten?)


    Das Verhängnis bricht in Pierres Leben ein, als die junge Isabel ihm brieflich mitteilt, dass sie seine Halbschwester sei. Für Pierre, der seinen Vater mehr als alles andere verehrt, und in ihm die moralische Vollkommenheit verkörpert gesehen hat, bricht eine Welt zusammen. Um nun das Andenken seines Vaters rein zu erhalten und seiner Mutter diesen Schmerz zu ersparen, gleichzeitig aber Isabel in ihre Rechte einzusetzen (was er für seine Pflicht hält), kommt er auf die irrsinnige Idee, vorzugeben, er sei mit Isabel verheiratet, um fortan mit ihr zusammen zu leben. Gleichzeitig fühlt er eine starke Leidenschaft für Isabel, die über das Erotische noch hinausgeht und letztendlich unerklärt bleibt (und es wird auch nicht ganz klar, wieviel davon ihm selbst bewusst ist).


    Er teilt also seiner Mutter mit, dass er bereits verheiratet ist - ungeachtet seiner Verlobung mit Lucy. Ohne auch nur nach dem Wieso und Warum zu fragen, wirft sie ihn aus dem Haus und enterbt ihn auf der Stelle. Pierre zieht nach New York, wo er sich (erfolglos) in der Schriftstellerei versucht. Seine Mutter stirbt; Lucy folgt ihm nach und beschliesst, mit ihm und Isabel zusammen zu leben (ohne von der Natur ihrer Beziehung zu wissen...).


    Der Roman ist reich an literarischen Verweisen (u. a. Hamlet und Dantes Inferno werden erwähnt), Melville war ja sehr belesen. Der Roman enthält eine Menge Stoff, an dem man seine analytischen Zähne ausbeißen kann. Trotzdem ist mein vorläufiger Eindruck, dass das Ganze künstlerisch misslungen ist. Auf hohem Niveau gescheitert.


    - Harald

    Aktuell: Altägyptische Literatur. Kafka. Theater des Siglo de Oro. Gontscharow. Sterne, Fielding, Smollett.

    Einmal editiert, zuletzt von Harald ()


  • Trotzdem ist mein vorläufiger Eindruck, dass das Ganze künstlerisch misslungen ist. Auf hohem Niveau gescheitert.


    Moin Harald,


    als "misslungen" und "gescheitert" kann ich "Pierre" beim besten Willen nicht betrachten. In diesem Roman hat Melville ein halbes Jahrhundert vor dem Heraufdämmern der verschiedenen psychologischen Schulen (Freud etc..) die zerstörerische Wirkung von Familiengeheimnissen und (unausgesprochenen) Tabus beschrieben und analysiert. Er hat die griechische Tragödie mit all ihren pikanten Zutaten (Inzest, Mutter-Sohn-Verhältnis ...) auf die Höhe seiner Zeit gebracht - und das auf einem Niveau, dem Melvilles Zeitgenossen ratlos gegenüber standen. Natürlich gehen ihm manchmal die Pferde durch, aber das liesse sich von vielen großartigen Autoren behaupten und ist schlimmstenfalls ein kleiner Schönheitsfehler.


    Aber Dein Eindruck ist ja, Gott sei Dank, ein "vorläufiger". :zwinker:


    Ich habe "Pierre" jedenfalls mit Gewinn gelesen.


    Viele Grüße


    Tom

  • Niemand konnte schöner scheitern als Melville, das zieht sich wie ein roter Faden durchs Werk. Weniges ist wirklich voll gelungen, etwa die Novellen "Benito Cereno", "Bartleby" und "Billy Budd" - aber kaum etwas ist auf der anderen Seite belanglos. Noch den schwächsten Eindruck vemittelte "Israel Potter", und selbst die ungestümen Reiseromane der Frühzeit haben Charme und Charakter. Das jedenfalls ist mein Eindruck über dem letzten seiner Romane, "Maskeraden" (Original: The Confidence Man), den ich gerade lese. Auf besonderen Wunsch von Sir Thomas werde ich dazu demnächst hier nochmals etwas schreiben. Wer sich interessiert, findet hier ein paar meiner früheren Berichte:


    Zu "Mardi": http://www.literaturschock.de/…wposts;sa=topics;start=15


    Zu "Billy Budd - Die großen Erzählungen" (sehr empfehlenswerte Sammlung beim Hanser-Verlag): http://www.literaturschock.de/….msg458736.html#msg458736


    Zu den Reisetagebüchern: http://www.literaturschock.de/….msg478409.html#msg478409


  • Danke, Gronauer! Das war wirklich fix!


    Liebe Grüße


    Tom

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    Maskeraden. Oder Vertrauen gegen Vertrauen


    So, der letzte der größeren Romane ist verarbeitet, hier meine Einschätzung:


    Ein Unbekannter schifft sich in St.Louis auf einem Mississippi-Dampfer zur Reise nach New Orleans ein; ein Steckbrief an Bord verkündet die Suche nach einem Betrüger. Während der Reise erscheint ein Mann in den unterschiedlichsten Verkleidungen und verwickelt die anderen Passagiere in tiefschürfende Dialoge über Vertrauen und Menschenfreundlichkeit. Fast immer gelingt es ihm, seinen Gesprächspartnern mehr oder weniger viele Dollars zu entlocken, indem er ihre Skepsis, ihr Misstrauen und ihre Vorsicht durch den sittlichen Appell an menschliches Vertrauen unterläuft.


    Das ist das grobe Handlungsgerüst von Herman Melvilles letztem großen Roman, „The Confidence-Man“. Im kleinen, aber offenbar völlig furchtlosen Achilla-Presse-Verlag liegt eine deutsche Übersetzung unter dem Titel „Maskeraden. Oder Vertrauen gegen Vertrauen“ vor, die dieses letzte, etwas aus der Reihe fallende Werk erschließt. Als nur unwesentlich billigeres Taschenbuch ist es bei btb zu bekommen.


    „Maskeraden“ ist äußerlich als Gesellschaftssatire angelegt, die Themendieses Konversationsstückes reichen in einigen seiner Facetten bis in die Höhen von Plato und Shakespeare hinauf. Viel mehr als Gesprächsepisoden sind darin aber nicht enthalten, es ereignet sich ansonsten eigentlich nichts. Wer das Buch unvoreingenommen in die Hand nimmt, wird sich mit Recht fragen, wo die Handlung geblieben ist.


    Der Ton, den Melville hier anschlug, ist ein schadenfroher sarkastischer Humor. Manchmal erinnert er damit an die ernsteren satirischen Erzählungen eines Mark Twain, unterscheidet sich von diesem aber in einem wesentlichen Punkt: in den „Maskeraden“ weht ein eisiger Wind. Es gibt weder unter den Betrügern noch unter den Betrogenen auch nur eine einzige positiv besetzte Figur. Die Betrogenen sind Geizhälse, Ausbeuter, Prahlhänse oder Eiferer, denen ausgerechnet ein Betrüger vorführt, dass die religiös geprägten Werte von Güte, Vertrauen und Menschenfreundlichkeit nur eine dünne Schicht sind, unter der Misstrauen, Geiz, Unbarmherzigkeit regieren. Ausgerechnet einem Hochstapler bleibt es vorbehalten, die Hartherzigkeit seiner Gesprächspartner durch Appelle an Vertrauen und Güte zu brechen. Vertrauen, das dem Roman im Original den Namen gab und darin immer wieder beschworen wird, ist, so das bis zur Gehässigkeit bittere Fazit, etwas, das Betrüger einfordern und Betrügern gewährt wird.


    Als Melville die „Maskeraden“ schrieb, war seine schriftstellerische Laufbahn bereits ruiniert. Drei groß angelegte, hoch ambitionierte Romane waren völlig durchgefallen, materiell herrschte größte Not. Man kann „Maskeraden“ als eine Art letzte Abrechnung des Autors mit Gesellschaft und Leserschaft sehen, die es zu ihrer Zeit nicht fertig brachte, ihm in die Tiefen seiner Einsichten und Gedankengänge zu folgen. Nach dem Mystiker, der an den alten Mythen verzweifelt, wurde Melville zum Autor, der an seinem Publikum verzweifelte.


    Das Buch ist für gelegentliche Melville-Leser im Grunde ungeeignet. Für Melville-Fans ist es eigentlich Pflicht.

  • In einem anderen Thread hat Sir Thomas geschrieben:



    Hallo Tom


    Gerade im Anhang von „Moby-Dick“ zu Ahab entdeckt:


    Vor allem die in ihrem starrsinnigen Stolz faszinierende Figur Satans in „Paradise Lost“ aber steht wohl im Hintergrund von Melvilles Figur. Zwar waren,.., tyrannische Kapitäne nicht selten im damaligen Walfanggewerbe, aber Ahabs Stolz, sein metaphysischer Trotz erinnert eher an Perey Shelleys Kommentar in „Defense of Poetry“ den Melville in seiner Ausgabe markiert hatte: „Miltons Teufel ist als ein moralisches Individuum seinem Gotte weit überlegen ..... Schon Ahabs vernarbtes Gesicht erinnert an das Antlitz von Miltons gefallenem Erzengel. ...“


    Hatte jetzt Melville „Paradise Lost“ gelesen oder kannte er nur Shelleys Kommentar?


    LG


    Hubert