Joseph von Eichendorff

  • Hallo Vult,


    ich kenne zwar die Eichendorff-Ausgabe vom Deutscher Klassiker Verlag nicht, aber anderes vom Verlag - die Ausgaben sind wirklich ausführlich kommentiert. Dort gibt es Eichendorffs "Werke in sechs Bänden", zumindest teilweise auch im Taschenbuch.


    Gruß, Gina


  • Hallo Vult,


    ich kenne zwar die Eichendorff-Ausgabe vom Deutscher Klassiker Verlag nicht, aber anderes vom Verlag - die Ausgaben sind wirklich ausführlich kommentiert. Dort gibt es Eichendorffs "Werke in sechs Bänden", zumindest teilweise auch im Taschenbuch.


    Gruß, Gina


    Danke für den Hinweis, GinaLeseratte,


    aber die kommentierte Ausgabe vom Klassikerverlag, die für mich interessant wäre, die ist mir unerschwinglich.


    Grüße,


    Vult


  • Ich finde für mich eigentlich die alte DDR-Ausgabe in drei Bänden (Aufbau-Verlag, 1962) durchaus und immer noch genügend. Wenn Du die auftreiben kannst...


    Hallo Sandhofer,


    der Tip mit dem Aufbau-Verlag, der ist Gold wert. In dieser Ausgabe sind auch die Briefe mit aufgenommen, im Band 3, und so habe ich mir diese Ausgabe dann sofort bestellt. Ich habe vom Aufbau-Verlag auch die 8 Bändige Ausgabe von Tschechow, die von Tolstoi (13 Bände) und die Werkausgabe von Thomas Mann (einschließlich Briefe und Essays) und bin damit höchst zufrieden.


    Der Aufbau Verlag überhaupt hat da damals schon einge Raritäten verlegt, wenn ich da an Robert Walser, Turgenjew, Bibliothek der Antike und vieles mehr denke, das sind schon feine Sachen.


    Grüße,


    Vult


  • Mir auch.
    (Darauf hinweisen wollte ich trotz des Preises, es soll ja Menschen geben, die sich das "einfach so" kaufen. :zwinker: - Ich halte mich lieber an die Taschenbuchausgabe, wenn ich denn mal was aus der Reihe möchte.)


    Gruß, Gina

  • Eichendorff ist im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Autoren auch nicht sonderlich schwierig: Da braucht man keinen 1000-seitigen Apparat, um seine Schriften, insbesondere seine Gedichte zu verstehen. Sie sind so wunderschön wie schlicht und aus sich selbst verständlich, vielleicht mit ein wenig Hintergrundwissen zur Romantik, was man hier wohl voraussetzen kann.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

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    'Ahnung und Gegenwart' (entstanden 1810-1812, veröffentlicht 1815)
    Ich habe das Buch für unser diesjähriges Leseprojekt ausgewählt, und bin sehr froh, danach gegriffen zu haben.


    Im Zentrum der Handlung stehen die beiden Männerfiguren Friedrich und Leontin, beide adlig, die sich auf ausgedehnten Reisen treffen, verlieren, wiederfinden etc. Um sie herum gibt es weitere zentrale Figuren, zunächst die Frauen Rosa (Leontins Schwester), Julie und die Gräfin Romana, sowie einige wichtige Nebenfiguren wie den Dichter Faber, den Knaben Erwin (der sich im Verlauf der Handlung als Mädchen erweist), das Mädchen Marie und Friedrichs verschollenen Bruder Rudolf.


    Die Handlung ist gekennzeichnet durch häufig wechselnde Schauplätze, eine rasche Folge auch von Begegnungen, Beziehungen und Abschieden und Verlusten. Es ist zu verworren, als das ich das hier wiedergeben könnte. Die Hauptfiguren tauchen aber immer wieder auf, treffen auch in den verworrendsten Situation (Krieg, Unruhen) wieder aufeinander oder finden sich in nächtlichen, traumhaften Szenen und unter mysteriösen Umständen wieder. Nicht selten werden dabei dann bisher verborgene Tatsachen über ihre Herkunft und Vergangenheit enthüllt. Bei aller Konstruiertheit der Handlung und verwirrenden Sprüngen bleibt das Buch daher immer kurzweilig und spannend. Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Lieder, die von den beteiligten Personen gesungen werden oder von außen her in die Handlung hineinklingen. Man hört ja viel in romantischen Romanen, ständig singt es von irgendwoher, es klingt ein Waldhorn, es ruft ein Vogel, die Natur ist ständig präsent.


    Besonders haben mich an diesem schönen Roman zwei Dinge beeindruckt: die humoristischen Einwürfe, in denen Eichendorff ganz wundervoll etwa ein sentimentales Paar am Rande einer nächtlichen Feier belauscht, das sich in Herzensergießungen ergeht, wobei es vor allem darauf ankommt, dann doch die Finger in die Klamotten zu bekommen...


    Eine andere großartige Szene ist die Schilderung einer ästhetischen Teegesellschaft, bei der literarische Texte vorgetragen werden (vornehmlich natürlich Poesie) und die Eichendorff mit einer solchen Bissigkeit beschreibt, dass man wirklich laut lachen muss. Eine der Teilnehmerinnen wird nur als 'die Schmachtende' bezeichnet, ein anwesender Dichter schaut immer sehr angeregt in eine Richtung während er spricht. Der Beobachter, der außerhalb des Salons steht, nimmt an, dort sitze eine junge Dame, die der Dichter beeindrucken will. Dann jedoch bemerkt er, dass dort nur ein Spiegel hängt, in dem der Dichter sich beim Reden selbst bewundert. Das ist urkomisch.


    Das zweite war die Aufnahme der gesellschaftlichen, politischen und geistesgeschichtlichen Konflikte. Die Romantik als Bewegung ist ja auch die Antwort auf Spannungen und Konflikte ihrer Zeit. Die Fragen nach politischen Umbrüchen (beginnender Nationalismus, Auseinandersetzung mit Frankreich, Herausbildung einer neuen nationalen Identität), die Modernisierung (welche Elemente der alten Identität sollen bewahrt werden, welche Bedeutung hat das 'altdeutsche' noch für Kunst und Leben?), ebenso die Frage nach der Säkularisierung in ihrer Auswirkung auf Kunst, Philosophie und Poesie. All diese Fragen werden teilweise immanent, teilweise explizit abgehandelt. Jede der Hauptfiguren wählt am Ende einen Weg für sich, mit dem sie auch die Grundfragen der Zeit für sich beantwortet. Friedrich wählt nach vielen Versuchen in Kunst, Leben und Philosophie für sich den Weg des Glaubens und der Weltabgewandtheit. Er geht ins Kloster. Leontin und Julie wandern in die Neue Welt, um dort ein tätiges und aktives Leben zu führen. Rudolf wendet sich der Magie und der dunklen Seite des Lebens zu und bricht nach Ägypten auf.


    In einem hinreißenden Schlußkapitel werden diese Lebensentwürfe entwickelt und vorgestellt. Das hat mir große Freude gemacht.

  • Eine sehr schöne Vorstellung, die mir den Roman wieder besser erinnerlich machte. Vielen Dank dafür!


    Die Ausführungen dazu, wohin sich die Schicksale der Protagonisten nach Ende der Handlung bewegen werden, erinnern doch sehr an Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre. Interessant, den der erschien erst 1821. Sollte sich Goethe tatsächlich an Eichendorff inspiriert haben?

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  • Eine Meerfahrt , Novelle, veröffentlicht 1835


    Antonio, ein adliger spanischer Jüngling, voll Neugier und wissenschaftlicher Begierde für die neue Welt, segelt 1540, also ein knappes halbes Jahrhundert nach Kolumbus' Entdeckung, mit einer Ladung von goldgierigen Glücksrittern unter dem Kommando des Schiffshauptmanns Alvarez nach Südamerika. Nach langer Überfahrt entdecken sie ein tropisches Eiland mit paradiesischen Eigenschaften. Es wird von Häuptlingen regiert, die eine Frau Venus - so von den Europäern genannt - anbeten. Antonio verliebt sich in das Mädchen Alma, das diese Frau Venus zu verkörpern scheint. Nach einiger Zeit scheinbarer Akzeptanz vertreiben die "Wilden" die Spanier, über die sie sich vorher lustig gemacht haben, indem sie sie mit dem heiß ersehnten Gold bewarfen.
    Auf der Flucht findet die Mannschaft, der sich Alma angeschlossen hat, zu einer weiteren, kleineren Insel, die nur von einem Eremiten, der sich als Antonios geliebter und lange verschollener Großonkel Diego herausstellt, entpuppt. Diesem widerfuhr vor Jahrzehnten Ähnliches mit Almas Großmutter, die damals Königin der großen Insel war und Diego sowie seine Mannschaft unter Aufopferung ihres eigenen Lebens vertrieb. Antonio und Alma verlassen Diego und ziehen für ein gemeinsames Leben in die alte Heimat Spanien.

    Eine in jeder Beziehung typische romantische Novelle mit viel Waldes- und Palmenrauschen, Eremiten und Wahnsinnigen, Sehnsucht und Geistererscheinungen und einigen schönen Gedichten Eichendorffs, unter anderem einem seiner Schönsten: "Komm, Trost der Welt, du stille Nacht". Es fehlt die Ironie, die den Taugenichts so einmalig und zeitentrückt macht, aber dennoch eine schöne Lektüre, die aber auch einen Eindruck der Einstellung der Europäer des frühen 19. Jahrhunderts zu den eingeborenen Völkern der kolonialisierten Welt vermittelt. Wenn diese ihre Heimat verteidigen, sind sie böse, wenn der Europäer mit Waffengewalt am Strand aufmarschierend und sich verschanzend in ihre Heimat kommt, scheint das in Ordnung zu sein.
    Dass sich sowohl Diego als auch sein Großneffe Antonio dem schnöden Mammon entziehen und auf andere Weise suchen, ihrem Leben einen Sinn zu geben, mag als kritische Aussage Eichendorffs zum Kolonialismus zu werten sein.

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