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Autor Thema: Erich Fried - Futurum Exactum  (Gelesen 12840 mal)

Thomas

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Erich Fried - Futurum Exactum
« am: 17. Januar 2004, 15:41 »
Hallo liebe User,

Zu meinem Anliegen: Im Literatur-Unterricht behandeln wir das Gedich "Futurum Exactum" von "Erich Fried". Nun sollen wir uns Gedanken zu diesem Gedicht machen, was wohl die Bedeutung Gedichtes und Ansporn des Dichters gewesen sei. Obwohl ich bis anhin bei Interpretationen ziemlich gut war, will mir zu diesem Thema trotzdem absolut nichts einfallen :-( Deshalb meine Bitte: Hat irgendjemand von Euch gute Ansätze zu diesem Gedicht? Vielen vielen Dank und Grüsse an alle

Thomas

BTW: Hier noch das Gedicht:

Futurum exactum

Die letzte Zeit
die ich lernte
als Kind
war die Vorzukunft

Ich weiß noch
ich verstand nicht
wieso hieß sie
Zukunft

Sogar die Vorvergangenheit
klang nicht halb so
vergangen

Die Vorzukunft
hörte sich immer passiv an
auch die Tätigkeitsform
wie eine Form des Erleidens

Ich hatte Angst vor ihr
denn ich konnte sie nicht verstehen
Ich sagte sie mir vor
um mich an sie zu gewöhnen

Ich sagte laut
ohne mich sicher zu fühlen
Ich werde gelebt haben
Ich werde gegangen sein.

Thomas

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #1 am: 17. Januar 2004, 15:45 »
Hoppla, und schon musst ich feststellen, dass ich die Frage ins Falsche Forum gepostet hab.. *schäm* Könnt das bitte nen Administrator verschieben? :)

Besten Dank nochmals für die Anregungen und freundliche Grüsse
Thomas

hafis50

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #2 am: 19. Januar 2004, 16:54 »
mein erster eindruck ist, daß dieses gedicht inhaltlich etwas mit der zeit zu tun haben könnte. Darauf könnte auch schon  der titel, nämlich das futurum 2, eine in gewissen sprachen vorkommende zweite form des futurums, hinweisen. Auf yahoo.de findet man mit futurum zwei u.a. diese links:
zur grammatik und hier

2 artikel, deren wortwahl mit dem gedicht schnittmengen hat, und die vielleicht beim interpretieren hilfreich sein könnten:
traumzeit und die nachzeit der vorzukunft
futur II als symbolische form
Es scheint, eine ziemlich umfangreiche und komplizierte materie zu sein. Hoffentlich ist dies keine falsche fährte :zwinker:

Offline Berch

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #3 am: 19. Januar 2004, 17:48 »
Der Ansatz von hafis50 ist sicherlich schon mal nicht verkehrt.
Was mir daneben noch auffiel, ist die thematisierte Sprachreflexion. Das ich setzt sich mit 'seiner' Sprache auseinader.
Das erinnerte mich ein wenig an Paul Celan, der sich in seinen Gedichten vielfach damit auseinander setzte, wie es ihm als Juden im Nachkriegsdeutschland noch möglich sein konnte, weiterhin in der Sprache der Täter zu sprechen. Sprich: Wie kann ich normale Sachverhalte in meinem Leben noch in der Sprache sprechen, die von denen, die mir und unzähligen Anderen, so viel Leid zugefügt haben, so mißbraucht wurde (man denke an die Verharmlosenden Begriffe der Nazis für unvorstellbare Greueltaten - z.B. Endlösung für die Ermordung von Millionen von Juden).
Vielleicht schießt dies ein wenig über das Ziel hinaus, aber auch Fried hat eine ähnliche Biographie. Er floh als Jude aus dem besetzten Österreich und verhalf weiteren Juden zur Flucht. Eine Prägung in diese Richtung wäre somit möglich, ist aber vielleicht ein wenig weit gedacht, wenn auch die letzten Verse zumindest die Todesthematik aufgreifen.
Jedenfalls würde ich mir den vom Ich geschilderten Umgang mit Sprache, die Irritationen, die sie auslöst, näher anschauen und das oben geschriebene zumindest vergleichend im Hinterkopf behalten.

hafis50

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #4 am: 19. Januar 2004, 17:58 »
ich habe den ausatz zur symbolik des futurum zwei überflogen. Diese symbolik könnte auch hier -ausgedrückt in den letzten beiden sätzen- gemeint sein. Nicht sicher bin ich mir, was mit vorzukunft  (bzw. vorvergangenheit) gemeint ist, -ist sie dasselbe wie das futurum zwei?
Auf die "vorzukunft" linkt der andere artikel.
Mit scheint es um das unterschiedliche erleben von zeit bei kindern und erwachsenen zu gehen: vielleicht, daß der erwachsene im gegensatz zum kind die aussagen in den letzten beiden zeilen nicht denken kann?
gruß hafis

Thomas

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #5 am: 19. Januar 2004, 18:58 »
Hallo zusammen,

Besten Dank schoneinmal, dass Ihr mir auf die Sprünge helft! :)

Also Futurum Exactum = Futur II = Vorvergangenheit -> Beispiel: Ich werde gelebt haben. Ich werde gegangen sein.

Vielleicht spricht meint er ja auch, dass es für Kinder (oder gar manche Mensch..?) schwer zu verstehen ist wie man zum aktuellen Zeitpunkt schon so reden kann, als ob etwas in der Zukunft abgeschlossen sei?

Beispiel: Ich werde meine Lehre abgeschlossen haben. Wie kann ich heute sagen, dass ich diese Lehre wirklich abschliesse? Welche Gründe treiben mich zu dieser Aussage? Optimismus? Glaube? Wo bleibt dabei der Zufall? Was kann alles in der Zeit passieren, die noch vor mir liegt, bis ich die Lehre wirklich abgeschlossen habe?

Ziele ich langsam in die richtige Richtung, oder bin ich auf dem Holzweg? Was denkt ihr? Besten Dank nochmals für die Anregungen!

Gruss
Thomas

Anonymous

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #6 am: 19. Januar 2004, 18:59 »
Zitat von: Thomas

Also Futurum Exactum = Futur II = Vorvergangenheit -> Beispiel: Ich werde gelebt haben. Ich werde gegangen sein.


Ich meine natürlich VORZUKUNFT und nicht "Vorvergangenheit"..

Offline Berch

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #7 am: 19. Januar 2004, 23:41 »
Ich finde, es ist zu simpel gedacht. Ich fürchte, das kratzt nur an der Oberfläche...

Offline Hubert

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Vorzukunft?
« Antwort #8 am: 20. Januar 2004, 01:13 »
Hallo zusammen,

leider kann ich auch keine tiefschürfenden Interpretationen zu Erich Frieds Gedicht geben, zumal ich schon die Bezeichnung „Vorzukunft“ nicht verstehe. Fried verwendet sie wohl gleichbedeutend für Futur II. Ich kenne aber als deutsche Bezeichnung aus (beinahe hätte ich gesagt Vorschulzeiten) Grundschulzeiten nur den Begriff „Vollendete Zukunft“, wobei mir diese Bezeichnung (im Gegensatz zu „Vorzukunft“) auch einleuchtet, den  „ich werde gelebt haben“ ist doch nicht vor der Zukunft sondern dann ist die Zukunft vorbei/vollendet.  

Kennt ihr (außer aus Frieds Gedicht) den Begriff „Vorzukunft“ oder habt ihn in der Schule verwendet?

Hafis hat gepostet:
Mit scheint es um das unterschiedliche erleben von zeit bei kindern und erwachsenen zu gehen: vielleicht, daß der erwachsene im gegensatz zum kind die aussagen in den letzten beiden zeilen nicht denken kann?

Wenn, dann müsste es umgekehrt sein: ich als Erwachsener kann die Zeilen „ich werde gelebt haben, ich werde gegangen sein“ durchaus denken, ob das ein Kind auch kann und ab welchen Alter? Fragt doch mal (eure) Kinder und berichtet.

Gruß von Hubert

Offline sandhofer

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Vorzukunft
« Antwort #9 am: 20. Januar 2004, 10:08 »
Hallo zusammen!

@Hubert
Ja, meine Grundschullehrer verwendeten den deutschen Begriff 'Vorzukunft', den gab es also durchaus.

Und eine ketzerische Frage: Können Erwachsene den Satz »Ich werde gelebt haben« wirklich denken?

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

hafis50

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Re: Vorzukunft?
« Antwort #10 am: 20. Januar 2004, 10:41 »
Zitat von: Hubert
Hafis hat gepostet:
Mit scheint es um das unterschiedliche erleben von zeit bei kindern und erwachsenen zu gehen: vielleicht, daß der erwachsene im gegensatz zum kind die aussagen in den letzten beiden zeilen nicht denken kann?

Wenn, dann müsste es umgekehrt sein: ich als Erwachsener kann die Zeilen „ich werde gelebt haben, ich werde gegangen sein“ durchaus denken


natürlich war das so gemeint, die verneinung war ein flüchtigkeitsfehler.
Ich glaube, die letzen beiden sätze sind im futurum II, der "vorzukunft" verfasst. Der futurum-aufsatz sieht den gebrauch des fut.II "als grammatik eines eschatologischen denkens, das alle gegenwart vom ende her denkt...Das futII symbolisiert ein katastrophisches zeitgefühl. Es ist antizipierender gedächtnisspeicher zur verarbeitung katastrophischer gefühle."
Hierzu könnte man im text anknüpfen.
Im grammatik-text: "Es wird immer im passiv gebildet und beschreibt das vollendetsein eines leidens in der zukunft". Siehe 4. strophe.

Fraglich aber ist, ob dieses nur die "oberfläche" ankratzt:
Obiger aufsatz: Damit das futII aber symbol wird, bedarf es einer zusatzbedingung. die form muß zur grundform des ganzen werden. Erst wenn ein gesamter text unter der form antizipierter nachträglichkeit verfaßt würde, gerinnt das futII zur symbolischen form." Als beispiele wurden ja die konjektural-biographie von j. paul und die science-fiction genannt. Nur sehe ich hier nicht, wie man das gedicht selber, seine sprache oder auch den autor selbst ähnlich jenen beispielen mit dem futII in verbindung bringen kann ,-anders zB wenn die letzte strophe im präsens verfaßt worden wäre oder wenn es einen zeitpfeil in die zukunft gäbe.

Zitat
Können erwachsene den satz 'ich werde gelebt haben" wirklich denken?

Vor allem leute mit ruhmessucht, zB DICHTER (dante...)
gruß hafis

hafis50

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #11 am: 20. Januar 2004, 11:07 »
vielleicht noch ein gedanke:
Das gedicht könnte heute im präsens geschrieben sein. Könnte es nicht aber auch als teil einer konjektural-biographie wie derjeingen von jean paul gelesen werden? Teil einer heute antizipierten lebensbiographie, verfaßt aus der zukunft heraus? Andererseits sehe ich hierin keinen besonderen bedeutungszuwachs.

hafis50

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Erich Fried - Futurum Exactum
« Antwort #12 am: 20. Januar 2004, 16:42 »
- das metzler lexikon sprache nennt vorzukunft als synonym für das futurum zwo.
- ich kann meine letzte spekulation noch toppen:
Dichter schreiben ja gelegentlich über sich selber bzw. über das dichten. Dann könnte das "ich" im gedicht nicht nur das -allgemeine- kind bzw. der erwachsene sein, sondern der junge und der reife dichter. Warum aber sollten die letzten beiden sätze des gedichtes nur vom reifen ausgesprochen werden können? Wenn man den gedanken an den eigenen ruhm unterstellt, ist das nicht plausibel. Was aber, wenn man die furcht, nicht mehr bewundert und vergessen zu werden, unterstellt: Ich werde gegangen sein, und mein ruhm wird verblichen sein. Dies hieße, diese furcht habe mit dem alter als dichter zugenommen. Oder zumindest die furcht aus der ungewißheit, es nicht zu wissen, ob der ruhm bestehen bleiben wird.
 Der kindler-beitrag spricht tatsächlich davon, daß er einen teil seienr gedichte als "zeitgedichte" sah, die so nicht überdauern würden.
Aber eben nur eine spekulation!
gruß hafis

Offline Hubert

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Futur II
« Antwort #13 am: 24. Januar 2004, 12:28 »
Hallo Sandhofer,

Du hast gepostet:
Ja, meine Grundschullehrer verwendeten den deutschen Begriff 'Vorzukunft', den gab es also durchaus.

Da ich den Begriff „Vorzukunft“ in der Schule nie gehört habe, sondern nur „Vollendete Zukunft“, habe ich mir heute Vormittag in einer Buchhandlung Grammatikbücher angesehen, vielleicht hat sich ja seit meiner Schulzeit die Bezeichnung geändert, - aber:

Die Grammatik-Lernhilfe von Mentor für die 5. Klasse enthält in der aktuellen Ausgabe für Futur II: „Vollendete Zukunft“.

Na, hab’ ich mir gedacht, vielleicht galt der Begriff „Vorzukunft“ vor meiner Schulzeit und habe gerade mit meiner Mutter telefoniert, ob ihr  ein deutscher Begriff für Futur II bekannt sei: die Antwort: „Vollendete Zukunft“

Also ein zeitliches Problem kann es nicht sein, vielleicht ist es ja ein räumliches?

Erich Fried ist meines Wissens in Wien in die Schule gegangen. Frage: Hast Du, Sandhofer, in Österreich die Grundschule besucht?

Gruß von Hubert und schönes Wochenende

Offline sandhofer

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Vorzukunft
« Antwort #14 am: 24. Januar 2004, 14:54 »
Hallo Hubert

Nun, wenn man mit dem Begriff Vorzukunft googelt, findet man tatsächlich - neben Deinen Beiträgen - vorwiegend österrreichische Seiten, die den Begriff verwenden. Mag sein, es ist eine österreichische Spezialität.

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

 

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