Beiträge von klassikfreund


    Hallo, Thomas,


    ich habe irgendwo aufgeschnappt, "Der Leopard" sei ein ausgesprochen politischer Roman. Ich kann das nicht so ohne Weiteres anerkennen, zumindest habe ich ihn völlig unpolitisch gelesen.


    Zunächst mal müsste man klären, was ein politischer Roman ist. Nur weil Schlagworte wie Atombombe oder Überschallflugzeuge eingebracht werden, handelt es sich nicht um einen politischen Roman, auch wenn diese Begriffe durchaus auch dort verankert werden könnten. Man kann diese Schlagworte auch unpolitisch interpretieren, sie könnten ein Nachdenken darüber auslösen, was sich dadurch am eigenen Leben geändert hat.


    Politische Elemente wie die gefälschte Wahl enthält er aber durchaus. Dennoch habe ich den Roman überwiegend auch als unpolitisch gelesen. Es geht mehr um den einzelnen Menschen und seine von Politik fast unabhängige innere Verfassung, obwohl außenherum jede Menge Politik stattfindet. Wer macht nicht die Erfahrung, dass die reale Politik das eigene Leben eigentlich kaum berührt.


    Gruß, Thomas


    Zu Deiner dritten Frage eine Gegenfrage: Was meinst Du mit der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts?" Den 2. Weltkrieg? Normalerweise wird bereits der 1. Weltkrieg unter dieser Rubrik geführt ...


    Die Bombe behandelt ja eher den 2. Weltkrieg, auch Überschallflugzeuge gab es wohl eher erst später. Da das Buch aber 1910 endet, könnte es auch schon auf den 1. Weltkrieg hindeuten. Gerade der Schluss-Satz lässt einen deprimiert zurück und wir wissen ja heute was dann gefolgt ist (der Autor wusste es auch).


    Hätte Lampedusa die Einsprengsel aus dem 20. Jh. weggelassen, hätte ich das schon als merkwürdige Geschichte empfunden. Warum erzählt man so eine Geschichte im Jahr 1957 in einer Tradition wie es Proust oder Mann viele Jahre zuvor getan haben? Aber selbst mit den Bezügen aus dem 20. Jh. fällt eine Antwort nicht leicht.


    Gruß, Thomas

    Hallo,


    ich bin jetzt auch durch und habe gestern noch die letzten drei großartigen Kapitel gelesen. Sehr gut gefallen hat mir das Kapitel mit dem Ball, atmosphärisch dicht und herrlich melancholisch. Die beiden Schlusskapitel sind ganz großartig, bewegend der Tod des Fürsten sowie die erst 1910 wieder einsetzende Handlung um die drei Schwestern herum. Großartig auch die Schlusspointe mit dem Hund.


    Man hat nur 319 Seiten gelesen und dennoch nimmt man das Gefühl mit, ein großes Panorama präsentiert bekommen zu haben. Dennoch frage ich mich, ob der Roman nicht durchaus einige Seiten mehr gut verkraftet hätte. Ich finde beispielsweise die Liebesgeschichte um Angelica und Tancredi etwas zu blass. Auch die Stimmung in den Salons hätten sicher noch detaillierter geschildert werden können, mir persönlich hat da zwar nichts gefehlt, habe aber das Gefühl, dass ich andere gelesene Romane (insbesondere Prousts Schilderung der Gesellschaftsabende) in meine Vorstellungswelt mit hinein transportiert habe.


    Zum Schluss bleiben folgende Fragen:


    1. Welche Rolle spielt der Hund?
    2. Welche Rolle spielen die Reliquien?
    3. Welche Rolle spielen die Einschübe des Erzählers aus dem 20. Jh? Plötzlich tauchte dort der Bau der Atom(?)-Bombe auf. Mich hat dieser Halbsatz sehr nachdenklich gemacht. Ist es gar ein Roman, der die "Urkatastrope" des 20. Jh. behandelt?


    Schöne Grüße,
    Thomas

    Bin nicht viel weiter gekommen (am Ende des fünften Kapitels). Mich fasziniert die Geschichte nicht mehr in gleicher Weise wie zu Beginn, ich denke, Lampedusa wird blasser, aber für ein abschließendes Urteil will ich den Text jetzt schnell beenden.


    Wo bleibt eigentlich xenophanes in dieser Runde?


    Gruß, Thomas


    Und als ich merkte, dass meine Arbeitgeber sich freuen, wenn da besonders viel korrigiert wird, und leere Seiten nicht gern sehen, hält mich nichts mehr! :breitgrins:


    Ein Buch zum Lektorieren kann man doch nicht vergleichen mit dem gewöhnlichen Lustleser und seinen privaten Büchern. In meine privaten Bücher kommen höchstens die Post-it-Fähnchen zur Markierung. Alles andere würde mich stören. Insgeheim stelle ich mir vor, dass auch eines meiner Kinder das ein oder andere Buch noch einmal lesen können soll - und zwar vollkommen unbelastet (sprich: unkommentiert). Mag sein, dass sie für meine Bücher gar kein Interesse entwickeln werden - aber mein Traum bleibt es dennoch. Ich selber hätte schon gern Bücher meiner Großeltern oder Eltern gelesen - das Problem ist halt, dass diese quasi keine Bücher gelesen haben.


    Gruß, Thomas


    Mich hat das auch nicht gestört. Ich wollte nur deutlich machen, dass ein Erzähler, der Flugzeuge ins Spiel bringt, ebenso die Uhrzeit in der 24-Stunden-Zählung angeben kann.


    Interessant an der Stelle mit den Flugzeugen ist doch auch, dass der Erzähler hier das Geschehen aus heutiger Sicht bewertet / kommentiert. Das macht er sonst an keiner anderen Stelle (zumindest nicht in den ersten drei Kapiteln).


    Gruß, Thomas


    Im dritten Kapitel löst sich das Problem auf, ich denke, es hängt gar nicht am Astronomen. Der Erzähler stammt aus dem 20. Jh und berichtet über Überschallflugzeuge. Das ist natürlich eine ungewöhnliche Konstruktion, dass ein unsichtbarer Erzähler 100 Jahre vom Romangeschehen weg ist. Ist mir in dieser Weise bei keinem anderen (?) Werk aufgefallen. Es bleibt fraglich, woher die Erzähler seine Detailkenntnisse hat.


    Gruß, Thomas

    Ich möchte noch mal meinen Gesamteindruck nach dem Lesen der ersten zwei Kapitel zusammenfassen.


    Im Mittelpunkt des Romans steht eine alteingesessene Fürstenfamilie mit dem Patriarchen Don Fabrizio, der zusammen mit seiner großen Familie trotz großer politischer Unruhen in nächster Umgebung (die Revoluzzer besichtigen gar sein Haus) vollkommen unbeeindruckt so weiter zu leben versucht wie bisher. Durch einige Sonderrechte, die er sich erkämpft hat, gelingt ihm das bisher auch.


    Für mich wird es am spannendsten sein, weiter zu verfolgen, durch welche Begebenheiten sich wirklich etwas ändert im Leben dieser Familie, inwieweit man sich treiben lässt oder wann und wie man sein Schicksal selber zu beeinflussen versucht. Das sind diejenigen Fragen, die über den beschriebenen Zeithorizont herausragen.


    Die damalige ital. Geschichte interessiert mich nicht sonderlich und ich finde die Vielzahl von konkreten Namen, mit denen man heutzutage nichts mehr anfangen kann, eher hinderlich für den Gang der Geschichte. Andere Autoren wie Mann oder Proust bleiben da wesentlich zeitloser, auch wenn es bei ihnen ebenfalls historische Vorbilder gab. Das ist schon mutig, dass Lampedusa sich das so traut, denn er war sich bestimmt darüber bewusst, dass er mit seinem Können einen klassischen Roman schaffen kann. Zu viel Zeitgeschichte ist dann natürlich hinderlich, anderseits darf es nicht zu beliebig gestaltet sein. Ich werde weiterverfolgen, ob diese Balance, die jeder Autor hinzubekommen hat, nicht zu sehr zu einer Seite ausschlägt.


    Schöne Grüße,
    Thomas

    Ich habe nun das 2. Kapitel gelesen und möchte drei Einzelstellen zitieren.


    Zum einen ein Zitat, welches den bildreichen Stil des Autors verdeutlicht.


    Zitat

    die Klage der Zikaden erfüllte den Himmel; es klang wie das heisere Röcheln des versengten Siziliens, das Ende August vergeblich auf den Regen harrt.

    (S. 60).


    Ich finde, das ist ein schönes Beispiel wie gekonnt Lampedusa mit Sprache umgeht. Stilistisch erinnert es mich zuerst an Thomas Mann.


    Im ersten Kapitel ist mir zudem noch aufgefallen, dass er mit Begriffen um sich wirft, die man heute normalerweise nicht mehr kennt und er Gegenstände möglichst genau bezeichnet (z.B. Majolikafliesen; das mit jais bestickte Ridikül; irgendwo werden auch die Lampen näher benannt, finde bloß die Stelle nicht mehr). Dadurch erzeugt er ein lebendiges Bild der Salons, der Kleidung etc. Bei George Perec findet man diese detaillierte Liebe zu Gegenständen dann später wieder.


    Nun ein Zitat, welches m.E. stilistisch unbeholfen klingt.


    Zitat

    Letzterer war bester Laune ...

    (S. 66). Bei T. Mann würde man das nicht finden, dieses "letzterer" halte ich für unelegant, oder seht ihr das anders?


    Zum Schluss noch eine Frage zu einer Textstelle:


    Zitat

    es war fünfzehn Uhr

    (S. 72)


    Gab es 1860 wirklich schon den 24-Stunden-Tag oder ist dem Autor hier ein Fehler unterlaufen?


    Gruß, Thomas

    Nachdenklich


    Sir Thomas


    Deinen Ausführungen kann ich soweit zustimmen. Ich würde es jedoch hilfreich finden, wenn du die gelesenen Seiten angibst, die du jeweils in deine Aussagen einbeziehst, dann kann ich beurteilen, ob du einen weiteren oder engeren Blick als ich auf das Buch hast.


    All das was du geschrieben hast gilt (auch für mich) nach Lesen des 1. Kapitels.


    Gruß, Thomas


    "Nunc et in hora mortis nostrae. Amen."


    (Nun und in der Stunde unseres Todes. Amen.)


    So beginnt Lampedusa seinen Roman, und schon sind wir mitten in der bigotten Welt des Barock-Katholizismus angekommen. Warum hat der Autor diese Gebetsformel an den Anfang gestellt? Um die Frömmigkeit des Hauses Salina zu demonstrieren?


    Hallo,


    ich bin nun auch dabei und habe gestern das erste Kapitel beendet. Von der Sprache und seinem Detail-Reichtum, mit dem er die Interieurs lebendig werden lässt, bin ich begeistert. Das erste Kapitel beginnt und endet mit dem Rosenkranzgebet. Meines Erachtens symbolisiert dies einfach die Tradition der Familie. Vermutlich betet man es täglich seit vielen Jahrzehnten, möglicherweise sogar seit Generationen. In diese heile Welt, die ja auch immer wieder durch die detaillierte Beschreibung der Salons noch mal gestaltet wird, treten nun politische Ereignisse, die einen Wandel andeuten. Da sticht vor allem der tote Soldat hervor und ganz am Ende des 1. Kapitels die Zeitungsnotiz über die Landung von Garibaldi. Man kann bereits erahnen, dass es mit dem Fürstengeschlecht zu Ende geht, auch wenn das nur eine Spekulation meinerseits ist.


    Spannend der Hinweis im Vorspann, dass der Hund der eigentliche Hauptdarsteller ist. Im ersten Kapitel tritt er ja häufiger "auf die Bühne" und wieder ab. Ist schon jemand dahinter gekommen, ob Lampedusa dass mit dem Hunde-Hauptdarsteller ernst gemeint hat?


    Schöne Grüße,
    Thomas

    Eigentlich bin ich gar kein so großer Freund von Erzählungen gewesen. Aber in den letzten Jahren habe ich doch so einige Erzählungen gelesen, die genauso viel Spaß machen wie große Romane.


    Bei Manesse erscheinen viele Bände mit Meistererzählungen, die ich bei vielen Autoren für sehr empfehlenswert halte.
    Lesenswert sind:


    Maupassant (auch bei Manesse)
    E.T.A. Hoffmann (diverse Ausgaben)
    Thomas Hardy (bei Manesse)
    Edith Wharton (bei Manesse)
    Eca de Queroz, José Maria (bei Insel)


    Schöne Grüße,
    Thomas


    Moin, Moin!



    Was bezeifelt werden dürfte. Ich halte keine Schreibepoche für weniger oder mehr geeignet, Klassiker hervorzubringen. Zeitgenössische Autoren haben ebenso das Zeug, lesenswerte Literatur hervorzubringen. Ich jedenfalls schätze eine Vielzahl von Nichtklassikern, so daß ich dem widersprechen möchte, daß nur wenige es wert seien, gelesen zu werden.


    Wieso? Die meiste Gegenwartsliteratur lohnt sich doch wirklich nicht. Der Auswahlprozess wie bei den Klassikern hat dort ja noch nicht stattgefunden. Liest du wirklich mehr als 20 DEUTSCHE Gegenwartsautoren regelmäßig in lohnender Weise?


    Griß, Thomas

    Hallo Thomas


    Hab ich auch schon oft so gelesen, aber im neuesten Rechtschreibduden gibt es kein Plural-n dazu.


    Hallo,


    das hängt doch nicht vom Plural-n ab.


    Laut Duden heißt der Nominativ Plural von


    Hardcover -> Hardcovers. Im Dativ ändert sich die Form dann nicht.


    Jedoch lässt der Duden beim Wort Cover im Nominativ Plural die Formen die Covers und die Cover zu. Nach Regel 341 des Grammatikduden haben Worte, die im Nominativ Plural auf -er ausgehen ein Dativ-Plural-n. Man kann daher "bei allen Covern" sagen. Warum der Duden Hardcover nun anders behandelt, wird wohl sein ewiges Geheimnis bleiben. Meines Erachtens ist das eine Anfrage beim Dudenverlag wert, es wäre nicht die erste Inkonsistenz.


    Gruß, Thomas

    z.B. alle Romane Thomas Bernhards in einem Band, auch Kafka ....
    erinnert mich an Zweitausendeins, die ebenfalls Kafka u.a. in einem großen Taschenbuchformat herausbrachten, allerdings viel günstiger als 25 Euro.


    25 EUR ist ja nicht viel. Von irgendwas müssen die Verlage leben. Es werden zudem nicht nur gemeinfreie Texte veröffentlicht. Wie Zweitausendeins solche Schwarten für 7,95 verkaufen kann, ist mir aber dennoch ein Rätsel.


    Gruß, Thomas