Beiträge von Imrahil

    Kleine Korrektur: "Ein Held unserer Zeit" ist von Lermontow. Von Nikolai Lesskow dagegen zu empfehlen (wobei es mich ehrlich gesagt doch nicht wirklich überzeugt hat) wären der Erzählungsband "Psychopathen von dazumal" (Diogenes). Wirklich zu empfehlen aber ist für mein Dafürhalten Scholochows "Der stille Don", ein grossartiges Familien-und Geschichtsepos zur Zeit des 1. WK und der Russischen Revolution.


    Imrahil

    Interessant. Allerdings ist mir nicht ganz klar wie Du den Schlenker von Pessoas zu Richter machst? Meinst Du Thelen wurde in den 50ern vor allem als Pascoaes-Übersetzer wahrgenommen und ebenfalls in die "Mystiker-Ecke" gestellt? Richters abschätzige Aussage bezog sich ja explizit auf Thelens Emigrantenstatus bzw. sein "Emigrantendeutsch". Werde demnächst für 2010, wenn es sein muss für 2011, eine Bahßetup-Leserunde anregen...


    Imrahil

    Weil ich meist aus dem Kopf zitiere, da ich das Buch nur selten zur Hand habe, wenn ich gerade schreibe ... :zwinker:


    Ja, nichts für ungut. Pascoaes selbst ist ja ein Pseudonym. Ich haben die Briefe nun zu Ende gelesen. Es gibt durchaus ein paar interessante Stellen zu Thelens 'bescheidenen' Lebensbedingungen, sein Kampf mit Verlegern und Behörden, ganz am Schluss kurz zur Insel und seine Kommentare zu Pascoaes' Werk. Gesamthaft sind die Briefe aber etwas eintönig, weil es halt primär um Übersetzungsarbeit und Verlegersuche geht. Da verspreche ich mir von der kommenden Briefausgabe mehr. Allerdings haben die Briefe mein Interesse für Pascoaes geweckt. Es wäre schön, wenn Du zu gegebener Zeit über Deine Lektüreeindrücke zu "Napoleon" berichten könntest, Sandhofer.

    Gontscharow : ich habe die Radiosendung leider auch verpasst. Dafür habe ich mir aus der Bibliothek einen Band "Der Inselgarten" zukommen lassen, in dem die verschiedenen, während der Exilzeit auf Mallorca ansässigen Autoren vorgestellt werden, u.a. natürlich Thelen und Kessler, aber auch Franz Blei, Karl Otten und sogar Klaus Mann, der allerdings nur zwei Wochen dort weilte. Ich hatte leider noch nicht die Gelegenheit einen vertieften Blick hinein zu werfen. Was sich jedoch anscheinend feststellen lässt, ist der Umstand, dass der Kontakt der Autoren untereinander sehr oberflächlich, d.h. kaum vorhanden war. Z.T. wusste man wohl gar nicht von der jeweiligen Anwesenheit. Kessler und Thelen dürften da ein Ausnahme darstellen.
    Gerade Autoren wie Blei oder Otten waren mir bis anhin höchstens dem Namen nach (Blei) oder gar nicht (Otten) bekannt. Solche Bände bieten auch immer die Chance, neue Autoren zu "erschliessen".


    Ich habe nun auch mit den Briefen an Pascoaes begonnen: der Inhalt dreht sich hauptsächlich um Thelens Verehrung für den "Dichter Gottes" und seine endlosen Bemühungen, Verleger für dessen Werke zu finden, von denen er vier ins Deutsche übersetzt hat. Der Effort Thelens ist schon beeindruckend.


    sandhofer : warum eigentlich schreibst Du "Pescoaes" statt "Pascoaes"? Ist das eine zulässige, gar korrektere Variante des Namens? Warum aber ist sonst stets von Pascoaes mit a die Rede?


    Imrahil

    Die späteren ja. Die ersten waren noch auf Spanisch. Thelen hat ja erst für Pescaoes Portugiesisch gelernt. :zwinker:


    Gut, das ist nachvollziehbar :zwinker: Thelen hätte sich natürlich auch erst bei Pascoaes melden können, wenn er bereits sattelfest Portugiesisch beherrscht hätte... Thelen ist vermutlich einer von wenigen Exilautoren, dem die sprachliche (und die der Mentalität) Anpassung an das Exilland gelungen ist. Zu Beginn der Insel schreibt er zwar von Schwierigkeiten, die er mit der spanischen Zunge bekundet habe, doch letztlich lernt er Spanisch und obendrein Portugiesisch...


    BigBen : Der erste Band der Briefausgabe soll im Herbst 2010 erscheinen. Siehe http://www.vigoleis.de

    Sind die Briefe nicht in Portugiesisch verfasst worden? Thelen hat ja immerhin allein wegen den Werken von Teixeira de Pascoaes Portugiesisch gelernt und einige (vier) seiner Werke ins Deutsche übersetzt. Bei mir sind die Briefe mittlerweile auch eingetroffen, habe aber bisher noch nicht damit beginnen können. Ich glaube aber durchaus, das der Stil anders gehalten ist, als derjenige der Insel, die ja zweifellos sehr ästhetisiert ist. Andererseits bin ich bzgl. Thelen auch schon auf den Terminus "Erzählbriefe" gestossen. D.h. Thelen muss anscheinend ein passionierter Briefeschreiber gewesen sein und den Brief nicht einzig als Gebrauchsform, sondern durchaus auch als literarisches Betätigungsfeld angesehen haben und in diese sogenannten Erzählbriefe Geschichten eingeflochten haben. Schon deshalb darf man wohl auf die vierbändige Dumont-Briefausgabe gespannt sein (zumal auf Thelens Querelen mit seinen Verlegern!).


    Imrahil

    Ich bin seit gestern auch mit der Lektüre fertig, inklusive Nachwort. Auch ich hatte übrigens den Eindruck, dass das Geschehen, die Handlungsführung auf den letzten (100?) Seiten zum Teil etwas auseinanderbricht, chaotischer wird. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass man als Leser weiss, dass sich der Wälzer dem Ende entgegen neigt und man dabei ein anderes Leseverhalten an den Tag legt? (sollte ja eigentlich nicht der Fall sein).
    Einen Höhepunkt stellte für mich noch die Einführung Harry Graf Kesslers dar, dieser schillernden Figur, in dessen Autobiographie "Gesichter und Zeiten" naturgemäss noch ganz anders als diejenige Thelens konzipiert ist (mit unzähligen "memoirenfähigen Figuren" - dies spricht Thelen ja an einer Stelle im Blick auf sein eigenes Werk an). Keyserling bleibt dagegen zugegeben etwas blass, auch das kann mit den Streichungen Thelens zu tun haben.
    Ich habe nun noch von Cornelia Staudacher ein "Porträt" zu Thelen besorgt: nicht sehr vertiefend, gerade wenn man die "Insel" gelesen hat, aber vielleicht bzgl. Pascoaes und Thelens weiterem schriftstellerischem Schaffen weiterführend. Sollte dereinst, das muss ja nun wirklich nicht im Anschluss an diese Leserunde sein, Interesse an einer Bahßetup-Leserunde hegen, dann schlösse ich mich sicher an.


    Imrahil

    Ja, und so gibt es letztlich unzählige urkomische, parodistische Geschichten, die man dann auch gerne weitererzählen würde. Die Nachthafengeschichte ist sicherlich ein Höhepunkt, aber auch Vigos Fabulierereien als "Führer", die Pilar-Episode, die auf dem Lokus eingeschlossene Nonne, die philosophische "Einstuhl-Methode" etc. sind erwähnenswert. Die Hälfte fällt mir ad hoc schon gar nicht mehr ein.


    Was die Einordnung in den Kanon eingeht, so würde ich - nicht eindeutig, aber mit guten Gründen - für die Rubrizierung unter "Exilliteratur" votieren. Sicher, das Werk erschien erst 1953. Aber zum einen waren viele der Episoden, zumindest mündich, schon während der Exilzeit entstanden; die Latenzzeit des Werkes ist ziemlich hoch. Zudem ist ja die "Exilliteratur" mit 1945 nicht abgeschlossen. Sie umfasst im Grunde sowohl Autoren, die nach 1945 noch im Exil blieben (und dort starben) wie beispielsweise Feuchtwanger als auch Werke, die sich mit dem selbsterlebten Exil beschäftigen. Für Thelen gilt doch im Grunde beides.


    Ist jemand von euch schon vor der Thelen-Lektüre auf Pascoaes gestossen? Lohnte sich diese Lektüre allenfalls oder fällt es dem heutigen Leser - eine Vermutung -schwer, sich in diesen Mystiker einzulesen? Ist Thelens ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Autor nur seinem grundsätzlichen Interesse an der Mystik geschuldet, oder bringt Pascoaes vielleicht weitere, besondere Qualitäten mit?


    Imrahil

    Ein Hinweis: Deutschlandradio, So 30. August, 0.05 Uhr - »Der Tod im Inselgarten«. Deutschsprachige Schriftsteller im Exil auf Mallorca. Von Christian Buckard und Daniel Guthmann, SWR 2007. Neben Thelen und Kessler hatten auch Franz Blei oder Karl Otten (sagt mir nichts) auf der Insel Zuflucht gesucht.

    Bereits vergriffen? Ich habe den Band "Gegen alle" noch zu Weihnachten geschenkt bekommen (habe nun also die alte und die Neuübersetzung). Vielleicht gibt es bei ZVAB ja schon erste antiquarische Exemplare, manchmal geht das ziemlich schnell...

    Natürlich hast Du Recht Sandhofer: man muss keineswegs den Helden sympathisch finden oder sich gar mit ihm "identifizieren" können, um ein Buch gut zu finden. "Die Insel des zweiten Gesichts" ist ein äusserst humorvolles Buch, und das färbt auf den Ich-Erzähler ab, der ja auch Vigoleis ist. Vielleicht kommt auf diese Weise meine Sympathie für Vigoleis zustande. Daneben ist er ein gegen den Strom schwimmender Aussenseiter mit menschlichen Schwächen, auch (übertriebenen) Stärken, Künstler und ein begnadeter Erzähler. Denn Ich-Erzähler und Vigoleis lassen sich ja schwer voneinander scheiden. Es handelt sich um keine strikt trennbare Ich-Spaltung. Das wäre auch ein interessanter Diskussionsansatz: wann finden die Wechsel von Ich- zu Er-Perspektive statt? Gibt es ein Muster? etc.


    Imrahil