Johann Gottfried Seume - Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

  • Nach einer Woche Pause bin ich gestern wieder eingestiegen und habe nun Syrakus hinter mich gelassen, bin auf dem Rückweg. Syrakus ist wirklich genau in der Mitte des Buches. Hier ist die Anzahl der klassischen Anspielungen am höchsten, wie sie sich ja seit Beginn von Seumes Anwesenheit auf Syrakus gesteigert hat. Es sind scheint's mehr die Griechen als die Römer, die seinen klassisch gebildeten Geist ansprechen. In Syrakus ist es vornehmlich die Herrschaft des Tyrannen Dionysius, die Seume in ihren Überbleibseln sucht. Dabei hat er fachkundige Begleitung in Person des einheimischen Altertumsforschers Landolina, der Seume hier anregt. Weiterhin bleibt das berechtigte Wettern gegen die merkantilistisch-absolutistische Misswirtschaft und gegen die lähmende Macht der katholischen Kirche und des durch sie dort verbreiteten Aberglaubens die Haupt-Zielrichtung seiner politischen Äußerungen.


    Es ist vieles schon redundant und daher zieht sich die Lektüre, auch wenn es immer wieder schöne Einzelbeobachtungen gibt und einige Beschreibungen der sizilischen Gartenlandschaft einen fast dorthin zwingen.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Diese Woche habe ich nur wenig gelesen, ich bin noch immer in Syrakus. Hier beschreibt Seume ausführlich, was er sich alles anschaut. Ich war vor ca. 20 Jahren mal auf Sizilien und habe eine Rundreise gemacht, an vieles erinnere ich mich noch gut; es ist auf jeden Fall eine Reise wert. Bei Syrakus erinnere ich mich nur noch an das Ohr des Dionysios und den Brunnen mit den Papyrusstauden.


    In meiner Ausgabe ist eine kleine Karte mit der Reiseroute enthalten. Seume geht nicht wieder den selben Weg zurück, kommt aber wieder durch Rom. Mal sehen, wie lange ich für den Rückweg brauchen werde.

  • Ich habe gerade den Ätna bestiegen. Das war wirklich eine schöne Beschreibung dieser Wanderung. Seume ernährt sich mal wieder von Orangen (und trinkt Schnee). Lustig auch die Engländer, die spezielles Schuhwerk tragen (Wollsocken über den Schuhen kann ich mir nicht recht vorstellen) und dann natürlich alle wunde Füße haben.


    Jetzt geht es dann Richtung Messina...

  • Ich befinde mich mittlerweile wieder in Rom. Ganz interessant war vorher bei Neapel der Besuch des Vesuvs und von Pompeji. Aber sonst weiß ich jetzt auch nicht viel zu bemerken.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Langsam aber doch komme ich vorwärts.

    Zuerst waren meine Kinder krank, dann ich, und so vergehen die Wochen in denen ich nicht zum Lesen komme :(


    Ich bin nun endlich in Rom angekommen, bin schon gespannt auf die Stadt.

    Heute komme ich hoffentlich länger als zwei Seiten am Stück zu lesen, denn so macht das ganze keinen Spaß.

  • Ich habe einige Tage Pause gemacht, weil das Werk doch für mich recht anstrengend zu lesen ist und auch viele Wiederholungen hat, wie ich oben schon mehrfach erwähnte. Inzwischen bin ich in der Schweiz und hoffe, dass ich mal wieder etwas mehr Leselust dazu habe und mich nicht weiter in eskapistischen Alternativen auf dem E-Reader ergehe :wegrenn:.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Ich bin inzwischen fertig und kopiere hier mal die Rezension fürs Mutterforum herein, weil ich das Buch da für eine Monatsrunde und einen Wettbewerb gelesen habe.


    Johann Gottfried Seume (1763-1810): Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802


    Seumes autobiografische Aufzeichnungen zu seiner vorwiegend zu Fuß von Leipzig nach Syrakus und über Paris zurück unternommenen Reise sind ein Klassiker der Reiseliteratur. Seume schafft hier zum ersten Mal in der deutschen Literatur eine anschauliche Beschreibung dessen, was er an den durchreisten Orten aktuell antrifft: Unverblümt kritisiert er die Regierungen und Besatzungen der besuchten Gebiete, durchleuchtet Idole wie Napoleon kritisch und geht besonders mit den Klerikern der katholischen Kirche in ein hartes Gericht. Das Ganze passiert -und das ist, was auch mir für jene Zeit sehr neu und unverfälscht erscheinen lässt – von einem pragmatischen, ideologiefernen Standpunkt aus. Seume findet klare Worte für den Missbrauch von Macht und die Ausbeutung der armen Landbevölkerung. Das klingt schon fast revolutionär, doch er sieht auch die Französische Revolution und ihre Folgen sehr kritisch. Weniger interessieren ihn, was vorher oft im Mittelpunkt von Reisebeschreibungen stand, die Kunst und die kulturellen Leistungen der besuchten Landstriche: In fiktiven Briefen an einen ebensolchen Freund hakt er diesen Teil der Eindrücke meist recht kurz ab und verweist auf einschlägige Literatur, wo man das viel besser nachlesen könne.


    Seume verlangt dem Leser und insbesondere einem, der das Werk nackt, ohne Anmerkungsteil, liest, sehr viel ab. Er verwendet oft und ohne Übersetzung originalsprachliche Zitate aus dem alten Griechisch und Römisch, aus dem Italienischen und Französischen, ja sogar aus zahlreichen Dialekten, vom sizilianischen über den neapolitanischen bis zum pfälzischen, den er – als Sachse – äußerst merkwürdig und gewöhnungsbedürftig findet. Daneben verballhornt er Fremdwörter, die ein humanistisch gebildeter Zeitgenosse damals so draufhatte, kaum eine Chance, die Bedeutung mithilfe des Internets herauszufiltern. Man muss sich außerdem auch in den Seitenästen der griechischen und römischen Mythologie sowie der aktuellen politischen Situation von 1802 und dem Jahrzehnt davor gut auskennen, um auch nur einen Großteil dessen, was er so alles schreibt, zu verstehen.


    Deswegen sind mir bestimmt viele interessante Details entgangen und es kam auch zu kleinen Frustrationen, weil so vieles einfach gar nicht nachzuschlagen war. Hin und wieder haben mich auch die Wiederholungen seiner Kleriker-Schelte und sein Leid mit den ewigen Makkaroni genervt, aber insgesamt habe ich sehr viel Neues oder Bekanntes unter einem höchst modernen Blickwinkel kommentiert erfahren.

    Kein Lesegenuss, aber ein wichtiges Buch, dessen Lektüre dem Motto folgen sollte:

    Bevor sich ein Buch an uns bewährt, müssen wir uns als Leser an dem Buch bewähren.

    (Von wem das stammt, habe ich leider vergessen.)

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Ich wollte euch Mitleserinnen noch als kleinen Ansporn mitgeben, dass ich den Spaziergang, nachdem Seume aus Italien raus ist, wieder viel leichter zu lesen finde, weil die Dichte der schwer- und unverständlichen Kommentare geringer wird und man sich auch auch von den historischen Bezügen her in weit vertrauterem Gebiet bewegt.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Ich lese noch, aber sehr langsam. Ich bin inzwischen wieder auf dem Boot zurück aufs Festland. Hier auf Sizilien beschreibt Seume alles viel ausführlicher, richtig gut vorstellen kann ich mir aber trotzdem nichts. Das bremst dann beim Lesen. Vielleicht ist es das gleiche, was du auch beschreibst finsbury ...