Doktor Schiwago

  • Kennt jemand die Verfilmung "Doktor Schiwago" von 2002? (Es gibt hier einen Trailer.)

    Ich muss gestehen, dass ich das Buch immer noch nicht kenne. Mein Vater versuchte es mir nahezubringen, als ich ein Teenager war, ich habe auch mal ein paar Kapitel gelesen und hier und dort darin herumgeblättert (das Bild des grausam Verstümmelten, der am Boden kriecht, hat sich mir eingebrannt), aber letztlich kam ich nicht damit zu Rande.

    Ich empfand den sehr langen (zweiteiligen) Film als fürchterlich platt und gedankenarm. Kann sein, dass es auch an Keira Knightley lag. Ich habe nichts gegen sie, aber als Lara fand ich sie fehlbesetzt, obwohl ich, wie gesagt, die Vorlage gar nicht kenne.

    Hat noch jemand den Film gesehen und kann etwas dazu sagen?

  • Ich war eben auf dem Speicher, um das über 50 Jahre, abgegriffene Taschenbuch meines Vaters hervorzusuchen.
    Ein Zitat:


    "Als er ganz klein war, hatte es eine Zeit gegeben, in welcher der Name, den er trug, eine große Anzahl der verschiedensten Dinge bezeichnete:
    Es gab die Fabrik Schiwago, die Bank Schiwago, das mmobilienbüro Schiwago, das Verfahren Schiwago, mit Hilfe dessen man Krawattenknoten durch Nadeln befestigte, und sogar eine Sorte von runden Kuchen, der man den Namen Schiwago gegeben hatte. Damals brauchte man einem Moskauer Kutscher nur zuzurufen "Zu Schiwago", und der Schlitten entführte einen ans Ende der Welt in ein verzaubertes Königreich. Ein stiller Park schloß sich von allen Seiten zusammen. Von den Zweigen der Tannen rieselte der Schnee, wenn sich eine Krähe darauf niederließ.

    Rassehunde liefen über den Weg jenseits der Schneise, wo die neuen Gebäude standen. Dort unten zündete man die Lichter an. Der Abend nahte.

    Eines Tages löste sich die ganze Herrlichkeit in nichts auf. Sie waren arm geworden."

    Es braucht nur diesen einen Absatz, um nachzuweisen, wie hoffnungslos unterlegen das Medium Film dem Medium Buch ist.

    Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hatte (von meinem Vater in dieselbe gedrückt) muss ich noch sehr jung gewesen sein, wahrscheinlich nicht älter als 13 oder so. Ich kann mich erinnern, dass ich das mit dem nahenden Abend nicht verstand; überhaupt verstand ich das Prinzip des pars pro toto nicht, das hier angewendet wird. Heute bekomme ich beim Lesen dieses Absatzes eine wonnige Gänsehaut.

  • Ich habe mich gerade hineinvertieft. Es entfaltet ein ganzes Panorama, einfach hinreißend.

    Vielleicht ist es auch "so ein persönliches Ding" bei mir. Mein Vater liebte das Buch sehr und hat es mir mehrfach ans Herz gelegt. Ich habe auch immer mal wieder ein paar Kapitel gelesen im Abstand von mehreren Jahren; deshalb erkenne ich jetzt vieles wieder, aber das Verständnis dafür geht mir erst jetzt richtig auf. So auch zum Beispiel beim Monolog über die Geschichte, den Jura Schiwagos Onkel in einem der ersten Kapitel hält. Das ist eine Passage, die ich jedem Menschen ans Herz legen würde, der unklare Vorstellungen von der "abendländisch-christlichen Identität" hat, diese aber nicht recht formulieren kann. Gerade jetzt ja ein aktuelles Thema.

    Der Film kann natürlich solche Passagen nicht umsetzen. Aber dafür, dass es doch ein sehr, sehr langer Film war, fand ich ihn wie gesagt sehr arm an Inhalt und Atmosphäre. Wenn es dann noch in der Filmkritik heißt, Kira Knightley sei die Hauptattraktion des Films ... ich fand sie wie gesagt heftig überfordert mit der Rolle der Lara.
    Wenn ich nicht eine umfangreiche Strickarbeit dabei gehabt hätte, hätte ich den Film nicht aussitzen können.

  • Als ich die Besetzung las, habe ich mir den Film gespart. Doktor Schiwago ist ein wundervoller Roman, den man häufiger lesen kann. er reiht sich ganz in die Reihe der großen Romane Russlands ein und umfasst einen ganzen Kosmos. Klar kann man sowas nicht im Film auffangen.
    Ich habe aber zweimal die alte amerikanische Verfilmung mit Genuss gesehen; DIe kann zwar nicht annähernd den Romankosmos und solche schönen Bilder, wie du sie oben zitiert has, Zefira , wiedergeben, fängt aber ganz gut einige atmosphärische Details ein, natürlcih neben reichlich Hollywood-Kitsch.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)