Halldór Laxness

  • Liebes Forum,


    vor ziemlich genau zehn Jahren ist der große isländische Autor Halldór Laxness gestorben. Er hat in seinem langen Leben (geb. 1900) einige Häutungen und Wandlungen durchgemacht (mal bekannte er sich zum Sozialismus, dann wieder konvertierte er zum Katholizismus ...) und sorgte mit dem Literatur-Nobelpreis 1955 dafür, dass Island bis heute das Land mit der höchsten Dichte an Nobelpreisträgern (bezogen auf die geringe Bevölkerungszahl) ist. Kurios!


    Aus diesem Anlass habe ich mir vorgenommen, demnächst seinen Roman "Die Islandglocke" zu lesen - meine erste Erfahrung mit diesem Autor. Das Werk erschien als Dreiteiler in den Jahren 1943 - 1946.


    Welche Leseerfahrungen habt Ihr mit Laxness gemacht?


    Hier noch der wikipedia-Eintrag:


    http://de.wikipedia.org/wiki/Halldor_Laxness


    Es grüßt


    Sir Thomas

  • Hallo Thomas


    ich habe eine gute Erfahrung mit Laxness Roman "Salka Valka" gemacht.


    die NZZ schreibt:
    Laxness schreibt seine Armutssaga in lyrisch-rhapsodischem Ton und bewegt sich zwischen Distanz und Mitleid für seine Menschen. Tragödie und Komödie gehen in diesem grossen Roman oft Hand in Hand, das Komische bricht sich noch in den dunkelsten Momenten Bahn.


    dem kann ich nur zustimmen.


    http://www.nzz.ch/nachrichten/…_armutssaga_1.659689.html


    Gruß
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo zusammen und Sir Thomas,


    auch ich schätze Laxness sehr! Ich habe einige seiner Romane gelesen, die Islandglocke vorletztes Jahr in einer Leserunde im Nachbarforum.
    Wenn du die Islandglocke liest, ist es gut, nebenher ein bisschen in den Isländersagas zu schmökern, denn Laxness benutzt sowohl deren inhaltliche als auch stilistischen Elemente. Das Buch ist auch so verständlich, aber mit diesem Hintergrund macht es noch mehr Spaß.
    Ich mag alle Bücher, die ich bisher von ihm gelesen habe, besonders gut gefallen hat mir auch sein Roman "Seelsorge am Gletscher"- dort wird ein Vertreter des Rejkjaviker Bischofs zu einer direkt an einem der westlichen Gletscher (Snaefellsjökull oder Hofsjökull, so genau weiß ich es nicht mehr)gelegenen Pfarre gesendet, wo er Absonderliches erfährt und tut) -, der genau wie "Die Litanei von den Gottesgaben" sehr humorvoll ist. Ein ernster Klassiker ist natürlich "Atomstation". Es gibt auch einen Band mit autobiografischen Erzählungen aus seiner Jugend, der in Deutschland unter dem Titel "Auf der Hauswiese" erschienen ist.


    Wieviel davon heute noch im Handel erhältlich ist, weiß ich nicht: Ich habe sie mir in den späten Achtzigern von Krabbeltischen zusammengesucht, wo die Ullstein-Taschenausgaben verramscht wurden.


    Maria: "Salka Valka" fehlt mir noch, genauso wie "Weltlicht". Nach dem von dir gegebenen Zitat ist "Salka Valka" wohl eine gelungene Mischung des ernsten und schelmenhaften Laxness.


    HG
    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)


  • Wieviel davon heute noch im Handel erhältlich ist, weiß ich nicht: Ich habe sie mir in den späten Achtzigern von Krabbeltischen zusammengesucht, wo die Ullstein-Taschenausgaben verramscht wurden.


    Hallo finsbury,


    da kann ich dich beruhigen. Der Göttinger Steidl-Verlag hat in den 90er Jahren große Teile seines Werks neu übersetzt und sorgfältig editiert. Auf den Krabbeltisch bin ich nicht angewiesen bei der Beschaffung von Laxness-Werken. :zwinker:


    Vielen Dank für Deinen Hinweis zu den Grönlandsagas und den Link zur Leserunde der "Islandglocke". Ich werde dort bei Gelegenheit ein wenig stöbern.


    Einen beschwingten Rosenmontag wünscht


    Sir Thomas

  • Hallo zusammen,


    zur Atomstation gab es nebenan auch schon eine Leserunde . Mir haben beide Bücher sehr gefallen.


    Liebe Grüße
    Manjula

    [size=10px] "Kunst soll keine Schulaufgabe und Mühseligkeit sein, keine Beschäftigung contre cœur, sondern sie will und soll Freude bereiten, unterhalten und beleben, und auf wen ein Werk diese Wirkung nicht übt, der soll es liegen lassen und sich zu andrem wenden." [/size]

  • Hallo zusammen,


    Ich las „Der grosse Weber von Kaschmir“. Es ist Laxness erster Roman, den er als 23jähriger schrieb. Eine Geschichte mit verschiedenen Stilmitteln, u.a. wird vieles in Briefen erzählt.


    Einem jungen Mann, Stein Ellidi, wird Island zu eng und zieht in die weite Welt hinaus.
    In der Nacht bevor er weg geht, spricht er mit seiner Jugendfreundin Dilja über seine prächtige Zukunft. Er möchte ein Dichter werden, ein Dichter des Volkes. Auch ist er auf der Suche nach der Wahrheit und einer Vollkommenheit und meint sie im Katholizismus zu finden. Hier steckt wohl viel Autobiographisches im Roman. Laxness verlies das ihm enggewordene Island und trat dem Katholizismus bei.


    Doch seine Suche nach dem Sinn des Lebens richtete sich nach verschiedenen Richtungen aus (Buddhismus, Kommunismus...). Lüge und Wahrheit kann man nicht konkret von einander abgrenzen. Gibt es überhaupt eine Wahrheit? Das ist eines der hervortretenden Themen in der Geschichte. In späteren Romanen hält sich Laxness doch eher zurück, wenn es um Religion geht.


    Im „Weber von Kaschmir“ meint der Protagonist, dass nur die Askese zum Gipfel der Reinheit und des Ruhmes führen kann. Wenn man den Ausführungen folgt, dann drängt sich dem Leser allerdings den Eindruck eines egozentrischen jungen Mannes auf, der unfähig ist zu lieben. Trotzdem sind seine Meinungen zu Religion, Gesellschaft, Ehe, Moral, frech und zugleich überheblich zu lesen, manches ist sogar prophetisch. Der Roman kam 1927 heraus und darin wird bereits die Befürchtung eines weiteren Krieges gesagt.


    Will sie aus dem, was geschieht, keine Lehre ziehen? Verschließt sie ihre Ohren vor dem Weltkrieg, der so unmissverständlich von der Unfruchtbarkeit des Bruderschaftsgedankens in einer auf Krieg zwischen den Menschen aufgebauten Gesellschaft spricht? Sieht sie nicht, dass sie zweitausend Jahre lang Violine spielte, während Rom brannte? Oder will sie darauf warten, dass die christlichen Welt sich dem Teufel verschreibt, mit einem noch schrecklicheren Krieg als dem Weltkrieg?


    Doch damit diese hitzigen Diskussionen über die Vollkommenheit dem Leser nicht zuviel werden, ist da noch das Mädchen Dilja. Sie ist ein erdverbundenes Mädchen, das sich einbildet Stein Ellidi zu lieben und einen Schwur tätigt, der ihr später noch schwer zu schaffen machen wird. Sie ist das Volk und der einzelne Mensch mit all seinen Fehlern und Stärken.


    Ein Roman mit viel Symbolik. Stein Ellidi, dessen Vorname Härte anzeigen soll, zerbricht an seinen hohen Erwartungen ein Dichter des Volkes zu werden und isoliert sich.


    Ich mag es, wenn von Kapitel zu Kapitel ein symbolischer Bogen gespannt wird. In diesem Roman habe ich das gefunden. Laufend werden Himmelsrichtungen im Text miteinbezogen. Ihn zieht es nach Westen, Osten, Süden. Im Norden allerdings ist Dilja. Mir kam ein Vers von Klabund in den Sinn, der gut dazu passt:


    Süden: meine Sehnsucht!
    Norden: mein Heimweh,
    Osten: meine Hoffnung,
    Westen: mein Ziel.


    Ich finde „Der große Weber von Kaschmir“ ist ein hochintelligentes Werk und wichtig um die nachfolgenden Werke und Laxness besser verstehen zu können, doch blieb mir vieles darin fremd und schwer verständlich.


    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

    Einmal editiert, zuletzt von JMaria ()

  • Hallo liebe Laxness-Freunde und solche, die es noch werden wollen,
    ich habe bisher noch gar nichts von Laxness gelesen und eure Beschreibungen machen mich neugierig, außerdem habe ich schon länger "Am Gletscher" ungelesen bei mir zu stehen. Hätte nicht jemand Lust auf eine Leserunde?
    Grüße von der Leserin

  • Hallo zusammen,




    Wenn du die Islandglocke liest, ist es gut, nebenher ein bisschen in den Isländersagas zu schmökern, denn Laxness benutzt sowohl deren inhaltliche als auch stilistischen Elemente. Das Buch ist auch so verständlich, aber mit diesem Hintergrund macht es noch mehr Spaß.


    "Die Edda" gehört zu den Isländersagas, nicht wahr? Welche Übersetzung ist zu empfehlen? Hat Laxness noch andere Sagas benutzt?


    Mich würde diese Biographie reizen. Hat sie jemand von euch bereits?


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    Zitat von "Leserin"


    Hallo liebe Laxness-Freunde und solche, die es noch werden wollen,
    ich habe bisher noch gar nichts von Laxness gelesen und eure Beschreibungen machen mich neugierig, außerdem habe ich schon länger "Am Gletscher" ungelesen bei mir zu stehen. Hätte nicht jemand Lust auf eine Leserunde?
    Grüße von der Leserin


    Ich habe mir natürlich vorgenommen, mehr von Laxness zu lesen. An eine gemeinsame Leserunde habe ich noch nicht gedacht. Mein Zeitplan ist über den Sommer eng bemessen, da noch Leserunden ausstehen.


    Zwischendurch wollte ich mir kleinere Werke von Laxness vornehmen, wie z.B. "Das gute Fräulein". Wie ich sehe hat "Am Gletscher" etwas mehr als 200 Seiten, also auch nicht so umfangreich. Doch für Laxness sollte man sich aufrichtig Zeit nehmen.


    Ich werde den Lesevorschlag im Auge behalten. Vielleicht ergibt sich ja doch noch ein kurzfristige Lösung.


    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo Maria,


    nein, die Edda besteht aus Versepen, die zum Teil Göttersagen, zum Teil den Sagenkreis der Nibelungen und Walküren usw. umfasst.
    Die Isländersagas sind Prosawerke, die Personen, Abenteurer und Fahrten aus der Landnahmezeit und danach zum Thema haben, allerdings auch nochmal die Wölsungensage in Prosaform, daneben Erik der Rote, Die Seekrieger auf der Jomsburg, Die Saga von Gisli dem Geächteten, Die Leute aus dem Lachswassertal usw.. Ich habe eine dreibändige Ausgabe aus dem Diederichs-Verlag, in der die Texte von bekannten Philologen, z.B. Andreas Heusler, übersetzt wurden. Ob diese Übersetzungen gelungen sind, kann ich nicht beurteilen, da ich kein Altnorwegisch beherrsche :breitgrins:. Der Vorteil dieser Ausgabe ist, dass sie sehr preiswert ist und dennoch einige erklärende Fußnoten und Nachwörter bietet.
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    HG
    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

    Einmal editiert, zuletzt von finsbury ()


  • vielen Dank, finsbury. :winken:

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo zusammen,


    ich hole mal den Thread hervor, da demnächst eine Leserunde ([url=http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,3200.0.html]Sein eigener Herr)[/url] startet.


    In der Zwischenzeit habe ich noch eine kleine und feine Erzählung gelesen: "Das gute Fräulein"


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    Gesellschaftskritik mit Humor gespickt in Kurzform präsentiert. Toll.
    In den ersten Sätzen steckt schon der typische Erzählstil von Laxness; Naturverbundenheit, versteckte Andeutungen ...


    Zitat:
    Der Sommer ist kurz vor dem Herbst am schönsten. Deshalb beginnen gute Geschichten, während noch Sommer ist und die Vögel singen und die Sonne ihre Strahlen über Land und Meer ergießt. Zu dieser Zeit beginnt auch die Geschichte von dem guten Fräulein Rannveig, der Tochter des Propstes, die sich nun endlich dazu entschlossen hatte, ins Ausland zu reisen, und an diesem Spätsommertag durch ihr Dorf ging, um Abschied zu nehmen.


    Das Fräulein steht auch kurz vor dem Herbst ihres Lebens ....


    Außerdem habe ich mir die Biographie über Laxness von Halldor Gudmundsson gekauft.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo !


    Ich konnte "Das gute Fräulein" zur Vorbereitung auf unsere Leserunde noch einschieben. Eine wirklich schöne, sehr leicht und distanziert erzählte Geschichte, deren menschliche Abgründe sich dadurch intensiv erfahren lassen. Der Erzähler nimmt dem Leser keine Gefühle vorweg und man wünscht sich, dass aus der kurzen Erzählung ein dicker Roman geworden wäre. Weil das aber nicht so ist, muss man den Roman selber in seinen Gedanken entstehen lassen.


    Der kurze und knappe Stil des Anfangs, den JMaria gepostet hat, setzt sich bis zum Ende fort.


    Gruß von Steffi

  • Hallo zusammen,


    Steidl bringt eine Taschenbibliothek heraus:


    Halldor Laxness - Sein Werk

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    mehr Infos gibt uns Buecher.de


    13 Bände


    Inhalt:


    - Der große Weber von Kaschmir
    - Salka Valka
    - Sein eigener Herr
    - Weltlicht
    - Die Islandglocke
    - Atomstation
    - Die glücklichen Krieger
    - Das Fischkonzert
    - Das wiedergefundene Paradies
    - Am Gletscher
    - Die Litanei von den Gottesgaben
    - Ein Spiegelbild im Wasser
    - Materialien zu Halldór Laxness


    http://www.buecher.de/shop/bue…/detail/prod_id/33583940/



    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • in der Zwischenzeit bei mir angekommen. Ich hatte mit einem Schuber gerechnet, geliefert wurde in einer Tasche designt von Steidl mit einem schwarzweißen Konterfei (des Autors? ) .


    Die Tasche ist nett, aber im Grunde überflüssig.
    Die Taschenbücher sind in sehr guter Qualität; feineres Papier als die sonstigen Steidl TBs und für rd. 4 Euro pro Band kann man nicht meckern. Bin sehr zu frieden :-)


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo Maria,

    Zitat

    in der Zwischenzeit bei mir angekommen. Ich hatte mit einem Schuber gerechnet, geliefert wurde in einer Tasche designt von Steidl mit einem schwarzweißen Konterfei (des Autors? ) .


    Die Tasche ist nett, aber im Grunde überflüssig.
    Die Taschenbücher sind in sehr guter Qualität; feineres Papier als die sonstigen Steidl TBs und für rd. 4 Euro pro Band kann man nicht meckern. Bin sehr zufrieden


    Ob ich da widerstehen kann? Danke für den Tipp! Ich habe zwar zwei Drittel davon in Einzelausgaben stehen, aber es fehlen mir eben doch wichtige Werke. Mal sehen, wie lange ich widerstehen kann :zwinker:.


    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Hallo finsbury,


    einige Bücher waren die letzten Monate nicht mehr zu kriegen. "Fischkonzert" wurde eine zeitlang sogar für knappe 100 Euro angeboten. Verrückt.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo Maria,


    das "Fischkonzert habe ich sogar in einer alten Ullsteinausgabe, aber mir fehlen so wichtige Werke wie "Salka Valka" und "Weltlicht", außerdem interessiert mich der Materialienband. Kannst du mir schreiben, was darin enthalten ist?
    Danke :blume:


    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Heute habe ich die Lesung einer Kurzgeschichte von Laxness in HR2 gehört, an der Leserunde von "Sein eigener Herr" habe ich ja auch teilgenommen, und nun entschieden, ich komme auch noch ohne die 48.-EUR über die Runden, aber nicht ohne seine Romane.