Beiträge von giesbert

    Ich hab mal wieder nur wenig gelesen und bin noch bei Raabe: "Hastenbeck" (1899) und "Meister Autor" (1874). Letzteres ist gewissermaßen ein Werk des Übergangs, sehr komplex und eine Art Positionsbestimmung des Autors Raabe. "Hastenbeck" ist Raabes letzter vollendeter Roman und ein ziemliches Meisterwerk.


    Hastenbeck ist ein Dorf in Niedersachsen und heute ein Stadtteil vom Hameln. 1757 war es Schauplatz einer Schlacht im Siebenjährigen Krieg. Der Roman betreibt gewissermaßen Geschichtsschreibung von unten. Die Schlacht selbst wird erwähnt, aber es geht weniger um sie als um ihre Auswirkung. Erzählt wird aus der Perspektive der nunja "normalen Menschen", die unschuldig schuldig und als Spielbälle widersprüchlicher und verwirrender, aber tödlicher Machtinteressen in der blutigen Welt herumgeworfen werden.


    Der Erzähler rekurriert sehr oft auf konkrete historische Ereignisse, platziert seine Erzählung präzise in das historische Geschehen, referiert immer wieder aus den Quellen – und als Ergebnis erhält man kein wie auch immer geordnete oder gar sinnvoll verstehbares Ganzes, sondern ein chaotisches Durcheinander. Entsprechend sperrig gerät der Beginn, der mit historischen Ereignissen um sich wirft und jeden, der nicht sehr sattelfest in der Geschichte des Krieges ist, erstmal ziemlich verwirrt zurück lässt.


    Die zentrale Figur im Roman ist eine greise ehemaligen Marketenderin ("die Wackherhansche", früher die "Försterin vom Barwalde", die in einem alten Wehrturm am Dorfrand als Hexe verschrien lebt), für die der Siebenjährige Krieg nur einer unter vielen ist und durch deren kurzen Erinnerungen und Einwürfe die Welt als großes und blutiges Schlachtfeld erscheint, im dem Liebe und Glück extrem bedrohte Pflänzchen sind, die eigentlich keine Chance haben.


    Am Schluss heißt es da:


    Am 15. Februar war der Siebenjährige Krieg zu Ende gegangen, und wieder mal Frieden – das was man so nennt, in der Welt geworden. Wenigstens hatte für den Augenblick in Europa das ewige Krachen, Sturmglockenläuten, Trommeln, Trompeten und Querpfeifenquinkelieren aufgehört und riß man sich auf den Champs de bataille und in den Spitälern, nicht mehr einander das blutige Stroh unter den Köpfen weg, um sich selber bequemer zu betten.


    Es wird sehr reflektiert erzählt, es geht um "Geschichte vs. Geschichte", um historische Fakten vs. poetischer Erfindung, darum, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist. Zentrales Motive sind ein theologisches Buch von "Gottes Wunderwagen" und Geßners Idyllen von Daphnis und Chloe, die just zu Beginn des Krieges erschienen sind. Ein Exemplar der Idyllen wird als zerfleddertes, blutiges Büchlein mit einer Kugelspur von einem Veteran aus dem Blut des Schlachtfeldes aufgelesen, die Lektüre verändert sein Leben (bzw. das, was davon noch übrig ist). Dass Geßner "lügt", wird dabei mehrfach betont, und auch gleich wieder entschuldigt. Dabei erzählt der Roman nun seinerseits eine "Idylle" und seine Version von "Daphnis und Chloe".


    Die Wackerhansche bringt ein Liebespaar (sie als Säugling vom Pastor am Weggrand aufgelesene Waise, er zum Soldat gepresster Blumenmaler der Porzellanmanufaktur Fürstenberg, der als Deserteur und entflohener Kriegsgefangener gleich von zwei Parteien gejagt wird) ins neutrale Blankenburg in Sicherheit. Ganz am Schluss, als der Krieg aus, das Liebespaar verheiratet ist und Kinder hat und gewissermaßen die Idylle zu ihrem Recht kommt, wird noch erklärt, warum die Wackerhahnsche ihren Turm nicht verlassen hat und den drängenden Einladungen, ins warme Haus zu ziehen, nicht folgen konnte:


    Sie haben noch lange so ihr zugeredet, – Pastor Holtnicker und Pastor Emanuel Störenfreden aus Derenthal auch. Letzterer, was das Einander-einen-Gefallen-tun anbelangt, in wenn auch milderen, so doch ebenso bewegten Worten wie seine Frau Tante, die Pastorin von Boffzen. Es hat aber alles nichts gefruchtet: die Wackerhahnsche hat nicht aus ihrem Turm herab ganz zu den anderen Menschen zurückkommen und mit ihnen nach Menschenart leben wollen und – können.


    Den eigentlichen Grund hat sie, nicht lange vor ihrem Tode, im Jahre Siebzehnhundertachtundsechzig, dem auch von ihr angenommenen Kinde, unserem Bienchen aus dem Boffzener Pfarrgarten, der jungen Madame Wille gesagt:


    »Es ging nicht! es ging bei dem besten Willen nicht, mein Herz! Nicht die Welt, nicht ihr Jungen, nicht die Alten waren schuld daran – deine Kinder, deine kleinen armen Kinder sind's gewesen, Immeke! […] Ihr ginget an eurem Myrtenstab, ich mußte an dem in meiner Hand weiter, und der war zu scharf mit Eisen beschlagen und zu oft in Blutlachen niedergestoßen worden, als daß ich ihn hätte am Großmutterstuhl in der Kinderstube – in eurer Kinderstube absetzen können. Die Försterin aus dem Barwalde, die Hexe aus dem Landwehrturm, die nie ein Kind auf dem Arm getragen, nie eines gewaschen, getrocknet, gekämmt, gefüttert hatte, was für Großmuttergeschichten hätte die deinen Kindern zu erzählen gewußt, Immeke? Blut an den Schuhen, Blut hoch am Rock hinauf – wie hätte die Wackerhahnsche in einen Großmutterstuhl am Winterofen mit ihren Geschichten gepaßt? Vor deinen Kindern habe ich Angst gehabt; denn ich habe in ihre Augen gesehen, wenn sie zusammengefahren waren vor einem Wort, vor einem Fluch von der alten Frau, die sie nach eurer Liebe und Güte auch Großmutter nennen sollten, wie ihre richtige, die Frau Pastorin! Für eure Liebe und Güte habt Dank; doch mich müßt ihr lassen, wo ich bin. […]«


    Der ganze Roman ist ausgesprochen komplex.

    War mir doch so, als hätten wir zu Raabe einen eigenen Strang …


    Ich hab mal ein wenig in meinen Raabe-Bänden geblättert und bin da in einer Hastenbeck-Ausgabe auf eine Notiz gestoßen, die ich wohl vor gut 30 Jahren da reingekritzelt habe:


    One could compose a substantial and satisfactory textbook of narrative technique and point-of-view theory with no other resources than Raabe’s body of fiction.


    Wenn ich meiner Quellenangabe glauben darf, dann steht das in Jeffrey L. Sammons’ "Wilhelm Raabe. The fiction of the alternative comunity" (Princeton 1987) auf S. 174 ;-).


    Besagte "Hastenbeck"-Ausgabe ist übrigens seinerzeit bei Insel erschienen (außerhalb der 10bändigen TB-Ausgabe) (1981, it 563). Herausgeber ist Karl-Jürgen Ringel, der auch ein informatives Nachwort beigesteuert hat. Ein Abschnitt hat die schöne Überschrift:


    "Langeweile" als Anspruch und Barriere – oder von der Mühe, Raabe zu lesen


    Falls einem das Bändchen mal antiquarisch über den Weg laufen sollte: zugreifen, lohnt sich.


    (Ich lese übrigens eine derzeit eine andere Einzelausgabe: Aufbau, Berlin, Weimar 1985, hg. v. Peter Goldammer - in der hab ich nichts angestrichen, liest sich angenehmer, als wenn mir da dauernd ein früheres Ich dumm dazwischenquatscht ;-))

    Ja, die "Chronik" ist ein ganz erstaunlich gutes Buch für einen Erstling. Raabe kommt auch im Spätwerk gelegentlich darauf mit Anspielungen zurück.


    Die Neuauflage von Deutscher Mondschein hab ich mir natürlich schon notiert, ich zögere noch, weil ich "eigentlich" keine Bücher mehr kaufe :-).

    "Stopfkuchen" ist ein großartiger Roman, aber als Einstieg imho etwas sperrig :-). Andererseits - "leicht" macht es einem der späte Raabe eigentlich nie. Vielleicht am ehesten noch "Pfisters Mühle", das ist einer der ersten Romane über Umweltzerstörung durch die Industrialisierung. Oder "Im alten Eisen", ein für Raabe eher untypischer Großstadtroman. Oder "Fabian und Sebastian", ein etwas unbekannterer Roman von ihm (den ich jetzt gar nicht so einfach zusammenfassen könnte und es also lasse ;-)). "Unruhige Gäste" und natürlich "Die Akten des Vogelsang" (einer der tieftraurigsten Romane, die ich kenne).


    Blöderweise gibt es von Raabe derzeit im Buchhandel kaum etwas (diverse BoD-Ausgaben, aber zu denen würde ich nicht greifen). Bei MobileRead hat "brucewelch" sämtliche Werke in einer guten E-Book-Ausgabe veröffentlicht. Antiquarisch bekommt man vielleicht noch die 10-bändige Ausgabe, die vor gut 35 Jahren bei Insel erschienen ist und eine gute Auswahl aus dem gesamten Werk bietet (natürlich mit Schwerpunkt auf das Spätwerk).


    Gerade mal nachgeschaut: Reclam hat "Stopfkuchen" und "Pfisters Mühle". Immerhin ;-)


    Wovon ich dringend abrate ist der "Hungerpastor". Der hat starke Passagen, ist aber, so alles in allem, eher übel antisemitisch. (Davon hat sich Raabe dann glücklicherweise befreit.)

    Eckhard Henscheid: Trilogie des laufenden Schwachsinns.

    Stimmt, das hab ich ja auch noch auf dem Zettel – ich wollte mindestens "Geht in Ordnung" und "Maria Schnee" noch mal lesen. (Kürzlich bin ich da bei Twitter über ein (angebliches?) Schopenhauer-Zitat gestolpert, dass es doch schön wäre, wenn man mit den Büchern auch gleich die Zeit kaufen könnte, um sie zu lesen.)

    In der letzten Zeit bin ich ja von Proust auf Raabe umgeschwenkt, aktuell lese ich mit "Hastenbeck" seinen letzten vollendeten Roman, zuvor hab ich "Vom alten Protheus" und "Kloste Lugau" gelsesen.


    "Protheus" (1875) erzählt mit viel Ironie und Satire eine kitschige Liebesgeschichte nach allen Regeln der Kolportage und mit einer kräftigen Prise literarischer Romantik (die zentrale Figuren sind ein Einsiedler und zwei Gespenster). Wobei: "erzählen" kann man eigentlich gar nicht sagen, es wird letztlich gar nichts erzählt, sondern es werden Bausteine und Versatzstücke aneinander geklebt und so etwas wie Handlung simuliert. Dauernd mischt sich der Erzähler ein, reflektiert über seine Figuren und seine Geschichte. Die Erzählung ist das Schlussstück der "Krähenfelder Geschichten", in denen Raabe gewissermaßen sein gesamtes bisheriges Erzählen auf den Prüfstand legt, seine typischen Motive und Themen durchprobiert und eine sehr doppelbödige Erzählstrategie entwickelt. Das ist alles ziemlich vertrackt - und im Falle von "Protheus" auch ziemlich lustig (wobei der durchaus ernste Unterton über die "Angst in der Welt" und die ziemlich deutlichen Verweise auf Schopenhauer nicht übersehen werden sollten).


    "Kloster Lugau" (1893) ist dann ein spätes Werk, eines seiner letzten (es folgen nur noch die unglaublich guten "Aken des Vogelsang", besagtes "Hastenbeck" und das Fragment "Altershausen"). Was beim Protheus noch gewissermaßen im Experimentierstadium ist, ist hier voll entwickelt. Ein sehr souveräner Erzähler und eine sehr verzwickte Erzählweise, die über viele Umwege zum Ziel kommt. Das erste Kapitel ist bei der ersten Lektüre vermutlich völlig unverständlich (und es ist schon ziemlich mutig von Raabe, so zu beginnen). Da wird auf Zurückliegendes verwiesen, das noch gar nicht erzählt wurde (und auch nicht erzählt werden wird, das muss man sich zusammenreimen), es wimmelt von Zitaten, Symbolen und Anspielungen, die vorerst unverständlich sein müssen etc. Vordergründig wird eine recht banale Liebesgeschichte erzählt, die zwar ihren humoristische Reiz hat, aber den erheblichen erzählerischen Aufwand nun dann auch nicht unbedingt benötigt.


    Eine zweite Erzählschicht widmet sich der Entwicklung Deutschlands. Der Deutsch-Dänische Krieg von 1864 und der Deutsche Krieg von 1866 liegen in der Vergangenheit der Figuren, Handlungszeitraum des Romans ist Ende 1869 bis Oktober 1870 (also in die Anfangsmonate des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/1871). Die Daten werden anfangs mit eher leichter Hand eingestreut, im Verlauf wird die Handlung immer präziser datiert bis zum Tag der Mobilmachung, dem 16. Juli 1870. Der Roman bricht mitten im Krieg ab und lässt den Leser im Ungewissen über das weitere Schicksal der Figuren. Der Erzähler lässt aber kaum einen Zweifel daran, dass ihm die Entwicklung Deutschlands nach dem gewonnen Krieg von 70/71 überhaupt nicht zusagt. Der Bösewicht ist hier ein Dr. Scriewer, ein Schleimer und Opportunist vor dem Herrn, ein übler Karrierist, der über Leichen geht und der im Krieg groß rauskommt (natürlich von einer sicheren Position aus (man könnte da noch mal genauer nach Teufelsanspielungen schauen, mir ist so, als gäbe da ein, zwei Hinweise – aber da mag ich mich irren).


    In einer dritten Schicht reflektiert der Erzähler über sein Erzählen, arbeitet mit Zitaten und stellt diese Zitate auch wieder in Frage. So wimmelt es etwa von Hamlet-Zitaten, die aber alle nicht so recht passen und eine der Figuren sagt auch explizit, diese Klassikerzitate seien ein Mäntelchen, das sich die Leute gern umhängen und "für ihre menschlichen Stimmungen gern anderer Leute Bilder und Worte gebrauchen".


    Hinzu kommt ein dichtes Symbolgeflecht, etwa ein Atlas, der die Welt nach Mercator zeigt - die Mercator-Projektion zeigt die Welt nicht nur verzerrt, sondern Mercator heißt auch "Kaufmann". Aber dem Motiv müsste ich noch mal genauer nachgehen, es ist mir nur aufgefallen, wie oft das eingestreut wird.


    Jedenfalls: Ich habe den Raabe-Abstecher nicht bereut. Und an "Kloster Lugau" hatte ich praktisch keine Erinnerungen mehr.


    Nachtrag: Eines der zentralen Motive des Romans ist natürlich der Gegensatz "Stadt" - "Kloster" bzw. "Säkulum" - "Kloster", wobei "Säkulum" wiederum ein Signalwort bei Raabe ist, das in den verschiedensten Zusammenhängen auftaucht, auch in Roman-Titeln wie "Unruhige Gäste. Ein Roman aus dem Säkulum". Und dass das Kloster den Krieg nicht unbeschadet übersteht (und also Weltabgeschiedenheit nicht hilft) ist auch klar, gegen Ende müssen alle Nonnen das Kloster verlassen. Aber das führt jetzt alles wohl etwas zu weit ;-).

    Und bevor ich mit Bd. 3 beginne, lese ich mal was gánz anderes: Wilhelm Raabe, Vom alten Protheus.

    Ich hab dann gleich mit "Kloster Lugau" weitergemacht (an dieses vertrackte Stück hatte ich kaum noch Erinnerungen) und überlege jetzt, ob ich mich wieder Proust zuwende oder noch ein Weilchen bei Raabe bleibe. Es gibt da noch so ein paar Stücke, die ich mal wieder lesen sollte: Fabian & Sebastian, Hastenbeck, Odfeld, Lar, Gutmanns Reisen, Unruhige Gäste … Hm.

    An die Karl-May-Szene und ihre gelegentlich ins Abstruse kippende Versuche, Mays Romane als eine koheränte Erzählwelt zu lesen, musste ich da auch denken :-).


    Ein anderes Beispiel sind die verschiedenen Versuche, den Tag, an dem "Zettel's Traum" spielt, zu bestimmen. Das geht wohl auch nicht widerspruchsfrei.

    Ich hab ja ganz vergessen, etwas zu Bd. 2 der Proust'schen "Suche" zu schreiben ;-). Dafür hab ich etwas länger gebraucht als gedacht, weil ich zwischendrin einige Wochen (außer ein wenig Fachliteratur) gar nichts gelesen habe. Ts. Hier also mal ein paar Eindrücke, kreuz & quer notiert.


    Nachdem Bd. 1 überwiegend in der Zeit vor der eigentlichen Romanhandlung spielt – Eine Liebe von Swan ist gewissermaßen die Vorgeschichte –, führt Bd. 2 die Chronologie weiter und widmet sich den ersten amourösen Verwirrungen des Erzählers und seinem Sommeraufenthalt im fiktiven Badeort Balbec in der Normandie (dem wohl Cabourg als Vorbild diente), den der (immer noch namenlose Erzähler) zusammen mit seiner Großmutter und der Bediensteten Françoise besucht. Wie lang er dort bleibt, wird nicht erwähnt, aber es müssen mehrere Monate sein.


    Was übrigens auch gleich wieder anzeigt, dass die Gesellschaft, die da beschrieben wird, ein Problem garantiert nicht hat: Geld. Überhaupt arbeitet da niemand, konkrete bürgerliche Berufe werden am Rand erwähnt, spielen aber (bislang) keine Rolle. Immerhin: es gibt eine Szene, in der der Ich-Erzähler durch das Hotelfenster die an diesem Fenster vorbeigehenden Arbeiter und Arbeiterinnen erwähnt, die auf dem Weg in die/eine Fabrik (oder ähnliches) sind. Und da fällt ihm ein, dass sie ja nicht nur an den Fenstern vorbei gehen, sondern sie auch einwerfen könnten, wenn's hinter den Fenstern vielleicht zu protzig hergehe.


    Dass die meisten Personen dem gehobenen, finanziell saturierten Bürgertum angehören, aka: einer bestimmten sozialen Schicht wo nicht Klasse angehören, die nach unten (und auch nach oben) nur sehr bedingt durchlässig ist, führt natürlich auch dazu, dass praktisch jeder jeden kennt, und sei es um drei Ecken oder weil man jemanden kennt, der jemanden kennt – man bewegt sich halt in seiner Schicht.


    Wie der Titel "Im Schatten junger Mädchenblüte" schon andeutet, geht es hier vor allem um die (jugendlichen) Befindlichkeiten des Erzählers. Um die geht es zwar immer, aber in Bd. 1 kamen ausführliche, satirisch eingefärbte Beschreibungen des gesellschaftlichen Treibens in den Salons, Theatern etc. dazu, die hier – bis auf einige wenige Beschreibung der anderen Badegäste und des Hotelpersonals – eher in den Hintergrund treten.


    Der Titel selbst erschließt sich erst relativ am Ende des Romans, wo sich der Erzähler so seine Gedanken über den Reiz junger Frauen / Mädchen macht und sie u.a. mit Blüten vergleicht. Er trudelt ein wenig arg selbstverliebt um seine Gefühle für allerlei Mädchen, es gibt ein paar ganz amüsante typisch pubertäre Verwirrungen, diverse Gedankenspiele und Pläne, um ein bestimmtes Mädchen zu treffen (die dann billigerweise fehl schlagen oder er auf gänzlich anderen Wegen zum Ziel kommt). Der Versuch, ein Mädchen zu küssen klappt natürlich auch nicht. (Und es ist natürlich sensationell, wenn man mal einen unbekleideten Arm zu sehen bekommt oder der Hals etwas sichtbarer ist als normalerweise.)


    Es gibt nur sehr wenig Hinweise auf zeitliche Einordnung, es werden eher nebenbei zeitgeschichtliche Eckpunkte genannt (Dreyfus z.B. oder dass ein bestimmtes Bild einer der zentralen Figuren 1872 (oder so) gemalt wurde). Aber da hat die Proustforschung natürlich für Abhilfe gesorgt und diverse Versuche unternommen, die Chronologie des Romans aufzudröseln. Ich geb mal ein paar Daten nach Fischers "Handbuch" (das Buch selbst habe ich nicht, aber ein Bekannter hat mir freundlicherweise die Seiten eingescannt):


    1879/1880: Eine Liebe von Swann

    1880: Geburt des Erzählers (andere Forscher: 1878)

    1890: Der "Combray"-Teil von Bd 1

    1895: Ich-Erzähler & Gilberte (Tochter von Swann)

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    1895–1897: Bd 2

    Mitte August bis (mind.) Mitte Oktober: Balbec

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    Allerdings springt der Erzähler mitunter zwischen den Zeiten hin und her (es gibt zB immer mal wieder Verweise auf spätere Ereignisse, dass man noch sehen werde, wie wichtig dies und das gewesen sei etc.). Zudem erlaubt sich Proust verschiedene Anachronismen (und in späteren Teilen wohl auch ziemlich drastische, die zu Diskrepanzen von mehreren Jahren führen und eine widerspruchsfreie Chronologie unmöglich machen – aber da bin ich noch nicht :-))


    So.


    Und bevor ich mit Bd. 3 beginne, lese ich mal was gánz anderes: Wilhelm Raabe, Vom alten Protheus.

    Gerade hab ich ein hübsches Stanislaw-Lem-Zitat gelesen, das ich einfach mal hierher setze:


    1. Keiner liest.

    2. Wenn einer liest, versteht er’s nicht.

    3. Wenn einer liest und er versteht’s, vergisst er’s gleich wieder.


    Gilt jedenfalls für mich …

    Och, in meinen wilden Lesejahren hab ich auch so um die 100 pro Jahr gelesen. Aber das ist sehr lange her :-). 2020 waren es so um die 40, da waren dann teilweise auch sehr dicke & komplizierte Dinger dabei (Schule der Atheisten, Abend mit Goldrand, Julia), aber auch viel Krams von May, Verne, Kästner oder diese fürchterlichen "Geheimnisse von Paris". Dieses Jahr wird's vor allem Proust sein (gerade mal geschaut, begonnen hab ich Anfang Juli und hab jetzt erst, nach schändlichen langen Pausen, in denen ich gar nichts gelesen habe, weder Proust noch sonst irgendwas, die "Mädchenblüte" durch).

    Mir erscheint das hier eher in der Art einer Reiseplanung.

    Ich bin mit meiner Liste ja grandios gescheitert, weil ich da schon so ab März auf Abwege geraten und dann irgendwann bei Proust gestrandet bin, bei dem ich jetzt bleibe und der mich noch ein paar Monate beschäftigen wird :-). Am Ende ist es mir auch egal, auf welchen verschlungenen Pfaden ich dann bei diesem Roman gelandet bin. Der gehörte zu den Beständen in meinen Regalen, von denen ich dachte, dass ich sie in diesem Leben wohl nicht mehr angehen würde. So kann man sich täuschen …


    Aber Stichwort "Stress" und "Challenge": den gibt es bei der Lektüre ja durchaus auch, nicht hier, aber anderswo. Bei LinkedIn erzählte jemand stolz, dass er jetzt genug davon habe, seine Zeit mit Social Media und ähnlichen Kram zu vergeuden und statt dessen Bücher lese. Der hat dann scheint's eine Art Hochleistungssport daraus gemacht und 150 Bücher im letzten Jahr gelesen. Es bekam dafür viel Zustimmung und postete auch eine Liste der von ihm gelesenen Bücher (eine ganz und gar fürchterliche Ansammlung von Titeln, die ich nicht mal mit der Zange anfassen würde). Das klang mir alles eher zwanghaft und schien mir mehr Symptom als Lösung. Aber mei, soll's wohl auch geben. "Lesen" ist, wie so vieles, jedenfalls nicht per se "gut".

    Ich habe für die verlorene Zeit drei Jahre gebraucht, da bist du richtig gut. Aber ich brauchte damals auch viele Bücher als Erholung dazwischen, vor allem bei den Bänden mit Albertine im Mittelpunkt. Die ersten drei Bände fand auch ich teilweise sehr witzig und gut zu lesen.

    Meine längste Lesedauer waren mal 2,5 Jahre für Zettel's Traum … Vor "Die Gefangene" und "Die Entflohene" graut's mir jetzt schon, darüber liest man ja eher selten etwas Gutes. Aber erstmal muss ich soweit kommen ;-) -- und wie's der Teufel will, bin ich prompt in den letzten Tagen überhaupt nicht zum Lesen gekommen. Naja. Wenn ich Ende des Jahres damit durch bin, will ich’s zufrieden sein – Lektüre ist ja kein Wettbewerb, wer am schnellsten lesen kann oder wer am meisten Bücher gelesen hat.

    Naja, 3 Wochen für 600 Seiten find ich jetzt nicht schnell. Wobei sich das Lesetempo erhöht, je mehr ich gelesen habe. Prousts Tonfall braucht wohl einfach etwas Übung.

    Ich komme nur langsam voran

    ich hab das gerade mal überflogen – wenn ich in dem Tempo weiterlese, werd’ ich wohl den Rest des Jahres damit beschäftigt sein. Hm. Eine Entscheidung, für etwas ist halt auch immer eine gegen etwas anderes …

    Kleiner Zwischenbericht in der Pause zwischen "Swanns Welt" und "Mädchenblüte": Ich komme nur langsam voran, aber das liegt nicht an Proust, sondern an mir – der Roman hat imho regelrechte Schmökerqualitäten, verlangt aber auch Aufnahmebereitschaft und Konzentration bei der Lektüre. Man muss in der richtigen Stimmung sein, um sich von den weit ausladenden Satzgebilden tragen zu lassen.


    Was mich überrascht hat: Proust kann sehr komisch sein, das hatte ich jetzt nicht erwartet. Bei "Eine Liebe von Swann" musste ich mehrfach lachen, nicht nur über die Dialoge und das Gehabe des gehobenen Bürgertums, das Proust ebenso minutiös wie satirisch mitprotokolliert, sondern auch über das Gefühlsdurcheinander von Swann. Aber das ist wohl eine Frage des Alters – mit 20 oder so hätte ich vermutlich viel identifikatorischer gelesen als jetzt mit 60 … Es ist ein wenig bedauerlich, dass mir da jetzt der Vergleich fehlt, ich kann das nur aus den Lektüreberichten anderer Leser:innen schließen. Aus dem hier z.B.:


    Die Wahrnehmungen, Erlebnisse, die Leidenschaft Swanns für Odette, die Ängste, die Selbstqual und Eifersucht, die Seligkeiten: Das alles kannte ich!

    https://tell-review.de/schattenlektuere/


    Alles richtig. Aber mit 60 kennt man das nicht nur, sondern hat auch genügend ironische Distanz zu sich selbst, um die Komik zu erkennen. Oder sollte sie haben …


    Überraschend auch, dass es (bislang) eigentlich keine sympathischen Figuren gibt (also jedenfalls keine, die mir sympathisch wären), der Ich-Erzähler ist ein weinerlicher Hypochonder, das übrige Personal ein Haufen snobistischer Deppen. Der Ton des gesamten Romans scheint mir bei aller Intimität seltsam distanziert und gänzlich unempathisch, fast schon klinisch.


    Na, mal sehen, wie das weiter geht :-)