Beiträge von Volker

    Lieber Newman, das ist jetzt SEHR interessant und stellt fuer mich die Bruecke her zur Unterhaltung mit meinem Sohn: Sicher liegt vieles im Auge der Bertrachters. Berlin ist aber nicht gleich Berlin. Wenn man Flaneur liest, denkt man an den Kurfuerstendamm und Unter den Linden. Ich bin ja bisher jedes Jahr mindestens einmal in Berlin und besuche bewusst mehrere Stadtteile. Auf dem Ku-Damm war ich seit vielen Jahren mal wieder. Damals schien er mir im Niedergang wegen des (Wieder-) Aufstiegs der alten Mitte. Voriges Jahr war ich ueberrascht ueber die Eleganz, Gepflegtheit und die Unberuehrtheit von allen negativen Veraenderungen. Mein Sohn lebt im Wedding und auch sonst nicht auf der Sonnenseite. Er ist hier in der Pfalz aufgewachsen und charakterisiert die Pfaelzer zutreffend als etwas grob und direkt "aber nicht boesartig", ich wuerde sogar soweit gehen zu sagen: Die Pfaelzer sind tolerant (ich bin kein Pfaelzer, stamme aus dem Westerwald). Er sagt, dass aus seiner Sicht "die Intergartion hier gelungen" sei. Ob das ganz so zutrifft, lasse ich mal dahingestellt. Tatsache ist, dass hier die unterschiedlichsten Bevoekerungsgruppen recht gut miteinander auskommen. Das Wasserpfeifenlokal schraeg unter unserem Balkon scheint eine angesagte Adresse zu sein. Es gehen auch viele jugendliche Deutsche beiderlei Geschlechts rein oder sitzen bei schoenem Wetter zusammen mit den Molems draussen, Ich muss den Leuten das Zeugnis ausstellen, dass sie keinen oder kaum Laerm machen. Das war, als es noch ein Cafe war, anders. Eine zeitlang hat mein Sohn in Frankfurt gelebt und ist auch dort mit Leuten aus anderen Kulturkreisen - nicht aus der Oberschicht - zusammengekommen. Er sagt, dass auch dort das Zusammenleben geklappt haette, wenn man beachtet haette, dass man sich "vor Albanern in acht nehmen" muesse. Berlin sieht er in einer haerteren Kategorie mit grossen Unterschieden: "Die Syrer, das sind ganz oft gebildete Leute, die kann man als vornehm bezeichnen, aber wat soll ein junger Syrer machen, der in ner bestimmten Gegend im Wedding landet? Der geht dann vielleicht mit den Libanesen, weil die Kohle haben (in deren Hand liegt dort der Drogenhandel). Es muss in Berlin eine ziemliche Ablehnung in der Unterschicht gegenueber "den Auslaendern" geben. Die muss besonders ausgepraegt bei denen sein, die aus dem Osten kommen. Mein Sohn: "Mir hat mal einer erzaehlt, als ick nach dem Mauerfall rueberkam, det warn Schock fuer mich mit den vielen Auslaendern, ick kann mer noch jenau an meinen ersten Tuerken erinnern...." (dabei gab es ja damals kaum Auslaender). Mein Sohn hat ihn auf die Vietanmesen und andere Auslaender in der ehemaligen DDR angesprochen und sagt, dass sein Gespraechspartner kaum die Aehnlichkeit des "Problems" erkennen konnte. Wie schon mehrfach bemerkt, ich bin wider Willen von der Maron infiziert worden. Mich laesst auch vieles, weil hier alles ganz gut laeuft, unberuehrt, aber wenn ich weiterdenke und die Linien in die Zukunft verlaengere, bin ich ueberzeugt, dass es nicht gut ausgehen kann. Daran haben wir moeglicherweise einen gleich grossen Anteil wie "die Auslaender". Es kam in den Anfaengen auch schon haeufig vor, dass Auslander "augegrenzt" wurden. Irgendwer hat hier mal zutreffend geschrieben, dass vieles auch ein Schichtenproblem war und ist. Es kamen halt, besonders als die tuerkischen Arbeistkraefte angeworben wurden, nicht so viele "gutausgebildetet Leute". (Ich habe aber den Eindruck, dass viele Toechter dieser Tuerken der ersten Generation sehr tuchtig und ehrgeizig waren und einen "Aufstieg" geschafft haben). Mein Sohn denkt auch, dass es ein Fehler war, Erdogan keine Perpektive fuer Europa aufzuzeigen; ich denke, da ist was dran. Tatsache ist, dass ich hier seit Erdogan seinen nationalistisch-autokratischen Kurs faehrt, ein anderes Verhalten der Tuerken feststelle. Ein ganz grosses Problem ist ja auch, wie schon mehrfach hier erwaehnt, dass die Leute ihre Konflikte mitbringen und hier austragen (Tuerken-Kurden, Sunniten-Shiiten usw.). Vielleicht schreibt ja auch Kramzin mal wieder etwas und/oder Zefira hatte nicht auch mal Gontscharow hier etwas geschrieben(?).

    zuerst muss ich meine Gedanken etwas ordnen. Mein Sohn aus Berlin war hier und dann gab es ia den grossen Artikel im Spiegel. Beides bringe ich noch nicht so zusammen. Chaos in meinem Kopf. Ich habe die Absicht, hier in den nächsten Tagen nochmal was zu schreiben.

    Mittlerweile hab ich das Buch zum zweiten Mal, diesmal in Ruhe, gelesen. Es stimmt, das Buch ist in einen sehr guten, praezisen, lakonischen Stil geschrieben. Was ich bemaengelt hatte, naemlich dass die Autorin mit ihrem Hauptanliegen zu frueh herausgerueckt sei, hatte ich zu unrecht kritisiert: Sie strebte keine langsame Steigerung oder Entfaltung an sondern sie hat - so wie ich es sehe - einen Teppich gewebt, in dem miteinander verknuepfte Faeden und Farben mal hinten mal vorne sichtbar sind: Die Saengerin, der Dreissigjaehrige Krieg, die Droste, die Kraehe, und immer wieder, gleichsam in Signalfarben, die von ihr als bedrohlich empfundene Situation durch Religionen, insbes. Islamismus, Fluechtlinge, Afrikaner usw. Das ist es, was Karamzin und dann auch mich so getroffen hat. Das ("Sach"-) Buch von Sarrazin habe ich nicht gelesen (ich stand "auf der anderen Seite"), aber ich bin sicher, es haette mich nicht beeindruckt. Der Maron ist es mit ihrem eindringlichen literarischen Werk, das aufs Gefuehl zielt, (fast?) gelungen. Vorher habe ich mir das nicht eingestanden, jetzt habe ich das deutliche Gefuehl: Das alles geht nicht gut aus.

    Iris Radisch kann ich nicht ganz recht geben. Das, was die Maron umtreibt, kommt doch ziemlich unverbluemt raus. Ich reihe die Kernstellen hier mal aneinander (das sind die im Vordergrund sichtbaren Faeden in Signalfarben):

    S. 12: "........dass es in Europa je wieder einen Krieg geben koennte, dass unser gutes Leben ein Ende haben koennte, dass afrikanische Stammes- und Religionskriege in Deutschland einziehen koennten. Und jetzt war der Krieg sehr nah......"

    S. 45: "Einige Stunden zuvor hatte ich gelesen, dass im Irak wieder einmal eine amerikanische Geisel von islamischen Terroristen enthauptet worden war." (Volker: Sie schreibt islamischen, nicht islamistischen)

    S. 55: " vieles sieht wie Vorkriegszeit aus, stand da als unuebersehbare Zwischenueberschrift in dem Artikel eines auf Kriege spezialisierten Historikers."

    S. 56: " Je laenger ich darueber nachdachte, umso sicherer war ich, dass es auch mit unserem Frieden in naechster Zeit vorbei sein wuerde, In jedem Aufsatz, in jedem Cicely- Kapitel" (Volker: Cicely Wedgwood ueber den dreissigjaehrigen Krieg) "fand ich Parallelen zu unserer Zeit, zu unserer Vorkriegszeit: die kreuz und quer laufgenden Fronten und Interessen, die religioes verbraemten Herrschaftskaempfe, wechselnde und undurchschaubare Buendnisse, und diese archaische Grausamkeit, die ploetzich wieder in unsere befriedete Welt eindrang....."

    Einschlaegige Stellen auch auf S. 66 und 73.

    S. 86 bis 88: "Vor einiger Zeit hatte ich den Artikel eines Wissenschftlers gelesen, der die Gefahr gegenwaertiger Kriege vor allem in den ueberzaehligen Soehnen armer, dafuer bevoelkerungsreicher Laender sah. Diese jungen Maenner, obendrein sexuell frustriert, weil ohne berufliche Zukunft nicht heiratsfaehig, wuerden wie Dynamit in einer Gesellschaft wirken, in der sie sich erobern muesten, was Ihnen verwehrt sei. Entweder wuerden sie kriminell oder erfaenden sich eine Theorie zu einer gerechten Gesellschaft, mit der sie das Toeten aller, die sie zu Feinden erklaerten, rechtfertigen koennten. Mir", so Monika Maron, "erschien diese Theorie logisch zumal er (der Professor) sie mit ueberzeugenden Zahlen belegen konnte." (Anmerkung von Volker: Diese These glaubt das "Berlin-Institut fuer Bevoelkerung und Entwicklung" widerlegen zu koennen. Das ueberzeugt mich allerdings nicht. Ich neige eher zur Ansicht des Professors der Maron). Weiter im Text: ".......Ploetzlich spuerte ich meinen Herzschlag, schnell und heftig, als haette mein Herz schon erkannt, was sich in mir erst muehsam als Gedanke formte: dass nichts vorbei war, dass die Gewalt, Rohheit Dumpfheit auch uns wieder erobern koennte, dass das Aelteste auch das Neueste sein koennte, und die Menschen in tausend Jahren an uns denken wuerden, wie wir an die Maya, die alten Aegypter oder Roemer. Klopfte diese Angst nicht laengst in meinem Kopf, wenn ich die abweisenden Gesichter der kopftuchtragenden Frauen sah, die sich selbst in unserer Gegend mit jedem Tag, wie mir schien, vermehrten; oder wenn ich ihren Maennern auf dem Gehsteig ausweichen musste, weil ich fuerchtete, sie wuerden mich sonst ueber den Haufen rennen;" (Anmerkung von Volker: Das kann ich bisher fuer unseren Ort so nicht bestaetigen, viele sind ausgesprochen hoeflich und charmant). Weiter im Text (S.88): "War es nicht so, dass die hundert Millionen Soehne uns laengst den Krieg erklaert hatten und wir glaubten immer noch, sie liessen sich beschwichtigen oder wir koennten sie besiegen?" (Volker: Das fange ich allerdings langsam auch an zu denken. Verwunderlich waere es nicht. Ursachen m.E.: 1.) s. oben ueberzaehlige Soehne, 2.) Islam m.E. schwer kompatibel mit saekularem,demokratischen Rechstsstaat westlicher Machart, 3.)Minderwertigkeitskomplex bei gleichzeitiger Ueberheblichkeit, wegen technischer Rueckstaendigkeit gegenueber dem Westen, aber auch gegenueber fernoestlichen Laendern).

    Ein interessantes, gut geschriebenes Buch, dessen Sog ich mich aber nicht ausgesetzt haette, wenn ich geahnt haette, wie es auf mich wirken wuerde. (Aber das ist halt die Unberechenbarkeit der Wirkung von finsburys, bzw. Kafkas Axt...)

    Diese Passagen haben Thomas Mann ja auch so beeindruckt und sind heute wieder aktuell. Das Komplizierte ist nur, dass solche Dinge immer in anderen Gewaendern auftauchen und schwer oder gar nicht vergleichbar sind (vgl. z.B. Munin).

    Das Bild ist wirklich ganz grossartig. Die Szenen in den "Wolken" herrlich. DANKE!

    DQ-Bild in der Bank in Barcelona. Hallo Zefira, ich bin ja immer wieder voellig geplaettet, was selbst ich, der ich alles andere als ein Nerd bin, so alles aus dem Internet herausfischen kann. Meinst Du nicht, wenn Du Bank (Vielleicht weisst Du ja noch welche, oder kannst es googeln?), Barcelona, Plakat und DQ "irgendwie" eingibst, dass Du das wieder hervorholen kannst? Dazu wuenscht Dir jedenfalls viel Glueck! Volker

    Newman, das Radischzitat hat mich bewogen, das Buch nochmal IN RUHE zu lesen. Beim ersten Mal habe ich es verschlungen und nur auf den Inhalt geachtet. Jetzt hab ich zwar gerade erst wieder angefangen, aber ich fange an, zu verstehen, warum ihr Stil gerühmt wird. Mal sehen. Was mir aber wieder gegen den Strich gegangen ist, ist, dass sie auf Seite 11 die (Haupt-) Katze schon aus dem Sack lässt.

    Vielen Dank, Newman!, aber leider bin ich trotz Hoergeraeten in jedem meiner beiden Ohren offenbar so schwerhoerig, dass ich der interessanten Unterhaltung nicht folgen kann (laut genug hoere ich alles, aber verstehen tue ich nur wenig).

    Was ich aber verstanden habe, ist, dass auch die Diskussionsteilnehmerin, die ganz rechts sitzt, der Maron einen brillianten Stil und noch einige andere literarische Qualitaeten bescheinigt. Vielleicht fehlt mir da irgendeine Antenne, aber ich bleibe dabei, dass sie ihre Angst nicht "entwickelt", sondern sie legt den wahren Kern ihrer Angst schon ganz am Anfang sozusagen "auf den Tisch" (S. 11) und gibt sich dann Muehe, das wieder in die "Flasche zu kriegen" und langsamer zu entwickeln. Ich kann das nicht so gut formulieren wie Ihr, aber ich versuche es nochmal mit anderen Worten: Auf Seite 11 zeigt sich deutlich, worauf bei ihr alles hinauslaeuft (sie hat naemlich gar kein Chaos im Kopf!) und dann wirft sie Nebelkerzen, um den Eindruck zu erwecken, als sei ihr die Erkenntnis, dass die massive Zuwanderung ihr Angst macht, durch die Beschaeftigung mit dem 30 jaehrigen Krieg, die Saengerin usw. erst nach und nach gekommen. Ich sehe es so, dass sie ihre Befuerchtungen, die ich gut verstehen kann, nicht so unverpackt auf ihre Mitbuerger loslassen wollte, vermutlich auch deshalb, weil sie nicht sofort in die Sarrazinkiste gesteckt werden wollte(???). .....ist eben Literatur....

    Hab mich gefreut, dass es weitergeht, aber wir sollten uns weiterhin der Zivilisiertheit befleissigen.

    Nachtrag: Euch beide schaetze ich noch mehr, seit ich gelesen habe, was Ihr zur Romantik und Safranski schreibt. Was mich wundert, ist, dass Sandhofer und Ihr und auch Peter (Vult) so weit auseinanderliegt. "Geschmack" allein kann das doch gar nicht sein(?). Peter zitiert das wunderbare Eichendorff-Gedicht (um es gegen Safranski zu "verteidigen?" Ich habe noch nichts von Safranski gelesen, aber ein kluger Freund von mir schaetzt ihn sehr, )

    Wir kommen ja vom Hoelzchen aufs Stoeckchen, aber interessant ist das allemal! Nochmal Danke an Euch beide!!!, auch dass alles bisher noch zivilisiert ablaeuft. Langsam bekomme ich aber Bedenken und da fragt es sich, ob wir unsere Unterhaltung bald schliessen(?). Falls das mit der privaten Konversation funktioniert, koennten wir uns ja "privat" weiter schreiben(?), zumal wir uns von dem Buch, jedenfalls der direkten Beziehung dazu, immer wieder entfernen. Natuerlich haengt alles mit allem zusammen. Mit dem RICHTIGEN Zitieren das habe ich immer noch nicht raus, obwohl Zefira es mir erklaert hat. Also Zitat von Karamzin:


    "Die DDR implodierte, ohne dass Blut floss, das ist doch auch eine zivilisatorische Leistung, die von Leipzig und Dresden ausging und wo gesehen wurde, dass auf der anderen Seite, der Partei, bei den Noch-Anhängern des Sozialismus, ja auch denkende Menschen vorhanden waren, die zunehmend zu kritischen Positionen gelangten und nicht auf das Volk geschossen wurde, wie in Peking oder Bukarest."


    Das ist ein Satz, der in goldenen Lettern über den Plenarsaal des Bundestages geschrieben werden muesste und jedes Schulkind muesste ihn auswendig lernen! Das war sowas Unglaubliches und wenn man weiss, wie Menschen sind, zumal, wenn sie ihre Macht verlieren, etwas voellig Unerwartbares. Eine geraume Zeit nach der Wende traf ich bei einem Krankenhausaufenthalt zufaellig auf jemanden aus dem gehoben Dienst der Justiz, der zusammen mit einem Vorsitzenden Richter aus Kalrlruhe (BGH?, Bverf G? weiss ich nicht mehr) mithelfen sollte, das "DDR-Unrecht", das es ja zweifellos gegeben hat, aufzuklären. Als ich ihn noch nicht so recht einschaetzen konnte, wagte ich mich mit der Bemerkung hervor: "Also, obwohl es da bestimmt viele schraege Voegel und auch richtige Verbrecher gegeben hat, wuerde ich eine Generalamnestie erlassen, denn sowas, dass Leute, die immerhin noch die Macht hatten, ein grosses Blutbad anzurichten, ohne dass ein einziger Schuss faellt, die weisse Fahne hissen, hat es meines Wissens in der Geschichte noch nie gegeben". Das Beispiel Hitler lag ja noch nicht so lange zurueck. Zu meiner Ueberraschung sagte der Mann: "Das ist genau meine Meinung".


    Noch etwas zur DDR, was einen starken Eindruck auf mich gemacht hat: Ihr erinnert Euch an Kohls oft belaechelten Ausspruch von den bluehenden Landschaften. Ich war kein Freund von Kohl und unterschaetzte ihn vermutlich stark, aber in DIESEM Punkt, dachte ich damals, dass er recht behalten wuerde, weil ich das "Wirtschaftswunder" bei "uns" noch in guter Erinnerung hatte. Eine Kollegin von mir, deren Vater in den oberen Etagen einer deutschen Weltfirma taetig war, sagte damals zu mir: " Mein Vater hat mir gesagt, die Wirtschaft da drueben sei total marode und das "bisschen",, was die 17 Millionen da drueben brauchen, das koennen wir hier, wenn wir die Kapazitaetsreserven nur ein wenig hochfahren, mitbedienen." Ich verstehe wenig von Volkswirtschaft und Wirtschaft ueberhaupt, aber ich denke, die Beurteilung hat den Nagel auf den Kopf getroffen und ist die tiefere Ursache dafuer, dass viele Menschen die dort drueben hart gearbeitet und tatsaechlich ihr bestes gegeben haben, sich so demuetigend behandelt gefuehlt haben. Ich habe zehn Jahre in Westberlin gewohnt und fuhr immer wieder mit dem Zug durch die "Zone", da kam man irgendwo vorbei, Vockenrode(?), da gab es kilometerlange Dampfleitungen, deren waermedaemmende Ummantelung in Fetzen von den angerosteten Rohren hing, ueberall trat Dampf aus. Bei der BASF in Ludwigshafen war das alles silberglaenzend verpackt und wie neu. Wenn ich mir nun vorstelle, wie einem Arbeiter zumute gewesen sein mag, der ein Grossteil seiner Zeit damit verbracht hatte, diese Rohre abzudichten, zu flicken und notduerftig in stand zu halten, wenn er gesagt bekam, was Du da gemacht hast, mag Dir wichtig erschienen sein, aber es war alles fuer die Katz. Dass so etwas tiefe Spuren in einer Biographie hinterlaesst, ist klar. Womit wir wieder beim Buch sind und bei der unterschiedlichen Resonanz auf die es trifft.

    Was ich sehr interessant finde, ist, dass einer von Euch den mutmasslichen Unterschied von weiblicher und maennlicher Betrachtung ins Spiel gebracht hat. Dem versuche ich mal nachzugehen. Uebrigens die Beobachtung von Newman, bei der es um die ueberproportionale Anwesenheit von Migranten in Oeffentlichen Nahverkehrsmitteln geht, kann ich nur bestaetigen. Wie Karamzin bin ich leidenschaftlicher Zugfahrer. Ich muss aber den Migranten das Zeugnis ausstellen, dass ich noch nicht erlebt habe, dass sich jemand daneben benommen haette und ich fahre viel mit dem Zug. Es gab zwei unschoene Erlebnisse in Zuegen, eines vor vielen Jahren im "Interzonenzug" als ein (deutscher) Boxer aus Wuppertal (grundlos) drohte, mich zusammenzuschlagen, eines 2003 in einem Regionalzug bei Dessau, als (betrunkene?) Fussballfans rhythmisch die Faeuste emporrissen und skandierten: "Hier, regiert, der Bla, Bla, Bla, Hier, regiert, der Bla, Bla, Bla" und dabei den Mitreisenden derart bedrohlich auf die Pelle rueckten dass man sich fuerchtete.

    Zu der Petition will ich mal lieber nichts schreiben, weil ich - wie weiter oben ausgefuehrt - fuerchte, dass sonst die Diskussion aus dem Ruder laufen koennte.

    Vielen Dank, Newman fuer Deine - wie immer - klaren Worte und die rationale Argumentetion. Wie hoffentlich ausgefuehrt, beurteile ich mich ja EIGENTLICH als noch nicht von Paranoia befallen. Nach dem Umzug kriecht es aber wider Willen deutlich in mir hoch. Hier leben ja seit vielen Jahren sehr viel Tuerken, die zunaechst hauptsaechlich in einer Moebelfabrik als "einfache Arbeiter" taetig waren, spaeter dann auch im Zentrallager von Daimler Benz (Mercedes) und der BASF in Ludwigshafen. Alles im Wesentlichen unaeuffaellig neben uns her lebende Menschen. Meine Soehne hatten tuerkische Schulfreunde. Seit Erdogan seinen autokratischen Kurs faehrt, hat sich das Verhalten der jungen Maenner fuer mein Gefuehl jedoch deutlich veraendert. Es waren immer schon Machos UNTER SICH, jetzt lassen sie den Macho auch nach aussen "raushaengen". Oft sind es Kleinigkeiten, die einen stoeren: Die Shisha-Bar schraeg unter uns haette ich vielleicht noch mit einem Schulterzucken akzeptiert, was mich wirklich geschockt hat, sind die vier grossen pechschwarzen Sonnenschirme mit den weissen Coca-Cola-Schriftzuegen, die unuebersehbar an die IS-Fahne erinnern. Ich werde einfach den Verdacht nicht los, dass das Absicht ist. Wie gesagt, trotz der grossen Zahl hier im Ort ist das alles ueberwiegend ruhig (vor Jahren haben allerdings mal zwei Polizisten und eine Polizistin auf Streife ein Gluecksspiellokal betreten, augenblicklich fielen Schuesse und zwei Leute waren tot. Die Polizisten waren unverletzt, die Polizistin fiel in Ohnmacht, die Polizisten und die Polizistin hatten nachweislich keinen Schuss abgegeben. Ich habe nicht verfolgt, ob das ueberhaupt mal richtig aufgeklaert wurde). Was allerdings unheimlich stoert, auch mich, ist, dass alle oeffntlichen Plaetze von Auslaendern, nicht nur Tuerken, besetzt sind. Mitschuldig daran sind wir natuerlich auch selbst: Wenn mehrere Baenke oder der Rasen von Fremden besetzt sind, setzten sich Deutsche nur zoegerlich dorthin. Natuerlich hast Du mit den Schichten recht. Die farbigen Studenten und Studentinnen von der hiesigen Sprachen-Uni (Zweig der Uni Mainz) sind akzeptiert, halten sich aber -leider- ebenso wie ihre deutschen Kommilitonen, weitgehend vom staedtischen Leben fern.

    Es gibt einen sehr nuetzlichen Verein "Interkultur" hier mit engagierten ehrenamtlichen Leuten, auch Studenten. Die erreichen - soweit ich das sehe - auch viele Fluechtlinge. Die jungen Maenner der Russlanddeutschen waren anfangs auch hier ein Problem, Gewalt, Alkohol. Das hat sich seltamerweise in Wohlgefallen aufgeloest. Durch die gegenseitige Haeuslebauerei? Jobs gefunden? Ehrgeizige angepasste, tuechtige Frauen? Wie schon geschrieben, es waere sicher alles kein Problem, wenn nicht gerade an Problempunkten wie z.B. hier in der Innenstadt die Zahlenverhaeltnisse so eklatant verdreht waeren, vermutlich mehr als in London und dann eben vornehmlich durch Leute mit wenig "Bildung", aber dicken Autos, die stark aufgedreht werden (ansonsten sind die Leute, das muss ich sagen, weniger laut als die Pfaelzer, vor allem wenn die einen ueber den Durst getrunken haben). Du weisst ja selbst, welche Probleme die blossen Zahlen und die haefige Bildungsferne mit sich bringen: Eine Schulklasse mit 10% Deutschen (auch aus bildungsfernen Schchten), das kann nichts werden und wie sieht dann die Zukunft aus??? Rechtsmittel gegen Asylentscheidungen: Wenn Du wegen einer versagten Baugenehmigung klagst, wann kommst Du dran? Hab den Durs Gruenbein nicht gelesen, aber manches glaube ich selbst aus eigener Anschauung beurteilen zu koennen und wenn Du so wohnst, wie ich noch im letzten Jahr gewohnt habe, kannst Du leicht tolerant und entspannt sein.

    Nachtrag: Das Internet ist ja unglaublich. Ich habe den Artikel von 1995 im Spiegel gefunden. Es war etwas anders, als ich es in Erinnerung hatte, eigentlich aber wesentlich beaengstigender. Das ist ja auch so ein Punkt, dass die ihre Konflikte auf deutschen Boden austragen. Sowas hat es ja noch nie gegeben. Unvergleichbar mit der assimilierten juedischen Bevoelkerung hier und den Mauren in Spanien:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9209087.html

    Unmittelbar im Anschluss an die Lektuere des Don Quijote habe ich - weil mich die Unterhaltung von Newman und Karamzin fasziniert - Munin oder Chaos im Kopf von Monika Maron gelesen. Mir ist dabei (wieder mal) klar geworden, wie "leicht beieinander ...die Gedanken" in meinem Kopf liegen: Hier bei Cervantes und dem "Kommentar" von Thomas Mann in der Meerfahrt, bin ich klar auf Seiten der vertriebenen Morisken (und der Juden im Dritten Reich), dort finde ich eine Bestaetigung fuer meine seit einiger Zeit stetig steigende Skepsis gegenueber der grossen Zahl von Fremden hier aus fremden Kulturkreisen, die ich, als die Zahlen noch ueberschaubar waren, ueberwiegend - wenn auch nicht nur - als Bereicherung gesehen habe.

    Zurueck zu DQ und der Literatur: Nein, Finsbury, ich habe nicht die gleiche Ausgabe wie Du, sondern die Uebersetzung von Ludwig Braunfels (etwa um 1900?). Das Nachwort ist von Fritz Martini, der, trotz seiner Verstrickung ins Dritte Reich, einen grossen Ruf als Literaturkritiker hatte. Ich hatte mal geschrieben, dass sich sein Text im Kern aus der Meerfahrt von Thomsa Mann speist. Das ist vielleicht nicht ganz falsch, aber er hat doch auch eigene Gedanken beigesteuert und feiert die Leistung Cervantes` hymnisch: "So gehoert das Werk des Cervantes im doppelten Sinne zur Weltliteratur: durch die symbolische, humane Ausstrahlungskraft seines Helden und dessen Begleiters Sancho Pansa einerseits, durch die Entwicklung und Dokumentation dessen, was ueberhaupt der Roman als Grossform des Erzaehlens in der Prosa aesthetisch zu leisten vermag, andererseits. Er bedeutet die Stimme Spaniens in dem Gespraech, das die grossen Dichter miteinander fuehren...."

    Nochmal zu Thomas Manns Text in der Meerfahrt zum Tod DQs, weil ich die Aeusserungen des "Mannes vom Fach" in diesem Punkt besonders interessant finde:

    "ich bin geneigt, den Schluss des Don Quijote eher matt zu finden. Der Tod wirkt hier vor allem als Sicherstellung der Figur vor weiterer literarischer Ausschlachtung und bekommt dadurch selbst etwas Literarisches und Gemachtes, das nicht ergreift. Es ist aber etwas anderes, ob eine geliebte Gestalt dem Autor stirbt, oder ob er sie sterben laesst, ihren Tod verfuegt und affichiert, damit kein anderer sie mehr wandeln lasse. Das ist ein Literatur-Tod aus Eifersucht - aber (so faehrt Th. M. fort und da zeigt sich dann wieder sein Respekt!) diese Eifersucht freilich bezeugt auch wieder die innige und stolz abwehrende Verbundenheit des Dichters mit seinem ewig merkwuerdigen Geistesgeschoepf...."

    Wir sind ja ziemlich privat geworden. Nochmal zurueck zur Literatur (so wie ich sie verstehe): Die Maron macht mir das etwas zu "statisch" und zu sehr nebeneinander. Als gelungenes Beispiel fuer eine Steigerung, bei der sich eine "Gereiztheit" bis zur Unertraeglichkeit zuspitzt, habe ich die Passagen um Potiphars Frau und Joseph in Thomas Manns "Joseph und seine Brueder" in Erinnerung (Endpunkt: Schlafe mit mir). So aehnlich haette die Maron das m.E. bringen muessen, wenn sie auch weniger sensible Menschen haette erreichen wollen. Wir beide waren ja "irgendwie" schon auf Empfang gepolt. Uebrigens haben die Wasserpfeifenraucher heute bei dem schoenen Wetter ihre grossen Sonnenschirme aufgespannt: Schwarz mit dem Coca-Cola-Schriftzug in Weiss. Hat eine (gewollte?) Anmutung in Richtung IS-Fahne, auch wegen der vegetabilen Schriftzuege von Coca-Cola. Tuerkenhochzeit war - wie oft samstags -auch mit Autokorso, Hupen und Tuerkenfahnen wie beim Fussball.

    Wo gerate ich hin?: Bei Don Quichote habe ich zustimmend Thomas Manns Text aus dem Jahre 1934 zitiert und sein und Cervantes Mitgefuehl mit den vertriebenen "Morisken" und auf die zeitliche und sachliche Paralelle mit der Judenverfolgung im Dritten Reich hingewiesen. Hier gebaerde ich mich fremdenskeptisch bis fremdenfeindlich, etwas, was ich glaubte nicht zu sein und wohl auch nicht war. Es ist die grosse Zahl und das nicht absehbare Ende, was mir Angst macht.

    wie es meine Art ist, gehe ich ganz unsystematisch an die Sache ran: Als ich hier ganz am Anfang den Text von Karamzin las, war ich gleich fasziniert von dem Einstieg ueber die Religion und der spuerbaren Betroffenheit. Im weiteren Verlauf hat mich dann das Wort "Vorkriegszeit" geschockt. Inzwischen habe ich das Buch gelesen, in dem tatsaechlich auch dieses schockierende Wort vorkommt (S.55). Ausser in der Schule (lange her) habe ich mich nie damit befassen muessen, Literatur zu beurteilen und Texte zu analysieren, bin aber froh, dass ich hier auf Leute gestossen bin, die darin versiert sind. Newman, der das Buch genossen hat, aber wohl nicht so im Innersten ergriffen vom schockierenden Inhalt ist, hat alles sehr schoen und sachverstaendig dargelegt. Wenn ich jetzt meinen Eindruck schildere, kann es sein, dass Ihr das alles voellig "daneben" findet: Es kommt mir vor, als haette die Maron, das Bedrohungsgefuehl, das vor allem die hohe Zahl der hier schon lebenden und noch zu erwartetenden juengeren Maennern aus fremden Kulturen ausgeht, "einigermassen vertraeglich verpackt" in ein Gespinst anderer viel weniger gefaehrlicher Probelme, als da sind: Die Saengerin, der laengst vergangene 30 jaehrige Krieg (die Parallelen sind aber wirklich interessant!), Genderdebatten (eine herrliche Passage! S. 74). Sie schreibt das ja als Literatur und moechte sich - so vermute ich - nicht brutal als "fremdenfeindlich" outen, deshalb die "Verpackung". Vor einem Jahr haette ich sie vermutlich sofort in die rechte Schachtel gesteckt. Inzwischen ist mir selbst ganz Aehnliches passiert: Wir sind aus unserem Einfamilienhaus am Rand unserer Stadt (ca 20 000 EW mit einem eingemeindeten "Vorort") in ein Mehrfalmilienhaus in der Innenstadt gezogen (sog. Betreutes Wohnen). Vorher wohnte nicht weit von uns der Buergermeister, der Sparkassendirektor, der Betreibsleiter eines Moebelherstellers, ein Rechtsanwalt, aber auch drei Russlanddeutsche, alle in Einfamilienhaeusern (einer hat unser Haus gekauft), mit so urdeutschen Namen wie Schepp, Scheibel und Thiede. Auch ein tuerkischer Stukkateur. Alles gut angepasste Leute. Unser Blick fiel auf wenig mehr als den eigenen Garten. Wenn ich hier aus dem Fenster gucke, sehe ich "gefuehlt" ueber 80% Leute, vorwiegend tatsaechlich junge Maenner, aus moslemischen Kulturen. Ein nettes Cafe direckt vor "unserem" neuen Haus hat sich inzwischen zu einer Wasserpfeifenbar gewandelt. In der andern Richtung, keine 80m entfernt, ist ein Spezialgeschaeft in dem man Wassrpfeifen samt Zubehoer kaufen kann. Ein anderes gegenueberliegendes Haus, in dem vor zehn Jahren noch ein kleines Kaufhaus war und daneben ein ehemaliges Schuhgeschaeft, wurden von der Stadt erworben, die bisher alle Asylbewerber sehr gut auf eine Reihe von Privathaeusern verteilt hatte (garantierte Miete). Jetzt wird sie vom Landesrechnungshof dazu angehalten, die Leute in stadteigenen Gebaeuden unterzubringen. Das soll jetzt auf diesen beiden Grundstuecken passieren, dazu werden die bestehenden Gebaeude abgerissen und neue gebaut. Das Ganze spielt sich ab in der ehemaligen Hauptgeschaeftsstrasse, in der heute drei Friseure (alle "Orientalen"), zwei Baeckerlaeden und vier Kneipen existieren, dazu immerhin noch ein Brillenladen und ein Hoerakustiker, sonst nichts mehr. Das hat natuerlich nicht alles mit Auslaendern zu tun, sondern mit ueber Jahre verfehlter Stadtpolitik. Dennoch, ich haette nie gedacht, dass ich gefuehlsmaessig mal anfaellig werden koennte fuer "auslaenderfeindliche" Anwandlungen. Die hohe Zahl bringt mich aber dazu. Insofern verstehe ich, dass die Maron das Thema aufgreift und es in eine Form kleidet, die nicht gleich als Keulenschwingerei erkannt werden soll. Damit lasse ich es erst mal bewenden. Es ist schon spaet.

    Na, Newman, versprich Dir mal nicht zu viel von mir. Bevor ich etwas selbst Erbruetetes schreibe, hier noch ein interessanter Link zu der Passage, in der Maron sich auf einen Wissenschaftler beruft, der "ueberzaehhlige Soehne" als moegliche Ursache fuer Kriege und Konflikte sieht (S. 86/87). Ihr und auch mir scheint die These sehr einleuchtend. Ich bin auch nicht so ueberzeugt, von der "Entwarnung", die das Berlin-Institut geben zu koennen glaubt. Seht selbst: https://www.berlin-institut.or…_und_Kriegsgefahr_web.pdf Wie geschrieben, ich bleibe dran und melde mich wieder, versprochen!

    Leider bin ich eine Weile ausgefallen, weil meine Frau eine heikle OP hatte. Gut gelaufen. Den DQ habe ich "aus". Werde vielleicht morgen dazu kommen, ein wenig dazu zu schreiben. Bin inzwischen ein Bewunderer dieses grossen Werks und folge insoweit mit riesiger Verspaetung meinem Vater nach, meine Mutter nannte es das albernste Buch unter Gottes Sonne, aber wie schrieb Sandhofer zutreffend: Albernheit und Wunderbarkeit schliessen sich nicht aus.Thomas Mann fand das Sterbekapitel etwas schwach. ICH haette das nicht gemerkt. Wenn man es natuerlich mit dem Tod Thomas Buddenbrooks vergleicht, kann man so denken.....

    inzwischen habe ich das Buch gekauft und werde heute mit dem Lesen zu Ende kommen. Leider bin ich eine Weile ausgefallen, weil meine Frau eine heikle Operation im Ohr hatte, die gut ausgegangen ist. Werde mich vielleicht heute Abend noch melden. Mich beeindruckt sehr, mit welcher Wucht Karamzin durch das Buch getroffen wurde (ein Buch muss die Axt sein.....finsbury) und fange an, das zu verstehen. Schoen, dass Newman dabei ist, der immer wieder alles "rational" einordnet. Damit Ihr inzwischen was Interessantes zu lesen habt (es geht ja im Buch und in unserer Diskussion auch stark um Religion) setze ich Euch einen Link. Ich kannte die Texte von Schopenhauer zwar (bin sozusagen ein "Fan" von ihm) hab sie aber auf die Schnelle nicht gefunden. Aber das Internet ist inzwischen wirklich mein Freund und Helfer. Im Gegensatz zu Goethe, der den Koran schaetzte, war Schopenhauer gaenzlich anderer Meinung : https://www.philognosie.net/wi…chopenhauer-und-der-islam

    Karamzin, Danke, dass Du auch noch geschrieben hast ueber die schlauen Kraehen am Kanal, vor allem aber Dein staccato: Ja, das sind Fragen, mit denen ich mich auch beschaeftige und bei denen man zu keinem Ende kommt. Es ist auch so, wie Du schreibst: Man wechselt im Laufe seines Lebens mehrmals die Einstellung und kann - was noch irritierender ist - auch kurzzeitig schwanken. Ich hatte einen sehr guten Bekannten, der seit jungen Jahren querschnittsgelaehmt und auf fremde Hilfe (Ziwis) rund um die Uhr angewiesen war, fuer mich eine Horrorvorstellung. Der rechnete sein EIGENTLICHES Leben vom Datum dieses Unfall aus. ER hat viel nachgedacht, vielen Leuten mit seinem Humor Mut gemacht und war ueberhaupt ein ganz erstaunlicher Kerl. ICH moecht so nicht leben (denke ich jetzt). Frohe Ostern und einen fleisigen Osterhasen wuensche ich Euch auch! Ja, und die rechts-links Kategorien taugen nix.

    Wenn ich hier jetzt etwas reinschreibe, geht das natuerlich chronologisch schrecklich durcheinander. Aber nachdem das ja alles sowieso nicht nach der Reihe geht, mache ich es trotzdem. Ich bin jetzt im 54. Kapitel des zweiten Buches, in dem Sancho Pansa einen der damals aus Spanien ausgewiesenen "Mauren", seinen ehemaligen Nachbarn, trifft. Ueber dieses Kapitel hat sich Thomas Mann sehr ausfuehrlich und empathisch geaeussert, zu meiner Ueberraschung aber ohne auf die aktuellen Verhaeltnisse in Deutschland direkt einzugehen, die 1934 doch schon deutlich Zuege der Judenverfolgung zeigten. Indirekt denke ich aber schon, dass er bei der Niederschrift das sich abzeichnende Schicksal der Juden vor Augen hatte. Allerdings passt die letzte Passage nicht recht dazu. Ihr werdet sehen. Er war halt vermutlich ein vorsichtiger Mann, aehnlich wie Cervantes. Das, worum es in dem Kapitel geht, ist leider auch heute wieder von bedrueckender Aktualitaet. Im Folgenden zitiere ich auszugsweise Thomas Mann, der seinerseits wieder aus der Uebersetzung Ludwig Tiecks zitiert. Diese Zitate schreibe ich kursiv: "Sehr fesselnd und bedeutend ist ...die Episode vom Morisken Ricote,.....aus Sanchos Dorf, der den Ausweisungsedikten gemaess Spanien hat verlassen muessen und, von Heimweh getrieben in Pilgrimskleidung sich wieder dort einschleicht. Das Kapitel ist eine kluge Mischung von Loyalitaetsbezeigungen, von Kundgebungen der strengen Christkatholizitaet des Verfassers, seiner untadeligen Untertaenigkeit vor .....Philipp III. und dem lebendigsten menschlichen Mitgefuehl fuer das furchtbare Schicksal der maurischen Nation (sic! Volker), die vom Bannbefehl des Koenigs getroffen, ohne jede Ruecksicht auf individuelles Leid der - vermeintlichen - Staatsraison geopfert und ins Elend getrieben wird. Durch das eine erkauft sich der Autor die Erlaubnis zum andern: aber ich (Th. Mann) vermute, es ist immer empfunden worden, dass das erstere politisches Mittel zu zweiten war und die Aufrichtigkeit des Dichters so recht erst beim zweiten beginnt.Er legt dem Ungluecklichen selbst die Gutheissung der Befehle Seiner Majestaet in den Mund......weil er von den Anschlaegen der Seinen gewusst habe.....Die schaendlichen Anschlaege bleiben.... (aber)...im schamhaften Dunkel.......darum sei es nicht gut gewesen, die Schlange im Busen zu naehren und den Feind im eigenen Hause zu haben. Die Sachlichkeit und Maessigung, die der Autor dem Denken des schwer Getroffenen verleiht, sind bewundernswert. Aber unvermerkt gleiten sie zusammen in ein anderes Fahrwasser. Gerecht, sagt der Maure, sei die Strafe der Verbannung gewesen.......in Wirklichkeit aber die allerschrecklichste, womit man ihn und sein Volk nur habe zuechtigen koennen. Wo wir auch sind, beweinen wir Spanien, denn hier wurden wir doch geboren und es ist unser wahres Vaterland. Nirgends finden wir die Aufnahme, die unser Ungluck fordert, und in der Barbarei (Berberei) und in allen Teilen Afrikas, wo wir glaubten aufgenommen, geehrt und geschmeichelt zu werden, dort kraenkt man uns und misshandelt man uns am meisten. So faehrt der spanische "Mohr" zu klagen fort, bitterlich, dass es ans Herz greift." (Volker: Es folgen noch weitere Details der Liebe zu Spanien und des Schmerzes ueber den Heimatverlust),

    Weiter mit Thomsa Mann: "Niemand verkennt, dass durch diese Kundgebunge einer nicht zu ertoetenden Heimatliebe und natuerlichen Verbundenheit die zerknirschten Redensarten von der Schlange im Busen, dem Feind im Hause und der grossen Gerechtigkeit der Ausweisungsgesetze weigehend Luegen gestraft werden. Das Herz des Dichters, das im zweiten Teil von Ricotes Rede zu Wort kommt, spricht eine ueberzeugendere Sprache als seine vorsichtig unterwuerfige Zunge: Er hat Mitleid mit diesen Gehetzten und Ausgestossenen , die so gute Spanier sind wie er selbst und irgend einer; denn in Spanien, das nach ihrer Ausmerzung nicht reiner, sondern nur aermer sein wird, sind sie geboren, es ist ihr wahres, natuerliches Vaterland.....

    .....Cervantes als armer, abhaengiger Literat hat die Loyalitaet nur allzu noetig........

    ...Ricote erzaehlt, von Itanlien habe er sich nach Deutschland gewandt und dort eine Art Frieden gefunden. Denn Deutschland, das sei ein gutes, duldsames Land, seine Einwohner saehen nicht auf "Kleinigkeiten", jeder lebe da, wie es ihm gut duenke und an den meisten Orten koenne man in aller Gewissensfreiheit leben."

    Und nun faehrt Thomas Mann mit den fuer mich im Jahr 1934 unbegreiflichen Worten fort: "Da war es dann an mir, patriotischen Stolz zu empfinden, mochten auch die Worte schon alt sein die ihn mir erweckten. Es ist immer angenehm, aus fremdem Munde das Lob der Heimat zu hoeren." Der einzige (versteckte) Hinweis auf eine Distanzierung von der aktuellen Lage liegt im Hinweis auf Alter der Worte.

    38 Seiten habt Ihr geschrieben. Die habe ich nochmal nachgelesen. Alles ganz grossartig! Leider kann ich mit dem Zitieren noch nicht umgehen. Aber auf ein paar Stellen moechte ich zurueckkommen: Munin. Karamzin schreibt irgendwo zutreffend nordische Mythologie. Ich hatte dunkel etwas in Erinnerung von Odins Raben und habe das bei Wikipedia nochmal nachgelesen; Munin und Hugin waren seine Raben, die fuer ihn Kundschafterfluege machten und ihm berichteten. Dieser Germanengott brauchte also Kundschafter, war also selbst nicht allwissend und allgegenwaertig (in der in diesen und anderen Dingen widerspruechlichen Bibel gibt es ja auch nicht nur den Allwissenden, Allgegenwaertigen "Ganz Anderen" Gott, von dem man sich kein Bildnis oder Gleichnis machen darf, sondern auch den, der "Hilfs-Personal" hat/braucht?).

    Interessant ist, dass Ihr immer von einer Kraehe schreibt. Tut das die Maron auch? Dann waere das ja eine bewusste Herabsetzung gegenueber den "originalen" Raben in der Mythologie(?). Raben sind ja sowas von menschlich. (Kraehen zwar auch, aber eben nicht so "edel und beeindruckend".

    Newmans Passage ueber die nicht zur Verfuegung stehende Macht ueber das nicht mehr als lebenswetrt empfundene Leben hat mich sehr nachdenklich gemacht. Karamzin hat mir "aus der Patsche geholfen": Selber darf man, andere duerfen nicht. Das gefaellt mir.

    Newman hat zwar geschrieben, dass sein letzter Text kein Schluswort sein soll, obwohl es ein gutes Schlusswort waere, aber ich haette auch nichts dagegen, wenn Euch noch etwas einfallen wuerde....(Das Buch habe ich in unserer Stadtbibliothek "bestellt", mal sehen wie lange das dauert. Dann schreibe ich VIELLEICHT einen Nachklapp. Ich moechte keine Buecher mehr kaufen, ich habe in unserer winzigen Zweizimmrwohnung, in die wir aus Altersgruenden gezogen sind, zu wenig Platz).

    Schoen dass Du wieder dabei bist, finsbury. Ja, - leider - bin ich immer noch etwas voraus. Weil ich ein sehr langsamer Leser bin, hatte ich vor- gelesen, aber weil die Lust am Lesen beim zweiten Mal mit mir durchgegangen ist, ging es tatsaechlich auch schneller. Weil ich nun nicht immer schon alles verraten wollte und auch nicht so gut im Zusammenfassen bin, habe ich auch keine "Inhaltsangaben" gemacht. Gontscharow und Zefira haben sich, wohl wegen des unterschiedlichen Fortschritts, auch damit zurueckgehalten. Ich finde es gut, dass Du das nachholst und lese das gerne! Ich muss gestehen, dass die Gedichte beim ersten Lesen im Winter 16/17 nicht "zu mir gegangen" sind, wie die Pfaelzer so schoen sagen. Jetzt gefielen sie mir schon besser. Nachdem Du sie beschrieben hast, auch die Sache mit den Endungen, knoepfe ich sie mir nochmal vor. Von der Meerfahrt habe ich bei Amazon eine ueberraschend schoene Ausgabe bekommen. Ich hatte mir zwei Varianten bestellt, die eine von Insel hatte den typischen netten Insel-Einband (hardcover) und enthielt nur den Text. Die andere war - fuer mich despektierlich scheinend - als "Pappband" bezeichnet und irgendwo stand, es seien Fotos drin und ich vermutetete, dass es keinen Text enthalten wuerde, vielleicht aber Fotos von Thomas Mann bei seiner ersten Atlantikueberquerunge 1934. Das Baendchen wurde ziemlich spaet geliefert und enthielt zu meiner Ueberraschung den Text, Fotos von Thomas Mann usw. wie gedacht, aber dann auch noch Fotos all der Luxusdampfer mit denen Thomas Mann danach noch den Atlantik ueberquerte und deren Namen mir aus meiner fruehen Jugend gelaeufig waren mit technischen und anderen Angaben: "Copyright 1945 by Beermann Fischer Stockholm....fuer diese Ausgabe:2002 S.Fischer ....... ISBN 3-10-048513-0". Mit dem Rosinante ist es mir ergangen wie Euch. Er ist aber fast so keusch wie sein Herr, Zefira, aber wie dieser wird er immer mal wieder in Versuchung gefuehrt und erliegt ihr (fast), das sind auch immer sehr schoene Stellen. Das Bild von Delacroix ist SEHR schoen, er ist einer meiner Lieblinge. Ja, und die Entwicklung der Figur des Sancho Pansa ist grossartig. Don Quichote ist ja von Anfang an vielschichtiger angelegt und kann und darf sich deshalb kaum entwickeln(?). (jetzt macht die Kiste wieder was sie will. Schrecklich)