Es geht wieder weiter mit dem Lesen.
Zunächst ungewöhnlich klingende Wörter:
"... daß Demokrit ein wunderlicher, einbildischer, überkluger, tadelsüchtiger ..."
"... machen Sie mir die kleine Närrin nicht noch einbildischer!"
Heute würden wir sagen: "eingebildet".
Und dann in dem Satz: die Gesellschaft "... begab sich nun wieder nach Hause und dahlte unterwegs beim Glanz des Abendsterns ..."
"dahlte" ?
Ich gelangte in den Kapiteln, die hier vielleicht mit einiger Langeweile schneller durchgeblättert wurden, für mich vor allem zu dem Satz: "So selbstverständlich war das nicht, das musste sogar einen tiefen Eindruck hinterlassen!"
Das "Goldene Zeitalter" und das Schlaraffenland
Das "Goldene Zeitalter" war auch noch im 18. Jahrhundert ein Traumbild, gespeist mit Vorstellungen aus der Antike und den nachfolgenden Jahrhunderten. Im 17. Jahrhundert hatte es N. Poussin auf seinen Gemälden festgehalten. Es herrschte in diesem Paradies "ewiger Friede", es gab nicht arm und reich, alle Menschen waren frei und glücklich."
Das Märchen vom Schlaraffenland mit seinen eher volkstümlichen Traumbildern von gebratenen Tauben und den Thüringern so wichtigen Bratwürsten schloss sich unmittelbar an dieses Traumbild an.
Der 1763 beendete Siebenjährige Krieg, der gerade in Mitteldeutschland spürbare Folgen hinterließ, lag gerade zehn Jahre zurück. Zehntausende Menschen wanderten aus Mittel- und Westdeutschland ab, in die Kolonien Frankreichs, Spaniens, Englands und Hollands, nach Ungarn und nach dem Aufruf Katharinas II. an die Wolga.
1771/72 herrschte gerade in kargen Gebirgsgegenden des Thüringer Waldes und des Erzgebirges eine Hungersnot. Der junge Goethe wird Eindrücke aus dieser Zeit für Jahrzehnte davongetragen haben. Später stellte er im "Wilhelm Meister" Betrachtungen über Fortschritte im Gewerbe und bei Manufakturen in Gebirgsgegenden an und ließ einen Teil seiner Freunde ebenfalls auswandern, weil das Gebirge inzwischen übervölkert war und nach neuen Wegen für die Ernährung der Bevölkerung gesucht werden musste.
Wieland kommt vom "Goldenen Zeitalter" der Antike unvermittelt zu den Träumen vom "Schlaraffenland", die von seinen von Krieg und Hunger gebeutelten Landsleuten geträumt wurden.
Auch heute hat der Traum vom "ewigen Frieden" und von "sozialem Ausgleich" unverändert seine Berechtigung.
Abderitische Philosophen
Hier wagt sich Wieland mit seiner Religionskritik im antiken Gewande weit vor! Die Lehre des Dämonax vom vollkommenen Verstand als Ursprung der Schöpfung kam den Vorstellungen der christlichen Theologen seiner Zeit sehr nahe.
Wenn die Abderiten glaubten, alles erschöpfend erklären zu können, so mag das ein Ausfall gegen die an den deutschen protestantischen Universitäten zu jener Zeit verbreitete Lehre des Christian Wolff gewesen sein, durch Definitionen und begriffliche Ableitungen nahezu alles rational erklären zu können.
Demokrit hingegen gibt sich nicht fruchtlosen Spekulationen über die Entstehung des Weltganzen hin, liefert keine Kosmogonie, sondern studiert die Natur im Kleinen. Ein solches Herangehen war dann für Goethe, seine mineralogischen, botanischen, anatomischen und optischen Studien charakteristisch.