Beiträge von Karamzin


    Die LR zu den Wanderjahren startet bald. Ich überlege daher ob sich die Anschaffung eines Handbuches zur Mineralogie oder Geologie lohnt, um sich etwas eingehender mit den unterschiedlichen Gesteinsarten zu befassen, die laut meiner Erinnerung zu Beginn des Buches beschrieben werden. Jedenfalls war doch was mit Gebirge. Bin schon ganz aufgeregt, was die LR an Diskussionen bringen wird.


    Gruß
    Meier


    Je nachdem, ob man sich mehr oder weniger intensiv mit diesem für Goethe wichtigen Thema beschäftigen möchte - ich kann einen auch schön ausgestalteten Band empfehlen, den ich sehr mag:


    Wolf von Engelhardt: Goethe im Gespräch mit der Erde. Landschaft, Gesteine, Mineralien und Erdgeschichte in seinem Leben und Werk. Weimar 2003.

    Alexander Puschkin und Michail Lermontow fielen in jungen Jahren im Duell. Schwer zu sagen, wie sich ihr literarisches Schaffen weiterentwickelt hätte. Wie neuere Forschungen zeigen, war der Zar, ein geradlinig denkender Offizierstyp mit Ordnungssinn, nicht allein der grimmige Zensor von Puschkins Talent, sondern wollte auch 1837 den duellsüchtigen aristokratischen Dichter durchaus davor bewahren, weitere Dummheiten zu begehen. Vergeblich.


    Lermontows Roman "Ein Held unserer Zeit", der sich aus in sich geschlossenen Erzählungen zusammensetzt, hätte unter Umständen als sein wichtigstes Werk allein dastehen können, wäre der Schriftsteller aus dem wilden Kaukasus dauerhaft in die Petersburger Zivilgesellschaft zurückgekehrt.

    Ich bin mit dem dritten und vorläufig letzten Band der Erinnerungen von Hans Küng, Erlebte Menschlichkeit, durch.
    Eine Fülle an Namen und Erlebnissen ist zu verarbeiten. Die Welt des zweifelnden und protestierenden katholischen Geistlichen und Lehrers ist mir zwar immer sehr fremd geblieben.


    Doch jetzt bewegt mich schon der Abschied von seinem Freund Walter Jens, mit dem er 1995 gemeinsam ein Buch über das selbstbestimmte Lebensende geschrieben hatte und der an Demenz erkrankt war. Mit Parkinson sind wie Hans Küng kürzlich auch andere Bekannte von mir geschlagen.
    Er arbeitete jahrzehntelang hin auf eine Reform seiner Kirche und konnte noch einen Nachtrag in seine Erinnerungen einfügen: wie ein "Wunder" erschien ein neuer Papst mit Reformabsichten.
    Zusammen mit den für meine Begriffe auch menschlich anrührenden Sachbüchern von Gian Domenico Borasio "Über das Sterben" (2013) und Martin Bleif "Krebs. Die unsterbliche Krankheit" (2012) boten die Erinnerungen Hans Küngs in den zurückliegenden Wochen ernsten Lesestoff.


    In der Hamburger Ausgabe folgt Band 8 "Romane und Novellen III" der vollständigen Ausgabe von 1829.




    Goethes Gespräch mit Kanzler v. Müller. 8. Juni 1821


    Wir sprangen über ... auf die "Wanderjahre". "Ich begreife wohl", sagte er, "daß den Lesern vieles rätselhaft blieb ... Alles ist ja nur symbolisch zu nehmen, und überall steckt noch etwas anderes dahinter. Jede Lösung eines Problems ist ein neues Problem."


    Ja wunderbar, Karamzin! Würde dir denn auch der Apriltermin passen?


    Dann müssen wir uns auch noch auf die Ausgabe einigen.
    Bezogen auf Losts Angaben (Danke!) habe ich wohl die lange Version. Was wollt ihr lesen?


    Der April-Termin würde mir passen.


    Vor einigen Jahren war in der örtlichen Buchhandlung ein Schuber mit den vierzehn Bänden der Hamburger Ausgabe, herausgegeben von Erich Trunz, aus dem Regal gefallen. Der Pappkasten hat von diesem Denkmalsturz einige Blessuren erhalten, die Werke des Klassikers blieben aber alle unbeschädigt. Man entschloss sich, diese Ausgabe zu einem eher symbolischen Preis zu verkaufen. Ich schlug zu, überflog die Maße eines Regals und schritt zur Umverteilung der Bücher.


    Nun kann ich niemandem zumuten, auf diese Ausgabe zurückzugreifen, der sie nicht besitzt. Andererseits möchte ich mir auch nicht noch eine neue Ausgabe zulegen, und elektronisch lese ich nicht. Bei den bisherigen Leserunden, an denen ich teilgenommen hatte, ließ es sich trotzdem einrichten, mitzumachen, auch wenn man sich zuvor nicht auf eine Ausgabe geeinigt hatte.

    Wenn der Roman - der eigentlich eine Aneinanderreihung von Novellen ist - hier bisher nicht genannt worden ist und auch in der Literaturgeschichte irgendwo außerhalb der Galerie von Literatur über die industrielle Revolution abgelegt sein dürfte:


    Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre"


    Das "Maschinenwesen" hat schließlich auch die Täler des Mittelgebirges erfasst. Überall regen sich eifrige Hände. Angedeutet ist die drohende Übervölkerung der Gewerbelandschaften. Deshalb beschliesst eine Gruppe bereits vorgestellter Protagonisten des Romans, nach Amerika auszuwandern. Der greise Goethe hatte die Zeichen der Zeit erfasst, das Fieber der kapitalistischen Durchdringung der gesamten gewerblichen Produktion und die damit verbundene Beschleunigung im gesellschaftlichen Leben.

    Hallo,


    da wir nun einmal gerade im Klassikerforum sind, liegt es nahe: hast Du denn mit ihr über ihre und eventuell gemeinsame Leseinteressen gesprochen? Entsprechende Lektürewünsche lassen sich in den meisten Fällen relativ schnell erfüllen.
    In der Zeit, als ich meine spätere Frau kennenlernte und es noch kein Internet gab, war das noch nicht so einfach wie heute, und ich musste etwas ausgefallene Wege finden, ihr mit Büchern eine Freude zu machen.


    Viele Grüsse


    Karamzin

    Hm ... weiss nicht. Vor Leibniz und Wolff glaubten das schon die Cartesianer und noch vorher praktisch alle (katholischen) Scholastiker ...


    Da hast Du natürlich recht. Das ist eine durchgehende Tradition des Denkens im lateinischen Europa, in dem die Begriffe eine so große Rolle spielten. Im Griechenland der Antike war etwa der Einfluss der Musik größer, auf die auch im Roman immer wieder eingegangen wird, und im Orient gab es wieder andere Traditionen, die Wieland als Konsument von Reiseliteratur faszinierten.

    Es geht wieder weiter mit dem Lesen.


    Zunächst ungewöhnlich klingende Wörter:
    "... daß Demokrit ein wunderlicher, einbildischer, überkluger, tadelsüchtiger ..."


    "... machen Sie mir die kleine Närrin nicht noch einbildischer!"


    Heute würden wir sagen: "eingebildet".


    Und dann in dem Satz: die Gesellschaft "... begab sich nun wieder nach Hause und dahlte unterwegs beim Glanz des Abendsterns ..."


    "dahlte" ?



    Ich gelangte in den Kapiteln, die hier vielleicht mit einiger Langeweile schneller durchgeblättert wurden, für mich vor allem zu dem Satz: "So selbstverständlich war das nicht, das musste sogar einen tiefen Eindruck hinterlassen!"


    Das "Goldene Zeitalter" und das Schlaraffenland


    Das "Goldene Zeitalter" war auch noch im 18. Jahrhundert ein Traumbild, gespeist mit Vorstellungen aus der Antike und den nachfolgenden Jahrhunderten. Im 17. Jahrhundert hatte es N. Poussin auf seinen Gemälden festgehalten. Es herrschte in diesem Paradies "ewiger Friede", es gab nicht arm und reich, alle Menschen waren frei und glücklich."
    Das Märchen vom Schlaraffenland mit seinen eher volkstümlichen Traumbildern von gebratenen Tauben und den Thüringern so wichtigen Bratwürsten schloss sich unmittelbar an dieses Traumbild an.


    Der 1763 beendete Siebenjährige Krieg, der gerade in Mitteldeutschland spürbare Folgen hinterließ, lag gerade zehn Jahre zurück. Zehntausende Menschen wanderten aus Mittel- und Westdeutschland ab, in die Kolonien Frankreichs, Spaniens, Englands und Hollands, nach Ungarn und nach dem Aufruf Katharinas II. an die Wolga.
    1771/72 herrschte gerade in kargen Gebirgsgegenden des Thüringer Waldes und des Erzgebirges eine Hungersnot. Der junge Goethe wird Eindrücke aus dieser Zeit für Jahrzehnte davongetragen haben. Später stellte er im "Wilhelm Meister" Betrachtungen über Fortschritte im Gewerbe und bei Manufakturen in Gebirgsgegenden an und ließ einen Teil seiner Freunde ebenfalls auswandern, weil das Gebirge inzwischen übervölkert war und nach neuen Wegen für die Ernährung der Bevölkerung gesucht werden musste.


    Wieland kommt vom "Goldenen Zeitalter" der Antike unvermittelt zu den Träumen vom "Schlaraffenland", die von seinen von Krieg und Hunger gebeutelten Landsleuten geträumt wurden.
    Auch heute hat der Traum vom "ewigen Frieden" und von "sozialem Ausgleich" unverändert seine Berechtigung.



    Abderitische Philosophen


    Hier wagt sich Wieland mit seiner Religionskritik im antiken Gewande weit vor! Die Lehre des Dämonax vom vollkommenen Verstand als Ursprung der Schöpfung kam den Vorstellungen der christlichen Theologen seiner Zeit sehr nahe.
    Wenn die Abderiten glaubten, alles erschöpfend erklären zu können, so mag das ein Ausfall gegen die an den deutschen protestantischen Universitäten zu jener Zeit verbreitete Lehre des Christian Wolff gewesen sein, durch Definitionen und begriffliche Ableitungen nahezu alles rational erklären zu können.


    Demokrit hingegen gibt sich nicht fruchtlosen Spekulationen über die Entstehung des Weltganzen hin, liefert keine Kosmogonie, sondern studiert die Natur im Kleinen. Ein solches Herangehen war dann für Goethe, seine mineralogischen, botanischen, anatomischen und optischen Studien charakteristisch.



    Diese Formulierung halte ich für zu hart. Demokrit findet die Abderiten einfach lästig - so, wie man Fliegen oder Mücken im Hochsommer als lästig betrachtet. Und die Abderiten finden Demokrit eher seltsam. Gefahr ist aber für Demokrit von Seiten der Abderiten nicht wirklich zu befürchten...


    Den von Dir wiedergegebenen Satz hätte ich korrekterweise als Zitat kennzeichnen müssen (auch eingedenk aktuellen Anlasses :zwinker:): er ist von Wieland selbst, eine Stelle aus dem Roman! Auch über eine Demokrit drohende Gefahr denkt der auktoriale Erzähler von Wielands "Abderiten" im Zusammenhang mit dem Schicksal des Sokrates nach.

    Demokrit und die Abderiten wurden einander unerträglich. Es wurde für ihn zu einer gefährlichen Sache, mehr Verstand zu haben als seine Mitbürger. Die Abderiten waren jedoch nicht so "bösartig", wie die Landsleute des Sokrates, die dessen Tod forderten. Sie ließen den Demokrit reden, denn er war sehr reich. Also konnte der Philosoph in ihren Augen alles Mögliche behaupten, ohne Gefahr für Leib und Leben befürchten zu müssen.


    Wie gesagt, ich lese den Roman wirklich zum ersten Mal und habe auch kein Kommentarwerk neben mir.
    Eigentlich geht mir ja Wielands ständiges Herausstreichen der geistigen Überlegenheit des Demokritus über die Abderiten, der an all ihren Plänen etwas auszusetzen gehabt hat, ganz schön auf die Nerven. Es wird sich im Verlauf der weiteren Handlung zeigen, ob der Schriftsteller das durchhält oder ob noch augenzwinkernd auch Schwächen und Menschliches bei Demokrit zum Vorschein kommen. Wenn nicht, lag die aufklärerische und belehrende Absicht in Wielands Zeit, und ich bin durch spätere Lektüren beeinflusst, müsste mich also noch anders auf seine Schreibweise einstellen.



    Die Abderiten ließen nur ihre Erfahrungen und Maßstäbe gelten, weil sie nicht weit herumgekommen waren. Eine Ausnahme stellte Athen dar. Demokrit kritisiert die Stücke des beliebten Theaterdichters Hyperbolus, der die Athener nachahmte, ein Theaterstück nach dem anderen herausbrachte, dabei jedoch Tragisches und Komisches miteinander vermischte. Auf der Bühne wurde den Abderiten grobe Unterhaltung geboten, wie sie den deutschen Lesern noch aus der Zeit der Hanswurst-Stücke geläufig gewesen sein dürfte. Wahre Regeln für das Stückeschreiben könnten nicht willkürlich sein. Man müsse auch auf die Zuschauer Rücksicht nehmen.


    Man wird sicher nicht fehlgehen, in diesen Passagen eine Kritik an dem Nachäffen alles Französischen, das aus der Kunstmetropole Paris kam, auf deutschen Bühnen zu erblicken.
    Ich müsste noch nachlesen, wer gemeint war.


    Zur gleichen Zeit, als Wieland den Roman in Fortsetzungen schrieb, regte sich in Deutschland der "Sturm und Drang". Goethe, Lenz, Klinger, Wagner begannen ihre Aufsehen erregenden Stücke erscheinen zu lassen.


    ...


    [size=7pt]* Bezüglich dieser Behauptung wird ihm von einem Abderiten unterstellt, er sei ein Jünger des Parmenides. Unter diesem Namen nachschlagend fand ich nur heraus, dass dieser - nach der Auffassung des Aristoteles - angenommen habe, es gebe nur ein einziges Seiendes und überhaupt kein Werdendes. Das aber wäre ein eklantanter Widerspruch gegenüber den Ausführungen des Wielandschen Demokrits zu dem Ideal des Schönen. Soll das wieder ein Beispiel für das Unvermögen der Abderiten sein, logische Schlüsse und Vergleiche zu ziehen oder habe ich mich über Parmenides falsch informiert?[/size]


    Parmenides kommt auch in Wielands "Geschichte des Agathon" (1767) vor, und zwar an der Stelle, an der von einer Schule "geschwätziger Sophisten" die Rede ist, die "heute für die Ideen des Parmenides, morgen für die Atomen des Leucippus zu fechten" (3. Teil) gewohnt sind.
    Das ist ein Hieb gegen die Beliebigkeit wendiger Zeitgenossen, die ihren Mantel nach dem Wind hängen. Die Funktion der Einführung des Parmenides in die "Abderiten" ist mir auch noch nicht ganz klar; möglicherweise handelt es sich um einen Bezug auf zeitgenössische Auseinandersetzungen.

    Ich bin ebenfalls in die ersten Kapitel des Romans eingedrungen und will von drei Beobachtungen berichten:


    Das "Naturkind" und die (oberflächlich) als zivilisiert Geltenden


    Demokritus hat als gebürtiger Abderit als erster das unmittelbare Umfeld der Heimatstadt verlassen, ging auf Reisen und das gleich für zwanzig Jahre. In den ersten von Wieland geschilderten Begegnungen mit Gruppen der Abderiten, die nie aus ihrem Nest herausgekommen sind, versucht Demokritus klarzustellen, dass seine Beobachtungen nicht irgendwelchen sagenhaften exotischen Merkwürdigkeiten galten, von denen man sich in Abdera allein auf der Grundlage phantastischer Lektüre völlig märchenhafte Vorstellungen machte.
    Wichtigstes Ziel seiner Erkenntnis war auf Demokrits Reisen der Mensch. Die Menschen in fernen Gegenden mögen sich in manchem Äußeren von den Bewohnern Abderas unterschieden haben. Aber im Wesentlichen sind sie ihnen gleich. Sie haben ebenfalls auf der Grundlage von Übereinkünften ihre Vorstellungen über menschliche Schönheit entwickelt.
    Dieser Gedanke von der Gleichheit der Menschen war aufklärerisch. Wieland dürfte ein umfangreiches völkerkundliches Material über die Bewohner anderer Erdteile zur Verfügung gestanden haben. In seinem Roman "Der Goldene Spiegel oder die Könige von Scheschian" (1772; den kannte ich schon) ist eine Fülle derartiger, aus Reisebeschreibungen und geschichtlichen Werken geschöpfter Beobachtungen über den Orient zu finden. Die Gestalt der "guten, kunstlosen, sanften Gulleru" ist vielleicht als die eines in der Literatur jener Jahre populären "Naturkinder" und "edlen Wilden" anzusehen, die dem Lesepublikum bereits vertraut waren und den überdrehten, verwöhnten Europäerinnen in den Freien Reichsstädten und Residenzen der Fürstlichkeiten entgegen gestellt wurden.


    Frauen treten zuerst auf den Plan und stellen auch viele Leserinnen


    Als zweites fällt mir auf, dass es kein Zufall sein dürfte, dass als erste Versammlung von Bewohnern Abderas eine Zuhörergruppe von Frauen erscheint, in der sich einige wenige männliche Abderiten befanden. Wieland wusste, dass vor allem Frauen zu den ersten Lesern seines Romans gehören würden. Kurz zuvor, 1772, hatte er seine einstige Verlobte und lebenslange Freundin Sophie La Roche dazu angeregt, ihren Roman "Geschichte des Fräuleins von Sternheim" auf den Markt zu bringen. Sophie La Roche war somit eine der ersten deutschsprachigen Romanautorinnen von Rang.
    Diese Bewohnerinnen von Abdera, die auf den wunderlichen Sonderling Demokritus neugierig geworden sind, nähern sich ihm als erste und lassen sich auf ein Gespräch mit ihm ein. Sie werden in ihrer Gefallsucht und mit ihrem Blick auf Äußerlichkeiten, in ihrer lokalen Beschränktheit karikiert, aber wohl nicht so verletzend, dass Wielands weibliches Lesepublikum davon abgestoßen gewesen wäre. Man kann eher annehmen, dass sich diese Leserinnen ziemlich auf Kosten ihrer beschränkten Geschlechtsgenossinnen amüsiert haben.



    Wie bei Voltaire: Zeitgenossen werden erwähnt


    Schließlich fielen mir manche Ähnlichkeiten mit den kleinen Romanen Voltaires auf, die Wieland offenbar ebenfalls inspiriert hatten. Ebenso bei Wieland das Spiel mit den Erwartungshaltungen seiner Leser, die in Spannung auf unerwartete Eröffnungen gehalten werden. Wieland mischt wie Voltaire unter die Griechen so manchen seiner Zeitgenossen. Der große Unterschied zu Voltaire: bei ihm bekommen persönliche Gegner ihr Fett ab und werden recht bissig gepiesackt: im "Candide" sein Feind Freron, Maupertuis kriegt immer wieder grimmige Seitenhiebe ab.


    Wieland führt eher freundlich Zeitgenossen an: den französischen Gesellschaftsphilosophen Claude-Adrien d'Helvetius, den Karikaturisten William Hogarth, auch den weniger bekannten "Keißler"* in einem Atemzug mit Pausanias aus der Antike, der vorbildhafte Reiseliteratur schuf. Daniel Solander (1733-1782) war ein schwedischer, mit Wieland gleichaltriger Botaniker. Da werden bestimmt noch mehr kommen.


    * Vgl. Winfried Siebers: Johann Georg Keyßler und die Reisebeschreibungen der Frühaufklärung. Würzburg 2009.

    Ich freue mich ebenfalls auf die Leserunde, die viele neue Eindrücke bringen möge. :smile:


    Vielleicht zuerst einige Bemerkungen zur Entstehung des Romans. Ich habe ihn bisher noch nicht gelesen und kann mich deshalb erst allmählich zu Wort melden.



    Der in Weimar tätige Altertumsfreund und Philologe Karl August Böttiger
    http://www.klassikerforum.de/i…84.msg51883.html#msg51883



    hatte Wieland persönlich recht gut kennengelernt und schrieb über die Entstehung der "Geschichte der Abderiten":


    "Seine Abderiten empfing er in einer Hinterstube, deren Aussicht jämmerlich eingeengt und beschränkt war, in einer Stunde des Unmuths. Die Manheimer haben es ihm erlassen, daß er bei den Theaterscenen in Abdera nicht ihre damalige Theatergeschichte gemeint habe. Ein Augspurgisches Abderitenstückchen kommt auch darinnen vor. Dort sind in einem lichtleeren Rathssaal einige vortreffliche Gemälde aller Beschauung entnommen."


    Karl August Böttiger: Literarische Zustände und Zeitgenossen. Begegnungen und Gespräche im klassischen Weimar. Hrsg. von Klaus Gerlach und Rene Sternke. 3. Auflage. Berlin 1998, S. 151-152.



    1774 bis 1780 erschien Wielands Roman in Fortsetzungen in der literarischen Zeitschrift "Der Teutsche Merkur", deren Redakteur er von 1773 bis 1789 war. Später wurde das Werk mehrfach überarbeitet. Im Februar 1796 berichtete Wieland, der Beginn der "Abderiten" sei "in einer Stunde des Unmuths" entstanden, als er, der damals 40-Jährige, von seinem Mansardenfenster herab "die ganze Welt voll Koth und Unrath erblickte" und sich an ihr zu rächen beschloß.
    Zit. in: Johannes-Heinrich Dreger: Wielands "Geschichte der Abderiten". Eine historisch-kritische Untersuchung. Göppingen 1973, S. 36.


    Seit 1772 war Wieland in Weimar Erzieher der Söhne der Herzogin Anna Amalia. Aus den knappen Bemerkungen bei Böttiger geht hervor, dass er sich in einer beengten Räumlichkeit befand, als er mit der Arbeit an dem Roman begann.
    Er verarbeitete offenbar, so Böttiger, nicht nur Eindrücke aus Biberach, wo er Ratssekretär gewesen war, sondern auch aus Mannheim und Augsburg, so dass die Bewohner anderer süddeutscher Gemeinwesen sich durch Teile des Romans ebenfalls an die Zustände in ihren Städten erinnert fühlten.

    Hallo,


    heute ist der 1. Februar. Wollten wir mit den "Abderiten" beginnen?


    Ich bringe mal einige Lesefrüchte zur Thematik.


    Ich habe vor mir die neue Oßmannstädter Ausgabe liegen:
    Wielands Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. von Klaus Manger und Jan Philipp Reemtsma.
    Band 11.1 Text. Bearbeitet von Klaus Manger und Tina Hartmann
    Die Wahl des Herkules/Die Abderiten/An Psyche/Dert verklagte Amor/Proben einer neuen Übersetzung der Briefe des Plinius
    / Essays / Rezensionen / Anmerkungen / Zusätze
    September 1773 - Januar 1775
    Berlin/New York 2009.


    Diese Ausgabe bietet ausschließlich den Text, in ihr sind keine Kommentare enthalten.


    Ich nehme zur Hand:
    Johannes-Heinrich Dreger: Wielands 'Geschichte der Abderiten'. Eine historisch-kritische Untersuchung (Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 103). Göppingen 1973.


    Dieses Buch ist für mich als Nicht-Germanisten als Einführung völlig ungeeignet. Auf Dutzenden von Seiten wird die Geschichte des mehrfach überarbeiteten Textes der Abderiten rekonstruiert.


    Ab S. 34 ist eine kurze Geschichte der Entstehung der "Geschichte der Abderiten" nachzulesen. 14 antike Autoren werden von Wieland aufgeführt. Das dokumentiert dem zeitgenössischen Leser seine Belesenheit, ist jedoch eine Finte, den trockenen Philologen unter ihnen eine Nase zu drehen. Von manchen dieser antiken Autoren werden die Abderiten lediglich kurz erwähnt. J. F. Bertuch fertigte 1814 nach Wielands Tod ein Verzeichnis seiner Bibliothek an, in dem diese antiken Autoren aufgelistet werden (Dreger, S. 170-171)
    Wichtig sind die von Wieland benutzten "Artikel A b d e r a und D e m o k r i t u s in dem Baylischen Wörterbuche".
    Das "Diction(n)aire historique et critique" des französischen skeptischen Philosophen Pierre Bayle (1647-1706) hatte Wieland in einer posthumen französischen Ausgabe Amsterdam/Leiden 1730. Bayle publizierte im holländischen Exil. In Deutschland beschäftigten sich Gottsched und seine Frau mit der Übersetzung von Wörterbuchartikeln Pierre Bayles.


    Diese Angabe bedeutete: Wieland beruft sich als Aufklärer auf das Werk des religionskritischen Skeptikers Pierre Bayle, das von orthodoxen Theologen scharfe Ablehnung erfuhr.


    Für mich bis jetzt zwei Befunde. Es wird nötig sein, sich mit der griechischen Geistesentwicklung im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung (in der DDR rechnete man nicht nach Christi Geburt) zu befassen. Wird sich danach Lesevergnügen einstellen? Oder kann man ganz unbelastet da hineingehen?


    Demokrit war allerdings in Oberschule und Studium eine geläufige Figur. Als Atomist und einer der frühen materialistischen Philosophen, von dessen Werken freilich nur Fragmente überliefert sind, war er Gegenstand in der Jenaer Dissertationsschrift von Karl Marx.


    (Was dachte für gewöhnlich ein DDR-Bürger vor 1989, der durch die Mühle der m.-l. Ausbildung gegangen ist - also auch Frau Merkel oder Herr Thierse, wenn er den Städtenamen "Kreuznach" hörte? Weisswein? Falsch. Kurort? Da wäre er nie im Leben hingekommen. Richtige Antwort: "Kreuznacher Manuskripte" von Karl Marx, Lesefrüchte eines Hegelianers). :rollen: :zwinker:

    Nun, das ZDF-Nachtstudio ist im vergangenen Jahr nach 15 Jahren Laufzeit eingestellt worden.


    http://de.wikipedia.org/wiki/Nachtstudio


    Wenn man schon als "Nachteul" bis zur späten Stunde wachgeblieben war, konnte man sehr unterschiedliche, von Volker Panzer in der Regel ausgewogen moderierte Diskussionen zu den verschiedensten Themen erleben - wer hätte schon bei allen mitreden können und wollen?



    Man könnte jetzt darüber nachsinnen, ob bei dem Öffentlich-Rechtlichen Sender nicht noch mehr am Bildungsauftrag gespart wurde, denn ein dem Anliegen dieser Sendereihe vergleichbarer Ersatz ist nicht in Sicht.