Jean Paul: Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch


  • Und wenn man in der 9. Fahrt über Völkerrecht und Europa liest und Giannozzo den Blasenstein kartographiert (Google Earth lässt grüßen :breitgrins: ) dann fühlt man sich wie in der Gegenwart.


    Mir kam das beim Lesen auch irgendwie bekannt vor. Google Earth ist gut :breitgrins:


    Vor ein paar Tagen wurde in einer TV-Sendung die Marseillaise gespielt, da kam mir gleich Giannozzos Aktion über der Festung in den Sinn - für mich die lustigste Szene im Buch. Zumindest vorübergehend ist die Hymne jetzt mit dem Luftschiffer verbunden. :breitgrins:

  • Vor ein paar Tagen wurde in einer TV-Sendung die Marseillaise gespielt, da kam mir gleich Giannozzos Aktion über der Festung in den Sinn - für mich die lustigste Szene im Buch. Zumindest vorübergehend ist die Hymne jetzt mit dem Luftschiffer verbunden. :breitgrins:



    Das ist gut :breitgrins:


    Zitat von "Gontscharow"

    Aber ist jemand , der wie er Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung anprangert, nicht eher ein Menschenfreund?



    Ich glaube nicht, dass jemand dadurch gleich als Menschenfreund durchgeht. Jedoch denke ich, dass es glaubhaft ist, daran zu verzweifeln, wenn man solche Misstände betrachtet.


    Ich bin immer noch nicht durch. Sorry.
    So geht's mir schon das gesamte Jahr. Ich bin zu unkonzentriert.


    LG
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Als Menschenfreund im engeren Sinne würde ich Gianozzo auch nicht bezeichnen, eher, wie ich unten ausführte, als Zyniker, und als solcher als einen enttäuschten Moralisten.


    Lass, dir Zeit, Maria . So eine Diskussion ist ja nicht damit sofort beendet, dass mehrere das Werk schon gelesen haben. Mit der Zeit rücken Inhalt und Bedeutung in den Hintergrund, aber im Moment sind die Leseeindrücke noch ziemlich frisch.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Lass, dir Zeit, Maria . So eine Diskussion ist ja nicht damit sofort beendet, dass mehrere das Werk schon gelesen haben. Mit der Zeit rücken Inhalt und Bedeutung in den Hintergrund, aber im Moment sind die Leseeindrücke noch ziemlich frisch.



    Grazie :winken:


    das erinnert mich an eine Fußnote in meinem Text, das Giannozzo "Kleiner Hans" bedeuten soll, was ich nicht nachvollziehen kann. Nozzo als Diminutiv?


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • das erinnert mich an eine Fußnote in meinem Text, das Giannozzo "Kleiner Hans" bedeuten soll, was ich nicht nachvollziehen kann. Nozzo als Diminutiv?


    Jetzt bin ich etwas verwirrt. Ist das in der Siebten Fahrt, als er sich vorstellt und sie ihn mit "Giannino" (also Hänschen) anspricht? Da heißt es bei mir in der Fußnote "Giannozzo heißet der große Hans" - was ich aber auch nicht verstanden habe ...

  • Jetzt bin ich etwas verwirrt. Ist das in der Siebten Fahrt, als er sich vorstellt und sie ihn mit "Giannino" (also Hänschen) anspricht? Da heißt es bei mir in der Fußnote "Giannozzo heißet der große Hans" - was ich aber auch nicht verstanden habe ...



    Ja, so war die Situation ! Danke Gina.
    Ich sag ja, ich bin zur Zeit unkonzentriert, seufz.


    Der große Hans ! Genau, das verstand ich auch nicht in Verbindung mit Giannozzo!

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  • Dazu kann ich etwas beitragen. In dem Nachwort zu meiner Ausgabe heißt es, dass JP extra die Form "Gianozzo", also großer Hans statt "Gianni" = Hänschen, gewählt habe, um erstens an seinen eigenen Namen Jean = Johann zu erinnern und die Maßlosigkeit Gianozzos anzudeuten:


    Zitat von "Jean Paul in einem Brief vom 23.1.1801"

    Ich lege viele meiner Urteile einem über ganz Deutschland in der Montgolfière wegschiffenden Gianozzo, einem wilden Menschenverächter in den Mund, der bloß in seinem Namen spricht.


    Karl Müssel, der Autor des Nachworts, führt dann noch weiter aus, dass die Form des Namens den

    Zitat

    den Titanen, den maßlosen und leidenschaftlichen Übertreiber in seiner [d.i. JP] Seele

    meint.


    Das scheint mir auch zu passen, denn immerhin ist der Gianozzo ja im Anhang des "Titan" erschienen.

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  • Vielen Dank, finsbury, für die Erläuterung. Die Namenswahl an sich ist so plausibel erklärt, vor allem um die Maßlosigkeit darzustellen. "Großer Hans" klingt für mich auch nach einem Großmaul.


    Was Maria und mich beschäftigt ist, wieso Giannozzo "großer Hans" heißt. "-nozzo" kenne ich nicht als Vergrößerungsform. Aber vielleicht ist das eine nicht mehr oder eine nur regional gebräuchliche Endung.


    Zu Beginn der Leserunde hatten wir nozzo mit nozze (Hochzeit) in Verbindung gebracht, aber da lagen wir wohl daneben. :breitgrins:

  • Ich bin nun durch mit dem Luftschiffer. Die 14. Fahrt ist ein düsteres beeindruckendes Kapitel, trotz der goldenen Farben die darin vorkommen. Und unser Misanthrop landet wie ein Kriegsopfer mit einem abgerissenen Arm auf der Erde. Sie, die Erde, hat ihn nun endgültig. Sein Gesicht sehr zornig verzogen, unversöhnlich.


    Ist euch zwei oder drei Fahrten zuvor die Unterbrechung des Erzählstils aufgefallen? Sehr schöne Aphorismen von J. P. sind dort zu lesen. Das hat mir gut gefallen.



    ---------
    Beispiel:


    Wie Geruch zu Geschmack, so verhält sich Erinnerung zur Gegenwart



    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten.


    --------


    Zitat von "Gina"

    Was Maria und mich beschäftigt ist, wieso Giannozzo "großer Hans" heißt. "-nozzo" kenne ich nicht als Vergrößerungsform. Aber vielleicht ist das eine nicht mehr oder eine nur regional gebräuchliche Endung.


    Zu Beginn der Leserunde hatten wir nozzo mit nozze (Hochzeit) in Verbindung gebracht, aber da lagen wir wohl daneben. :breitgrins:



    so ist es :smile:



    Also ich mag den "kurzen" Jean Paul :breitgrins:

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • ... Und unser Misanthrop landet wie ein Kriegsopfer mit einem abgerissenen Arm auf der Erde. Sie, die Erde, hat ihn nun endgültig. Sein Gesicht sehr zornig verzogen, unversöhnlich.


    Toll beobachtet! :klatschen:



    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten.


    Diesen Satz habe ich auch angestrichen. Ich musste beim Lesen an einen Doppelregenbogen denken, den ich vor ein paar Jahren gesehen habe. Der eine Bogen in klaren, leuchtenden Farben, der andere dagegen blass und bescheiden ... eine verblasste Hoffnung.

  • Zitat von "Gina"

    Diesen Satz habe ich auch angestrichen. Ich musste beim Lesen an einen Doppelregenbogen denken, den ich vor ein paar Jahren gesehen habe. Der eine Bogen in klaren, leuchtenden Farben, der andere dagegen blass und bescheiden ... eine verblasste Hoffnung.



    Es bleiben Bilder zurück, wenn man J.P. liest, die man nicht so schnell, oder die nie mehr vergessen werden. Das fiel mir schon beim Schulmeisterlein Wutz auf. Wenn ich einen stressigen Tag habe, denke ich seither "sie mögen mich hetzen und zwacken" auf mich wartet eine wärmende Bettdecke. Einfache Gedanke von einem Überlebenskünstler.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Das "nozzo" habe ich jetzt auch mal im Wörterbuch gesucht. Man findet es weder vom Italienischen ins Deutsche, noch vom Deutschen ins Italienische, wenn man "groß" eingibt ???? Dann verlasse ich mich mal auf die Angaben in den Anmerkungen und im Nachwort.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)


  • Das "nozzo" habe ich jetzt auch mal im Wörterbuch gesucht. Man findet es weder vom Italienischen ins Deutsche, noch vom Deutschen ins Italienische, wenn man "groß" eingibt ???? Dann verlasse ich mich mal auf die Angaben in den Anmerkungen und im Nachwort.


    Schon vor der eigentlichen Lektüre des „Luftschiffers“ und der entsprechenden aufklärenden Fußnote hatte ich in einem Vor-oder Nachwort gelesen, dass Giannozzo „großer Hans“ bedeuteten soll. Da ich aber das Suffix – ozzo (zu Gianni) als Vergrößerungsform (neben dem bekannten augmentativen - one ) nirgends bestätigt fand, hielt ich mich bei Euren Mutmaßungen über den Namen erstmal zurück. Weil ich nicht allem Gedruckten unbedingt glaube, zudem es immer ganz genau wissen will :zwinker:, habe ich bei euerm erneuten Aufgreifen des Themas dann nochmal nach einem Augmentativ-Suffix -ozzo geforscht und - bin fündig geworden!Ich zitiere mal:
    1.10.2.3-occio/-ozzo:
    Laut Tekavcic kann -occio ( mit Variante -ozzo) augmentativ sein, wobei dann eine Komponente der Grobheit hinzukomme. Es sei hingegen keine „affektive Konnotation“ wie in saccocia, tinozza mehr wahrzunehmen[...] Nach Brunet/1991) tritt -occio vor allem bei Adjektiven leicht augmentativ und bezüglich der Konnotation sehr Kontext gebunden auf. Sie sieht – ozzo als eigenes Suffix an.
    (S.87) ( aus: Heike Necker: Modifizierende Suffixe und Adjektive im Italienischen)

    J.P.s Namensdeutung kommt also hin, auch wenn er sich auf dünnem Eis bewegt.


    Den Name Gianni (von Giovanni) gibt es übrigens mit allen möglichen Diminutiven, Augmentativen und sonstigen -iven: Giann-ino, Giann-ello, -etto, -otto etc und eben auch Giann-ozzo.
    Ein berühmter Italiener dieses Namens ist Giannozzo Manetti, Politiker und Humanist, Zeitgenosse Leonardo da Vincis, Verfasser der Schrift De dignitate et excellentia hominis (Über die Würde und Erhabenheit des Menschen).Vielleicht dachte J.P. bei der Namensgebung ja an ihn?

  • :klatschen: :klatschen: :klatschen:


    Danke für diese Erhellung, Gontscharow. Ich mag das gar nicht, wenn etwas so "halbgar" in der Luft hängt und nach einer Erklärung schreit. Jetzt kann ich ein Häkchen dahinter machen. Wieder was gelernt. :zwinker:

  • Mit krankheitsbedingter Verzögerung nun endlich die versprochene„Fortsetzung“ bzw. Schlussbetrachtung:



    Ist euch zwei oder drei Fahrten zuvor die Unterbrechung des Erzählstils aufgefallen?


    Ja, ich finde auch, dass sich der Ton in den letzten Kapiteln verändert. Die Themen werden ernster, der Klamauk, das Clowneske treten in den Hintergrund.

    Erstaunlich modern und seiner Zeit voraus mutet die Kritik an Utilitarismus, Materialismus bzw Kapitalismus der Bewohner Ulrichsschlags an(10. Fahrt. )So sieht Giannozzo sie inklusive seines Onkels schon über die Optimierung der menschlichen Gliedmaßen und die Abschaffung des Schlafs zum Zwecke der Arbeits- und Gewinnmaximierung nachdenken, sieht den Menschen zum „emsigen Sitz- und Greif-Fleisch“ degradiert, und „die heilige Psyche.... zum Küchenjungen des Magensacks“. Ähnliches habe ich erst wieder bei Böll in seinen Wirtschaftswunder-Satiren ( etwa in: Es wird etwas geschehen) gelesen.

    Weder hier noch an anderer Stelle finde ich Giannozzo zynisch@finsbury. Zynisch ist das, was er sieht, hört und beobachtet. Der Leichenfledderer im ach so idyllischen Italienkapitel, der aus dem Tod noch Kapital zu schlagen versucht, ist z. B. ein Zyniker, nicht Giannozzo, der das beobachtet und sich darüber empört. Ein Zyniker würde sich nicht empören oder gar wie Giannozzo traurig sein, sondern mit einem Schulterzucken und einem flotten Spruch zur Tagesordnung übergehen... Wenn bei Giannozzo etwas zynisch klingt, dann in seinen „uneigentlichen“ Reden, in denen er Leute parodiert, ihnen einen Spiegel vorhält, so wenn er als Galgenpater am Schluss sagt.:Nun lasset uns diesen Galgen verlassen, wenn wir miteinander gerufen haben: er lebe, denn er lässet leben.«Das erinnert fatal an das zynische „viva la muerte“ der Faschisten.


    Im vierzehnten letzten Kapitel wird Giannozzo mit dem desaströsesten und dümmsten menschlichen Fehlverhalten, dem Krieg, konfrontiert. Ich höre die dumpfen Axtschläge, womit der Tod sein Schlachtvieh trifft Er sieht Kämpfende, das Schlachtengetümmel, aber auch „Kolateral“ -Szenerien:


    Soldatenhaufen sprengen über Hügel – Landleute rennen – ein Dorf brennt als Wachfeuer – in einem Garten seh' ich tote Pferde, und ein Kind trägt einen abgerissenen Arm fort.
    Während er hier in fast expressionistischem staccato protokolliert, schreibt er verblümt, in fast biedermeierlicher Sprache darüber, zu wessen Nutzen Kriege geführt werden:
    Ich sah mich um nach dem Schlacht-Gewölke, und mein Auge weinte zornig, da ich mir die Tränentropfen der Völker dachte, die sich für hineinleuchtende Kronen als ein stolzer Triumph- und Siegesbogen zusammenwölben. Machterhalt der gekrönten Obrigkkeiten, erkauft durch das Leid und Elend der Völker...


    Giannozzos letzter Gedanke , den er protokolliert, ist folgender:
    Ach das Schlechteste an der Menschheit oder Unmenschheit ist, daß kein Mensch, kein Fürst, keine Zensur, und sei sie auch noch so tyrannisch oder unverschämt, die bitterste Rüge des Krieges vewehrt, und daß doch die Ehre und die Dauer desselben darum nicht kleiner wird.
    Wow, das ist es doch! Den Satz musste ich zweimal lesen und verstehe ihn in etwa so :
    Obwohl der Krieg eigentlich von jedermann geächtet oder jedenfalls verbal abgelehnt wird, werden Kriege doch immer wieder gerechtfertigt und geführt. Diese Widersprüchlichkeit, dieses double bind, diese Heuchelei(?) ist für Giannozzo das Schlimmste. Da tönt so ein Satz durch die Jahrhunderte und macht bewusst, dass in all der Zeit mit all ihren Lektionen sich nichts geändert hat ... Ist das nicht zum In- die- Luft- gehen?


    Dieses Büchlein hat dem gefrorenen Meer in mir einige Axthiebe versetzt, um es mit finsburys Motto zu sagen. Es ist wegen seiner Sprache, seines Witzes, seiner Brisanz, seiner Aktualität und der wunderbaren Figur des Luftschiffers für mich ein Meilenstein(chen) der deutschen Literaturgeschichte, den/das ich im Rahmen der Leserunde entdecken durfte. :winken:



    Es bleiben Bilder zurück, wenn man J.P. liest, die man nicht so schnell, oder die nie mehr vergessen werden.



    Das bestätigt eine zufällig gefundene wunderbare Stelle aus einem „Kultbuch“, die auch zeigt, dass der Luftschiffer Giannozzo eine literarische Figur von großer Strahlkraft ist:


    War ich auch ein verirrtes Tier, das seine Umwelt nicht begriff, so war doch ein Sinn in meinem törichten Leben, etwas in mir gab Antwort, war Empfänger für Anrufe aus fernen hohen Welten, in meinem Gehirn waren tausend Bilder gestapelt:
    Giottosche Engelscharen aus einem kleinen blauen Kirchengewölbe in Padua, und neben ihnen gingen Hamlet und die bekränzte Ophelia, schöne Gleichnisse aller Trauer und alles Mißverständnisses in der Welt, da stand im brennenden Ballon der Luftschiffer Gianozzo und stieß ins Horn, trug Attila Schmelzle seinen neuen Hut in der Hand, stieß der Borobudur sein Skulpturengebirg in die Lüfte. Und mochten alle diese schönen Gestalten auch in tausend andern Herzen leben, es waren noch zehntausend andere, unbekannte Bilder und Klänge da, deren Heimat und sehendes Auge und hörendes Ohr einzig in mir innen lebte....


    Preisfrage:Um welches Buch handelt es sich? :eis:


  • Es bleiben Bilder zurück, wenn man J.P. liest, die man nicht so schnell, oder die nie mehr vergessen werden. Das fiel mir schon beim Schulmeisterlein Wutz auf. Wenn ich einen stressigen Tag habe, denke ich seither "sie mögen mich hetzen und zwacken" auf mich wartet eine wärmende Bettdecke. Einfache Gedanke von einem Überlebenskünstler.


    Danke, Maria, fürs Erinnern an diesen Satz/Gedanken. Ich konnte ihn diese Woche schon brauchen. :zwinker:


    Ich finde manche Bilder und Formulierungen bei Jean Paul auch sehr eindringlich und etwas ganz Besonderes.

  • Hallo zusammen,


    Gontscharow ,
    deine Schlussbetrachtung hilft mir sehr, einiges noch besser zu verstehen und auch Szenen nochmals in Erinnerung zu bringen.


    Als du den Krieg erwähnst und Giannozzo (Danke auch für die Namenserklärung, bin begeistert) der Tränen vergißt, kam mir noch in Erinnerung, dass der Luftschiffer die armen Pferde betrauert. An die denkt man heutzutage kaum, wenn man an die frühen Kriege historisch erinnert. Daran erkennt meines Erachtens auch, dass Giannozzo dem Menschen keine Vernunft mehr zutraut. Er richtet sein Mitgefühl an die arme Kreatur.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Weder hier noch an anderer Stelle finde ich Giannozzo zynisch@finsbury. Zynisch ist das, was er sieht, hört und beobachtet. Der Leichenfledderer im ach so idyllischen Italienkapitel, der aus dem Tod noch Kapital zu schlagen versucht, ist z. B. ein Zyniker, nicht Giannozzo, der das beobachtet und sich darüber empört. Ein Zyniker würde sich nicht empören oder gar wie Giannozzo traurig sein, sondern mit einem Schulterzucken und einem flotten Spruch zur Tagesordnung übergehen... Wenn bei Giannozzo etwas zynisch klingt, dann in seinen „uneigentlichen“ Reden, in denen er Leute parodiert, ihnen einen Spiegel vorhält, so wenn er als Galgenpater am Schluss sagt.:Nun lasset uns diesen Galgen verlassen, wenn wir miteinander gerufen haben: er lebe, denn er lässet leben.«Das erinnert fatal an das zynische „viva la muerte“ der Faschisten.


    Du hast natürlich Recht, Gontscharow . Ich habe mich einer Begriffsverwechslung schuldig gemacht. Sarkastisch ist die richtige Bezeichnung für Gianozzos "Humor".


    Ansonsten vielen Dank für deine Ausführungen zu dem Kaufmannskapitel, dem du noch den gedankengeschichtlichen Background gegeben hast.


    Von allem, was ich bisher von Jean Paul gelesen habe, ist dieses Kabinettstückchen sicher das gesellschaftspolitischste, und das kombiniert mit der gewohnten Sprachmacht JPs. Und eben wirklich, wie festgestellt, sehr modern, sowohl was den Inhalt als auch die schon fast expressionistische Ausdrucksweise in dem Kriegskapitel angeht.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Zitat von "Gontscharow"

    Dieses Büchlein hat dem gefrorenen Meer in mir einige Axthiebe versetzt, um es mit finsburys Motto zu sagen. Es ist wegen seiner Sprache, seines Witzes, seiner Brisanz, seiner Aktualität und der wunderbaren Figur des Luftschiffers für mich ein Meilenstein(chen) der deutschen Literaturgeschichte, den/das ich im Rahmen der Leserunde entdecken durfte. :winken:


    Dem kann ich mir nur anschließen. Ich entdeckte viele Seiten an J.P. die nach "mehr" rufen. War sicherlich nicht mein letztes Buch. Vielleicht ja wieder in einer Leserunde mit euch.


    LG
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)