Hallo,
Scott hat hier zwar schon oft Erwähnung gefunden, es fehlt aber noch ein allgemeines Thema, wo man über seine Romane sprechen bzw. diese vorstellen kann.
In den letzten Wochen habe ich sein "Herz von Midlothian" gelesen.
Der Roman erschien 1817 und gehört zu seinen historischen Romanen, die in der ersten Hälfte des 18.Jahrunderts und überwiegend in Schottland spielen, wie z.B. auch das berühmte "Waverley", mit dem er die Gattung des historischen Romans begründete.
Der Roman verkreuzt zwei Handlungsstränge, die sich auf reale Begebenheiten stützen:
Zum einen gab es 1736 den sogenannten Porteous Riot in Edinburgh, ein Aufstand der Edinburgher Bevölkerung gegen einen englischen Offizier, der während einer Hinrichtung von Schmugglern in die darüber empörte Menge schießen ließen. Mit diesem Ereignis verbunden wird der Gang einer jungen Schottin zum englischen Königshaus, um eine Begnadigung ihrer Schwester zu erreichen, die wegen Kindsmordes gehängt werden soll. Der Titel bezieht sich übrigens auf das alte Edinburgher Gefängnis, ein zentraler Handlungsort des Romans, das in der Bevölkerung so genannt wird. Midlothian ist die Region um Edinburgh.
Der Roman stellt sehr farbig und - soweit ich das nach meinen Quellen beurteilen kann - äußerst gut recherchiert die Ereignisse und die Stimmung in Schottland, insbesondere in Edinburgh und den Lowlands, nach dem erzwungenen Anschluss an England dar. Dabei bleibt Scott durchaus auch seinen eigenen Landsleuten gegenüber recht objektiv, zeigt Licht- und Schattenseiten ihres Verhaltens auf. Besonders die erste Romanhälfte ist dabei auch oft sehr humorvoll, so in der Schilderung eines Kaufmanns für Pferdegeschirre, Mr. Bartoline Saddletree, der sich als Hobbyjurist aufspielt und auf komischste Art die juristische Fachsprache verballhornt, sowie "Douce Davy Deans", der Vater der beiden Schwestern und extremer Camerionianer, ein Vertreter einer Art schottischen Freikirche mit sehr rigorosen Moralvorstellungen.
Jeany Deans, die eigentliche Heldin des Romans, deren Schwester am Kindsmord unschuldig ist und durch eine dunkle Intrige ihr Kind verlor, nachdem sie von einem adligen Schmuggler schwanger wurde,
bringt es nicht fertig, ihre Schwester durch eine kleine Unwahrheit vor Gericht zu retten, weil das ihren Glaubensprinzipien widerspricht, wandert dann aber nach London, um eine Begnadigung zu erreichen. Sie gehört zu den schwächsten Figuren des Romans, weil sie kaum einen Bruch in ihrem Charakter hat, sondern ein unwahrscheinlicher Gutmensch ist. Auch das Ende des Romans, der sich nach der eigentlichen Auflösung noch ziemlich zieht, ist eher schwach, denn da werden die Guten belohnt und die Bösen oder Schwachen auf ziemlich aufdringliche Art bestraft.
Insgesamt bietet das Werk aber doch ein Panorama unterhaltsamer Charaktere in durchaus englischer Tradition, oft zum Beispiel mit Passagen von Fielding vergleichbar.
Ob ich so schnell Weiteres von Scott lesen werde, bezweifle ich, aber die Lektüre hat sich grundsätzlich schon gelohnt.
finsbury