Gustave Courbet

  • In der Schirn Kunsthalle in Frankfurt gibt es eine aktuelle Ausstellung zu Courbet, die noch bis 30. Jan. 2011 dauert


    http://www.schirn.de/ausstellu…-moderne-ausstellung.html


    und die ich mir an einem der nächsten Wochenenden anschauen werde. Deshalb lege ich mal einen Courbet-Ordner an.


    http://de.wikipedia.org/wiki/Gustave_Courbet


    Courbet wird m.M.n. in der Kunstgeschichte unterschätzt und meist nur auf sein Skandalwerk "Der Ursprung der Welt" reduziert:


    http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Ursprung_der_Welt


    Ich gebe zu, dass auch ich nicht viel mehr von Courbet kannte, als dieses Bild, das mir mal eine Kunststudentin in Paris im Museum zeigte, bis ich vor wenigen Jahren die große Courbet-Ausstellung im Grand Palais sah und von der Vielfalt der Courbet-Gemälde überrascht war.


    http://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Palais


    Schon deshalb freue ich mich auf die Ausstellung in Frankfurt und werde von meinen Eindrücken hier berichten.

  • Hallo Hubert,


    ob Courbet unterschätzt wird, kann ich nicht beurteilen. Ich finde sein Werk grandios, besonders seine Landschaften! Diese Farben und Stukturen im Pinselduktus, diese Kompositionen und dieses unglaubliche Licht, wirklich das Werk eines Wegbereiters!


    Ich hatte das Glück in der Monet- und in der Bonnard-Ausstellung im wuppertaler von-der-Heydt-Museum Bilder von ihm zu sehen und sie haben mich geprägt.


    Die Ausstellung werde ich nicht besuchen können, aber wäre ich dichter bei Frankfurt, würde ich es sicher tun. Vielleicht kann ich ja zumindest den Ausstellungskatalog erwerben...


    Berichte mal, wenn du die Ausstellung gesehen hast!


    Frohes Fest!


    FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo Friedrich-Arthur,
    hallo zusammen!


    Berichte mal, wenn du die Ausstellung gesehen hast!


    Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, war ich am Wochenende in Frankfurt (für mich immer eine Reise wert) und natürlich war ich auch in der Courbet-Ausstellung. Mit ca. 100 Werken (Gemälden und Zeichnungen) aus den unterschiedlichsten Museen und aus Privatsammlungen ist die Ausstellung natürlich nicht so umfangreich wie die damalige Grand Palais – Ausstellung, aber doch größer als ich dachte und so haben die 3 Stunden, die ich für die Ausstellung vorgesehen hatte, nicht ausgereicht – ich muss also noch mal hin. Die Ausstellung beginnt mit Selbstporträts (seit Rembrandt hat wohl kein anderer Maler sich so unterschiedlich selbst dargestellt), man sieht das Selbstbildnis am Abgrund (aus Oslo) und das Selbstbildnis als Verzweifelter (Privatsammlung), das Selbstbildnis als Verwundeter (aus Paris), später folgen noch zwei Selbstbildnisse mit Pfeife und eines als Pfeife!
    Dann öffnet sich der Blick auf zwei seiner bekanntesten großformatigen Werke: Die Begegnung (aus dem Musée Fabre in Montpellier) und Die Mädchen an der Seine, im Sommer (aus dem Petit Palais in Paris). Es folgen Porträts anderer Künstler, Stilleben, Zeichnungen – den Abschluss bilden drei Gemälde, die alle „Die Woge“ heißen (aus verschiedenen Museen – also so
    zusammen sonst nicht zu sehen) und die mich schon in Paris beeindruckt haben – irgendwo war zu lesen: Courbet habe damit --Denkmäler des Meeres geschaffen. Wenn die Zeit es erlaubt, will ich gelegentlich noch auf einzelne Werke näher eingehen.


    Vielleicht kann ich ja zumindest den Ausstellungskatalog erwerben...


    Das solltest Du auf jeden Fall tun – es lohnt sich!



    wirklich das Werk eines Wegbereiters!


    genau das ist es, was die Frankfurter Ausstellung zeigen will und zeigt: Courbet nicht nur als großen Realisten (für die Frankfurter Ausstellungsmacher gar der bedeutendste Maler des Realismus), sondern Courbet als einen der größten Träumer der Geschichte und Wegbereiter der Moderne auf den sich Monet, Cézanne, Picasso sowie Künstler des Symbolismus und des Surrealismus berufen.



    ob Courbet unterschätzt wird, kann ich nicht beurteilen


    da legst Du natürlich den Finger in die Wunde – ich denke oft noch schneller als ich schreibe (obwohl mich viele um mein 10-Finger-Blindschreibsystem beneiden) – also ich habe damit nicht die Fachleute gemeint (die Frankfurter Ausstellungsmacher unterschätzen ihn nicht!), sondern interessierte Laien wie mich, wenn ich z.B. im Bekanntenkreis erzähle, ich fahre zu den Impressionisten nach Essen, wollen viele mit – bei Courbet ist das Interesse eher gering um nicht zu sagen nicht vorhanden.


    Viele Grüße verbunden mit der Hoffnung, dass wir uns hier wenigstens noch öfter über Kunst unterhalten, wenn wir es schon nicht schaffen mal ein Buch zusammen zu lesen und Dir und Deiner Familie ein schönes Weihnachtsfest.


    Hubert

  • Hallo Hubert,


    vielen Dank für die Antwort! Es freut mich, dass du Courbet so schätzt! Ich schätze ihn schon seit einigen Jahren, aber seit ich Originale von ihm gesehen habe, bin ich schlichtweg fasziniert. Das war wirklich ein Künstlergenie! Vielleicht muss man ein Träumer sein, um große(r) Künstler(in) zu werden, oder eben am Rande des Wahnsinns schaffen...


    Es würde mich freuen hier eine Kunstdiskussion zu entwickeln, was sich in der Vergangenheit als nicht leicht erwiesen hat.


    Was du da ansprichst, kenne ich auch: Einzelausstellungen begeistern viele Menschen nicht, es sei denn große Namen ziehen an. Die beiden Ausstellungen in Wuppertal haben es mir gezeigt. 2,5 Stunden warten um bei der Monet-Ausstellung reinzukommen und der erste zur Öffnungszeit bei der Bonnet-Ausstellung... Das hat Bonnet nicht verdient. Der Name eben.


    Sammelausstellungen sind meist breiter gefächert, ich erinnere mich an die Wuppertaler Expressionismusaustellung und die Brüsseler Ausstellungen Russischer Symbolisten und der Brücke...


    Die Courbetausstellung ist mir zu weit, ansonsten wäre ich längst da gewesen.


    Leserunden sollte ich nicht mehr beginnen, ich kann meist da Lese- und Schreibtempo nicht durchhalten. Das ist auch der einzige Grund! Ich habe mich mehrfach versucht, aber immer schlief die Runde ein oder (meist) konnte ich einfach nicht mehr folgen.


    Auch dir und deiner Familie ein Frohes Fest und ein glückliches Neues Jahr!


    Euch allen hier im Forum ein Frohes Fest!


    Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10


  • Es würde mich freuen hier eine Kunstdiskussion zu entwickeln, was sich in der Vergangenheit als nicht leicht erwiesen hat.


    Hallo Friedrich-Arthur,


    vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.


    Wenn wir beide das jetzt gezielt angehen, bin ich überzeugt, wird das in Zukunft eine interessante Angelegenheit.


    Viele Grüße und frohes Neues Jahr


    Hubert


  • ... war ich am Wochenende in Frankfurt (für mich immer eine Reise wert) und natürlich war ich auch in der Courbet-Ausstellung. Mit ca. 100 Werken (Gemälden und Zeichnungen) aus den unterschiedlichsten Museen und aus Privatsammlungen ist die Ausstellung natürlich nicht so umfangreich wie die damalige Grand Palais – Ausstellung, aber doch größer als ich dachte und so haben die 3 Stunden, die ich für die Ausstellung vorgesehen hatte, nicht ausgereicht – ich muss also noch mal hin.


    Am letzten Wochenende war ich zum zweiten Mal in der Courbet-Ausstellung in Frankfurt. Auch der zweite Besuch hat sich gelohnt und ich hatte sogar noch Zeit mir den Begleitfilm anzusehen. Im folgenden will ich mal 5 der hundert ausgestellten Werke kurz vorstellen, die imo die Spannbreite von Courbets Malerei zeigen. Ausschlaggebend war für die Auswahl, dass ich eine Abbildung im Netz gefunden habe und das es keine Werke aus Privatsammlungen oder aus Übersee waren.


    Ich würde mich über Eure Kommentare zu den einzelnen Werken freuen. Das muss keine wissenschaftliche Arbeit sein. Ich freue mich auch über eine Bemerkung wie: "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht".

  • Bildnis des Komponisten Hector Berlioz, um 1848 – 1850
    Öl auf Leinwand, 60,5 x 48 cm, Musée d’Orsay, Paris


    http://www.musicwithease.com/berlioz-02.jpg


    Für mich ist Hector Berlioz (1803 – 1869) der Begründer der sinfonischen Programm-Musik; für Heinrich Heine war er der „Schwarze Romantiker“. Courbet hat in seinem Porträt die melancholische, träumerische Seite des Komponisten von „Fausts Verdammnis“ in Farbgebung (Abstufung von Braun- und Schwarztönen) und Mimik (hervortretende Backenknochen, heruntergezogene Mundwinkel) perfekt wiedergegeben. Sowohl Berlioz als auch Courbet waren Träumer und Revolutionär (der Kunst) zugleich. Wahrscheinlich geht das eine auch nicht ohne das Andere.

  • hat Courbet einmal gesagt und dieses Selbstbewusstsein spiegelt sich auch in seinem Gemälde:


    Die Begegnung oder Bonjour, Monsieur Courbet, 1854
    Öl auf Leinwand, 132 x 150,5 cm, Musée Fabre, Montpellier


    http://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Gustave_Courbet_010.jpg


    „Die Begegnung“ nannte Courbet dieses Gemälde, aber auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1855 wurde es vom Publikum in „Bonjour, Monsieur Courbet“ umgetauft, da dieses erkannte, dass der Wanderer mit dem extrovertierten Bart auf der rechten Seite, Courbet selber war. Auch den Mann in der Mitte hatte das Publikum erkannt: Courbets Mäzen Bruyas. Das Gemälde ist sehr realistisch, zeigt aber dennoch Courbet als Träumer, der hier das Verhältnis zwischen Künstler und Mäzen zu seinem Vorteil verändert hat. Aufschlussreich, dass Courbet für sich die rechte Bildseite reserviert hat, während er seinem Mäzen (von dem er abhängig war) und dessen Diener die linke Bildseite zuwies. Warum ich Courbet für ein Genie halte: Allein an der Huthaltung der drei Personen ist der Bildinhalt ablesbar.

  • Die durch Courbet ausgelöste Erschütterung der Tradition war nicht nur für Manet und Cézanne sondern auch für Picasso von großer Bedeutung wie das folgende Gemälde zeigt:


    Die Mädchen an der Seine, im Sommer, 1856/57
    Öl auf Leinwand, 174 x 200 cm, Musée des Beaux-Arts de la ville de Paris


    http://www.kunst-fuer-alle.de/…a-seine-(ete)/index.htmer


    Die Besucher der Großen Pariser Kunstausstellung in Paris empörten sich 1857 über dieses Gemälde. Heute kaum noch vorstellbar. Aber es war nicht nur der Bildinhalt, sondern vor allem das Format des Bildes, das damals noch Historiengemälde vorbehalten war. Aber schon für Cezanne war „Die Mädchen an der Seine, ..“, wegen seiner Durchdringung von Mensch und Natur, das Bild des Jahrhunderts und Picasso hat es mehrmals abstrakt variierend kopiert.


    Schon der rechte Arm des vorderen Mädchen gibt das ganze Bildprogramm wieder: Liebessehnsucht, den Betrachter einbeziehend (man beachte den gekrümmten Zeigefinger im Zusammenhang mit dem auf den Betrachter gerichteten halb geöffneten Auge). Während der Blick des vorderen Mädchens auf den Betrachter gerichtet ist und damit in die nahe Zukunft, scheint das andere Mädchen einem vergangenen Liebesglück nach zu träumen.

  • Die Woge, 1869/70
    Öl auf Leinwand, 65,5 x 90 cm, Musée des Beaux-Arts, Lyon
    Öl auf Leinwand, 67 x 107 cm, Kunsthalle Bremen
    Öl auf Leinwand, 63 x 91,5 cm, Städel Museum, Frankfurt



    http://tendancebleue.canalblog…s/2007/10/17/5439508.html


    In etwas weniger als fünf Jahren, vom Sommer 1865 bis zum Frühjahr 1870, hat Courbet an der normannischen Küste eine Serie von ungefähr 60 Gemälden geschaffen: Die Wogenbilder. Drei davon sind in Frankfurt zu sehen. Mich fasziniert an diesen Gemälden vor allem die manchmal abstrakt anmutende Farbgebung.

  • Die Forelle, 1873
    Öl auf Leinwand, 65,5 x 98,5 cm, Musée d’Orsay, Paris



    http://www.musee-orsay.fr/fr/c…m%5D=841&cHash=1fadd1fb93


    In diesem Gemälde hat Courbet eine am Angelhaken hängende. leidende Forelle dargestellt, die Felsbrocken im Hintergrund stellen das Flussbett der Loue dar. Kennt man Courbets Vita kann man in diesem Gemälde aber auch eines der verdeckten Selbstporträts erkennen, wie sie Courbet vielfach gemalt hat.


    Zur Vorgeschichte:


    Während der Zeit der „Pariser Kommune“, deren Mitglied Courbet war


    http://de.wikipedia.org/wiki/Pariser_Kommune


    wurde die Vendòme-Säule, die Napoleons Kriegstaten verherrlichte, zerstört. Dafür wurde Courbet verantwortlich gemacht und nach der gewaltsamen Auflösung der Kommune wurde er wegen Beteiligung an der Zerstörung der Säule zu 6 Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 500 Francs verurteilt. Aus dem Pariser Gefängnis entlassen, fand Courbet sein Atelier zerstört vor. In dieser Zeit entstand „die Forelle“, man kann die Felsbrocken also auch als Gefängnismauern lesen und die leidende Forelle als den leidenden Maler. 1973 verlangte die neue französische Regierung von Courbet Schadenersatz für die zerstörte Vendòme-Säule
    in Höhe von 335.000 Francs. Da Courbet diese Summe nicht aufbringen konnte, floh er in die Schweiz wo er am 31. Dezember 1877 starb, einen Tag bevor die erste Rate seiner Geldstrafe fällig wurde.


  • Hubert, erst einmal Danke für diese ausführlichen Beiträge. Da ich nur Küstenbilder bisher gesehen habe, möchte ich mich vorläufig darauf beschränken: aber genau, diesen Eindruck habe ich auch. Die expressiven, farbstrukturierten, mit modernen und hellen Farben gemalten Bilder waren in der Zeit sicher wegweisend und - wie man so sagt - schulbildend. Sie wirken auch heute noch auf mich sehr frisch und mein Blick ist doch sehr an der klassischen Moderne geschult. Mich begeistert, wie er dem Licht die Möglichkeit einräumte, in den Farbschichten für Modellierung zu sorgen und wie er Stofflichkeit mit seinen Farben erzeugte. Er war meiner Ansicht sicher ein Wegweiser, sowohl für die Impressionisten, als auch für die Expressionisten gewesen, selbst wenn man ihn eher den Impressionsiten zuordnet.


    Jedenfalls stehe ich immer staunend vor seinen Bildern!


    FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10