Hallo,
ein extra Ordner für Meyers Novellen scheint Sinn zu machen, da die Jenatsch-"Runde" jetzt abgeschlossen ist und sicher immer mal wieder sich jemand zu den kürzeren Werken Meyers äußern will.
Zwei Novellen habe ich in der letzten Zeit gelesen.
Der Schuss von der Kanzel (1877):
Ein humoristisches, relativ frühes Werk, das eine Figur aus dem Roman Jürg Jenatsch aufgreift: den nun zum General avancierten mutwilligen Wertmüller. Sie spielt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Pfannenstiel, ein junger theologischer Kandidat, möchte infolge unglücklicher Liebe zur Tochter des wertmüllerschen Bruders, eines waffenverliebten Pfarrers, das Land verlassen und Militärpfarrer werden. Der General durchschaut die vorgeschobenen Gründe und beschließt, dem Kandidaten zu seiner geliebten Nichte und der Pfarrstelle seines Bruders zu verhelfen. Allerdings will er dabei auch seinen Spaß haben. Wenn man den Titel richtig versteht, kann man sich vorstellen, wie es weitergeht.
Leicht und locker wird diese Geschichte vordergründig erzählt und ist passagenweise wirklich witzig. Dennoch schwingt wie ein Generalbass Meyers Grundthema mit. Der Konflikt zwischen Moral und der Ausübung öffentlicher Ämter und Funktionen und auch – wie ich finde – in bisher allen von mir gelesenen Prosatexten und auch in vielen Gedichten – eine gewisse Sehnsucht zum Tode, hier verkörpert in des Generals Maßnahmen bezüglich seines Nachlasses, seine von ihm akzeptierte Ahnung, dass der nächste Feldzug sein letzter ist.
Der Heilige (1879):
Eine Novelle, die sowohl vom Umfang als auch vom Umfang der erzählten Zeit sich durchaus dem Roman annähert, allerdings novellentypisch einen Grundkonflikt ausgestaltet.
Das Werk erzählt, vorwiegend die historischen Fakten wahrend, den Lebensweg Thomas Becketts, zunächst über viele Jahre treuer Kanzler des englischen Königs Henry II, später dessen größter Gegner, nachdem er vom König zum Erzbischof von Canterbury ernannt worden ist.
Meyer motiviert diesen Wandel durch die erdachte Verführung der minderjährigen Tochter Becketts durch den König, die mit deren Tod endet und die Beckett nach langen Jahren als Grund für seinen Widerstand gegen den König angibt.
Dieses Motiv – wie überhaupt die Darstellung des Seelenlebens Becketts wird –zurecht wie ich finde – von der Sekundärliteratur als Schwäche der Novelle empfunden.
Dennoch eine tolle Novelle, souverän und schnörkellos erzählt, mit einer Rahmenerzählung, die den Bezug zur Schweiz bringt und - wie im Schuss von der Kanzel – mit wenigen Worten viel Atmosphäre schafft.
Nach einem kleinen literarischen Exkurs nach Griechenland mache ich bald weiter mit „Plautus im Nonnenkloster“.
finsbury