März 2008 - F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby / Der große Gatsby

  • :winken:


    Hallo. Hiermit eröffne ich dann mal die Leserunde zu Fitzgeralds Gatsby. Im Übrigen lese ich das englische Original in der Penguin Popular Classics TB-Ausgabe.
    Wer ist noch an Bord?? :schulterzuck:

  • Hier das englische Original in der Reihe "Penguin Popular Classics":

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    auch wenn meine Ausgabe von 1994 mit dieser ISBN-Nummer ein Cover mit einem Photo einer Detailansicht des Gemäldes "The Evening" von Delphin Enjolras trägt.


    Die deutsche Fassung in der Übersetzung von Walter Schürenberg:

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    und die Hollywood-Filme zum Buch, die ich leider alle noch nicht gesehen habe:
    1974: http://www.imdb.com/title/tt0071577/
    1949: http://www.imdb.com/title/tt0041428/
    1926: http://www.imdb.com/title/tt0016938/

  • Ich bin auch an Bord. Und lese ebenso die Penguin-Ausgabe (s. Materialordner).


    Ich habe gerade erst angefangen zu lesen und befürchte, dass ich - ebenfalls ein Newbie - hier in einer Leserunde das Englisch nicht einfach so runterlesen kann ohne Rücksicht darauf, ob ich jedes Wort verstehe. Am Rechner zu lesen ermöglicht ja benutzerfreundliches Nachschlagen einzelner Worte unter http://dict.leo.org, aber beim angenehmeren offline-Lesen ...


    Übrigens wäre es schön, wenn sich noch jemand mit der deutschen Übersetzung zu unserer Runde gesellen würde. Dann könnten wir auch gelegentlich nachschauen, was der Übersetzer aus einigen besonderen Formulierungen des Originals gemacht hat.

  • Ich lese die deutsche Ausgabe aus der Bibliothek der Süddeutschen Zeitung.
    Die Übersetzungsvergleiche würden mich auch interessieren! :)

  • Hallo ihr Lieben,


    heute habe ich das erste Kapitel beendet und lese gerade in den ersten Seiten des zweiten Abschnittes.
    Wie weit seid ihr gekommen?


    Mr. Gatsby ist bislang nur am Rande aufgetreten, der Fokus lag bisher auf der Familie Buchanan und deren Beziehung zum Erzähler Nick.
    Daher bin ich nun gespannt, wie er in diese Beziehung eingeflochten wird, vor allem im Bezug auf Daisy.
    Was mir aufgefallen ist, das ist die Vergegenständlichung der Menschen, sowie die latent schwelende Dekadenz (im ursprüglichen Wortsinne).
    Man merkt, dass die Menschen zwischen zwei Weltkriegen stehen.
    Zu Beginn des zweiten Kapitels spricht Fitzgerald von "Augen, deren Anstrich lange nicht erneuert wurde" und von "düsterer Emsigkeit", die von Staubwolken verhüllt wird. Irgendetwas Bedrückendes liegt in der Luft. Ich habe das Gefühl, dass die bislang involvierten Menschen nicht ehrlich zu sich selber sind. Tom betrügt seine Frau, Daisy blüht erst in den Gerüchten, dem Klatsch über Nick auf.


    Vielleicht kann R2D2 ja noch etwas mehr zu den Hintergründen und dieser Mentalität sagen? Du hast sicherlich mehr Hintergrundwissen als wir (zumindest ich) ;)


    Ich bin gespannt auf eure Impressionen!

    Einmal editiert, zuletzt von Dionne ()


  • Daher bin ich nun gespannt, wie er in diese Beziehung eingeflochten wird, vor allem im Bezug auf Daisy.


    Hallo zusammen,


    diese Beziehung scheint in der Tat im Zentrum zu stehen, in der Kurzdarstellung hinten auf dem Buchdeckel steht: "For there was only one person Jay Gatsby sought to impress. She was Daisy Buchanan ..."


    Und weiter: "As Gatsby pursues shady deals and his doomed obsession with Daisy, F. Scott Fitzgerald distills the essence of the Jazz Age ..."


    Den Begriff Jazz Age hat wohl Fitzgerald selber geprägt - für die Zeit zwischen dem 1. Weltkrieg und dem Börsencrash (1918-1929), und "The Great Gatsby" von 1925 ist genau mittendrin. Von wann stammt eigentlich die deutsche Übersetzung?


    Ganz vorne im "Chapter I", im Absatz vor dem Sternchen, kommt Gatsby das erste mal kurz vor und es heißt von ihm:


    [quote author=Fitzgerald, TGG, p. 8]If personality is an unbroken serious of successful gestures, then there was something gorgeous about him, some heightened sensitivity to the promises of life, as if he were related to one of those intricate machines that register earthquakes ten thousand miles away.[/quote]


    Wie liest sich diese merkwürdige Definition von personality / Persönlichkeit auf Deutsch?


    Die Sprache von Fitzgerald ist an manchen Stellen wirklich sehr schön, sehr bildlich. Die Stelle hier gefällt mir im ersten Kapitel am besten:


    [quote author=Fitzgerald, TGG, p. 14]We walked through a high hallway into a bright rosy-coloured space, fragilely bound into the house by french windows at either end. The windows were ajar and gleaming white against the fresh grass outside that seemed to grow a little way into the house. A breeze blew through the room, blew curtains in at one end and out the other like pale flags, twisting them up toward the frosted wedding-cake of the ceiling, and then rippled over the wine-coloured rug, making a shadow on it as wind does on the sea.


    The only completely stationary object in the room was an enormous couch on which two young women were buoyed up as though upon an anchored balloon. They were both in white, and their dresses were rippling and fluttering as if they had just been blown back in after a short flight around the house. I must have stood for a few moments listening to the whip and snap of the curtains and the groan of a picture on the wall. Then there was a boom as Tom Buchanan shut the rear windows and the caught wind died out about the room, and the curtains and the rug and the two young women ballooned slowly to the floor.[/quote]




    Was mir aufgefallen ist, das ist die Vergegenständlichung der Menschen, sowie die latent schwelende Dekadenz (im ursprüglichen Wortsinne).


    Ja, Du magst recht haben, mir kam es zuerst eher irgendwie umgekehrt vor, nicht gerade wie eine "Vermenschlichung von Gegenständen", aber doch so, als ob Gegenstände ein gewisses Verhalten zeigen: das stöhnende Bild, der gefangene, absterbende Wind. Mag etwas überinterpretiert sein.




    Zu Beginn des zweiten Kapitels spricht Fitzgerald von "Augen, deren Anstrich lange nicht erneuert wurde" und von "düsterer Emsigkeit", die von Staubwolken verhüllt wird.


    Könntest Du mal den ganzen Satz abschreiben, bitte? Ich fange nämlich gleich das zweite Kapitel an. ("gleich" heißt nicht unbedingt "heute noch" :-)


    Im vorletzten Absatz der ersten Kapitels bin ich an einer Stelle hängengeblieben, die mir leichte sprachliche Schwierigkeiten macht:


    [quote author=Fitzgerald, TGG, p. 27]
    The wind had blown off, leaving a loud, bright night, with wings beating in the trees and a persistent organ sound as the full bellows of the earth blew the frogs full of life.
    [/quote]


    Der Satz hat es in sich.

  • Huhu Enigma,



    danke für den Hinweis bzgl. des "Jazz Age".
    Wo liegt denn der genaue Unterschied zwischen den Bezeichnungen "The Golden Twenties" und "Jazz Age"?
    Zeitlich überschneidet das sich ja..


    Die deutsche Übersetzung stammt von W. Schürenberg und ist 1953 erschienen, also mit deutlicher zeitlicher Distanz.


    Im Deutschen wurde "personality" direkt mit "Persönlichkeit" übersetzt. Das klingt etwas windschief, finde ich. ;)
    Dafür wurden aus den "machines" die "Instrumente", was ich präziser finde.


    Der erste Absatz deiner Lieblingsstelle ist mir auch positiv aufgefallen. Hier kommt die Bildlichkeit wirklich sehr gut zum Vorschein.
    Was ich schön finde, ist, dass Bildlichkeit hier keineswegs Blumigkeit ist, sondern diese kulturelle Dekadenz angenehm unterstreicht.


    Der Satz mit den Augen und dem Anstrich lautet im Ganzen:
    "Die Augen jedoch, deren Anstrich lange nicht erneuert wurde und die von Sonne und Regen etwas verblasst sind, brüten nach wie vor über der feierlichen Düsternis dieser Schutthalde".



    Leider werde ich wohl erst wieder am Montag zum Weiterlesen kommen.
    Bislang gefällt mir das Buch sehr gut.

    Einmal editiert, zuletzt von Dionne ()

  • Hallo Dionne,


    habe gerade "Aviator" im Fernsehen gesehen, der mit einigen passenden Szenen aus den "wilden Zwanzigern", den "roaring twenties" anfing.


    Würdest Du bitte die beiden Sätze ("If personality ..." und "The wind had blown off, ...") auf Deutsch mal aufschreiben? Den zweiten verstehe ich nicht ganz, und beim ersten schiene mir "instruments" zu harmlos, nüchtern, wo doch "machines" viel bedrohlicher, dunkler klingt ...

  • Hallo zusammen,


    bin etwas eingespannt, deswegen muss ich mich kurz halten... ;-)



    Wo liegt denn der genaue Unterschied zwischen den Bezeichnungen "The Golden Twenties" und "Jazz Age"?


    Wie du schon festgestellt hast, meinen beide Begriffe den gleichen Zeitraum. "Jazz Age" bezieht sich vor allem auf das Lebensgefühl der jungen Generation - ihr Leben in Jazzclubs, ständige Parties, ihre Revolte gegen traditionelle Verhaltensmuster, etc. "Golden Twenties" bezieht sich nicht nur auf dieses spezielle, ekstatische Lebensgefühl sondern auch auf die wirtschaftliche und politische Situation des Amerikas der Nachkriegszeit. Der Begriff steht natürlich auch in Anlehnung an das viktorianische England, welches auch oft als "Golden Age" bezeichnet wird, wobei die schlechte soziale Situation idR ausgeklammert wird....



    Gatsby - Tom


    Tom und Gatsby sind selbstverständlich die Kontrahenten im Buch. Ich verrate doch nicht zuviel wenn ich sage, dass Gatsby an Toms Frau Daisy interessiert ist; sie für sich gewinnen möchte? Daisy ist Gatsbys eigentliches Lebensziel - alles was er tut, tut er in der Absicht, sie zu gewinnen. (Mehr verrrate ich besser nicht....:-))


    Tom und Gatsby unterscheiden sich aber auch in ihrem Charakter komplett voneinander. Gatsby ist der "self-made man" (also die Verkörperung des amerikanischen Traums). Auch wenn er seinen Reichtum nicht auf ganz legalem Wege erhalten hat, so hat er doch tiefsitzende, ehrwürdige Wertevorstellungen.
    Anders als Tom. Dieser hat seinen kompletten Reichtum geerbt. Er muss nicht arbeiten, sondern kann all seine Zeit damit verbringen, sein Geld auf den kopf zu hauen. Und er weiß, dass sein Reichtum ihm auch große Macht gibt. Das nutzt er rücksichtslos aus. Anhand von Tom schildert Fitzgerald die Dekadenz der amerikanischen Upper Class bzw. der Leisure Class, deren Vermögen und Einfluss ihr praktische Handlungsfreiheit einräumt. Das wird später im Buch sehr deutlich. Da heißt es an einer Stelle: "They were careless people, tom and Daisy - they smashed up things [...] then retreated back into their money [...] and let other people clean up the mess they had made". Sein moralischer Verfall zeigt sich aber schon im 1. Kapitel. einerseits durch die Erwähnung seine Affäre, andererseits durch seine Äußerung "civiliztion's going to pieces" und dem anschließenden Lob des Buches von einem Autor namens Goddard. Goddard ist die Verschmelzung von Grant und Stoddard - zweien sehr rassistischen amerikanischen Nationalisten. Das zeugt davon, das Tom nicht unbedingt ein Mann des Geistes ist - was ihn wiederum sehr von Gatsby unterscheidet. Seine fehlenden Intellekt ersetzt Tom durch physische Stärke. Nick beschreibt das sehr eindringlich: "It was a body capable of enormous leverage - a cruel body."
    Interessante Anmerkung: In einem Brief an seinen Verleger Maxwell Perkins schrieb Fitzgerald über Tom Buchanan: "I suppose he's the best character I've ever done - I think he and [...] are the three best characters in American fiction in the last 20 years."



    enigma: Was das “ If personality”-Zitat angeht, fällt mir folgendes ein. Gastby ist sehr stilvollendet und elegant in allem was er tut. Damit steht er absolut in Tradition eines Dandys á la George Brummel. Was ihn von diesem dann aber doch unterscheidet ist seine Gier nach der neuesten Mode (wird später deutlich) und seine Vorliebe für beinahe schon peinliche Anzüge... Doch genau wie der klassische Dandy, gibt sich Gatsby in seinen sonstigen Handlungen. Er ist stets der Mittelpunkt des Geschehen und dennoch umgibt ihn eine kühle Aura, die ihn unnahbar macht und die ihn letzten Endes in eine distanzierte Zuschauerrolle drängt. Ein Dandy möchte gefallen und mehr noch: auffallen. Er möchte sich aber auf keinen Fall die Blöße geben oder gar von anderen abhängig sein. Deswegen fällt es ihm schwer, soziale Bindungen zu intensivieren. Deswegen vermeidet er es auch Liebesbeziehungen einzugehen. Gatsbys Fall liegt so gesehen darin, dass er an seinem Traum (Daisy) festhält...


    "Augen, deren Anstrich..."


    Meine Erinnerung sagt, dieses Zitat bezieht sich auf ein überdimensionales Werbeplakat (Dr. Eckleburg) im so genannten "valley of ahses". Dieses Tal der Asche ist ein Symbol für den Verfall der Gesellschaft und der Moral; es ist das stärkste Symbol für die Dekadenz im ganzen Buch. Der auf dem Plakat abgebildete Dr. Eckleburg wacht über dieses Tal. Fitzgerald veranschaulicht hier, das Konsum, Geldgier, Kommerzdenken - die natürlich eng mit der Idee des amerikanischen Traumes verbunden sind - in der Vernichtung enden; der amerikanische Traum erhält dadurch etwas grundlegend Amoralisches und Schlechtes. Die verblasste Farbe des Plakats verstärkt den Eindruck der Vergänglichkeit (...einst war da mal etwas, was faszinierend wirkte - doch dieser Zauber ist verflogen, abgeblättert...)





    Ich hoffe, das war einigermaßen aufschlussreich bzw. diskussionswürdig. Wie gesagt, bin ich gerade etwas eingespannt aber ich werde spätestens Montag wieder vorbei schauen...

  • R2D2
    Danke für deine aufschlussreichen Gedanken und die Klärung der Begriffe "Jazz Age" und "Golden Twenties"!
    Du bist indessen wahrscheinlich schon mit dem Buch durch, oder?


    Interessant, dass Fitzgerald Tom zu einem der besten Charaktere erklärt.
    Auch sehr aufschlussreich finde ich, dass Fitzgeralds eigener Niedergang erst nach der Veröffentlichung des "Great Gatsby" begann.
    Das hat irgendwie etwas Ironisches.



    enigma
    Die deutschen Übersetzungen lauten:
    1. "Wenn allerdings Persönlichkeit nur eine ununterbrochene Kette großartiger Gesten ist, dann ging von ihm etwas Strahlendes aus, eine hochgradige Empfindlichkeit für die Verheißungen des Lebens, als hätte er Kontakt mit einem jener verzwickten Instrumente, die auf zehntausend Meilen ein Erdbeben registrieren."
    Ich muss dir recht geben, dass "machines" viel gewaltiger wirkt. Allerdings finde ich "Instrumente" viel feinfühliger und auf eine andere Art ebenso bedrohlich. Vielleicht, weil man "Instrumente" gerne mit dem medizinischen Bereich assoziiert und dadurch das Abhängigkeitsverhältnis stärker hervor gehoben wird. ;)


    2. Das wurde relativ frei übersetzt:
    "Der Wind war ganz abgeflaut. Man hörte jetzt die Geräusche der hellen Sommernacht , das Flügelschlagen in den Bäumen und den anhaltenden Orgelton der Frösche, als blase die Erde selbst mit tiefem Dröhnen ihnen neues Leben ein."
    Leider muss ich sagen, dass mir die deutsche Übersetzung überhaupt nicht gefällt.
    Das "loud" wurde unterschlagen und aus "beating" wurde Flügelschlagen, was der Situation ihre Naturgewalt nimmt.




    Das, was R2D2 über Tom schreibt, zeigt sich sehr stark im 2.Kapitel. Gestern Abend habe ich es fertig gelesen.
    Ich finde, diese Gesellschaft bei Toms Freundin erinnert sehr stark an ein Gelage, was wiederum die kulturelle Dekadenz reflektiert. Man feiert sich selbst und die vermeintliche eigene Großartigkeit. Dieses Selbstinszenieren wird noch durch den anwesenden Fotographen unterstrichen und die im Raum stehende Frage, "aus wem er noch etwas machen könne".
    Überrascht hat mich allerdings, dass sich der ansonsten relativ beherrschte Erzähler ebenso von der Ausgelassenheit hat mitreißen lassen. Ich hätte von ihm eher eine distanziertere Position erwartet.
    Auch erfährt man Näheres über Gatsby, nämlich, dass er wohl mit Kaiser Wilhelm verwandt sein soll. Genau weiß das allerdings keiner und ich denke, dass diese Aussage auch eher aus Neid getroffen wurde.

  • Die deutschen Übersetzungen lauten:
    1. "Wenn allerdings Persönlichkeit nur eine ununterbrochene Kette großartiger Gesten ist, dann ging von ihm etwas Strahlendes aus, eine hochgradige Empfindlichkeit für die Verheißungen des Lebens, als hätte er Kontakt mit einem jener verzwickten Instrumente, die auf zehntausend Meilen ein Erdbeben registrieren."


    "Wenn Persönlichkeit ein Zusammenspiel geglückter Gesten ist, dann hatte er etwas Zauberhaftes an sich, eine erhöhte Empfindsamkeit für die Verheißungen des Lebens, so, als wäre er mit einem raffinierten Gerät verbunden, das ein Erdbeben aus zehntausend Meilen Entfernung registriert." (Üb. Bettina Abarbanell, Diogenes 2006)


    Zitat

    2. Das wurde relativ frei übersetzt:
    "Der Wind war ganz abgeflaut. Man hörte jetzt die Geräusche der hellen Sommernacht , das Flügelschlagen in den Bäumen und den anhaltenden Orgelton der Frösche, als blase die Erde selbst mit tiefem Dröhnen ihnen neues Leben ein."


    "Der Wind war abgeflaut und einer lauten, hellen Nacht gewichen, erfüllt von Flügelschlagen in den Bäumen und einem anhaltenden Orgelton aus dem Blasebalg der Erde, der den Fröschen Leben einblies." (Üb. Bettina Abarbanell, Diogenes 2006)

  • Übersetzer/in Verlag Jahr
    Maria Lazar Th. Knaur Nachf., Berlin 1928
    Walter Schürenberg Blanvalet, Berlin 1953
    Bettina Abarbanell Diogenes, Zürich 2006
  • Hallo und frohe Ostern! Vor dem Braten noch kurz was zum alten Fitze.... ;-)



    Auch sehr aufschlussreich finde ich, dass Fitzgeralds eigener Niedergang erst nach der Veröffentlichung des "Great Gatsby" begann.


    Ich glaube, das kann man so nicht wirklich sagen. Als GG erschien, war Fitzgerald schon ziemlich enttäuscht vom Leben. Ich denke man kann ohne weiteres behaupten, dass er grundlegend einen sehr pessimistischen Charakter hatte: Princeton musste er wegen zu schlechter Noten verlassen, in den Krieg ziehen erübrigte sich für ihn, da dieser zu Ende war. Seine große Liebe (Ginevra King, die eine überaus wichtige Rolle in vielen seiner Geschichten spielen sollte. Ich empfehle hierzu das Buch "The perfect Hour"von James West) verlies ihn wegen eines Reicheren und auch Zelda (seine spätere Frau) brach die Verlobung zunächst auf, weil Fitzgerald zu arm für sie war. Nur durch den überraschenden Erfolg von This Side of Paradise (seinem ersten Buch) konnte er sie zurückgewinnen und halten. Das ständige Gefühl, Geld haben zu müssen, um überhaupt glücklich sein zu können, lastete folglich schwer auf Fitzgerald, der zunächst allerdings ein wildes Leben führen konnte, sich zusammen mit Zelda dem Partyleben higab und ausgedehnte Reisen machte. Zudem begann er rücksichtslos zu trinken. So stark, dass er nach seinem zweiten Buch (The Beautiful and Damned) kaum noch zum Arbeiten kam. An Perkins schrieb er: "I spent [two years] uselessly, neither in study nor in contemplation but only in drinking and raising hell generally."
    Er war also definitv schon vor GG sehr desillusioniert. Das ist mit Sicherheit auch ein Grund, warum es im GG nicht mehr diesen spielerischen Umgang mit der Dekadenz gibt, den man in seinen ersten beiden Roman durchaus noch verspüren kann. Richtig ist aber das Fitzgerald Niedergang nun umso schneller von statten gehen soll.......



    Überrascht hat mich allerdings, dass sich der ansonsten relativ beherrschte Erzähler ebenso von der Ausgelassenheit hat mitreißen lassen. Ich hätte von ihm eher eine distanziertere Position erwartet.


    Hierzu denke ich aber, dass man sich im Klaren sein muss, dass Nick ja gerade nach "Osten" gezogen ist, um neue und spannende Erfahrungen zu machen. Deswegen ist er vom Treiben in Myrtles Wohnung durchaus angetan. Gutheißen tut er es m.E. nach nicht. Immerhin sagt er ja "I wanted to get out and walk eastward toward the park [...]", er kann sich aber nicht davon lösen, das Geschehen weiterhin zu verfolgen: "each time I tried to go I became entangled in some wild, strident argument which pulled me back, as if with ropes, into my chair."

  • Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich diesen Beitrag um weitere Beispiele ergänzen.


    FSF = F. Scott Fitzgerald, 1925; Penguin Popular Classics (S. 7-188)
    ML = Maria Lazar, 1928; Th. Knaur Nachf. (S. 5-255)
    WS = Walter Schürenberg, 1953; SZ-Bibliothek (S. 7-187)
    BA = Bettina Abarbanell, 2006; Diogenes Verlag


    [hr] [hr]
    FSF:7 In my younger and more vulnerable years my father gave me some advice that I've been turning over in my mind ever since.
    'Whenever you feel like criticising anyone,' he told me, 'just remember that all the people in this world haven't had the advantages that you've had.'
    He didn't say any more, but we've always been unusually communicative in a reserved way, and I understood that he meant a great deal more than that.
    ML:5 Als ich noch jünger war und um vieles empfindsamer, gab mir mein Vater einen Rat, der mir seither immer wieder durch den Kopf ging.
    Er sagte: "So oft du Lust hast, jemanden zu kritisieren, erinnere dich, daß kein Mensch auf der Welt ähnliche Chancen gehabt hat, wie du."
    Weiter gab er keine Erklärungen. Da wir aber seit jeher trotz aller Zurückhaltung ungewöhnlich stark miteinander verbunden waren, verstand ich, daß er noch viel mehr damit meinte, als diese wenigen Worte besagen.
    WS:7 In meinen jüngeren Jahren, als ich noch zarter besaitet war, gab mein Vater mir einmal einen Rat, der mir seitdem wieder und wieder durch den Kopf gegangen ist.
    "Bedenke", sagte er, "wenn du an jemand etwas auszusetzen hast, daß die meisten Menschen es im Leben nicht so leicht gehabt haben wie du."
    Weiter sagte er nichts, aber da wir uns auf eine scheue Art immer ungewöhnlich gut verstanden, begriff ich, daß er damit sehr viel mehr gemeint hatte.
    [hr] [hr]
    FSF:8 If personality is an unbroken series of successful gestures, then there was something gorgeous about him, some heightened sensitivity to the promises of life, as if he were related to one of those intricate machines that register earthquakes ten thousand miles away.
    ML:7 Wenn das Wesen der Persönlichkeit in einer Reihe ununterbrochener Erfolge besteht, dann war etwas Blendendes um ihn, eine gewisse erhöhte Empfindsamkeit für alles, was das Leben versprechen kann. Es war, als hinge er mit einem jener komplizierten Mechanismen zusammen, die schon auf eine Entfernung von zehntausend Meilen ein Erdbeben anzeigen können.
    WS:8 Wenn allerdings Persönlichkeit nur eine ununterbrochene Kette großartiger Gesten ist, dann ging von ihm etwas Strahlendes aus, eine hochgradige Empfindlichkeit für die Verheißungen des Lebens, als hätte er Kontakt mit einem jener verzwickten Instrumente, die auf zehntausend Meilen ein Erdbeben registrieren.
    BA Wenn Persönlichkeit ein Zusammenspiel geglückter Gesten ist, dann hatte er etwas Zauberhaftes an sich, eine erhöhte Empfindsamkeit für die Verheißungen des Lebens, so, als wäre er mit einem raffinierten Gerät verbunden, das ein Erdbeben aus zehntausend Meilen Entfernung registriert.
    [hr] [hr]
    FSF:27 The wind had blown off, leaving a loud, bright night, with wings beating in the trees and a persistent organ sound as the full bellows of the earth blew the frogs full of life.
    ML:33f Der Wind hatte sich verzogen, die Nacht war laut und hell geworden; es war ein Flügelschlagen in all den Bäumen, und die Frösche lärmten so lebendig, als wären alle Blasebälge dieser Erde aufgezogen.
    WS:26 Der Wind war ganz abgeflaut. Man hörte jetzt die Geräusche der hellen Sommernacht, das Flügelschlagen in den Bäumen und den anhaltenden Orgelton der Frösche, als blase die Erde selbst mit tiefem Dröhnen ihnen neues Leben ein.
    BA Der Wind war abgeflaut und einer lauten, hellen Nacht gewichen, erfüllt von Flügelschlagen in den Bäumen und einem anhaltenden Orgelton aus dem Blasebalg der Erde, der den Fröschen Leben einblies.
    [hr] [hr]
    FSF:31f She smiled slowly and, walking through her husband as if he were a ghost, shook hands with Tom, looking him flush in the eye. Then she wet her lips, and without turning around spoke to her husband in a soft, coarse voice:
    'Get some chairs, why don't you, so somebody can sit down.'
    'Oh, sure,' agreed Wilson hurriedly, and went toward the little office, mingling immediately with the cement colour of the walls. A white ashen dust veiled his dark suit and his pale hair as it veiled everything in the vicinity - except his wife, who moved close to Tom.
    ML:39 Sie lächelte ein wenig, ging an ihrem Mann vorbei, als wäre er ein Geist und schüttelte Tom die Hand, wobei sie ihm fest in die Augen schaute. Dann netzte sie sich die Lippen und sagte, ohne nur den Kopf zu wenden, mit einer leisen und unfreundlichen Stimme zu ihrem Mann:
    "Bring' doch wenigstens ein paar Stühle, die Leute können sich ja nicht einmal setzen."
    'Aber natürlich", sagte Wilson und eilte dienstfertig in das kleine Büro nebenan. Die Zementfarbe der Wände legte sich sofort auf ihn, ein weißer Aschestaub umhüllte seinen schwarzen Anzug und sein fahles Haar, so wie er alles um ihn herum umhüllte - mit Ausnahme der Frau, die ganz dicht an Tom herangetreten war.
    WS:29f Sie lächelte ein wenig, schritt durch ihren Gemahl hindurch, als sei er nur ein Geist, und begrüßte Tom, wobei sie ihm direkt in die Augen sah. Dann befeuchtete sie ihre Lippen und sprach, ohne sich auch nur umzuwenden, mit einer angenehm heiseren Stimme zu ihrem Gatten:
    "Hol doch ein paar Stühle, sei so lieb, daß man sich setzen kann."
    "Oh, natürlich", beeilte sich Wilson. Er ging in das kleine Büro und war im selben Augenblick eins mit der Kalkfarbe der Wände. Ein weißer Aschennebel verschleierte seinen dunklen Anzug und sein blasses Haar und legte sich ringsum auf alles und jedes - ausgenommen seine Frau, die nahe an Tom herantrat.
  • Hallo zusammen und vielen Dank für die Zitate, einige davon habe ich im Materialordner gesammelt. So ein Materialordner hätte für solche Zwecke besser die Form eines Wiki, statt eines Forums :-)



    "Augen, deren Anstrich..."


    Meine Erinnerung sagt, dieses Zitat bezieht sich auf ein überdimensionales Werbeplakat (Dr. Eckleburg) im so genannten "valley of ahses". Dieses Tal der Asche ist ein Symbol für den Verfall der Gesellschaft und der Moral; es ist das stärkste Symbol für die Dekadenz im ganzen Buch.


    Ja, die Augen, denen der Anstrich fehlt, sind die auf dem Plakat, "their retinas are one yard high", heißt es auf Seite 29. Die Retina = Netzhaut dürfte zwar nicht von außen zu sehen gewesen sein, eher schon die Iris, aber nun ja.


    Das Tal der Asche, auf halber Strecke zwischen West Egg und New York, wird interessanterweise so vorgestellt (1. Absatz im 2. Kapitel):


    Zitat


    This is a valley of ashes - a fantastic farm where ashes grow like wheat into ridges and hills and grotesque gardens; where ashes take the forms of houses and chimneys and rising smoke and, finally, with a transcendent effort, of ash-grey men, who move dimly and already crumbling through the powdery air.


    Sehr schön, und im Deutschen nicht nachzumachen (oder doch?), der Übergang von Eschen über Kamine und Rauch zu asch-grauen Menschen zu pulvriger Luft - ein müheloser Übergang without a transcendent effort von Esche zu Asche ...