Ernst Ludwig Kirchner

  • Ein mir sehr wichtiger Künstler und Wegbereiter des Expressionismus war Ernst Ludwig Kirchner, den ich gerne hier einmal ins (Selbst-)gespräch bringen möchte.


    Seit ich einige seiner Werke in einer Ausstellung über die Künstlervereinigung "Die Brücke" mit eigenen Augen sah, bin ich hingerissen von der Farb- und Ausdruckskraft seiner Bilder! Nicht nur Kirchners Bilder wirkten phantastisch auf mich, auch die der anderen Brücke-Künstler - aber Kirchners Bilder haben etwas, was mich tief berührt. Das ist natürlich schwer auszudrücken und beruht auch persönlichen Geschmack. Bedeutend für mich ist, dass sich die Dresdner Architekturstudenten damals auf einen realitätsbezogenen und formgebundenen Expressionismus festlegten, aber sich dennoch als expressionistische Gruppe verstanden. Aber auch dies ist wieder Geschmackssache...


    Schlimm finde ich wieder einmal, wie die Deutschen ihre großen Künstler(innen) behandelten. Allein daran zu denken macht mir oft Ekel und erzeugt Abscheu in mir. Aber es gab auch Landsleute, die sich daran nicht beteiligten und den Künstler(innen) halfen und ihr Werk zu würdigen wussten. Wollen wir für die künstlerische Zukunft das Beste hoffen!


    Schönes Wochenende, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

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  • Ein mir sehr wichtiger Künstler und Wegbereiter des Expressionismus war Ernst Ludwig Kirchner, den ich gerne hier einmal ins (Selbst-)gespräch bringen möchte.


    Hallo FA,


    vielen Dank, dass du hier tapfer die bildenden Künstler versuchst immer wieder ins Gespräch zu bringen. Erstaunlich, dass sich Literaturfreunde anscheinend so gar nicht für Kunst interessieren.


    Kirchner in allen Ehren, aber mir persönlich ist nie so richtigt klargeworden, wieso er immer als erster genannt wird, wenn von den Brücke-Künstlern geredet wird. Mir selbst ist das Werk von Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Erich Heckel (in dieser Reihenfolge) genau so wichtig wie Kirchners Werk.


    Gruß

  • Danke montaigne!


    Das ich Kirchner besonders ins "Gespräch" brachte war vielleicht nicht sehr geschickt, denn meine (gegenwärtige) Vorliebe für Kirchner aus der Künstlervereinigung "Die Brücke" war nicht immer so. Eine zeitlang stellte ich Schmidt-Rottluff vor Kirchner. Dann wiederrum war ich einige Zeit von einigen Akten Otto Müllers hingerissen. Es ist also ein sich mit der Zeit wechselndes "Vorliebnehmen". Vielleicht hätte ich im Brücke-Ordner weiterschreiben sollen... Die in Brüssel vor einigen Jahren gezeigte Brücke-Ausstellung kann und will ich einfach nicht vergessen, so beeindruckend war sie! Die Farbgewalt der Bilder war im Ausstellungslicht einfach überwältigend! Ich selbst male "hobbymäßig" und neige zu starken Farbausdrücken und habe Neigungen zu größeren Farbflächen, dabei behalte ich aber Formen ein, wenn auch leicht abstrahiert, oder besser ausgedrückt vereinfacht. Also da gibt es schon viel, was die Brückekünstler so wichtig und vorbildhaft für mich macht. Aber nicht nur diese...


    Ich stimme dir zu, andere Brückekünstler werde ich hier vorstellen...


    Grüße und noch einen schönen Samstag! FA

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  • Ernst Ludwig Kirchners Kräfte, die durch Nervenkrisen mit Angst vor dem Wahnsinn geschwächt waren, erlagen schließlich der Kulturbarberei der Nazis. Er konnte der Diffamierung als “entarteter” Künstler, die mit der Enfernung aller seiner Werke aus deutschen Museen einherging, nicht mehr ertragen, sah für sich als Verfolgten und Gefährdeten keine Zukunft mehr und nahm sich, nachdem er Zeichnungen und Druckstöcke verbrant hatte, 1938 das Leben… Es ist eines von so vielen von den Nazis verursachten Schicksalen und für die Brücke als Künstlergruppe und besonders auch für den deutschen Expressionismus tragisch. Die beiden Weltkriege haben vielversprechende Entwicklungen im internationalen und besonders deutschen Expressionismus zerstört und unmöglich gemacht, was von menschen- und kulturfeindlichen Systemen aber wohl nicht anders zu erwarten war/ist. Wenn ich mir überlege, mit wieviel unvorstellbarem Wille und Eifer eigentlich Unmengen Leben, Geld und Recourcen für Rüstung und Krieg da war, um unbeschreiblich viel Leben und unschätzbare Werte zu zerstören, dann kann ich nur mit Abscheu an die wenigen kargen Mittel denken, mit denen die Künstler versuchen mussten zu überleben… Kein Geld für große Kunst, aber unvorstellbare Geldmengen zum Kriegs- und Machtspielen…


    Horst Jähner beschrieb Ernst Ludwig Kirchner in seinem Brücke-Buch Kirchner “feinnerviger als die Meisten seiner Weggefährten…wobei starker als bei den anderen seine Intellektualität zur Geltung kam”. Er zeichnet ein Bild Kirchners als eigensinnigen und skeptischen Menschen, der dennoch “mit allen Fasern seines herzens am Leben hing” und kritisierte dessen auf Selbstdarstellung und auf Kollegenschelte gerichteten Charakter, dabei aber auch auf seinen Traum von einer Künstlergemeinschaft - Kirchners Sehnsucht nach Einsamkeit rang mit dem Wunsch nach befruchtender Gemeinschaft. Er würdigt dabei Kirchner dennoch als den interessantesten Künstler der Brücke… Ich kann dies nicht leicht nachvollziehen, aber undenkbar ist es für mich nicht. Jähners Bild des Künstlers Kirchner finde ich dennoch sehr glaubhaft. Mir waren einige Dinge aus dem Artikel Jähners über Kirchner völlig neu, besonders die starke Traditionsbewusstheit Kirchners, besonders durch das innige und dauernde Studium, die gefühlte Verwandschaft mit Albrecht Dürer, Lucas Cranach und Rembrandt Harmenszoon van Rijn, den Werken der Renaissance und des Barock, sein Verhältnis zu Künstlerkollegen, das Leugnen einiger seiner Vorbilder, sein Wehren gegen die Einordnung als Expressionist usw. Diese mir neuen Dinge, Zitierungen und Ansichten haben doch mein Bild von den Brückekünstlern und besonders von Kirchner verändert und vertieft und gleichzeitig meine Begeisterung gesteigert…


    (Quelle: sinngemäß zusammengefasst aus Horst Jähner Künstlergruppe Brücke)


    Grüße an alle Mitleser(inn)en, FA

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  • Hallo HoldenCaulfield,


    Danke für die Antwort. Es freut mich, dass ich letztendlich nicht nur für mich schreibe und werde weiter Künstler(inn)en hier vorstellen. Über Kirchner werde ich mir wohl die Monographie von Norbert Wolf besorgen, um mehr über diesen eigenwilligen und sensiblen Künstler zu erfahren. Seine Bilder gefallen mir sehr gut. Als ich vor einigen Jahren Originale im Museum von Elsene (Brüssel) sah, war ich beindruckt von der Ausdruckskraft. Besonders seine Berliner Stadtbilder sind mir als herausragend in Erinnerung geblieben. Das lässt sich nur erahnen, wenn man auf Reproduktionen aus Büchern angewiesen ist. Bücher sind aber oft nur der einzige Zugang für mich zu meinen Lieblingskünstler(inn)en, sie sind Notlösungen.


    Was gefällt dir an Kirchners Bildern besonders? Worauf legst du besonderen Wert bei der Beurteilung?


    Noch einen schönen Samstag wünscht dir FA!

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  • Hallo Friedrich-Arthur,


    Du schreibst ganz gewiss nicht nur für dich, mit großem Interesse und Freude verfolge ich deine herzliche Begeisterung über den auch in meinen Augen bedeutenden und leider nicht genügend beachteten Künstler.
    Vor 2 Wochen hatte ich das Vergnügen mir im Kölner Ludwig Museum eine kleine Anzahl an Werken von Expressionisten und Malern der klassischen Moderne anzusehen und neben Max Beckmann zählt Kirchner für mich zu den wichtigsten deutschen Künstlern des letzten Jahrhunderts.


    Noch ganz präsent sind mir Weiblicher Halbakt mit Hut, die Eisenbahnüberführung, die Russin, Fünf Frauen auf der Straße und eine Künstlergemeinschaft in Erinnerung.


    Zitat

    (...)aber Kirchners Bilder haben etwas, was mich tief berührt


    In diesem kurzen Satz beschreibst du auch mein Empfinden, wenn ich vor einem Kirchner stehe, z.B. das Gemälde Fünf Frauen auf der Straße kann ich mir stundenlang ansehen ohne gesättigt zu sein.


    Zitat

    Er zeichnet ein Bild Kirchners als eigensinnigen und skeptischen Menschen, der dennoch “mit allen Fasern seines herzens am Leben hing” und kritisierte dessen auf Selbstdarstellung und auf Kollegenschelte gerichteten Charakter


    Eigensinnig ist noch nett ausgedrückt, keine Ausstellung, keine Broschüre, nicht mal ein Artikelchen durfte ohne seine genaue Prüfung organisiert oder geschrieben werde. Lieber verzichtete er auf die Ausstellung und sei es nur eines einzigen seiner Werke, wenn er nicht die Möglichkeit hatte, den genauen Standort seines Gemäldes zu bestimmen.
    Er hasste es in irgendeine Stilecke gedrückt zu werden.
    An seinen großen Unterstützer Gustav Schiefler schrieb er 1927: Schön wäre es, wenn Sie mich nicht Expressionisten nennen würden. Ich bin wirklich keiner. ( E.G.Kirchner-G.Schiefler, Briefwechsel 1910 – 1935/38 )



    Zitat

    kritisierte dessen auf Selbstdarstellung und auf Kollegenschelte gerichteten Charakter


    Die Kollegenschelte war nicht ohne, vor allem ließ er keine Gelegenheit aus, seine Brücke- Gefährten zu diffamieren, außer Otto Mueller, über den er nach dessen Tod schrieb:
    (…) er war der einzige, der einen noblen, anständigen Charakter hatte, eine Herrennatur und kein Speichellecker und Streber. ( Brief an Hagemann, der einen Nachruf in das Kunstblatt 1930 verfasste)


    Kirchners Abneigung war vollkommen auf Pechstein fokussiert, der als erster von den Brücke-Künstlern bedeutende Aufträge erhielt und 1907, also ein Jahr nach seiner Aufnahme in die Brücke, den begehrten Rompreis erhielt.
    1925 schreibt er an den Dresdner Kunsthistoriker Grohmann: (…) soeben kommt ein Brief von Posse, der Esel will in der Internationalen eine Ausstellung der seit 13 Jahren toten und begrabenen Brücke machen und denkt, ich mache mich lächerlich und stelle da mit aus, wo ich unter größtem Krach austrat und in jeder Weise beschissen worden war. Nein, auf keinen Fall stelle ich dort aus.


    Doch sein Ehrgeiz ließ nicht zu, dass er die Gelegenheit in Dresden auszustellen verpassen könnte und so willigte er doch ein auszustellen, unter der Bedingung, einen Raum für sich alleine zu bekommen und die Bilder selbst aufhängen zu dürfen.


    Kirchner reagierte auch äußerst gereizt, wenn er mit anderen Künstlern verglichen wurde.
    Sein Respekt galt gewiss Albrecht Dürer, doch mit Munch in einem Atemzug genannt zu werden, war in seinen Augen eine erniedrigende Frechheit.


    Witzig finde ich die Personnage Louis de Marsalle, doch dazu das nächste Mal…


    Ich habe wohl kaum hier etwas geschrieben, was dir nicht bekannt ist, doch hat es mir Freude gemacht im Katalog, der anlässlich der Ausstellungen Farben sind die Freude des Lebens in Davos (1999/2000) und in Essen (2000), herauskam wieder zu lesen und einen kleinen Teil hier in "meiner" Form wiederzugeben.


    liebe Grüße
    donna

  • Hallo donna,


    danke für deinen Beitrag. Einige Zitate waren mir nicht bekannt. Ja der Kritiker Louis de Marsalle war wirklich eine merkwürdige Figur... Ich habe über das Kapitel der Kunstkritik nur angelesen und würde mich freuen, mehr darüber von dir in einem Beitrag zu erfahren.


    Das Bild "Eine Künstlergemeinschaft" entstand lange nach Auflösung der Brücke (1926/1927), nach einem Aufenthalt in Dresden und zeigt dennoch eine Sehnsucht Kirchners nach altem gemeinsamen Arbeiten, Streben und nach Gemeinschaft. Auffallend ist auf dem Bild, das Pechstein fehlt und Kirchner sich selbst eine Art geistiger Rolle zuschrieb. Eine Art Wehmut und gleichzeitig Selbstdarstellung...


    Munch hatte auf fast alle der Brücke-Künstler starken Einfluss ausgeübt, aber kaum einer bekannte sich dazu (wobei sie sich sonst wohl zu Vorbildern bekannten, sei es im Werk selbst oder in Äußerungen darüber).


    Dennoch schätze auch ich Kirchner, so wie du, als einen der wuchtigsten deutschen Künstler und Expressionisten des 20. Jahrhunderts ein. Seine Bilder im Original sind leider von keiner Reproduktion zu erklären...


    Ich werde gleich noch einen Beckmann-Ordner anlegen, das habe ich nämlich schon länger vor...


    Bitte schreibe noch über das merkwürdige Marsalle-Kapitel!


    Noch einen schönen Sonntag!


    Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo Friedrich-Arthur,


    Zitat

    Das Bild "Eine Künstlergemeinschaft" entstand lange nach Auflösung der Brücke (1926/1927), nach einem Aufenthalt in Dresden und zeigt dennoch eine Sehnsucht Kirchners nach altem gemeinsamen Arbeiten, Streben und nach Gemeinschaft. Auffallend ist auf dem Bild, das Pechstein fehlt und Kirchner sich selbst eine Art geistiger Rolle zuschrieb. Eine Art Wehmut und gleichzeitig Selbstdarstellung...


    Wahrscheinlich, interessant ist aber auch, dass er auf dem Bild die Chronik, die ja eine der Ursachen für den Zerfall der Brücke war, in der Hand hält. Er konnte die Seitenhiebe nicht lassen.


    Zitat

    Munch hatte auf fast alle der Brücke-Künstler starken Einfluss ausgeübt, aber kaum einer bekannte sich dazu (wobei sie sich sonst wohl zu Vorbildern bekannten, sei es im Werk selbst oder in Äußerungen darüber).


    Natürlich, sogar Picasso ließ er als Künstler gelten, aber auch Klee, Kandinsky, Dix und vor allem le Corbusier wurden von ihm anerkannt.


    Als Vorbilder sehe ich mal Cézanne, Rembrandt (Zeichnungen) und Dürer. Da fehlen bestimmt einige...



    Wohl hauptsächlich aus purer Eifersucht aber auch aus Misstrauen gegenüber Kunstkritikern ließ Kirchner einen intelligenten und gebildeten Kritiker seine Werke beurteilen, erklären und vor allem bejubeln, den Franzosen Louis de Marsalle.


    Ob und wann Grohmann herausfand, dass hinter dem wohlklingenden Namen Kirchner steckte, habe ich nicht herausfinden können. Nur als Grohmann Kirchner bedrängte, de Marsalle kennenzulernen, verfrachtete dieser ihn in das ferne Marokko.


    Hier ein Auszug aus dem 1920 in der Kunstzeitschrift Genius von de Marsalle verfasstem Artikel:


    (…)Kirchner zeichnet, wie andere Menschen schreiben. Die jahrelange Gewohnheit, alles, was er sieht und erlebt, zeichnerisch niederzulegen, hat ihn fähig gemacht, ohne Schwierigkeiten alles, was vor seinem physischen oder seinem geistigen Auge erscheint, in Linien und Formen wiederzugeben. Er benutzt dazu die ganze Fläche des betreffenden Blattes. Nicht nur die Linien und die von ihnen gebildeten Formen, sondern auch die unbezeichnet bleibenden Teile des Blattes formen das Bild. Alle diese Gebilde sind an sich keine Darstellungen bestimmter Gegenstände, sie erhalten erst durch ihre Stellung, ihre Größe und ihr Verhältnis gegenüber den anderen in der Blattfläche ihre ganz bestimmte Bedeutung (…)



    Kirchner litt auch unter der mehrfach geschriebenen und ausgesprochenen "Unterstellung" seine Werke wären von damaligen französischen Künstlern (Picasso, Braque, Matisse ) beeinflusst. Da kam de Marsalle auch gerade recht um dieses Missverständnis aufzuklären, so schrieb er wieder an Grohmann, dass seine Arbeit wirklich unabhängig und rein von der zeitgenössischen französischen Kunst entstanden uns sich entwickelt habe.
    [size=7pt](E.L. Kirchner – W. Grohmann, Briefwechsel)[/size]



    Immer wieder äußerte er sich negativ über die Pariser Kunst und diese Eitelkeit, bei der ich nicht umhin kam zu schmunzeln will ich dir nicht vorenthalten:


    Ich lege diese beiden Farbdrucke* neben einige französische von Picasso, Braque, Matisse und siehe da, wir haben eine neue Kunst, eine viel stärkere und modernere als bei diesen Herren, deren Drucke gegen die meinen verschwinden und schwach werden. (…) Ich glaube doch nicht eitel genug zu sein, um mich da zu täuschen. Meine Arbeit ist tatsächlich etwas Neues und Kräftiges, während diese Leute bei allem Geschmack doch recht akademisch und unoriginell wirken.
    [size=7pt](E.L. Kirchner – W. Grohmann, Briefwechsel)
    [/size]



    *[size=7pt]: Kranke Frau und Tanz zwischen den Frauen[/size]


    Mit Braque gebe ich ihm recht. :zwinker:


    Und jetzt was anderes, soweit ich es mitbekommen habe, lebst du in Brüssel Hast du schon von City Mind gehört?


    liebe Grüße
    donna

  • Hallo Donna,


    ich komme erst jetzt dazu, mich für deinen langen Beitrag zu bedanken. Das mit Louis de Marsalle ist zweifellos drollig, aber man sieht daran, wie geschäftstüchtig auch Künstler sein müssen. Die Konkurrenz war und ist auch in der Kunst hart, hinzu kommt die Verkennung und Ablehnung der Wegbereiter(inn)en, der harte Kampf um Anerkennung und ums Überleben, um die Möglichkeit, von und mit der Kunst und dem Kunstschaffen zu leben, dazu noch die kriegerischen Schicksalsschläge... jedenfalls ist diese Episode nur noch für Kunsthistoriker(inn)en von Bedeutung. Kirchners Werk hat dies alles nicht mehr nötig, das Werk spricht für sich. Das mit der Chronik ist auch so eine kunsthistorische Episode. Sicher hatte Kirchner recht, sich als künstlerisch treibende Kraft bei den Brückekünstlern zu sehen, aber auch er hatte von den anderen gelernt. Mir kommt es manchmal so vor, als ob einige der Brückekünstler ihm gegenüber unterbewertet werden, das finde ich nicht richtig, denn was die anderen schufen war selbstständig und künstlerisch hochwertig. Die Künstlergruppe Brücke hatte sich auch dafür eingesetzt, andere Künstler(innen), auch aus dem Ausland zu gewinnen. Edvard Munch ist da ein sehr gutes Beispiel. Er wurde als Mitglied sehr gewünscht, ist aber darauf nicht eingegangen. Kirchner zog selbst über seine Vorbilder manchmal her, machte aber aus Ablehnungen sicher keinen Hehl. Dennoch sollten wir diese "Schattenseite" seines Charakters nicht überbewerten. Es gab sicher auch vieles Gute in Kirchner und seinem Werk. Festzuhalten bleibt auch, dass es diesem Künstler in seiner Heimat nicht leichtgemacht wurde: die fehlende Anerkennung und Unterstützung, die Kriegsjahre mit folgender Nervenzerüttung, die Brandmarkung seines Werkes als entartet und die Entfernung seines Werkes durch die Nazis aus deutschen Museen... das erst sind die echten kunsthistorischen Vergehen, ja Verbrechen. Wie klein noch sieht Kirchners Schrei nach Anerkennung und Ruhm aus, stellt man ihn gegen das Gebrüll der wilhelminischen und braunen Jahre, die ihn in den Freitod trieben...


    donna, danke für die mir unbekannten Zitate!


    Von City Mind habe ich noch nie gehört, aber ich lebe auch nicht in Brüssel und fahre dorthin nur ab und an zum Arbeiten...


    Die bildenden Künste, sind, wie die Literatur und Musik einfach unerschöpflich. Kaum kennt man etwas und hat etwas gelernt, tun sich neue Welten und neues Dinge auf. Des Leben ist einfach viel zu kurz...


    Grüße, FA

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  • Ich habe mir gestern den Film über Kirchner angesehen, der aus einer Mischung von modernen Aufnahmen mit teilweiser historischer Verkleidung ein recht gutes Bild der Stationen von Kirchners Schaffen nachzeichnet und daran erinnert, dass so einiges aus der Zeit Kirchners auch heute noch gültig ist. Gemälde und Zeichnungen Klingers wurde mit Aufnahmen von Orten vermischt und beides gegenübergestellt. Besonders beeindruckte mich, wie der Rebell Kirchner schließlich vom "Mietskasernenmoloch" Berlin aufgesogen wurde und schließlich, nach hartem und hingebungsvollen Schaffen (neben Alfred Döblin und George Grosz) zum Chronisten des Interbellums dieser Stadt wurde. Die Bilder strahlen eine unglaubliche Kraft auf, sie vibrieren förmlich, so kommt es mir vor. Ich lese gerade die Kirchner-Biographie von Taschen, sie gefällt mir (bei all ihrer Begrenzung) wirklich gut und ergänzt sich mit dem Film…


    Ich wünsche euch ein schönes Wochenende!


    Grüße, FA

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  • Die Experimentierfreude Kirchners und der Wille zu neuer Form- und Farbsprache standen der Picassos, Klees und anderer großer Künstler in nichts nach. Dieser Aspekt kam meiner Ansicht nach im Film über Kirchner zu kurz, wird aber in der Taschen-Biographie gut herausgearbeitet. Erstaunlich, was Kirchner da alles für Vorbilder fand, nachzeichnete und seinem Stil "einverleibte". Große Kunst ist wohl immer auch der Wille zu Gestaltung im Sinne unermüdlichen Suchens nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Vervollkommnung eigener Stilmittel. Das findet sich auch bei Kirchners Bildern. Die scheinbare Einfachheit vieler seiner Bilder sind thematisch, bild- und farbkompositorisch wohldurchdacht und meisterhaft ausgeführt, was dann wieder deren Wirkung, ihre Harmonie und teilweise ihr Geheimnis ausmacht. Es gibt wirklich Erstaunliches zu entdecken. Ich kann nur raten, sich eingehender mit Ernst Ludwig Kirchner zu beschäftigen! FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo Mitleser(innen)!


    Diesen sehr detaillierten Lebenslauf Kirchners hätte ich eigentlich schon früher ergoogeln können. Jedenfalls hat sich das Kirchnermuseum in Davos da viel Mühe gemacht, all die Daten zusammenzutragen!


    Viele schöne Bilder wurden auch im Buchheimmuseum zusammengetragen. Ich wusste garnicht, dass Lothar Günter Buchheim selbst auch malte und erst in dem wunderbaren Brücke-Buch von Horst Jähner erfuhr ich vor einigen Wochen, dass Buchheim die erste große Brücke-Biographie schrieb. Das einzige, was mir bis vor kurzem bekannt war ist, dass Bucheim begeisterter Kunstsammler war. Was es nicht alles zu ergoogeln gibt...


    Später mehr...


    Grüße, FA

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  • Hallo Kirchner- und Brücke-Fanaten!


    Seit dem 13. Mai und noch bis zum 5. August 2007 wird in Chemnitz eine Ernst-Ludwig-Kirchner-Ausstellung mit dem Titel - Die Deutschlandreise 1925/1926 – stattfinden...


    Ich bin davon überzeugt, dass diese Ausstellung einen wichtigen Beitrag leisten wird, an das Verdienst, das Kirchner für die moderne Kunst zukommt, zu erinnern und ihn endgültig in die Liste der überzeit- und übernationalen Kunstgenies aufzunehmen. Kirchenr scheint mir immer noch weit unterschätzt...


    [gleicher Beitrag im Ernst-Ludwig-Kirchner- und Kunstschauen-Ordner]

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