Über Johann Gottfried Herder

  • Hallo zusammen!

    Ich stecke in Herders Frühwerken. Für mich sehr interessant, zu sehen, wie sich das Gedankengut des Sturm und Drang schon abzeichnet. Schön finde ich auch an der Gesamtausgabe von Suphan, dass sie auf die ganz frühen Werke verzichtet. (Die sind allerdings m.W. auch nicht mehr vorhanden.) Schulreden zu lesen, wie es bei Jean Paul möglich ist, finde ich wenig interessant. Selbst wenn ich mich als Jean-Paul-Aficcionado bzw. Herder-Aficcionado bezeichnen würde.

    :winken:

    Grüsse
    sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • [url=http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,4213.msg45155.html#msg45155]In gewisser Hinsicht ist Herder ja schon ein Geistesverwandter ... :breitgrins: [/url]

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  • [url=http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,4213.msg45155.html#msg45155]In gewisser Hinsicht ist Herder ja schon ein Geistesverwandter ... :breitgrins: [/url]


    Dazu Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biografie zu J.W. Zeit in Wetzlar:


    "Überall beginnt nun das Gezwitscher der Almanache, Taschenbücher und Anthologien, die sich gegenseitig befehden und die Hauptpublikationsmöglichkeit für junge Dichter darstellen. Goethes Lyrik ist jahrzehntelang nur als Almanach-Lyrik bekannt."

  • Während Herder als aufklärerischer Almanach-Beiträger und -Kritiker erste Bekanntheit erlangte. Diese Almanachitis war sicher auch ein Zeichen für eine sich neu bildende Literaturszene, wo nicht nur der Dichter vom Dichten zu leben versuchte, sondern auch der professionelle Literaturkritiker entstand. Parallel die "Erweiterung" des Publikums, wo Frauen und Dienstboten zu regelmässigen Literaturkonsumenten wurden - was zu speziellen Almanachen mit einem diesem Publikum (vermeintlich) angepasstem Niveau führte.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Während Herder als aufklärerischer Almanach-Beiträger und -Kritiker erste Bekanntheit erlangte. Diese Almanachitis war sicher auch ein Zeichen für eine sich neu bildende Literaturszene, wo nicht nur der Dichter vom Dichten zu leben versuchte, sondern auch der professionelle Literaturkritiker entstand. Parallel die "Erweiterung" des Publikums, wo Frauen und Dienstboten zu regelmässigen Literaturkonsumenten wurden - was zu speziellen Almanachen mit einem diesem Publikum (vermeintlich) angepasstem Niveau führte.


    Als Kind noch habe ich jedes Jahr auf einen dieser "Kalender" für das fröhliche Landvolk gewartet und feste darin geschmökert.

  • Als Kind noch habe ich jedes Jahr auf einen dieser "Kalender" für das fröhliche Landvolk gewartet und feste darin geschmökert.


    Ja, die gab's zu meiner Zeit und an meinem Ort auch noch. Allerdings haben und hatten die wenigsten Kalenderschreiber die Begabung eine Johann Peter Hebel.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Ich habe nun Über den Ursprung der Sprache wiedergelesen. Natürlich hast Du, scheichsbeutel^, Recht. Der Teil, den zu zitieren Du geruht hast, ist allerdings auch wohl der schwächste der ganzen Abhandlung. Herders Stärke liegt darin, dass er als erster - zumindest im deutschen Sprachraum - einen göttlichen Ursprung der Sprache und damit der menschlichen Vernunft rundweg abstreitet. Liegt darin, dass er als erster einen historisch-genetischen Ansatz der Sprachentstehung verfolgt, die dadurch zur Sprachentwicklung wird und womit er Leuten wie A. W. Schlegel oder den Brüdern Grimm vorgearbeitet hat. Während die zeitgenössischen Autoren eine völlig unhistorische Sichtweise vertraten und ihrem Thema gegenüber letztlich die unhistorische und besserwisserische Art des Lehrers gegenüber den Aufsätzen seiner Schüler inne hatten. (Das gilt auch für die Literaturkritik, die sich zu bilden begann, und die Euripides, Aristototeles, Shakespeare und Voltaire allesamt in denselben Topf zu werfen geruhte. Auch hier hat Herder die Lanze gebrochen für eine adäquatere, weil historisch gerechtere Sichtweise - v.a. bekanntlich auf Shakespeare. Und auch hier waren es Romantiker, v.a. der andere Schlegel-Bruder, die Herders Thesen erben und weiter verarbeiten durften.) Herders konkreten Hypothesen - wie die vom Blökenden - sind dann allerdings eher unfreiwillig komisch für den heutigen Leser.


    Ein anderes Neues ist Herders Sprache. Man muss sie nicht mögen. Aber es war bewusste, erarbeitete Formung darin, auch hier bewusster Gegensatz zur trockenen, akademisch-latinisierenden Faktenhuberei der Vorgänger und Zeitgenossen. Im Ursprung der Sprache konnte Herder wohl noch nicht ahnen, dass der junge, praktisch eigentlich gescheiterte Rechtsstudent, das Mamasöhnchen Goethe, den er gerade für die Volkslieder begeistert hatte, und den er zu seinem Adepten zu machen trachtete, dass dieser Goethe also ihn binnen kurzem überflügelt haben würde, was Bekanntheit, Anerkanntheit und Beliebtheit beim Publikum betreffen würde. Und das, indem er den Herder-Hamann'schen Stil sich aneignen würde. "Kommst Du von den Gothen oder vom Kothe?", würde er ihn verärgert hänseln - und noch verärgerter konstatieren müssen, dass sich der Zögling Goethe die Stichelei keineswegs gefallen liess, sondern seinen selbst ernannten Mentor fallen lassen würde.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Der ganz frühe Herder - quasi der vor-Sturm-und-Drängerische - ist noch stark dem Rationalismus à la Nicolai und Mendelssohn verhaftet. Auch in seiner Theologie, wie z.B. der Ältesten Urkunde des Menschengeschlechts, wo er die Genesis sehr rational als eine Art Heldengedicht der alten Juden betrachtet, die denn auch nicht wörtlich sondern symbolisch verstanden werden will, wenn es z.B. über die Reihenfolge der Schöpfung zu raisonnieren gilt. Der Wortschatz und die Syntax sind ebenfalls noch recht brav.


    Im Grunde genommen scheint Von deutscher Art und Kunst auch in Herders Schrifttum das erste Manifest des Sturm und Drang gewesen zu sein.

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  • Herder in der frühen Weimarer Zeit. In seinen theologischen Schriften ein interessanter Mischmasch von rationalistisch-positivistischen Gedanken, romantischen Anschauungen und konservativer Theologie ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Unterdessen Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit gelesen. Eigentlich ja mehr als "Ideen" - Herder liefert eine Universalgeschichte. Entzückend sein ziemlich offener Blick, der im Grunde genommen alle Kulturen als gleichwertig betrachtet, auch wenn er immer wieder seiner Zeit Tribut zollen muss, und sei es nur, weil über chinesische oder japanische Geschichte damals in Europa recht wenig bekannt war, von den alten mittel- und südamerikanischen Kulturen nicht zu sprechen. Afrika ist sowieso kulturelle und historische Wüste.


    Faszinierend Herders Blick auf Christus und das Pabstwesen. Dass er für letzteres kaum gute Worte findet, mag bei einem evangelischen Theologen ja nicht verwundern - dass er im Grunde genommen Christus nur als Menschen sieht und nicht als Sohn Gottes (welchen Ausdruck er nur figürlich genommen sehen will - hierin schon ein Vorläufer positivistischer Bibelkritik), macht aber verständlich, warum der Generalsuperindendent Weimars bei seinen unterstellten Pfarrern nicht so gut angekommen ist.


    Nun gehe ich zu Herders Metakritik (nämlich der Kant'schen Kritiken) über, wo er sich bekanntlich mit Hamann und Jean Paul getroffen hat.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus