Hans Castorps Schneetraum

  • Zusammenfassung:


    Hans Castorps Schneetraum in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" ist ein Abstieg zum Uranfänglichen, gestaltet in vier mythischen Bildern: Heimat -> paradiesische Gefilde -> antiker Hades -> Natur. Die Natur allegorisieren zwei kinderfressende Hexen. Belegt wird diese Deutung mit einschlägigen Zitaten aus dem Gesamtwerk und den Briefen Thomas Manns.


    Nach seiner Rückkehr vom Hades verabschiedet Hans Castorp (und mit ihm Thomas Mann) seine "Sympathie mit dem Tode".


    -> http://de.wikiversity.org/wiki/Hans_Castorps_Schneetraum.

    "Trau deinen Augen" (Otto Dix)

    Einmal editiert, zuletzt von H.-P.Haack ()

  • Hallo H.-P.Haak,


    willkommen im Klassikerforum. Ich habe mir den Text gerade durchgelesen, kann aber nicht sehr viel dazu anmerken, da ich kein Thomas-Mann-Kenner bin, wenn ich auch den "Zauberberg" las. In jüngster Beschäftigung mit dem Maler Ludwig von Hofmann werde ich mir aber Hans Castorps Schneetraum noch einmal auf die Beeinflussung Thomas Manns durch diesen Maler hin durchlesen. Thomas Mann soll Bilder, besonders Zeichnungen von Ludwig von Hofmann als Ausdrucksmittel und Ausgangspunkt verwendet haben und war ein großer Anhänger von dessen Werk. "Die Quelle" hing über Jahrzehnte in Thomas Manns Arbeitszimmer. Vorerst kann ich nur auf den Ordner über <a href="http://www.klassikerforum.de/forum/index.php?topic=1875.0">Ludwig von Hofmann</a> verweisen...


    Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo Friedrich-Arthur,


    Herzlichen Dank für die Begrüßung! Ihr Beitrag über T. M. und L.v.Hofmann, auf den ich über Google gestoßen bin, hat mich das Klassikerforum entdecken lassen. Meine Mitteilung ist eigentlich eine Antwort auf Ihr "Selbstgespräch".


    Mit respektvollen und freundlichen Grüßen
    H.-P.Haack

    &quot;Trau deinen Augen&quot; (Otto Dix)

  • Selbstkommentar zu meiner Studie über das Schneekapitel in „Der Zauberberg“



    Die Publikation ist das Ergebnis jahrelanger Beschäftigung mit dem Kapitel „Schnee“. T. M. hat es als Dreh- und Angelpunkt für das Verständnis des Romans bezeichnet (was ich inzwischen für die Rechtfertigung des Romanes halte). Kaum ein Kommentar aus der riesigen Sekundärliteratur zu „Der Zauberberg“ lässt Hans Castorps Schneetraum aus.


    Treffen meine Interpretationen ins Schwarze? Offensichtlich ja. Die von mir in der Studie zitierten Zauberberg-Interpreten [Wißkirchen, Neumann, Sprecher] habe ich angeschrieben. Auch Gloystein habe ich auf den Internet-Artikel aufmerksam gemacht. Bleiben Einwände aus, lässt sich das nur als stillschweigende Affirmation deuten.


    Hans-Peter Haack, Leipzig

    &quot;Trau deinen Augen&quot; (Otto Dix)

    Einmal editiert, zuletzt von H.-P.Haack ()

  • Bleiben Einwände aus, lässt sich das nur als stillschweigende Affirmation deuten.


    Hans-Peter Haack, Leipzig


    HAMMERHART ! So werden Götter und Religionen erschaffen und "Affirmation" ist doch noch viel besser als "Zustimmung" ;-)


  • Neu ist u. a. die Dekuvrierung der Hexen als T.M.s eigenwillige Allegorie der Natur. Als Beleg werden zauberbergfremde Zitate herangezogen.
    [...]
    Als ehemaliger Neurologe und Psychiater - inzwischen bin ich Ruhständler - habe ich eine Art Epikrise über T.M.s depressive Erkrankung im Beginn der Emigration einmontiert.


    Ihr Aufsatz ist eine schöne Bereicherung für mich. - Welche Ihrer Interpretationen neu sind, kann ich schlecht beurteilen: Wohl kenne ich das Werk Thomas Manns (mit Ausnahme eines grossen Teils seiner Briefe), nicht aber die Sekundärliteratur dazu... - Vielleicht wird sich dies einmal noch ändern, ich weiss es noch nicht.


    Dass T. Mann öfter schwermütig (Sie schreiben depressiv) war, wusste ich, um seine suizidalen Gedanken hingegen nicht wirklich...


    Zitat von H.-P.Haak

    Der Mensch ist „vornehmer als das Leben“ sagt: Ich, Künstler und Sohn eines Lübecker Senators, meinem ganzen Wesen nach auf Repräsentation bedacht, halte Keuschheit („Frömmigkeit“ in meinem Herzen) für „vornehmer“, als das Ausleben meiner homoerotischen Neigungen.


    Thomas Mann und seine homoerotischen Neigungen sind schon öfter Anlass gewesen für Diskussionen, hier im Forum und natürlich in der Sekundärliteratur...
    Gibt es nicht auch noch die Spannung zwischen Repräsentation und Künsterltum? - Beides war ihm eigentlich wichtig, aber, wie in vielen seinen Werken zu erkennen ist, hielt er die Künstlernatur als eine gefährdete, problematische und nicht durchwegs bürgerliche zu halten - gab es nicht immer wieder Schwierigkeiten, Künsterltum und Bürgerlichkeit unter einen Hut zu bringen? - Hierbei stütze ich mich insbesondere auf die Schilderungen Klaus Manns aus seiner Jungend, könnte jetzt allerdings keine konkreten Zitate heranziehen.


    Die Verurteilung des Selbstmordes ist übrigens eine quer durch die Gesellschaft und Denkrichtungen weitverbreitete Haltung.


    Vielleicht, dass mein Beitrag etwas vage ist, vielleicht, dass sich daraus noch eine Diskussion ergibt...



    Es grüsst
    alpha

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • Hallo alpha,


    herzlichen Dank für die Antwort! Sie ist nicht vage, sondern fragt konkret, z.B. nach Spannungen zwischen Künstlertum und Repräsentanz.


    Jeder Künstler will repräsentieren, sonst wäre er kein Künstler. Und der Künstler muss an sich glauben. Selbstzweifel an seinem Talent oder seinem schicksalshaften Sendungsauftrag sind mit Künstlertum nicht vereinbar. Unter den Voraussetzungen für künstlerisches Schaffen ist Selbstgewissheit entscheidender als Talent. Denn in jeder Kunstgattung gibt es Qualitätsunterschiede, selbst im Gesamtwerk ein und desselben Künstlers. Dazu gibt es noch Künstler ohne Werk, die sich nur sprechliterarisch interessant verausgaben. `Künstler´, über die man hinter vorgehaltener Hand lacht, und das zurecht. Übrgens: Ein Künstler ohne Werk ist Hitler gewesen, ein gescheiterter und verkommener Künstler.


    Noch zum Naturell des Künstlers: Er ist immer auch ein geistiger Bruder Till Eulenspiegels. Dem echten Künstler sitzt der Schalk im Nacken, auch in der Ehrfurcht und dem heiligen Ernst, die er dem eigenen Werk gegenüber hegt. Klingt paradox, nicht wahr? Ist aber so. In der Kunst sind die Grenzen zwischen Humor und Ernst fließend. In einem seiner Wagner-Essays meinte T.M. sinngemäß, die Kömödie sei bei genauerem Hinsehen ein "geheimes Trauerspiel", die Tragödie ein "sublimer Jux". Nur eine Beleuchtungsdrehung, und aus dem einen wird das andere.


    Mit allen guten Grüßen
    H.-P.Haack

    &quot;Trau deinen Augen&quot; (Otto Dix)


  • Selbstzweifel an seinem Talent oder seinem schicksalshaften Sendungsauftrag sind mit Künstlertum nicht vereinbar. Unter den Voraussetzungen für künstlerisches Schaffen ist Selbstgewissheit entscheidender als Talent. [...]
    Dazu gibt es noch Künstler ohne Werk, die sich nur sprechliterarisch interessant verausgaben. `Künstler´, über die man hinter vorgehaltener Hand lacht, und das zurecht. Übrgens: Ein Künstler ohne Werk ist Hitler gewesen, ein gescheiterter und verkommener Künstler.
    [...]
    Dem echten Künstler sitzt der Schalk im Nacken, auch in der Ehrfurcht und dem heiligen Ernst, die er dem eigenen Werk gegenüber hegt.


    Dann war Thomas Mann im Alter kein echter Künstler mehr, vorher hingegen schon? - Im hohen Alter wurde er ja ziemlich oft von Selbstzweifeln befallen, konnte jedoch Kritik von aussen um so weniger ausstehen, was wiederum für die Selbstgewissheit sprechen würde - eine Zerrissenheit also... - Ich pflege Thomas Mann weniger als Künstler anzusehen, denn als Kunshandwerker - und dazu gehört in erster Linie Talent und erst in zweiter Linie Selbstgewissheit.


    Hilter ist nicht ohne Werk geblieben, Sie werden wohl wissen, dass seine Bilder ziemlich teuer verkauft werden... - Ob er jedoch als Künstler eingestuft werden sollte? - Über Künstler ohne Werk sollte man lachen? - lächelnd wäre vielleicht angebrachter... - Das sind ja zum Teil eher tragische Fälle, die eher noch Hilfe brauchen...


    Die letzten zitierten Zeilen erinnern mich insbesondere an Joseph und seine Brüder! - Herrlich!



    Es grüsst
    alpha

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • Hallo alpha,


    bin in der Zwischenzeit von Heidelberg, wo ich noch eine Wohnung habe, nach Leipzig gefahren, d. h., meine Frau hat chauffiert.


    Sie haben "Joseph und seine Brüder" erwähnt. Das ist mir Anlass, eine Bemerkung, die eigentlich in den Aufsatz gehört hätte, hier nachzuholen:


    Eine Gegenposition zu den vielen Verfallsgeschichten im Werk T.M.s sind die Josephs-Romane! T.M. hat also nicht nur von Dekadenz und Todesverfallenheit geschrieben. Auch Felix Krull und die kleine Künstlererzählung "Das Wunderkind" sind primär heitere Werke. Aber was heißt ´heitere Werke´! - "Kunst ist ja doch im tiesten Grunde heiter." *


    Gruß
    H.-P.Haack, Leipzig


    * T.M. am 26.10. 1946 an Félix Bertaux (Nachtrag am 21.07.2006)

    &quot;Trau deinen Augen&quot; (Otto Dix)

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