• Nach Hermann Hesses Schrift über Eduard Mörike halte ich folgendes Bild von ihm übrig (ich habe hier nichts erfunden, sondern nur Aussagen Hesses zusammendestilliert): Mörike war sensibel, erregbar, verwundbar, ein sehnlicher Streber nach Ruhe, mit einer innersten Verbundenheit mit der Natur und den Seelen der Tiere, Pflanzen, Steine und Sterne, mit ehrfürchtigem Gefühl vor dem Göttlichen, war Seher und Ahner, in Einsamkeit lebend, dabei Leidender mit Kenntnis der Abgründe des Lebens, in seinem Werk ein Künstler mit tiefem Gefühl für Symbolisches und der Fähigkeit, sich an Kleinstem zu erfreuen. Weine Sprache war von einer unvergleichlich durchleuchteten Klarheit, mit immer aus dem Vollen schöpfenden Witz. Seine Dichtungen gingen langsam und still durch die Welt und fanden überall Menschen, denen die Begegnung mit ihnen die Welt bedeuteten und die ohne Mörike nicht mehr zu leben wüßten. Der bescheidene Lieder- und Märchendichter wird sicherer und lebendiger durch die Zeiten weitergehen. Seine Dichtungen werden auch im Verborgenen und sogar unterirdisch ihren Weg finden und ihre beglückende, lebensfördernde Arbeit tun. Der Kern von Mörikes Werk wird von Hesse als unsterblich erachtet. Also, dies begeistert mich schon! Was haltet ihr davon? Würdet ihr Hesse zustimmen und wo seid ihr anderer Ansicht bzw. Meinung? Was sagt euch Mörike heute? Würdet ihr zwischen ihm, Novalis, Hölderlin und Eichendorff wählen müssen, wen würdet ihr den Vorzug geben? Aber genug der Fragen. Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo zusammen!


    Du erinnerst mich daran, dass der Maler Nolten schon lange für eine Re-Lektüre vorgemerkt ist ...


    Im übrigen bin ich wohl zu sehr Realist, als dass ich diesem (wie ich es empfinde:) aufgeregt-romantischen Bild Hesses zustimmen könnte. Hesse at his worst - aber ich gebe zu, dass ich seit meiner frühen Postpubertät (also ungefähr mit 30) mit Hesse nicht mehr viel anfangen kann. Mörike gehört m.E. aber durchaus zum Grundstock deutscher Klassiker, wenn man darunter vorbildliche Literatur aller Epochen versteht.


    Grüsse


    Sandhofer


    PS. Um die unausweichliche dumme Frage gleich zu beantworten: Ja, meine Frau findet auch, dass ich keinen Sinn für Romantik hätte. :breitgrins: :breitgrins: :breitgrins:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Danke sandhofer!


    Fazit deiner Antwort für mich ist: einen Fehler kann ich eigentlich nicht machen, wenn ich mir Werke/Einzelausgaben Mörikes zulege. Das ist doch eine Bestätigung. Wie romantisch jede(r) veranlagt ist, muss jede(r) für sich ausmachen.


    Adventsgrüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo Friedrich-Arthur!


    Nein, einen Fehler machst Du sicher nicht mit Mörike. (Und ich persönlich halte ihn für bedeutend weniger romantisch, als ihn Hesse darstellt :breitgrins: )


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo Friedrich-Arthur !


    Zitat

    Was sagt euch Mörike heute? Würdet ihr zwischen ihm, Novalis, Hölderlin und Eichendorff wählen müssen, wen würdet ihr den Vorzug geben?


    Ich kenne jeden dieser Autoren nicht wirklich - ich habe in der Schulzeit vielleicht von jedem ein oder zwei Werke gelesen. Am besten in Erinnerung ist mir Mörike und Hölderlin geblieben, Novalis war mir damals schon zu "romantisch" und mit dem "Taugenichts" konnte ich damals auch wenig anfangen. Aber wie gesagt, das ist schon etliche Jährchen her und wer weiß, wie es heute aussähe. Wem würdest du den Vorzug geben ?


    Gruß von Steffi

  • Ja, auch, wenn's kaum einer glaubt:


    Natürlich ist der folgende Text von Mörike - aber, wenn er hier nicht unter diesem Namen und Thema aufgetaucht wäre - hätte ihn jemand für "von Mörike" gehalten?


    Tipp: Ausdrucken - und abends als Nachtlektüre lesen.


    Es gibt noch viele Überraschungen bei dem "Biederling" Mörike, der ein volksverbundener und mit den "dmaligen" Wissenschaften der Psychologie und Medizin vertrauter ...



    EDUARD M Ö R I K E: Der Bazuer und sein Sohn



    Märchen



    Morgens beim Aufstehn sagt einmal der Peter ganz erschrocken zu seinem Weib: »Ei, schau doch, Ev', was hab ich da für blaue Flecken! Am ganzen Leib schwarzblau! - und denkt mir doch nicht, daß ich Händel hatte!« - »Mann!« sagte die Frau, »du hast gewiß wieder den Hansel, die arme Mähr, halb lahm geschlagen? Vom Ehni hab ich das wohl öfter denn hundertmal gehört: wenn einer sein Vieh malträtiert, seis Stier, seis Esel oder Pferd, da schickt es seinem Peiniger bei Nacht die blauen Mäler zu. jetzt haben wirs blank.« Der Peter aber brummte: "Hum, wenn's nichts weiter zu bedeuten hat!« schwieg still und meinte, die Flecken möchten ihm den Tod ansagen; deshalb er auch etliche Tage zahm und geschmeidig war, daß es dem ganzen Haus zugut kam. Kaum aber ist ihm die Haut wieder heil, da ist er wie immer der grimmige Peter mit seinem roten Kopf und lauter Flüchen zwischen den Zähnen. Der Hansel sonderlich hatte sehr böse Zeit, dazu noch bittern Hunger, und wenn ihm oft im Stall die Knochen alle weh taten von allzu harter Arbeit, sprach er wohl einmal vor sich hin: ich wollt, es holte mich ein Dieb, den würd ich sanft weg, tragen!
    Es hatte aber der Bauer einen herzguten jungen, Frieder mit Namen, der tat dem armen Tier alle Liebe. Wenn die Stalltür aufging, etwas leiser wie sonst, drehte der Hansel gleich den müden Kopf herum, zu sehn, ob es der Frieder sei, der ihm heimlich sein Morgen, oder Vesperbrot brachte. So kommt der junge auch einmal hinein, erschrickt aber nicht wenig: denn auf des Braunen seinem Rücken sitzt ein schöner Mädchenengel mit einem silberhellen Rock und einem Wiesenblumen, kranz im gelben Haar und streicht dem Hansel die Bückel und Beulen glatt mit seiner weißen Hand. Der Engel sieht den Frieder an und spricht:
    »Dem wackern Hansel gehts noch gut, Wenn ihn die Königsfrau reiten tut.


    Arm Frieder
    Wird Ziegenhüter,
    Kriegt aber Überfluß,
    Wenn er schüttelt die Nuß,
    Wenn er schüttelt die Nuß!«


    Solches gesagt, verschwand der Engel wieder und war nicht mehr da. Den Knaben überliefs, er huschte hurtig aus der Tür. Als er aber den Worten, die er vernommen, weiter nachsann, ward er fast traurig. Ach! dachte er, der Ziegenbub vom Flecken sein, das ist doch gar ein faul und ärmlichs Leben, da kann ich meiner Mutter nicht das Salz in die Suppe verdienen. Aber Nüss'? woher? In meines Vaters Garten wachsen keine ; und wenn ich sie auch ganzer Säcke voll schütteln sollte, wie der Engel verheißt, davon wird niemand satt. Ich weiß, was ich tun will, wann ich die Ziegen hüten muß: ich sammle Besenreißig nebenher und lerne Besen binden, da schafft sich doch ein Kreuzer.
    Solche Gedanken hatte Frieder jenen ganzen Tag, sogar in der Schule, und schaute darein wie ein Träumer. »Wieviel ist sechs mal sechs?«
    fragte der Schulmeister beim Einmaleins. »Nun, Frieder, was geht dir heut im Kopf herum? schwätz!« Der Bub, voll Schrecken, wußte nicht, sollt' er sagen: Besenreißig oder sechsunddreißig, denn eigentlich war beides richtig; er sagte aber: »Besenreißig!« Da gab es ein Gelächter, daß alle Fenster klirrten, und blieb noch lang ein Sprichwort in der Schule, wenn einer in Gedanken saß: der hat Besenreißig im Kopf.
    In der Nacht konnte Frieder nicht schlafen. Einmal kam es ihm vor, als sei es im Hof nicht geheuer; er richtete sich auf und sah durchs Fenster über seinem Bett. Sieh da! drang eine Helle aus dem Stall und kam der Hansel heraus und der Engel auf ihm, der ritt ihn aus dem Hof so sachten Tritts, als ging' es über Baumwolle weg. Im ersten Augenblick will Frieder schreien, doch gleich besinnt er sich und denkt, es ist ja Hansels Glück! ‑ legt sich also geruhig wieder hin und weint nur still in die Kissen, daß jetzt der Hansel fort sein soll und nimmer wiederkommen.
    Wie nun die zwei auf offener Straße waren und der Gaul im hellen Mondschein seinen Schatten sah, sprach er für sich: »Ach! bin ich nicht ein dürres Bein! eine Königin säße mir nimmermehr au£« Der Engel sagte weiter nichts hiegegen und lenkte bald seitwärts in einen Feldweg ein, wo sie nach einer guten Strecke an eine schöne Wiese kamen; sie war voll goldener Blumen und hieß die unsichtbare, denn sie von ordinären Leuten nicht gesehen ward und ging bei Tage immer in einen nahen Wald hinein, daß sie kein Mensch ausfand. Kam aber guter armer Leute Kind mit einem Kühlein oder Geiß daher, dem zeigte der Engel die Wiese; es wuchs ein herrliches Futter auf ihr, auch mancherlei seltsame Kräuter, davon ein Tier fast wunderbar gedieh. Auf demselbigen Platz stieg der Engel jetzt ab, sprach: »Weide, Hans!« lief dann am Bach hinunter und schwand in die Lüfte, nur wie ein Stern am Himmel hinzückt. Der Hansel seinerseits fraß aber tapfer zu; und als er satt war, tat's ihm leid, so fett und milchig war das zarte Gras. Endlich kommt ihm der Schlaf, also legt er sich stracks an den Hügel dort bei den runden Buchen und ruht bei vier Stunden. Weckt ihn mit eins ein Jägerhorn, da war es Tag und stund die Sonne hell und klar am Himmel. Risch, springt er auf, sieht seinen Schatten auf dem grünen Rasen, verwundert sich und spricht: »Ei! was bin ich für ein schmucker Kerl geworden! unecket, glatt und sauber! « So war es auch, und glänzte seine Haut als wie in Öl gebadet.
    Nun aber jagte der König des Landes schon etliche Tage in selbiger Gegend und ging just aus dem Wald hervor mit seinen Leuten. »Ah schaut! ah schaut!« rief er: »was für ein schönes Roß! wie es die stolzen Glieder übt in Sprüngen und luftigen Sätzen!« So sprechend trat er nahe herzu mit den Herren vom Hofe, die vernahmen sich alle über das Pferd und klopften ihm liebkosend auf den Hals. Sagte der König. »Reit, Jäger, in das Dorf hinein, zu fragen, ob dieses Tier nicht feil. Sag ihnen es käme an keinen schlechten Herrn.« Derselbe Jägersmann ritt eine Schecke, welche dem Hansel wohlgefiel, derhalben er von selbst mit in den Flecken trabte, wo die Bauern alsbald neugierig die Köpfe aus den Fenstern streckten. »Hört, Leute! wessen ist der feine Braun?« ruft der Jäger durch die Gassen. »Mein ist er nicht! - Das ist kein hiesiger«! hieß es von allen Seiten. »Sieh! Frieder, guck!« sagte der Peter, »das ist ein ungrischer. Ich wollt, der wär mein.« Zuletzt beteuerte der Huf, Schmied, ein solches Tier sei auf sechs Meilen im Revier gar nicht zu Hause. Da ritt der Jäger samt dem Hansel zum König zurück, vermeldend: »das Roß ist herrenlos. « - »Behalten wirs denn! « versetzte der König, und ging der Zug also weiter.
    Indessen meint der Peter, es wäre Zeit, sein Vieh zu füttern, und stößt mit Gähnen die Stalltür auf. Hu! macht der Rüpel Augen, wie er den leeren Stand der Mähre sieht! Lang waren ihm alle Gedanken wie Pelzen. »Zum Gukuk!« fuhr er endlich auf, »wird nicht viel fehlen, war da vorhin der fremde Gaul mein Hansel, und ists mit des Teufels Blendwerk geschehen, daß ihn kein Mensch dafür erkannte!« Der Peter wollte sich die Haar ausraufen: allein was konnte er machen? Der Gaul war fort. Es haben mich nur die zwei Öchslein gedauert. An denen ließ der Unmensch seinen Grimm in diesen Tagen aus, und mußten sie für ihrer drei arbeiten. Was ihnen aber, nächst Püffen, Schlägen, Hungerleiden, das Leben vollends ganz verleidete, das war das Heimweh nach dem braven Hans. Sie trauerten und wurden wie verstockt und taten alles hinterstfür; deshalb der Peter leis zu seinem Weibe sprach: »Es ist schon nicht anders, die Ochsen sind mir auch verhext. « Bald wurden die Ehleute eins, daß sie das Paar für ein Spottgeld dem Metzger abließen; der schlachtete sie in der Stadt. Allein was geschieht In einer Nacht, da alles schlief, klopft es dem Peter am Laden; schreit er: »Wer ist da drauß?« Antworten ihm zwo tiefe Baß, stimmen:


    »Der Walse und der Bleß
    Müssen wandeln deinetwegen,
    Wollen zu fressen, fressen in ihre kalten Mägen! «


    Dem Peter schauerte die Haut, er zupfte sein Weib: »Steh du auf, Ev!« -»Ich nicht! « antwortete die Frau, »sie wollen halt ihr Sach von dir.« So stund der Großmaul auf mit Zittern, warf ihnen Futter hinaus, und wie sie damit fertig waren, gingen sie wieder.
    Nun kam das Unglück Schlag auf Schlag. Der Peter brachte zwar vom nächsten Markt wieder zween Stiere heim, allein da zeigte sichs, es wollte mit aller Lieb kein Vieh mehr in dem Stalle bleiben: die bei, den Stiere samt der Kuh wurden krank, man mußte sie mit Schaden aus dem Hause tun. Der Peter läuft zu einem Hexenbanner, will sagen Erzspitzbuben, legt ihm gutwillig einen Taler hin, dafür kriegt er ein Pulver, mit dem soll er den Stall durchräuchern, Schlag zwölfe um mittag. Er räucherte auch wirklich so handig, daß er die Glut ins Stroh brachte, und schlug der rote Hahn alsbald die Flügel auf dem Dach, das heißt, Stallung und Scheuer ging in lichten Flammen auf, mit knapper Not konnte die Löschmannschaft das Wohnhaus retten. Peter, wo wills mit dir hinaus? - Die nächste Nacht klopft es am Kammerladen. »Wer ist da?«


    »Der Walse und der Bleß
    Kommen in Wind und Regen,
    Wollen zu fressen, fressen in ihre kalten Mägen!«


    Da fuhr der Peter in Verzweiflung aus dem Bett, schlug die Hände überm Kopf zusammen und rief - »Ach mein! ach mein' soll ich die Toten füttern und hab doch bald für die Lebendigen nichts mehr!« Das erbarmte die Tiere, sie gingen fort, kamen auch nimmermehr.
    Anstatt daß der Peter jetzt in sich geschlagen hätte und seinen Frevel gutgemacht, bot er dem Jammer Trutz im Wirtshaus unter lustigen Gesellen. je mehr sein Weib ihn schalt und lamentierte, um desto weniger schmeckt's ihm daheim; er machte dabei Schulden, kein General hätt sich dran schämen dürfen, und bald kam es so weit, daß man ihm Haus und Gut verkaufte. jetzt mußte er taglöhnen, und auch sein armes Weib spann fremder Leute Faden. Der Frieder aber, der saß richtig vor dein Dorf, hielt einen Stecken in der Hand und wartete der Ziegen oder band Besenreis auf den Verkauf.
    Drei Jahre waren so vergangen, begab sichs einmal wieder, daß der König das Wildschwein jagte, und war auch die Königin diesmal dabei. Weil es aber Winterszeit war und sehr kalt, wollten die Herrschaften das Mittagsmahl nicht gern im Freien nehmen, sondern die königlichen Köche machten ein Essen fertig im Greifenwirtshaus, und speiste man im obern Saal vergnüglich, dazu die Spielleute bliesen. Das Volk aber stund auf der Gasse, zu horchen. Als nunmehr nach der Tafel die Pferde wieder vorgeführt wurden und man auch das Leibroß der Königin zäumte, stund vornean der Ziegenbub, der sprach gar keck zum Reitknecht hin: »das Roß ist meines Vaters Roß, daß Ihrs nur wißt!« Da lachte alles Volk laut auf; der Braune aber wieherte dreimal für Freuden und strich mit seinem Kopf an Frieders Achsel auf und nieder. Dies alles sah und hörte die Königin vorn Fenster hochverwundert und sagt es gleich ihrem Gemahl. Derselbe läßt den Ziegenbuben rufen, und dieser tritt bescheidentlich, doch munter in den Saal, mit Backen rosenrot, und war er auch sonst ein sauberer Bursche mit lachenden Augen, ging ab; barfuß. Red't ihn der König an: »du sagtest ja, das schöne Pferd da unten wär deines Vaters, nicht? « - »Und ist auch wahr, Herr, mit Respekt zu melden. « - »Wie willst du das beweisen, Bursch?« - »Ich will es wohl, wenn Ihr's vergönnt. Den Reitknecht hört' ich rühmen, das Roß ließe niemand auf, außer die Königin, der es gehöre. Nun sollt Ihr aber sehn, ob sitzen a mir's nicht stille hält und nachläuft, wenn ich ihm Hansel rufe: dar, nach mögt ihr denn richten, ob ich die Wahrheit sprach. « Der König schwieg ein Weilchen, sprach dann zu einem seiner Leute: »bringt mir drei wackre Männer aus der Gemeine her, damit wir hören, was sie dem Knaben zeugen.« Als nun die Männer kamen und über das Pferd gefragt wurden, so fiel ihr Ausspruch nicht zu Frieders Gunsten aus. Da tät der Knabe seinen Mund selbst auf und hub an, treu und einfältig die Geschichte vorn Engel zu erzählen, wie er den Hansel entführte, auch wie er ihm unlängst wieder erschienen sei und ihm die unsichtbare Wiese gezeigt habe, welche den Hansel so stattlich gemacht. Darüber waren freilich die Anwesenden hoch erstaunt, etliche blickten schlemisch, allein die Königin sagte: »gewiß, das ist ein frommer Sohn und steht ihm die Wahrheit an der Stirn geschrieben.«
    Der König selber schien dem Buben wohlgesinnt, doch, weil er guter Laune war, sprach er: »das Probstück wollen wir ihm nicht erlassen.« Hiermit tiefer den Frieder an ein Seitenfenster, das nach dem Freien ging auf einen Grasplatz, weit und flach, in dessen Mitte stund ein großer Nußbaum, wohl hundert Schritt vom Haus; es lag aber alles dicht überschneit, denn es im Christmond war. »Du siehst«, sagte der König, »die große Wiese hier.« - »O ja, warum denn nicht,« rief ein Hofmann, des Königs Spaßmacher, halblaut dazwischen: »es ist zwar eine von den unsichtbaren, denn sie ist über und über mit Schnee zugedeckt.«
    Die Hofleute lachten; der König aber sprach zum Knaben: »Laß dich ein loses Maul nicht irren1 Schau, du sollst mir auf dem Hansel einen Ring rund um den Nußbaum in den Schnee hier reiten, und wenn es gut abläuft, soll aller Boden innerhalb des Rings dein eigen sein. Da freuten sich die Schranzen, meinend es gäbe einen rechten Schnack; der Frieder wurd aber so freundlich, daß er die weißen Zähne nie wieder unterbringen konnte. Das Roß ward vorgeführt (nachdem man ihm zuvor den goldnen Frauensattel abgenommen), es jauchzte hell, auf, und alles Volk mit ihm, und Frieder saß oben mit einem Schwung. Erst ritt er langsam bis zur Wiese vor, hielt an und maß mit dem Aug nach allen Seiten den Abstand vom Baum, dann setzt' er den Hansel in Trab und endlich in gestreckten Lauf, das ging wie geblasen, und war es eine Lust ihm zuzusehen, wie sicher und wie leicht der Bursche saß. Er war aber nicht dumm und nahm den Kreis so weit, als er nur konnte; gleichwohl lief derselbe am Ende so schön zusammen, als wär er mit dem Zirkel gemacht. Mit Freudengeschrei ward der Frieder empfangen, im Nu saß er ab, küßte den Hansel auf den Mund, und der König am Fenster winkt' ihm herauf in den Saal. »Du hast«, sprach er zu ihm, »dein Probstück wohl gemacht; die Wiese ist dein. Den Hansel anbelangend, den kann ich dir nicht wiedergeben: ich hab ihn meiner Königin geschenkt; soll aber dein Schade nicht sein.« Mit diesen Worten drückte er ihm ein Beutelein in die Hand, gespickt voll Dublonen. Des war der Knabe sehr zufrieden, zumal die Königin hin, zusetzte: er möge alle Jahr zur Stadt kommen, in ihrem Schloß vor, sprechen und den Hansel besuchen. »Ja«, rief der Frieder, »und da bring ich Euch zur Kirchweih' allemal ein Säcklein grüne Nüss' vom Baum!« - »Bleib es dabei!«sagte die Königin; so schieden sie. Der Frieder lief heim durch all das Volksgewühl und Gejubel hin, durch, zu seinen Eltern. Der Peter hatte den Ritt von weitem heimlich mit angesehen, und jetzt tat er in seinem Herzen ein Gelübde - ich brauche ja wohl nicht zu sagen, worin das bestand. Genug, der Hansel und der Frieder hatten ihm wieder auf einen grünen Zweig geholfen: er wurde ein braver, ehrsamer Mann, dazu ein reicher, der einen noch reichern Sohn hinterließ. Seit dieser Zeit hat sich im ganzen Dorf kein Mensch an einem Tier mehr versündigt.
    *
    (Aus: E. M.: Werke. Hrsg. v. Herbert G. Göpfert. München 1965: Carl Hanser Verlag. S. 916 - 923; die beste lesbare Ausgabe; neben der historisch-kritischen bei Klett-Cotta, die die wichtiste ist...)


    *


    URL.:
    http://gutenberg.spiegel.de/moerike/maerchen/bauer.htm

    Kafkas Maus kriegte a posteriori gesagt:<br />...&quot;&#039;Du mußt nur die Laufrichtung ändern&#039;, sagte die Katze und fraß sie.&quot;<br />*<br />Das kann also jede(r) wissen; jede(r) Leser(in) z&#039;mind&#039;st.

    Einmal editiert, zuletzt von Antonius EY ()