In Etappen habe ich nun auch durch die Einleitenden Bemerkungen gelesen. Mir geht es da ähnlich wie BigBen, ich muß mich erstmal wieder an die etwas umständliche Sprache gewöhnen. Wenn ich merke, daß die gelesenen Worte hinter mir umfallen wie tote Pferde, muß ich eine Pause einlegen :breitgrins:
Wie Humboldt die Vorgehensweise des Wissenschaftlers beschreibt, ist eigentlich nach wie vor aktuell. Vom Speziellen, das kategorisiert, gezählt, vermessen usw. wird, zum Allgemeinen. Und das Problem des sogenannten Bildungsbürgertums, das Magie über Wissen setzt, war offensichtlich auch damals schon vorhanden.
Das habe ich auch bemerkt. Und offensichtlich stellte sich damals schon das Problem, aus einer Vielzahl von ermittelten Detailsinformationen anwendbares Wissen zu generieren. In dieser Art sind mir noch weitere Aspekte aufgefallen, die immer noch aktuell sind:
[li]Da ist das schöne Goethe-Zitat (S. 21, rechte Spalte), daß „die Deutschen (...) die Gabe (besitzen), die Wissenschaften unzugänglich zu machen“, ein Effekt, den ich leider auch oft bei meiner historischen oder politikwissenschaftlichen Fachliteratur bemerke, so daß ich inzwischen lieber Bücher und Aufsätze aus dem angelsächsischen Raum lese, bei denen wissenschaftliche Qualität meist nicht mit Unverständlichkeit einhergeht.[/li]
[li]Auf Seite 22, rechte Spalte, vergleicht er die angestrebte Einheit seiner Weltbeschreibung mit jener von geschichtlichen Darstellungen. Das dürfte ein Bezug auf Leopold von Ranke sein, der ja unter anderem für sein Diktum bekannt wurde, daß es Aufgabe des Historikers sei zu zeigen „wie es eigentlich gewesen“ ist.[/li]
[li]Bei seiner Diskussion der Notwendigkeit von Naturwissenschaften (S. 24, linke Spalte), fühlte ich mich sehr an die regelmäßigen Zeitungsmeldungen über zu wenige Studenten in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen sowie die PISA-Ergebnisse (und was der Schülervergleichsstudien mehr sind) erinnert.[/li]
Bemerkenswert, wie stark bestimmte Beharrungskräfte zumindest in Deutschland in den letzten 160 Jahren gewirkt haben. :breitgrins:
An einer Stelle hatte ich ein Problem. Seite 16, linke Spalte. Da klingt es so, als ob die Völker zwischen den Wendekreisen nicht die Fähigkeiten hätten, die notwendigen geistigen Schritte zur Verallgemeinerung dessen, was sie beobachten können, zu tun. Das wäre, wenn ich es richtig verstanden habe, etwas eurozentristisch. :sauer:
Es ist Eurozentrismus, keine Frage. Ob Humboldt selbst es so gesehen und genannt hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und letztlich sind wir auch in dieser Beziehung heute noch nicht sehr viel weiter, wie sich an vielen Details zeigt. Oder warum erfreut sich die flächenverzerrende Mercatorprojektion immer noch so großer Beliebtheit? Warum werden Magalhães, Kolumbus, Cook immer noch „Entdecker“ genannt? Schließlich lebten in den „entdeckten“ Gebieten schon Menschen, neu waren sie nur aus europäischer Sicht. Warum wird bis heute der in Europa entwickelte Nationalstaat als Maß der Dinge im internationalen, politischen System angesehen? Die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.
Mir ist der Unterschied zwischen Humboldts ersten beiden Stufen des Naturgenusses nicht klar geworden. Könnt Ihr mir das vereinfacht darlegen?