@ Achim:
Ja, Odysseus handelt jetzt sehr geschickt. Er hat ja auch glücklicherweise wieder Athene in seiner Nähe, die ihm schon einen guten Ausgang seines Unternehmens vorausgesagt hat und ihn auch vor den Erniedrigungen gewarnt hat. Als Mensch des 20. Jhs. bin ich ja immer versucht, die Einflüsterungen Athenes als Äußerungen von Odysseus' gewachsenem Selbstvertrauen zu deuten.
Ich bin sicher, dass die Abenteuer Odysseus' Nebenwerk sind. Kyklopen und Sirenen - genausogut könnten es Greife und Magnetberge sein. Wichtig ist Odysseus' Heimkehr und die Wiedereroberung seines Platzes in der Welt Ithakas.
Du hast wohl recht, dass die Heimkehr und Wiedereroberung seiner Stellung in Ithaka das Zentrum des Werkes bilden. Aber habe doch das Gefühl, dass in den Abenteuern auch eine ganze Menge steckt und dass diese keineswegs zufällig sind. Dabei ist schon klar, dass wir Odysseus nicht unbedingt alles abnehmen müssen, was er da erzählt. Er ist sich der Situation sehr wohl bewußt und weiß, was er wie erzählt, um das gewünschte Resultat (Schiff in die Heimat, so schnell es geht) zu erhalten. Und dennoch. Warum hat der Dichter diese vielen Besuche bei den unterschiedlichsten Völkern aufgelistet? Wahrscheinlich will er neben dem Thema der Gastfreundschaft auch soziale und politische Vorstellungen transportiern (die Phäaken als hochstehende Zivilisation, der Zyklop als unterste Stufe, etc.).
Etwas merkwürdig die Frage des Essens / Fressens / Gefressen-werdens. Klingt etwas lächerlich, ich weiß, aber ständig klingt dieses Thema an - paß auf, was du ißt / was Du tust, und wann Du es tust - sonst wirst Du vielleicht gefressen (Lotusesser, Lästrygonen, Rinder des Helios, Kirke-Episode, Zyklope, Skylla, etc.). Warum wird das andauernd betont (auch Odysseus immer wieder: der Magen, der Magen...)?
Ganz kurz etwas, was ich gerade gelesen habe: Thema Kalypso: In David Denby's "Great books" erzählt der Autor in einem Kapitel von einem Ansatz, wo die Kalypso-Episode zu einem Schlüssel des Werkes gemacht wird. Ich kann kein Griechisch, aber dort wird ausgeführt: Kalypso = verhüllen. Verhüllt in der Mitte des Meeres = in der Fruchtblase gewissermaßen. Das Ganze also als eine Art "Geburt", dh man muss sich entscheiden - Geburt bedeutet auch die entsprechenden Prüfungen / Leiden, andernfalls verbleibt eben nur "Unsterblichkeit", eingehüllt in der Mitte des Meeres. Weiterhin wird dort gesagt, Odysseus bedeute im Altgriechischen auch soviel wie "Schwierigkeiten machen". Wir sind geboren, um Schwierigkeiten zu machen, um "anzuecken", um unseren Platz im Leben zu finden?
Vielleicht etwas weit hergeholt, ich weiß nicht. Komme momentan nicht dazu, das in Ruhe durchzugehen. Nun, kein Wunder, dass es Berge von Literatur über dieses Werk gibt.
Ich komme im Moment nicht ganz nach, viel zu tun und dann vier Tage auf Reisen - wird etwas dauern, bis ich die letzten Gesänge abschließen kann.