Beiträge von Achim


    @ Achim:


    Ich finde auch die Deutung von Kalypsos Insel als menschlichem und sozialem Niemandsland, aus dem Odysseus sich befreien muss, sehr interessant. Vielleicht finde ich "Great Books" in der Bibliothek meines Vertrauens.
    "Der Groller" und "der Zürner" steht bei Weiher und Schadewaldt als Übersetzung von Odysseus' Namen. Ich kann natürlich nicht sagen, ob das eine bessere Übersetzung ist als "der, der Schwierigkeiten macht".


    Nautilus,


    Es gibt auch eine deutsche Übersetzung von "Great books" von David Denby (heißt logischerweise "Große Bücher"). Erwarte aber nicht, darin allzu viel über die Odyssee zu finden, das ist nur ein Kapitel. Der Autor, ein Mittvierziger, nahm eine Auszeit von einem Jahr, um an seiner alten Universität die großen Bücher der Weltliteratur wiederzuentdecken (von der Ilias bis hin zu Virginia Woolf). Er beschreibt, wie die Universitätsdozenten den Stoff angingen, wie er in den Seminaren diskutiert wurde und setzt ihn in Beziehung zu seinem Leben. Ganz interessant, finde ich.


    Achim

    Diese Leserunde - meine erste - hat etwas unter dem abbröckelnden Teilnehmerkreis gelitten, finde ich. Aber etliche hilfreiche Informationen, Anregungen und einiger Austausch unter den Teilnehmern waren schon gut. Das war besser, als wenn ich das Buch nur für mich im stillen Kämmerlein gelesen hätte. Nun ja, es muss ja nicht meine letzte Leserunde gewesen sein.


    Ja, schade, das Buch hätte eine größere Mitleserzahl verdient gehabt. Seine Länge macht es wohl unvermeidlich, dass das Leserfeld nach und nach etwas auseinanderfällt. Naja, es ist uns ja nicht verboten, hierher noch mal zurückzukommen, wenn wir noch auf etwas Interessantes stoßen. Ich werde mich auf jeden Fall noch mal melden, wenn ich durch bin - wohl erst nach dem Wochenende. Und ich warte gerade auf den berühmt-berüchtigten Vandimer-Kurs... mal schauen.


    21-24 habe ich also noch nicht gelesen, aber nach dem, was ich jetzt weiß, kommt mir 24 etwas "drangeklebt" vor. Spontan erschiene mir ein Ende mit Gesang 23 einleuchtend(er).


    Die Abrechnung mit den Freiern - und den Mägden - ist ja eine unglaubliche Gewaltorgie. Diese (nach heutigen Maßstäben, selbstverständlich) völlig unverhältnismäßige Metzelei überrascht mich, gerade auch, wenn man dem gegenüberstellt, wie Odysseus im gesamten Werk beschrieben wird.


    @ Achim:
    Ja, Odysseus handelt jetzt sehr geschickt. Er hat ja auch glücklicherweise wieder Athene in seiner Nähe, die ihm schon einen guten Ausgang seines Unternehmens vorausgesagt hat und ihn auch vor den Erniedrigungen gewarnt hat. Als Mensch des 20. Jhs. bin ich ja immer versucht, die Einflüsterungen Athenes als Äußerungen von Odysseus' gewachsenem Selbstvertrauen zu deuten.
    Ich bin sicher, dass die Abenteuer Odysseus' Nebenwerk sind. Kyklopen und Sirenen - genausogut könnten es Greife und Magnetberge sein. Wichtig ist Odysseus' Heimkehr und die Wiedereroberung seines Platzes in der Welt Ithakas.


    Du hast wohl recht, dass die Heimkehr und Wiedereroberung seiner Stellung in Ithaka das Zentrum des Werkes bilden. Aber habe doch das Gefühl, dass in den Abenteuern auch eine ganze Menge steckt und dass diese keineswegs zufällig sind. Dabei ist schon klar, dass wir Odysseus nicht unbedingt alles abnehmen müssen, was er da erzählt. Er ist sich der Situation sehr wohl bewußt und weiß, was er wie erzählt, um das gewünschte Resultat (Schiff in die Heimat, so schnell es geht) zu erhalten. Und dennoch. Warum hat der Dichter diese vielen Besuche bei den unterschiedlichsten Völkern aufgelistet? Wahrscheinlich will er neben dem Thema der Gastfreundschaft auch soziale und politische Vorstellungen transportiern (die Phäaken als hochstehende Zivilisation, der Zyklop als unterste Stufe, etc.).


    Etwas merkwürdig die Frage des Essens / Fressens / Gefressen-werdens. Klingt etwas lächerlich, ich weiß, aber ständig klingt dieses Thema an - paß auf, was du ißt / was Du tust, und wann Du es tust - sonst wirst Du vielleicht gefressen (Lotusesser, Lästrygonen, Rinder des Helios, Kirke-Episode, Zyklope, Skylla, etc.). Warum wird das andauernd betont (auch Odysseus immer wieder: der Magen, der Magen...)?


    Ganz kurz etwas, was ich gerade gelesen habe: Thema Kalypso: In David Denby's "Great books" erzählt der Autor in einem Kapitel von einem Ansatz, wo die Kalypso-Episode zu einem Schlüssel des Werkes gemacht wird. Ich kann kein Griechisch, aber dort wird ausgeführt: Kalypso = verhüllen. Verhüllt in der Mitte des Meeres = in der Fruchtblase gewissermaßen. Das Ganze also als eine Art "Geburt", dh man muss sich entscheiden - Geburt bedeutet auch die entsprechenden Prüfungen / Leiden, andernfalls verbleibt eben nur "Unsterblichkeit", eingehüllt in der Mitte des Meeres. Weiterhin wird dort gesagt, Odysseus bedeute im Altgriechischen auch soviel wie "Schwierigkeiten machen". Wir sind geboren, um Schwierigkeiten zu machen, um "anzuecken", um unseren Platz im Leben zu finden?


    Vielleicht etwas weit hergeholt, ich weiß nicht. Komme momentan nicht dazu, das in Ruhe durchzugehen. Nun, kein Wunder, dass es Berge von Literatur über dieses Werk gibt.


    Ich komme im Moment nicht ganz nach, viel zu tun und dann vier Tage auf Reisen - wird etwas dauern, bis ich die letzten Gesänge abschließen kann.

    Bin auch beim 19. Gesang. Während ich überrascht war, wie schnell die Abenteuer in den Gesängen 9ff. abgehandelt wurden, finde ich nun, dass sich das etwas zieht. Obwohl ich schon einräumen muss, dass kunstvoll geschildert wird, wie sich das Netz ganz langsam um die Freier zusammenzieht. Die Ankündigungen und Zeichen der Rückkehr häufen sich. Aber es ist wohl zu spät für die Freier, selbst für Amphinomos - der Tod der Freier scheint beschlossen, sowohl von Athene (die Amphinomos am Verlassen des Palastes hindert) als auch von Odysseus.


    Odysseus muss nun zeigen, dass er auch Geduld hat, dass er sich im Zaum halten kann und auf den rechten Augenblick warten kann. Athene stellt ihn geradezu auf die Probe, indem sie weitere Spötteleien der Freier zuläßt. Es wird an vielen Stellen deutlich, dass Odysseus sich nun fast völlig im Griff hat (anders als etwa noch beim Zyklopen, wo er mehrere Male sein Temperament nicht zügeln konnte). Er ist in der Tat sehr, sehr beherrscht bei Eurykleia und auch seiner Frau gegenüber.

    Ich bin jetzt mit dem 16. Gesang durch - zwei Drittel. Der Showdown mit den Freiern kündigt sich an. Nachdem Athene im 15. Gesang Telemachos das Signal zum Aufbruch gegeben hat, erscheint sie nun erneut und erklärt Odysseus kurz und knapp, sie dränge nun zum Kampfe. Die Dinge entwickeln sich nun schnell, Athene will jetzt offenbar keine Zeit mehr verlieren.


    Athene hat ja den Gang der Dinge bislang sehr stark bestimmt - sowohl im Rat der Götter als auch dann ganz konkret an der Seite von Odysseus sowie Telemachos. Gerade bei Telemachos hat sie ja fast alles initiiert: Aufforderung zur Reise, Schutz unterwegs, Ermutigung, Begleitung bei der Ankunft, Aufruf zur Rückkehr (nachdem T einen Monat in Sparta weilte und... tja, was hat er dort eigentlich gemacht? Er ist wohl gereift, scheint es.). Eigentlich könnte man da auch sagen: "Ist ja nun auch nicht so beachtlich, wie Telemachos sich so schlägt - alles geschieht ja nur mit einer Göttin an der Seite, keine Spur von Eigeninitiative, er wartet schlicht, was ihm die Göttin befiehlt. Inwieweit gereicht ihm denn seine Mini-Odyssee denn zur Ehre?" Ich vermute aber mal, dass die alten Griechen das nicht so gesehen haben. Möglicherweise dachten sie umgekehrt - es ehrt einen Menschen, wenn ein Gott zu seinen Gunsten eingreift? Sie greifen nur ein, wenn der Mensch sich dies durch seine Tugend oder seine Taten verdient hat? Was meint ihr?


    Interessant auch die manchmal fast "aggressive" Form der Gastfreundschaft: Es wird damit gerechnet, dass Nestor schwer verärgert ist, dass Telemachos in Pylos keinen Stop einlegt.


    ...
    Nach dem glanzvollen Ende seines Aufenthalts bei den Phäaken wird Odysseus auf Ithaka erst einmal gedemütigt, Homer betont das ausdrücklich.
    ...


    „Unheimlicher Fremdling“ nennt Eumäus Odysseus (V. 443) in der Weiher-Übersetzung, bei Hampe heißt es immerhin „seltsamer, fremder Gast“, Schadewaldt hat nur „Unseliger du der Fremden“. Ich kann ja leider kein Griechisch. Warum sollte Eumäus der Fremde unheimlich oder seltsam vorkommen? Wegen seiner abenteuerlichen Vergangenheit? Die glaubt er vielleicht genauso wenig wie die Behauptung des Fremden, Odysseus sei noch am Leben. Oder ist das ein Hinweis, dass Odysseus sich nicht perfekt verstellt und dass Eumäus hinter Odysseus‘ Schauspielerei noch etwas anderes durchscheinen sieht? Vielleicht in den nicht explizit geschilderten Reaktionen, wenn Eumäus von Penelope und den Freiern spricht? Etwas, das sich nicht mit Eumäus‘ Sicht des Fremden als Lügner, der sich für durch seine Lügen bei Penelope eine Mahlzeit etc. verschaffen will? Aber das ist nur Spekulation.


    Zur Demütigung - ja, es scheint, als müsse sich Odysseus auch auf Ithaka erst noch seinen Platz wiedererobern. Nachdem er bereits vom Flottenadmiral zum Kapitän eines einzigen Schiffes und dann zum Schiffbrüchigen geworden war und dann bei den Phäaken Schritt für Schritt "wieder hergestellt", geehrt und mit Reichtümern (die immer wieder unterstrichene unverhohlene Freude an materiellem Besitz ist ja auch ganz bemerkenswert - viel Gut, viel Ehr?) ausgestattet wurde, muss er hier noch einmal von ganz unten anfangen - wenn auch mit kräftiger göttlicher Hilfe. Das Gespräch mit Athene hat ja auch eine eigene Note, das ist ja fast von Gleicher zu Gleichem. Ist für mich ein Novum bei Homer, dass Gott und Mensch sich so austauschen. Oder kennt Ihr Vergleichbares an anderer Stelle?


    Den Ausdruck " unheimlicher Fremdling" finde ich schon verständlich nach der wilden Geschichte (die Eumaios ja offenbar auch nicht ganz glaubt).

    Hallo,
    war eine Woche im Urlaub, ohne PC :sauer:, aber mit der Odyssee :smile:.
    Bin jetzt beim 14. Gesang und war auch überrascht, wie kurz teilweise einige der berühmten Abenteuer (Lotophagen, Sirenen) abgehandelt werden.
    Dennoch zieht mich das Ganze schon in seinen Bann, die Erzählstruktur ist raffiniert. Habe einen "study guide" der Temple Univ. gefunden, in der (ganz am Ende) kurz angedeutet wird, inwieweit die Erzählstränge


    Lotophagen - Zyklopen - Aeolus - Lästrygonen - Kirke und


    Sirenen - Skylla und Charybdis - Rinder des Helios - Skylla und Charybdis - Kalypso.


    Siehe: http://www.temple.edu/classics/odysseyho.html


    Innerhalb dieser dann wiederum kleinere Ringstrukturen, bspw. Kirke - Elpenor - Unterwelt - Elpenor - Kirke. Da ist mir wahrscheinlich vieles entgangen beim Lesen.


    Ich springe noch einmal zum 9. Gesang: War überrascht von der Brutalität, mit der man bei den Kikonen vorging. War das noch die Verrohung durch den Trojanischen Krieg? In der Folge werden Odysseus und seine Männer ja dann (verständlicherweise) menschlicher - die Helden werden müde, könnte man sagen. Mehr und mehr geht es darum, sich zu sättigen, sich auszuruhen (siehe das eine Jahr bei Kirke, wo der Wunsch nach Heimkehr doch lange im Hintergrund bleibt). Oft auch weinen die Männer - aus Furcht, aus Trauer, aus Wehmut: Welch ein Kontrast zur Ilias, wo Achill noch aus Zorn über seine verletzte Ehre weint.


    @ Nautilus: Du hast ja praktisch im Alleingang das Forum am Laufen gehalten, Respekt. Ich werde mir Deine Anmerkungen am Wochenende noch mal in Ruhe durchlesen; vielleicht kann man auf den ein oder anderen früheren Gesang noch mal zurückkommen.


    @ Jaqui: Ja, alles hat seine Zeit. Hat keinen Sinn, sich zu quälen, wenn es Dich momentan nicht anspricht. Vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt.


    Achim

    Als Athene Odysseus verlässt, erfahren wir, dass sie auf den Burgberg Athens geht. Wozu teilt Homer uns das mit? Warum geht sie nicht auf den Olymp?


    Hallo,
    ist ja hier sehr ruhig im Moment.


    Nautilus - man sagt ja, dass Homer nichts ohne Grund tue, aber ich kann momentan nicht erkennen, ob das mit Athene in Athen wichtig ist.


    Ich muss auch sagen, dass ich aus dem Verhalten der Phäaken nicht ganz schlau werde. Auf der einen Seite muss Alkinoos erst von Echeneos zur Gastfreundschaft ermahnt werden. Im achten Gesang ist dann Eurýalos bei den Wettkämpfen recht unhöflich zu Odysseus. Und im siebten Gesang sagt Athene (als Phäakin), man halte es hier nicht so gerne mit Menschen der Fremde. Auf der anderen Seite wird Odysseus aber dann doch wieder mit Geschenken überhäuft. Merkwürdig.


    Allgemein scheint mir, dass Odysseus innerhalb eines Tages bei den Phäaken gewissermaßen seine Identität nach dem Schiffbruch zurückgewinnt. Er schlägt die Phäaken im Wettkampf, gewinnt so an Ehre, und er erhält einen Becher von Alkinoos, Kleidung, ein Schwert, Gold .... alles, was der antike Mensch so braucht. Und dazu die Aussicht, in Kürze in die Heimat geleitet zu werden. Eine Art Wiedergeburt innerhalb kürzester Zeit und sowohl Nausikaa als auch Odysseus unterstreichen ja, dass sie ihm sein Leben wiedergegeben habe.


    Achim


    @ Lost


    Nautilus hat ja schon den Link gegeben. Muß ja nicht dieser Kurs sein, ich finde ich es aber grundsätzlich keine schlechte Idee, wenn man bei der Ilias und der Odyssee zu Sekundärliteratur greift. Du hast zwar Recht, daß die Grundaussagen der Ilias und der Odyssee zeitlos sind, aber dennoch gibt es eben viele Sachen, die wir nach 3000 Jahren nicht wissen können, die für das Publikum damals aber selbstverständlich waren wie Time, Kleos, Xenia etc. Dadurch entgeht einem einiges, oft ohne es zu merken. Und selbst wenn man den Sinn einer Aussage begreift, ist es ein viel größerer Genuß wenn man über die Hintergründe Bescheid weiß.


    Zum Beispiel wenn Odysseus auf Nausikaa trifft: da muß sich ein nackter, derangierter Mann einem jungen Mädchen nähern ohne es zu erschrecken ...


    @ Schweitzer
    Interessant, Deine Bemerkungen zur Strandszene im 6. Gesang. Sekundärliteratur ist bei diesem Werk sicher kein schlechter Gedanke, das ist so ein reicher und voller Stoff, es werden so viele Motive angesprochen. Nicht so einfach, das alles mitzubekommen als Leser des 21. Jahrhunderts... Ich habe mir bislang noch nichts gekauft, suche mir einzelne Informationen aus dem Netz. Habe mir auch mal die site mit dem hier vielzitierten Vandimer-Kurs angesehen. Sieht nicht schlecht aus, allerdings 24 Vorlesungen à 30 Minuten... das ist ja eine ganze Menge.


    Kurz zum 5. und 6. Gesang: Odysseus zu Beginn quasi im depressiven Zustand. Allerdings wird immer wieder schön gezeigt, wie er überlegt, abwägt, zweifelt und mißtraut (Kalypso / Ino Leukóthea), Entscheidungen fällt. Odysseus' allererste Sätze im Werk sind wohl typisch - er hinterfragt Kalypsos Angebot kritisch und vermutet eine List.


    Dann der der Schiffbruch mit seinem Floss, nackt an Land gespült - von Troja als Heerführer losgefahren, ist er jetzt wirklich bei Null angekommen (eine Neugeburt?), ohne Schiff(e), ohne Gefolge, ohne Kleidung. Es wird interessant zu sehen, wie Odysseus seine Identität wieder aufbaut / erlangt.


    Achim

    [quote='Nautilus','http://klassikerforum.de/forum/index.php?thread/&postID=33786#post33786']
    @ Schweitzer: Vielen Dank für Deine Erläuterungen von gestern!


    Zum Thema Krieg: Ich schweige mal davon, dass ich als alter Kriegsdiensverweigerer... Aber auch wenn König Menelaos sich nicht einfach die Frau wegnehmen ließ - musste er zehn Jahre Krieg führen? Nach sechs Monaten hätte jeder gesagt, dass Menelaos es versucht hätte, aber dass Zeus seiner Tochter Aphrodite zuliebe eben die Troer begünstigt hätte oder etwas in dieser Richtung.


    Ich denke, dass der trojanische Krieg schnell eine Eigendynamik entwickelt hat und es dann sehr bald auch um mehr ging, als den "Raub" Helenas. Heerführer war ja dann auch nicht Menelaos, sondern Agamemnon, der zu diesem Zweck eine Art loses Bündnis der Griechen zusammenbrachte, wenn ich mich recht erinnere. Und Agamemnon hatte ganz handfeste Machtinteressen. Der erste Gesang der Ilias zeigt ihn, stets um Status und Macht bedacht. Selbst wenn Menelaos gesagt hätte "Komm Bruder, das wird nichts mehr. Segeln wir heim." (was wohl aus Gründen der Ehre ausschied), hätte Agamemnon ihm allenfalls gesagt "Fahr nur heim. Wir bleibe hier und nehmen die Stadt ein". Daneben ging es ganz schnöde um Beute. Das Beutethema wird in der Ilias recht häufig angesprochen. Als es im zehnten Jahr der Belagerung endlich zum Zweikampf Menelaos - Paris kommt, fragt man sich als heutiger Leser schon "warum erst jetzt?". Der Zweikampf geht ja dann aus wie das Hornberger Schiessen. Vermutlich waren die Menschen und die Götter mit ihren Interessen zu diesem Zeitpunkt schon so tief in die Sache verstrickt, dass eine so einfache Lösung nicht mehr in Frage kommt.


    Zum Lesetempo: Ich bin jetzt im 5. Gesang, muss aber jetzt auch etwas langsamer machen, wenn ich nicht über alles hinweglesen will...

    @ Achim: Die "Götterei" finde ich schwer verständlich. Dem Ägisth hatten die Götter durch Hermes sagen lassen, er solle Klytämnestra in Ruhe lassen, er hat sich demnach eindeutig durch seine eigene Schuld ins Unglück gebracht. - Im 3. Gesang heißt es dann wieder: "Aber da schnürte die Schickung der Götter ihn ein ins Verderben." (III, 269) (den Sänger, der in Agamemnons Auftrag auf Klytämnestra aufpassen soll). Merkwürdig.
    Ich weiß sowieso nicht, wie ich die ganze Götterei verstehen soll: Gibt es das nur in literarischen Texten? In manchen grimmschen Märchen wandelt der liebe Gott auf Erden und Feen erfüllen Wünsche, aber im Alltag glaubte man das auch im 19. Jahrhundert nicht. Oder kam es auch im Alltag der antiken Griechen vor, dass z. B. jemand morgens seiner Frau sagte: "Heute nacht hat mir Zeus einen Traum geschickt, und ich soll dasunddas tun? Oder dass jemand ernsthaft glaubte, ein Gott habe die Gestalt eines anderen Griechen angenommen?


    Nautilus,


    Finde die Rolle der Götter auch schwer zu verstehen. In meiner Ilias-Ausgabe (Artemis und Winkler) habe ich aber einiges im Kommentar gefunden. Darin schreibt Ludwig Voit, man habe nicht zu Unrecht die homerische Götterwelt mit der Hofgesellschaft des absoluten Fürsten verglichen. Wie diese habe auch die Götterwelt ein Doppelgesicht: "Der Kavalier, der Intrigen gegen andere spinnt, mit dem er sich doch zugleich durch die Regel höfischer Sitte und Konvention verbunden weiss, der sein Leben in leichtfertigem Genuss alles Schönen ...mit seinesgleichen hinbringt, wird unnahbar, ganz Würde und Majestät, sobald er dem Untertan gegenübertritt."


    Der Autor meint, die homerische Götter seien nichts als gesteigerte Menschen mit ihren Tugenden und Schwächen. Sie spielen mit dem Schicksal der sterblichen Menschen, wie es ihnen gefällt. Interessant dann auch das Verhältnis von Göttern und Schicksal: Voit meint dazu, "über göttlicher Willkür steht das Schicksal, das einem jedem gesetzt ist." Auch die Götter können dieses nicht ändern (so z.B. die Tatsache, dass Achilles in der Ilias ein früher Tod bestimmt ist). Aber der Gang des Lebens ist dann doch wieder göttlicher Einwirkung unterworfen. Da stellt sich dann für mich die Frage, inwieweit der Mensch sich in diesem Rahmen für oder gegen etwas entscheiden kann. Oder steht er allem völlig machtlos gegenüber? In der Ilias gelingt es dem einen oder anderen Helden gelegentlich fast, sein Schicksal zu ändern. Aber eben nur fast - die Götter greifen dann doch ein, gewissermassen als "Hüter des Schicksals".


    Achim

    Hallo,


    ich bin gerade erst mit dem ersten Gesang durch. Interessant fand ich das Verhalten der Götter. Zeus schätzt also Odysseus und erinnert sich seiner Opfer, wollte / konnte aber bislang offenbar nichts unternehmen, weil er Poseidon nicht in die Quere kommen wollte / konnte, bzw. weil er diesem in gewisser Weise seinen Zorn zugesteht (Auge um Auge). Dann aber nutzt er auf der anderen Seite dessen Abwesenheit, um kurzerhand die Dinge in Bewegung zu bringen.


    Offenbar hat man ja nicht nur beschlossen, dass erstens Athene mit Telemachos sprechen soll, sondern zweitens auch, dass Hermes zu Odysseus losgeschickt wird. Es geht also nicht nur um die bloße Heimkehr von Odysseus (sonst würde es ja auch reichen, sich direkt zu ihm zu begeben), sondern auch darum, tja - den Reifeprozess Telemachos' anzustoßen? Und ihn so dazu zu bringen, die Freier zu bekämpfen und die Ehre seines Vaters bzw. seiner Familie einschl. seiner eigenen zu verteidigen?


    Interessant auch, wie Zeus die Aigisthos-Geschichte kommentiert: Die Menschen sind selbst schuld an ihrem Unglück, sie haben eine Wahl. Dem wird ja später von Telemachos indirekt widersprochen, wenn er sagt, es seinen die Götter, die das Leid über die Menschen brächten. Wir werden sehen, wie es weitergeht und wer von der Geschichte bestätigt wird.


    Mir ist noch aufgefallen, dass im Proömium eigentlich keine Rede von Penelope ist. Und als Athene Telemachos die Orestes-Geschichte in Erinnerung ruft (wieder das Aigisthos-Thema, das hier irgendwie vergleichend herangezogen wird), läßt sie Klytaimnestras Rolle darin aus. Kann mir aber noch keinen Reim darauf machen, ob das hier wichtig ist.


    Achim

    Und natürlich kann man Fragen stellen, vielleicht kann sie ja einer beantworten :winken:


    Ich freue mich über einen weiteren Mitleser.


    Katrin


    PS: Herzlich willkommen bei uns.
    [/quote]

    Hallo alle zusammen,


    ich bin neu hier. Die Odyssee würde mich auch interessieren. Habe gerade vor einigen Wochen die Ilias gelesen und der 15. Okt. würde mir sehr gut passen.
    Wie läuft das denn bei Euch? Jeder liest in seinem Tempo und "meldet sich" im Forum wenn er / sie Anmerkungen / Fragen / Beobachtungen usw. hat?


    Gruß,
    Achim