Fritz Reuter, 1810 bis 1870, ist der bekannteste klassische Autor der niederdeutschen Sprache.
Geboren in die Bürgermeisterdynastie der Mecklenburgischen Kleinstadt Stavenhagen war Reuters Leben über lange Zeit geprägt von den hohen Ansprüchen seines Vaters, dem Fritz, der auf der Schule eher mittelmäßig bis schwach war, es nie recht machen konnte. Als er schließlich doch das Reifezeugnis erhielt und zu studieren begann, schloss er sich radikalen Studentenverbänden an und musste aufgrund seines Kampfes in den 30er Jahren für die deutsche Einheit, Freiheit und Demokratie sechs Jahre Festungshaft verbüßen, nachdem er zuvor sogar zum Tode verurteilt worden war. Später lernte er die Landwirtschaft in Demzin als "Strom" - Volontär - kennen. Da sein Vater ihn enterbt hatte, konnte er sich jedoch nicht in der Landwirtschaft ankaufen und verdiente später sein Geld als Privatlehrer. Nach seiner Heirat mit Luise Kuntze begann er in den 50er Jahren mit seinem schriftstellerischen Wirken.
Seine Erzählungen, Romane und autobiografischen Schriften sind zum großen Teil im Mecklenburgischen Platt verfasst und oft humoristisch geprägt. Daneben enthalten sie aber auch zahlreiche sozialkritische Elemente und spiegeln die politische und gesellschaftliche Diskussion seiner Zeit.
Seine autobiografischen Erzählungen und Romane "Meine Vaterstadt Stavenhagen" (1856), "Ut de Franzosentid" (1859), "Ut mine Festungstid" (1862) und "Ut mine Stromtid" (1862) sind auch heute noch nicht nur aufgrund ihrer literarischen Güte, sondern auch als Zeitzeugnis wichtig und interessant.
[kaufen='3937801006'][/kaufen]
Ich lese momentan den berühmtesten dieser autobiografischen Romane "Ut mine Stromtid", auf Hochdeutsch übersetzt und veröffentlicht unter dem Titel "Das Leben auf dem Lande". Hier erzählt ein allwissender Erzähler von den Verhältnissen zwischen den 20er und 40er Jahren in der Mecklenburgischen Landwirtschaft. Es geht zunächst um die Krise, die durch den Einfuhrboykott der Engländer in den 20er Jahren entstand und vielen kleinen Pächtern die Existenz kostete. Die finanzkräftigeren Junker kauften diese Güter für einen Pappenstiel auf und konnten sich nach überstandener Krise sehr bereichern. Für diese steht im Roman der dreist-überhebliche Pomuchelskopp, der die Existenz des kleinen Pächters Havermann vernichtet und selbst am Begräbnistäg von dessen Frau, die mitverursacht durch die Existenznöte krank wurde und starb, nicht mit Hohn und Spott für Havermann spart.
Havermann findet im Folgenden ein Auskommen als Gutsinspektor eines Kammerrates, dessen Existenz jedoch auch durch die Schulden seines leichtlebigen Sohnes und seiner Schwiegersöhne prekär wird.
Die berühmteste Figur des Romans ist der beste Freund Havermanns, der "Enspekter Bräsig", der sein Herz auf der Zunge trägt und äußerst fantasievolle Verwendungen und Verballhornungen für Fremdwörter erfindet.
Ich habe jetzt ca. 100 Seiten des leicht zu lesenden Romans hinter mir, der sehr deutlich an Dickens orientiert ist, sowohl mit seinem sozialkritischen Humor als auch mit seinen gartenlaubigen Kitschanfällen, die sich aber bisher in Grenzen halten. Es ist eine andere Welt, in die man eintaucht, obwohl sie geografisch näher ist als vieles, was man sonst so liest.
Ich werde weiter in unregelmäßigen Abständen von meinen Lektüreeindrücken berichten.