Spezielle Frage zur "Typographie"

  • Hallo,


    ich habe vor die Ilias in Übersetzung zu lesen und habe mir deswegen verschiedene Ausgaben angeschaut. Dabei ist mir aufgefallen, daß bei vielen Büchern jeder Vers grundsätzlich mit einem Großbuchstaben beginnt.


    Weiß vielleicht jemand was der Sinn dieser bizarren Sitte sein soll?


    Beispiel Insel Taschenbuch (Schadewaldt):


    "[...]
    Und viele kraftvolle Seelen dem Hades vorwarf
    Von Helden, sie selbst aber zur Beute schuf den Hunden
    [...]"


    Ich meine, daß es sich hier um Verse handelt ist ja wohl überdeutlich, wenn jeder Vers eine Zeile hat. Wozu dann noch diese sinnlosen Großbuchstaben (mittem im Satz), die das Lesen nur unnötig erschweren? Ich finde, wenn schon die Wortstellung gewöhnungsbedürftig ist muß man doch dem Leser das Lesen nicht noch zusätzlich erschweren. Da fragt man sich doch permanent ob grade ein neuer Satz anfängt oder nicht.


    Daß es auch ohne geht, zeigt die Übersetzung von Latacz, der verzichtet auf diesen Unsinn.

  • Hallo Schweitzer,


    Zitat von Schweitzer


    ich habe vor die Ilias in Übersetzung zu lesen und habe mir deswegen verschiedene Ausgaben angeschaut. Dabei ist mir aufgefallen, daß bei vielen Büchern jeder Vers grundsätzlich mit einem Großbuchstaben beginnt.


    Weiß vielleicht jemand was ist der Sinn dieser bizarren Sitte sein soll?


    wenn Du als Klassikerleser nicht nur Prosa, sondern auch Gedichte und Verserzählungen lesen willst, dann wirst Du Dich wohl oder übel an diese "bizarre Sitte" gewöhnen müssen. ;-) Die Großschreibung am Versanfang ist nichts Ungewöhnliches, bis ins 20. Jh. hinein war das sogar der Normalfall. Der Vers wird eben von zwei Seiten begrenzt: am Anfang durch den Großbuchstaben, am Ende durch den Leerraum. In älteren Zeiten, als man noch alles von Hand schrieb und Papier oder Pergament sparen mußte, hatte das wohl auch einen ganz praktischen Zweck, denn damals schrieb man platzsparend die Verse fortlaufend wie Prosa, weil der Beschreibstoff so teuer war.


    Zitat von Schweitzer


    Ich finde, wenn schon die Wortstellung gewöhnungsbedürftig ist muß man doch dem Leser das Lesen nicht noch zusätzlich erschweren. Da fragt man sich doch permanent ob grade ein neuer Satz anfängt oder nicht.


    Auf den Großbuchstaben am Versanfang achtet man nach einiger Zeit gar nicht mehr. Das Satzende erkennt man notfalls auch am Punkt. Schwierig zu lesen sind Hexameter auf jeden Fall, denn sie sind von der gewohnten Alltagssprache recht weit entfernt. Wenn der Übersetzer dann auch noch den Ehrgeiz hat, die uns ungewohnte griechische Syntax einigermaßen getreu nachzubilden, wirkt das noch einen Schritt fremdartiger. Das kann man aber auch positiv sehen: Solche Verse zwingen einen Leser zum Langsamlesen, er muß sich intensiver mit den einzelnen Wörtern und Sätzen auseinandersetzen. Deshalb werden in modernen Übersetzungen unter Umständen gar keine Satzzeichen mehr verwendet und außerdem alles wird kleingeschrieben. ;-)


    Wenn man mit den Versen nicht so richtig zurechtkommt, gibt es natürlich auch noch die Möglichkeit sich das ganze vorlesen zu lassen, da nimmt einem der Vortragende die Mühe ab, die richtige Betonung und den Satzrhythmus zu finden, das ist dann viel eingängiger. Ich habe mir kürzlich die vollständige Lesung der Ilias in der Lesung von Hans Jochim Schmidt zugelegt:


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    Vorgetragen wird hier die klassische Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem Jahre 1793. Die Lesung auf zwei MP3-CDs dauert 21:37 Stunden und ist mit 40 Euro recht günstig, wie ich finde. Ich habe bislang erst einen Gesang gehört, der mir aber sehr gut gefallen hat. Nach und nach werde ich mir so die komplette Ilias anhören.


    Das ist momentan, glaube ich, die einzige vollständige Lesung der Ilias auf dem Hörbuchmarkt. Im Oktober kommt allerdings eine Lesung der Neuübersetzung von Raoul Schrott heraus, die offenbar ebenfalls ungekürzt ist (21 CDs) und knappe 80 Euro kosten wird:


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    Schöne Grüße,
    Wolf

  • Sogar bei stefan george ist der erste Buchstabe eines Verses immer groß geschrieben!



    Die Beispielverse, Schweitzer, die du angegeben hast, kommen mir irgendwie ungewöhnlich holprig vor...



    Gruß

  • Vielen Dank für die Antwort, Wolf!



    In älteren Zeiten, als man noch alles von Hand schrieb und Papier oder Pergament sparen mußte, hatte das wohl auch einen ganz praktischen Zweck, denn damals schrieb man platzsparend die Verse fortlaufend wie Prosa, weil der Beschreibstoff so teuer war.


    Das waren noch gute Zeiten! :breitgrins: Weil: damit läßt sich etwas vermeiden, was mir auch nicht gefällt (wenn man ein Buch in einigermaßen kompaktem Format haben will): öfter mal ist eine Verszeile nämlich zu lang für das benutzte Seitenformat, was dazu führt, daß die letzten Wörter auf die nächste Zeile an den rechten Rand rutschen:


    "[...]
    Und er stürmte gerade durch die Vorkämpfer, einem Wildschwein gleich
    an Kraft,
    Einem Eber, der in den Bergen die Hunde und rüstigen jungen Männer

    [...]"


    Das stört jetzt nicht sonderlich beim Lesen, aber das sieht einfach nicht gut aus, diese "Leerzeilen" im Text! Das prangere ich auch an! :breitgrins:



    [...]
    Ich habe mir kürzlich die vollständige Lesung der Ilias in der Lesung von Hans Jochim Schmidt zugelegt:
    Vorgetragen wird hier die klassische Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem Jahre 1793. Die Lesung auf zwei MP3-CDs dauert 21:37 Stunden und ist mit 40 Euro recht günstig, wie ich finde.


    Vielen, vielen Dank für den Tip! Die (gekürzte) Lesung von Boysen hat mir überhaupt nicht gefallen und ich war sowieso gerade auf der Suche nach einer ungekürzten Ausgabe.! Der Ausschnitt, den man sich auf der Homepage von Hans Jochim Schmidt anhören kann hört sich auch noch gut an! Ich freu mich! :klatschen:



    Das ist momentan, glaube ich, die einzige vollständige Lesung der Ilias auf dem Hörbuchmarkt. Im Oktober kommt allerdings eine Lesung der Neuübersetzung von Raoul Schrott heraus, die offenbar ebenfalls ungekürzt ist (21 CDs) und knappe 80 Euro kosten wird:
    [...]


    Da werde ich natürlich auch mal reinhören, obwohl mir dieser Schrott wegen seiner medienwirksamen Werbekampagne (Homer als Eunuch und ähnlicher Quatsch) extrem unsympatisch ist.

  • Ach so - soweit ich das sehe, ist die Schadewaldt-Übersetzung gar nicht in Hexametern abgefasst worden.


    Entschuldige bitte meine vorige Aussage über die Holprigkeit!


    Gruß

  • Genau. Obwohl das auch eine fiese Stelle ist, so holprig ist Schadewaldt sonst auch nicht unbedingt.
    Ich kann mir zwar noch kein Urteil erlauben, aber so spontan ist mir Voß trotzdem lieber, glauch ich.

  • Mal wieder hat sich durch euch auch eine meiner Fragen beantwortet... tolles Forum!

    Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.<br />(Ludwig Feuerbach)