Friedrich Glauser

  • Hallo zusammen!


    Wenn ich ganz präzise sein wollte, und mich an die 70-Jahre-Frist halten, die es braucht, um gemeinfrei zu werden (was wir hier in die Definition von "Klassiker" genommen haben), müsste ich noch bis Ende Jahr warten, bevor ich den Thread hier eröffnen dürfte. Ich tu's trotzdem mal - sonst darf ich ihn im Dezember wieder verschieben ...


    Ich lese aktuell die 4-bändige Ausgabe von Glausers kleineren Werken - [kaufen='3857913843'][/kaufen] -, die alle Werke von Glauser enthält ausser der Lyrik, den Briefen und den grossen Romanen. Die Werke sind zeitlich geordnet. Band 1, den ich jetzt beendet habe, enthält demnach Glausers Frühestes. Seine Juvenilia, die er noch als Gymnasiast in Genf und auf Französisch schrieb, sind, was Juvenilia halt so sind: Vorlaute Kritiken an heute unbekannten Lokalgrössen. Eine Ausnahme bildet ein nicht schlecht gelungenes Portrait von Thomas Mann. Eine erste kurze Erzählung nimmt dann schon eines der Standard-Themen Glausers in jener Zeit (1913-1921, wo Glauser in die Fremdenlegion eintritt) auf: Der Konflikt des Kindes mit seinem Vater. Mit seinem Eintreffen in Zürich beginnt Glauser dann auf Deutsch zu schreiben, und - mit Ausnahme der Briefe an den Vater, die in der französischen Vatersprache gehalten sind - wird Glauser nun beim Deutschen bleiben. Seine frühen deutschsprachigen Erzählungen zeigen bereits ein grosses Talent, auch wenn noch kein eigener Ton zu merken ist, sondern eine starke Anlehnung an den Expressionismus.


    Der eigene Ton tritt erst in den nach der Legionärszeit verfassten Texten auf. Zunächst bleibt vieles autobiografisch: Vignetten aus der Legionärszeit, aus der Zeit, wo Glauser als Sommelier in Paris arbeitete etc.


    Ich bin gespannt auf die restlichen Bände. :klatschen:


    Grüsse


    sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo, Sandhofer,


    ich bin ein großer Freund der Glauser-Krimis. Deine Ausführungen haben mich neugierig auf den Rest des Werks gemacht, den ich nur in kleinen Ausschnitten kenne. Wenn ich allerdings dem Link zu amazon folge, stellt sich heraus, dass die von Dir vorgestellte Ausgabe nicht mehr lieferbar ist, auch nicht gebraucht. Mal sehen, ob ich im zvab zu vernünftigen Preisen fündig werde (meine Erfahrung lehrt mich allerdings Vorsicht in Bezug auf diese Erwartungshaltung ... :breitgrins:). Ist die Ausgabe des Limmat-Verlags (gebunden) oder des Unionsverlags (TB) in etwas identisch mit Deiner? Weißt Du etwas darüber?


    Es grüßt


    Sir Thomas

  • Ist die Ausgabe des Limmat-Verlags (gebunden) oder des Unionsverlags (TB) in etwas identisch mit Deiner? Weißt Du etwas darüber?


    Unionsverlag weiss ich nicht, meine Ausgabe ist die des Limmatverlags - (c) 1992. Gekauft habe ich sie beim Club, der die Ausgabe zumindest hier in der Schweiz noch immer neu führt.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Unionsverlag weiss ich nicht, meine Ausgabe ist die des Limmatverlags - (c) 1992. Gekauft habe ich sie beim Club, der die Ausgabe zumindest hier in der Schweiz noch immer neu führt.


    Hallo Sandhofer,


    welcher Club? Ich bin nach Pfingsten einige Tage in Luzern und könnte dort versuchen, an die in Deutschland nicht mehr erhältliche Glauser-Ausgabe zu kommen. Oder meinst Du mit "Club" so etwas wie den deutschen Bertelsmann-Club, der Bücher so weit ich weiß nur an Mitglieder verkauft?


    Viele Grüße aus


    Sir Thomas

  • Oder meinst Du mit "Club" so etwas wie den deutschen Bertelsmann-Club, der Bücher so weit ich weiß nur an Mitglieder verkauft?


    Ja, genau ... den Club. Übrigens, soweit ich mir einen Überblick verschaffen konnte, wird die Erstausgabe des Limmat-Verlags sowohl in Einzelbänden wie auch im Gesamten hin und wieder antiquarisch angeboten zu - wie ich finde - nicht übertriebenen Preisen. Die Zweitauflage, die auch - zumindest von der Schweizer Sektion - von dem Club vertrieben wird (Deutschland / Österreich weiss ich nicht; ich werde von hier aus sofort immer auf die Schweizer Internetseiten umgeleitet), ist wohl von 2002 und hat keinen Schutzumschlag und kein Lesebändchen mehr.

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  • Der soeben ausgelesene zweite Band bestätigt meine Meinung: Glauser ist auch mit seiner Kleinprosa lesenswert. Naturgemäss schwankt die Qualität der Sachen etwas. Lesenswert ist Glauser, wo er Selbsterlebtes erzählt oder verarbeitet, also bei den Geschichten aus der Fremdenlegion, aus den diversen Anstalten, in die man ihn steckte, oder wenn er über Morphium-Konsum sinniert. Unters Mittelmass sinkt er eigentlich nur, wenn er versucht, vermeintliche Steckenpferde der Redakteure zu bedienen, und dann auch noch in einem Ambiente, das er zu wenig sorgfältig ausgewählt hat, so z.B. in der Gespensterbannungsgeschichte Dämonen am Bodensee. Hingegen ist der in diesem Band gelieferte erste Auftritt Studers in einer Kriminalgeschichte bereits rundum gelungen: Der alte Zauberer bildet das Highlight des zweiten Bandes.


    Noch immer also eine sehr erfreuliche Lektüre, die Kurzprosa Glausers. :klatschen:

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  • Da ihr mich hier so neugierig gemacht habt, habe ich mir heute mal die Krimi-Box zugelegt. Mal sehen, ob ich genauso begeistert sein werde, wie ihr.

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)


  • Der soeben ausgelesene zweite Band bestätigt meine Meinung: Glauser ist auch mit seiner Kleinprosa lesenswert. [...] Noch immer also eine sehr erfreuliche Lektüre, die Kurzprosa Glausers. :klatschen:


    Hallo, sandhofer,


    auch ohne den Umweg über die Schweiz (kommt erst nächste Woche) habe ich mir inzwischen über den Gebrauchtmarkt den ersten Erzählband besorgt und mir sofort die kurze Titelgeschichte "Mattos Puppentheater" gegönnt (Der Krimi "Matto regiert" hat mich damals einfach umgehauen, da konnte ich dem kurzen Stück aus Glausers Frühwerk nicht widerstehen). Sehr schön! Superb! Mehr darüber zu einem anderen Zeitpunkt. Jetzt muss ich erst einmal den zweiten Band mit der ersten Studer-Geschichte irgendwo "abgreifen".


    So long, viele Grüße


    Sir Thomas

  • Da ihr mich hier so neugierig gemacht habt, habe ich mir heute mal die Krimi-Box zugelegt. Mal sehen, ob ich genauso begeistert sein werde, wie ihr.


    Wenn Du Maigret magst, wirst Du auch den Wachtmeister Studer mögen. Ich halte Glausers Kriminalromane ja für noch besser und authentischer als die Simenons. Mag aber vielleicht daran liegen, dass ich Landschaft und z.T. auch Milieu bei Glauser besser kenne als bei Simenon.

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  • Auch Band 3 bestätigt: Glauser ist dann gut, wenn er eigene Erlebnisse zu einer Geschichte (oder mindestens zum Hintergrund einer Geschichte) verarbeitet. Absolutes, reines Erfinden ist seine Sache dann weniger. Was zur Frage führt, ob der Studer auf realen Personen beruht. Denn der ist wirklich gelungen ... :winken:

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  • Und nach der Lektüre aller 4 Bände kann ich meine Ansicht nur nochmals bestätigen. Glausers Texte sind dann am besten, wenn er Vertrautes beschreibt, Autobiografisches. In Band 4 finden sich auch Fragmente von 2 oder 3 weiteren Langtexten, z.T. weiteren Romanen um Studer (Studer in Ascona, noch als Kommissär der Stadtpolizei Bern). Die haben z.T. eklatante Schwächen und sind sicher deshalb auch von Glauser verworfen worden bzw. neu gefasst, aber sie veranlassen mich doch zu sagen: Schade, dass Glauser diese Romane nicht beenden konnte.


    Allgemein lässt sich, wie zu erwarten, feststellen, dass Glausers Prosa mit zunehmendem Alter besser wird.

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  • Allgemein lässt sich, wie zu erwarten, feststellen, dass Glausers Prosa mit zunehmendem Alter besser wird.


    Zunehmendes Alter des Autors oder des Lesers? :breitgrins:


    Auf alle Fälle hast Du mich recht neugierig gemacht.

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  • Liebe Glauser-Fans!


    "Mattos Puppentheater" und "Matto regiert": Das erste ist ein kurzes Stück aus dem Frühwerk Glausers, das zweite ein reifer (vielleicht der beste!?) Krimi mit dem legendären Wachtmeister Studer.


    "Matto": Aus diesem Begriff werde ich nicht so ganz schlau. Aus dem Lesezusammenhang erschließe ich, dass Glauser damit wahlweise
    a) eine Verkörperung des Wahnsinns
    b) den jeweiligen Leiter der von ihm "besuchten" oder beschriebenen Psychokliniken meint.
    Sicher bin ich mir aber nicht.


    Könnt Ihr mir weiterhelfen?


    Viele Grüße


    Sir Thomas


    PS: Neulich kam ich während einer Autofahrt nach Bern zufällig an der Ortschaft Münsingen vorbei. In der dortigen "Irrenanstalt" hat Glauser eine Menge Erfahrungen für sein Werk gesammelt. Zeit für einen Abstecher hatte ich leider nicht, vielleicht hätte ich sonst das "Matto-"Rätsel längst gelöst ... :breitgrins:

  • "Matto": Aus diesem Begriff werde ich nicht so ganz schlau. Aus dem Lesezusammenhang erschließe ich, dass Glauser damit wahlweise
    a) eine Verkörperung des Wahnsinns
    b) den jeweiligen Leiter der von ihm "besuchten" oder beschriebenen Psychokliniken meint.
    Sicher bin ich mir aber nicht.


    Könnt Ihr mir weiterhelfen?


    Nicht wirklich, nein. Ich würde an und für sich dasselbe vermuten wie Du. "Matto" heisst ja auf Italienisch "verrückt".

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  • Die vier Bände "Das erzählerische Werk" kommen im Juli als Softcover im Schuber heraus (gleiche Aufmachung wie die Wachtmeister Studer Box).


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    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

  • Gestern vor 70 Jahren ist Friedrich Glauser gestorben. Er hat mit seinem Wachtmeister Studer den deutschsprachigen Kriminalroman revolutioniert. Hier der Auszug eines Briefs an die "Zürcher Illustrierte". Glauser mokiert sich darin u.a. über den zeitgenössischen Kriminalroman:


    "Ein sogenannter guter Kriminalroman – mag sein aufklärender Held nun zur Behörde gehören oder privat detektiven – ist wohl stets folgendermaßen konstruiert: Am Anfang schuf der Autor das Personenverzeichnis und setzte es, um die Gehirntätigkeit des Lesers zu schonen, auf die Kehrseite des Titelblatts. Im ersten Kapitel passiert der Mord. Hernach sind die Seiten öde und leer bis zum Auftauchen des Schlaumeiers. Dieser ist ein Mensch, gewiss ein geschickter und findiger Mensch [...] mit einem Psychologenblick. Diesen Blick benutzt er dazu, um Geheimnisse zu enträtseln. Und jede Person des Verzeichnisses trägt ein solches im Busen – und sorgsam wahrt sie es. Aber das nützt ihr nicht viel. Der Schlaumeier erscheint, wirft der Person seinen Psychologenblick in einen unsichtbaren Einwurf, zieht am Ring und empfängt Geständnis samt notwendigem Indizium. Nur die Hand braucht er auszustrecken. Der gleiche Vorgang wiederholt sich bei den anderen Personen – und wenn der Schlaumeier bei allen seinen Psychologenblick eingeworfen und sein Ticket empfangen hat, geht er hin, wie mit einem simplen Rabattsparmarkenbüchli, und kauft sich den Täter.


    Die Lösung aber blühet ihm als Blümlein am Wege. Das Blümlein Lösung steckt sich der Schlaumeier aufs Hütelein oder verziert mit ihm sein Knopfloch und wandert weiter, anderen Taten zu. Der Täter jedoch, der gewiss ein böser Mensch ist (im allgemeinen) [..] –, der Täter büßt seine Untaten unter dem elektrischen Stuhl, auf dem Fallbeil oder über dem Galgen – wenn er es nicht vorzieht, Selbstmord zu begehen. Gut. Alles gut und recht! Aber warum ist der Täter »gewiss ein böser Mensch«? Gibt es gewiss böse Menschen im allgemeinen und ungewiss gute im besonderen? Gibt es überhaupt gute und böse Menschen? Sind Menschen nicht einfach Menschen – weder Bestien noch Heilige –, durchschnittliche Menschen, keine Heroen, keine Schlaumeier, keine geschickten, findigen, keine gewiss bösen, sondern einfach Menschen, mögen sie nun Glauser, Brockhoff, Hitler, Riedel heißen oder Emma Künzli und Guala? Haben wir Schreiber nicht die Pflicht – auch wenn wir Spannung machen, auch wenn wir idealisieren –, immer und immerfort (ohne zu predigen, versteht sich) darauf hinzuweisen, dass nur ein winziger, ein kaum sichtbarer Unterschied besteht zwischen dem »gewiss bösen Menschen (im allgemeinen)« und dem »geschickten, findigen mit den planmäßigen Überlegungen«?

    Dieser Brief vom 25. März 1937 wurde von der "Zürcher Illustrierten" nicht veröffentlicht.


    LG


    Tom