Einführung in die Philosophie / philosoph. Überblick - wer hilft?


  • OT:
    Gerade diese herablassende Art ist es, die ich Russells Werk vorwerfe. Es ist eine Kunst und bedarf eines Künstlers, über (z.B.) Platon zu schreiben, wenn man Platon nicht mag. Russell - Literaturnobelpreis her oder hin - ist kein Künstler. :winken:


    Weiter off topic: Wer - er? Russel - oder derjenige, der kein Künstler ist bzw. Platon nicht mag? Letzteren nicht zu mögen kann ja wohl kein Kriterium sein, v. a. seine an spartanischen Idealen orientierte Staatsphilosophie mit ihrer Nähe zu faschistoiden Systemen hochzuschätzen ist eine eher zweifelhafte Angelegenheit. Man kann über Platon als Künstler schreiben - und zu zweifelhaften Ergebnissen kommen als auch ihn - mit Recht - aus philosophischer Sicht kritisieren. Wobei Russel durchaus nicht selbstgefällig urteilt, sondern seine Philosophiegeschichte von einem explizit als "historisch" bezeichneten Standpunkt heraus verfasst, die Philosophen also vor dem Hintergrund der sozialen, politischen Zustände zu beurteilen sucht. Wenn auch nicht mehr "aktuell" ist Russels Buch noch immer eines der empfehlenswertesten dieses Genres.


    Grüße


    s.

  • Bleiben wir OT ... (Irgendwo in den Tiefen dieses Forums sollte eine ähnliche Diskussion schon schlummern, falls ich sie mal finde, würde ich dieses OT dort anhängen.)


    Weiter off topic: Wer - er? Russel - oder derjenige, der kein Künstler ist bzw. Platon nicht mag?


    Platon ist sowieso ein Künstler, und Russell eben keiner. Ich sage nicht, dass nur, wer Platon mag, über ihn und seine Werke schreiben dürfe. Kritik - auch aus andern Positionen - an einem Denkmodell ist selbstverständlich erlaubt und notwendig. In Bezug auf Platons politische Theorie gehe ich völlig mit Dir einig, scheichsbeutel^. Aber ich verlange von einer Philosophiegeschichte, dass die hauptsächlichen Gedankengänge der hauptsächlichen Philosophen so neutral wie möglich (und das ist eben nicht -!- "mit milder Sympathie") dargestellt werden. Dazu bedarf es anderer, weniger heller Köpfe als es der von Russell war. Auch dem guten, alten Kant z.B. wird der Brite in seinem Werk nicht gerecht. Beide liegen im Grunde genommen so ganz und gar nicht in Russells Gesichtskreis.


    Aber ich komme halt letzten Endes nicht von der analytischen Philosophie, vom Positivismus her, sondern von - im weitesten Sinn - der Hermeneutik. :winken:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Aber ich komme halt letzten Endes nicht von der analytischen Philosophie, vom Positivismus her, sondern von - im weitesten Sinn - der Hermeneutik. :winken:


    Gerade du als Hermeneutiker vertrittst eine derart unpersönliche, "objektive" Philosophiegeschichtsschreibung? ;) An deren Möglichkeit ich grundsätzliche Zweifel hege. Dass ein Autor seinen persönlichen Hintergrund in die Darstellung einfließen lässt bzw. dieser spürbar wird, versteht sich von selbst. Gerade bei Russel habe ich bestenfalls den Eindruck einer augenzwinkernden Subjektivität, als störend vermochte ich sie nicht zu empfinden - im Gegenteil.


    Platon ist sowieso ein Künstler, und Russell eben keiner.


    Definiere Künstler ;) Ob Platon nun sich einen solchen mit Fug und sandhoferschem Recht nennen darf oder Russel eine solche Titulierung verwehrt bleiben muss, will ich einmal dahingestellt lassen. Ein platonischer Spaziergang führt durch die erwähnte zweifelhafte Staatsphilosophie, die - m. E. - ebenso zweifelhafte Ideenlehre, zu beeindruckenden Texten wie der "Apologie", aber auch zu betulicher Pädagogik nebst - mittlerweile etwas lächerlich anmutenden - Dialogen.


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    Agora, unzählige geleerte Karaffen griechischen Weins; sandhofer, scheichsbeutel^ & co.


    scheichsbeutel^: Sieh, sandhofer, was also meinst du zum Schreiben, darf jeder solchen Tuns sich unterfangen?
    sandhofer: Ja, scheichsbeutel^, das glaube ich wohl. Wenn er kundig ist den Griffel zu führen!
    sch: Und der Gegenstand des Schreibens, sollte er diesen frei wählen können?
    s: Selbstverständlich, obwohl mich dünkt, dass nur Wahres kommen könne von dem, der vertraut ist mit dem entsprechenden Thema von Berufs wegen.
    sch: Müsste also der über Philosophen Schreibende ein Philosoph, der über Künstler sich Äußernde ein Künstler sein usf.?
    s: Das scheint mir wäre von großem Vorteil.
    sch: Und der über Könige Redende müsste ein König sein, der die Kochkunst Behandelnde ein Koch und der von der Armut Erzählende ein Bettler?
    s: Dies nun deucht übertrieben.
    sch: Und könnte nicht gar der Böse sich wehren gegen die Verurteilung durch Gute mit dem Hinweis, dass diesen die innere Befähigung fehlte, ein solches Urteil zu sprechen? Wäre nicht eigentlich jeder befreit von aller Kritik außerhalb seiner Zunft? Sodass der Künstler den Künstler, der Kesselflicker den Kesselflicker und der König den König beurteilen müsste? Und hast du nicht oft dich beschwert über Handwerker und Beamte, obschon du kein Handwerker oder Beamter bist?
    s: So tat ich.
    sch: Und sage mir auch dies - fühltest du nicht die Berechtigung dich zu beklagen über betrügerische Schankwirte und nachlässige Schuhmacher, denen du so manche Frostbeule verdankst?
    s: Gar sehr fühlte ich solches.
    sch: Ist es nicht so, o sandhofer, dass für den sich des Schreibens Unterfangenden die Kenntnis des Gegenstandes wichtiger ist denn sein eigentlicher Beruf?
    s: Ganz notwendig ist es so wie du sagst.


    [...]


    Der Rest unverständlich, schweizerisch-österreichisches Gebrodel, mit schwerer Zunge vorgetragen ...


    --------------


    Grüße


    s.

  • Gerade du als Hermeneutiker vertrittst eine derart unpersönliche, "objektive" Philosophiegeschichtsschreibung? ;)


    Als anzustrebendes Ideal. Natürlich kann das Ideal nicht erreicht werden. Aber es sollte angestrebt werden ohne den Hochmut der "milden Sympathie", die mich verzweifelt an den kolonialen Hochmut erinnert, mit denen man seinen "Niggern" zuhört, um es natürlich besser zu wissen. Eine Old-Shatterhands-Mentalität ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Oh Schreck. Asche über mein Haupt :sauer:


    Eben habe ich im Russel nachgelesen. Im Vorwort nicht von dem, was ich in Erinnerung hatte, auch nicht im Störig und nicht im Helferich. Die "milde Sympathie" geht sowieso auf mein Konto. Wo habe ich das nur gelesen und versuche es zu beherzigen?


    Also schüttet Spott und Hohn über mich aus, aber lasst den guten Russell friedlich seine Wege gehen.