Wilhelm Hauffs Novellen

  • Hallo zusammen!


    Ich habe mir bekanntlich für die Leserunde zu Hauffs Märchen-Almanachen, die dann vorläufig nicht zustandegekommen ist, eine alte Ausgabe der Werke Hauffs gekauft: Meyers Klassiker in 150 Bänden (solche Reihen gab's früher auch schon!), die dreibändige Erstauflage. Ca. 100 Jahre alt. Interessanterweise ist in dieser Ausgabe nur der erste Märchenalmanach enthalten. (Erst die zweite, vierbändige Auflage hat m.W. die übrigen Märchen im vierten Band neu hinzugefügt. - Das weiss man aber auch erst im Nachhinein ... )


    Interessant deswegen, finde ich, weil hier eine Änderung in der Rezeption bzw. Kanonisierung von Werken stattgefunden hat. Statt der Märchen, die man heute allenfalls noch kennt und liest: Hauffs historischer Roman Lichtenstein, Gedichte und drei Novellen (Die Bettlerin vom Pont des Arts, Jud Süß, Das Bild des Kaisers).


    Über den Lichtenstein kann ich noch nichts sagen; da habe ich erst begonnen. Die Novellen hingegen ... na ja. Unmotivierte, bzw. psychologisch fast unmögliche Zusammenhänge in der Bettlerin, rhapsodisches Erzählen ohne Austragen der inneren Konflikte der Hauptfigur (die immer durch Ereignisse von aussen bzw. Handlungen anderer davor bewahrt wird, wirklich eine Entscheidung treffen zu müssen) im Jud Süß, am besten gelungen und sogar mit so etwas wie einem "Falken" ausgestattet, wenn auch etwas allzu süss überzuckert: das Bildnis.


    Interessant, wie die Einschätzungen im Laufe nur eines Jahrhunderts geändert haben ...


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Von Hauff sollte man unbedingt "Der Mann im Mond, oder: Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme" lesen. Eine sehr vergnügliche Lektüre.


    Hauff hat den Roman unter dem geklauten Pseudonym "H. Clauren" veröffentlicht. "Clauren" war das Pseudonym des überaus erfolgreichen Modeschriftstellers ("Mimili") Carl Gottlieb Samuel Heun, die Inkarnation des Kitsches. Heun klagte gegen Hauff, Hauff gab an, er habe eine Satire gegen Clauren geschrieben etc. Andere sagen, er habe sich das mit der Satire erst später überlegt, sondern wollte ursprünglich einfach als Trittbrettfahrer abkassieren.


    Wie auch immer: Der Mann im Mond ist so oder so sehr lustig.


    Dazu noch ein rasch zusammengoogletes Zitat:


    Zitat

    Die Literarizität des Hauffschen Werks könnte man mit dem Begriff der Mehrfachcodierung auf einen Nenner bringen. Der Roman "Der Mann im Mond oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme" ist eine Zeitsatire, die Parodie auf einen Trivialroman und zugleich der vielleicht beste Trivialroman, der jemals geschrieben wurde. Zudem lädt der anspielungsreiche Roman zur intertextuellen Lektüre ein. Wer hätte gedacht, dass der so besonders kitschig klingende zweite Teil des Titels ein Zitat aus Schillers "Wallenstein" ist?

  • Hallo !


    Nachdem ich Hauffs Kunstmärchen liebe, habe ich vor zwei Jahren auch mit "Liechtenstein" begonnen. Weit kam ich nicht, denn ich fand es einfach zu .... romantisch-trivial könnte man sagen. Auch mit einer Novelle habe ich begonnen und dann entnervt wieder weggelegt.


    Gruß von Steffi

  • Hallo zusammen!


    Hauff kommt mir immer vor wie ein literarisches Chamäleon. Was der in kürzester Zeit an Genres und Schreibweisen ausprobiert hat ... :rollen:


    Andererseits müsste man, um ihm gerecht zu werden, wohl auch bedenken, dass bei anderen Autoren das meiste, was wir von Hauff kennen und lesen, als "Jugendsünden" abgetan würden.


    Mir z.B. ist es mit dem Mann im Mond gegangen wie Steffi mit Lichtenstein: Nach dem ersten Teil habe ich nicht mehr weitergelesen. Das Parodistische konnte ich nicht nachvollziehen, da ich nie etwas von Clauren gelesen habe, eine Zeitsatire habe ich nicht gefunden. Das Ganze war für mich also ein purer Trivialroman seiner Zeit. Und so glaube ich persönlich völlig an die Trittbrettfahrer-Theorie.


    (Clauren hat übrigens, wenn ich schnell den Besserwissermodus einschalten darf, giesbert, nicht gegen Hauff sondern gegen den Verlag geklagt. Wohl, weil so die Thematik aufs Merkantile beschränkt werden konnte. Bei einer Klage gegen Hauff hätte Clauren wohl riskiert, dass die Frage der Parodie derart lang und breit in der Öffentlichkeit debattiert worden wäre, dass er (Clauren) literarisch definitiv unmöglich geworden wäre. Hauff wurde durch diese Angelegenheit (und durch den Satan, wenn ich mich recht erinnere) trotzdem eine literarische Tagesberühmtheit. Besserwissermodus aus.)


    Beim Lichtenstein bin ich jetzt in Buch 3 und werde mich nach beendeter Lektüre nochmals darüber äussern.


    Grüsse


    Sandhofer

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